1912


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Der Anfang des Jahres 1912 brachte uns beiden einsamen Alten mancherlei Beschwerden durch Krankheit. Ich wurde Anfang Januar durch einen Anfall von Influenza ans Bett gefesselt, dann erlitt ich Mitte des Monats einen schweren Fall, dessen Folgen erst Ende Februar überwunden waren. Mutter litt längere Zeit an Bronchialkatarrh und quälendem Husten und war so krank, dass Lili am 13. 2. auf 10 Tage zu uns kam, um Mutter zu ermöglichen, sich zu schonen und ihre Leiden auszukurieren.

Anfang März kam Willi in seinen Ferien zu uns, arbeitete in der Sangerhauser Aktienmaschinenfabrik. Am 26. März starb Tante Minna Voget in Bremen. Mutter reiste sofort hin und traf dort ihre Geschwister, auch Calvinos, und Paul und Ernst Johanssen u.a. Mit dem Tod der lieben Tante Minna ging die letzte des alten Geschlechts hin, wir waren nun die Alten. Wir und unsere Kinder aber verloren mit ihr ihre reiche Liebe, die wir immer wieder hatten in neuen Beweisen erfahren dürfen.

Meta brachte von Bremen ihren Bruder Hermann mit, der einige Tage sich in unserem stillen Pfarrhause ausruhte. Ostermontag kam Hanni Calvino auf einen Tag - mehr Zeit hatte sie, durch all ihre lieben Freunde in Anspruch genommen, nicht, ihren Mann, der lange Zeit in Halle weilte, bekamen wir in Edersleben nicht zu sehen - er fand nicht die Zeit dazu. Osterdienstag reisten Mutter und ich nach Mailand. Ich hatte früh Urlaub genommen, weil im Herbst ein Besuch dort wegen der Hitze untunlich war und ich in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten am besten in Edersleben abkommen konnte.

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Die Reise nach Mailand 1912

Wir fuhren über Erfurt nach Hanau. Die Rhön war ganz verschneit, herrlich im schönsten Sonnenschein. Nach einem gemütlichen Abend bei den lieben Freunden ging's Mittwoch, den 10. April weiter über Frankfurt, Basel nach Luzern, wo wir im Rössli gute Unterkunft fanden. Je weiter nach Süden, umso trüber wurde es, und zwischen Basel und Luzern fiel dichter Schnee auf die volle Blütenpracht der Obstbäume. In Luzern stürmte und schneite es so sehr, dass die Berge um den See bis herunter mit Schnee bedeckt waren. Da uns eine Fahrt auf den Rigi bei dem Wetter zu gewagt erschien, mussten wir die leider wieder aufgeben. Mutter ist seltsamerweise nie hinaufgekommen. Wir fuhren trotz eisiger Kälte doch mit dem Dampfschiff über den See nach Flüelen, die Fahrt war herrlich, Pilatus, Stanerhorn, Rigi strahlten in ihrem frischen, weißen Kleid bei leuchtendem Sonnenschein. Mit uns waren auf dem Dampfschiff nur einige junge Ehepaare, wohl auf der Hochzeitsreise. Wir Alten wohl noch viel glücklicher als sie, miteinander zu unseren Kindern reisen zu können, miteinander so viel Schönes zu genießen. Von Flüelen ging's mit dem D-Zug den Gotthard hinauf, je höher wir kamen, umso tiefer der Schnee, umso majestätischer die Berge in ihrer winterlichen Pracht. In Göschenen aßen wir bei Ernst Zahn zu Mittag, der Dichter als Wirt unter seinen Gästen. Dann ging's durch den Tunnel und hinab nach Bellinzona. Auf italienischer Seite machte der Himmel ein freundliches Gesicht, das blühende Tal lachte uns an und verhieß uns schöne Tage. Von Bellinzona ging's nach Locarno am Nordende des Lago Maggiore, wo wir im Hotel du Lac abstiegen. Nach einem Gang durch den Ort brachte uns die Fumiculare nach Locarno de Monte, wo wir eine herrliche Aussicht über den Ort und den See genossen, Palmen und südliche Vegetation, die Aussicht umso schöner, da der oberste Teil der Berge in frischem Schnee prangte. Freitag fuhren wir dann mit dem Schiff über den nördlichen Teil des Sees nach Palanza, wo wir länger Station machen wollten. Auf Empfehlung des Wirts im Rössli in Luzern nahmen wir im Hotel Gotthard Quartier, waren aber nicht besonders gut dort aufgehoben.

Am Abend machten wir am See entlang einen Spaziergang nach Intra; entzückende Farben des Sees und der Umgebung, dahinter im Westen die Hochalpen Monte Rosa und Mischabel. Am Eingang von Intra grüßte uns die freundliche Waldenserkirche, überall um uns das italienische Straßenleben, herumlungernde Männer, fleißige Wäscherinnen, die im See ihre Wäsche wuschen und auf den Steinen bleichten und trockneten. Dazu die südliche Vegetation in den Gärten der großen Gasthäuser und herrschaftlichen Landhäuser.

Am Sonnabendmorgen pilgerte ich allein auf den Monte Rosso, zwei Stunden hinauf, vorbei an der Kirche St. Maria in Campagna, in zahlreichen Windungen bis zum Gipfel, wo auf dem Turm des einfachen Gasthauses eine weite Rundsicht auf die Hochalpen, den Luganer und Comosee sich eröffnete.

Nachmittags kam eine Depesche von Ben aus Mailand , und bald darauf erschien er selbst mit Ida und Gisela. Als wir am Abend von einem Spaziergang nach Castagnola zurückkamen, trat ein alter Herr an uns heran und fragte, ob ich deutscher Geistlicher sei. Wir hatten ihn schon öfter inmitten einer Schar von jungen Mädchen gesehen. Er stellte sich als Pastor Hoffmann aus Genf vor, er reiste mit Mädchenpensionat seiner Frau, um ihr eine Ruhezeit zu verschaffen, ein interessanter Mann. Er saß abends lange bei uns und erzählte viel von seinen Erlebnissen, von der Tätigkeit seiner Frau unter den jungen Mädchen und ihrer Schriftstellerei. Dann sprach er lange über seine Reise nach Konstantinopel und Armenien zur Befreiung seines Schwagers Tumajan, der Prediger und Direktor in Armenien war, von den Türken plötzlich gefangen weggeführt und zum Tode verurteilt wurde, zuletzt aber begnadigt worden ist. Er berichtete von seinen Fährlichkeiten unter den Türken, von deren wunderlichen Urteilen über Kaiser Wilhelm u.a..Tumajan lebte damals in der Nähe von London, evangelistisch arbeitend. Interessant war auch, was er über Berliner Verhältnisse berichtete - über Pastor Philipp, der sein Amt aufgegeben, um freie Hand zu haben gegen die Partei Mirbach und das Kirchenregiment. Die zweite Auflage von Stöckers Leben war vom Ev. kirchl. Hilfsverein aufgekauft und eingestampft worden, weil es unangenehme Wahrheiten über Herrn von Mirbach enthielt. Mirbach schrieb eine Broschüre gegen Stöcker und die Stadtmission, die nur ungedruckt blieb, weil Stöcker mit der Veröffentlichung von bitteren Wahrheiten drohte, in Bezug auf seine Tätigkeit im Ev. kirchl. Hilfsverein, Bau der Kaiser-Wilhelm Gedächtniskirche etc.

Am Sonntagmorgen lasen wir eine Predigt zusammen, da kein evangelischer Gottesdienst war, und fuhren dann in einem Ruderboot nach der Isola bella. Wundervoller Tag, in den Gärten viel Blühen der Kamelien u. a.. Blumen, die der Gärtner den Damen schenkte, schickten wir als Grüße an Lili und Martha. - Am Abend fuhren die Kinder nach Mailand zurück.

Auch die nächsten Tage waren meist kalt, und wir freuten uns, als im Hotel die Heizung wieder in Gang gesetzt wurde. Wir hatten gehofft, durch unser frühes Reisen nach dem Süden den langen Winter etwas abzukürzen und den Frühling recht zu genießen, aber das misslang uns leider recht gründlich, und wir haben fast die ganze Zeit in Norditalien gefroren. Nur wenige schöne Tage boten Ersatz für viele rauhe.

In Palanza machten wir noch ein paar schöne Wege, so über Suna nach Fonde Tore, an der Simplonbahn, dann nach dem Park des Pallazzo St. Remigio mit prächtig gepflegten Anlagen, voll blühender Pracht; am anderen Tag über den Intra zum Palast des Grafen Barbo, der Villa Franzosini, bei der eine große Maschinenfabrik, und nach Trobaso, ein recht charakteristisch italienisches Nest mit unzählbaren Osterias, viel Schmutz und engen Winkeln. Wie steinreich und holzarm die Gegend ist, zeigten uns auf dem Wege die Telegraphenstangen, die aus Granitsäulen hergestellt waren.

Donnerstag waren wir des Frierens überdrüssig, wir verließen das schöne Pallanza früher, als wir beabsichtigt hatten, und fuhren über Laveno nach Mailand, wo wir eigentlich erst am nächsten Sonntag bei Erichs Rückkehr aus Süditalien erwartet wurden. Aber die liebe Ida nahm uns in ihrem gemütlichen Häuschen in der Via Vallazze mit Freuden auf, und es wurde uns in den von der Zentralheizung und viel Liebe durchwärmten Räumen bald heimlich, und wir freuten uns der lieben Enkel mehr als über alle Naturschönheit Pallanzas. Die nächsten Tage waren der Besichtigung Mailand gewidmet, eine moderne Stadt ohne spezifisch italienischen Charakter - Dom, das Abendmahl Leonardo das Vincis in der Kirche Maria d. Gracia, das Castello, die Arena, die alte Basilika St. Ambrogio und anderes wurde besichtigt. Im Dom sahen wir ein recht italienisches Schauspiel: während wir die Schönheiten des herrlichen gotischen Baus bewunderten, sahen wir, wie hinter dem Hochaltar sich ein an Seilen hängendes Gestell langsam zur Erde senkte, mehrere Priester und Messner darin. Das war eine Probefahrt, am folgenden Tag größter Feiertag, an dem der Erzbischof in dem Gestell zum Schlussstein des Chores emporgezogen wurde, um aus dem Stein den dort aufbewahrten Nagel vom Kreuze Christi hervorzuholen und der anbetenden Menge im Dom zu zeigen! Nun wurde am Tag vorher das Fahrgestell auf seine Sicherheit geprüft, damit der Erzbischof nicht unversehens den Hals bräche!

Besonders interessant war uns der Besuch des Cimeterio Monumentale, des berühmten Mailänder Friedhofes. Da sieht man eine Unsumme kostbarer, zum Teil kolossaler Monumente, einzelne würdig und schön, die meisten aber protzend und teilweise zum Lachen reizend. Trauernde Hinterbliebene in Marmor in den unmöglichsten Stellungen abgebildet, manche stillos und hässlich. Händeringende Kinder und Witwen in Lebensgröße auf dem Grab des Vaters und Gatten, für unser Gefühl ein abstoßender, wenn nicht lächerlicher Anblick. Das was unsere deutschen Friedhöfe durch Baum- und Blumenschmuck dem Gemüte bieten, fehlt fast gänzlich; die Denkmäler dort fast ausschließlich der Ausdruck herzzerreißender Trauer, selten der frohen Christenhoffnung. Deutsches Gemütsleben kennen die Italiener nicht, und für die meisten ist mit dem Setzen des kostbaren Monuments der Tote abgetan, ihm ist sein Recht geworden.

Ganz ähnliche Eindrücke hatten wir auch auf dem Friedhof in Palanza und in Salo, wo wir das Grab unseres Bruders Fritz Wiebel aufsuchten, wo wir am Grabe unserer früh verstorbenen Enkelin Jutta standen. Auf dem Cimeterio Monumentale sah ich auch zum ersten Male einen Verbrennungsofen (nicht in Betrieb) und davor die Kästen zur Aufnahme der Aschenüberreste, ganz wie ein Postschließfach. Trotz des Bannfluchs der römischen Kirche wird der Verbrennungsofen viel benutzt.

Sonntag hörten wir im deutschen Gottesdienst Pastor Appel predigen und am nächsten Sonntag Pastor Mathys, hatten auch Gelegenheit, letzteren und seine Frau bei Erich kennenzulernen, und freuten uns des regen geistigen Lebens der deutschen Kolonie, die für kirchliche und Schulzwecke große Mittel aufwandte. Was ist nun im Kriege daraus geworden?

Vor unserer Abreise sahen wir Erichs Hausfreunde in einer kleinen Abendgesellschaft, Herrn und Frau Pastor Mathys, Pastor Appel, Herrn und Frau Rektor Braun, Herrn und Frau Preiser (Freunde von Fritz und Anna Wiebel) , Herrn und Frau Keller (Württemberger), und freuten uns des anregenden Kreises lieber Menschen, mit dem die Kinder verkehrten.

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Zu Besuch in Mailand bei Erich, Ida und Bernhard

Sonntag, den 21. 4. , war Erich von Palermo zurückgekommen, und wir waren zwei Tage mit ihm zusammen. Es machte ihm Freude, uns zum ersten (und einzigen) Mal ein Kino zu zeigen und uns zum ersten Mal in einem Auto nach Hause zu fahren. Dienstag, den 23. 4., fuhr Erich nach Rom, wir nach Como, besahen den Dom und die Kirche St. Fidele, dann mit dem Schiff nach Bellagio. Gleich hinter Como fing es an zu regnen, auf den Bergen schneite es, so dass wir von der Schönheit des Sees nicht viel sahen. Als wir aber am anderen Morgen im Hotel du Sac aufstanden, grüßte uns leuchtender Sonnenschein, und wir genossen den herrlichen Anblick des gegenüberliegenden Ufers. Alle Farbtöne so klar und rein wie selten, der erste wirklich schöne Tag. So gingen wir sofort zur Villa Serbelloni auf der Punta di Bellagio, die einfache Villa, jetzt Dependance des Grand Hotel, hat den Blick nach Süden, dahinter die herrlichsten Anlagen und Wege bis auf den Gipfel des Vorgebirges, mächtige Palmen (eine von 3 m Dicke), abwechslungsreiche Blicke auf den Comer, Lecco und Colico See. Hinter dem See nach Norden der Kranz der schneebedeckten Alpen, darunter die violett grauen Felsen und zum See hin grüne Matten, alle Berge besät mit Dörfern und Villen. Wir schwelgten stundenlang, an immer neuen Plätzen ruhend, in der Herrlichkeit dieser Bilder. Hatten wir doch auch einmal den Lago Maggiore in solcher Beleuchtung gesehen! Nachmittags fuhren wir hinüber nach Cadenabbia, gingen bis Tremezzo und dann zurück bis Menaggio, immer mit dem Blick auf Bellagio und das nördliche Ende des Sees. Abends zurück nach Bellagio. Am nächsten Morgen fuhren wir via Menaggio nach Varenna, enger Ort an die Felsen geklebt in drei Etagen übereinander, an manchen Stellen der Blick in alle drei Seen, der Blick nach Lecco zu besonders schön. Nachmittags fuhren wir nach Cadenabbia zur Villa Carlotta. Die Meiningschen Herrschaften waren da, ließen aber den Park und die berühmten Bildwerke des Schlosses durch das Publikum besichtigen. Canovas Amor und Psyche, die büßende Magdalena, ein Amor und Mars, der Alexanderzug von Torwaldsen entzückten uns von neuem, aber noch schöner in ihrer Weise war die Blütenpracht der Gärten: Kamelien, Azaleen, Rhododendren in unglaublicher Pracht, in wunderbarer Umrahmung von Palmen und anderen südlichen Bäumen, von denen Marechal-Niel-Rosen herabhingen, himmelhohe Zypressen, bis zu deren Gipfel sich Glyzinien mit ihren blauen Blüten emporrankten. Nachher saßen wir lange auf der Terrasse der englischen Kirche und lasen die tragische Geschichte "Die Sage von Mariaels" von Ernst Zahn.

Am Freitag fuhren wir nach St. Giovanni und besahen die Villa Amsing, wo die Schwester des Wirts des Hotel du Sac, Frau Viel, Beschließerin war, - der Besitz eines in Amerika reich gewordenen Hamburgers, jetzt seiner Schwester gehörig, ein moderner Prachtbau gerade gegenüber der Villa Carlotta, im Stil des Castello von Mailand, interessant durch die mannnigfachen Erzeugnisse des modernen Kunsthandwerks, meist Pariser Arbeit. Um das Terrain für den Park zu gewinnen, hatte der Herr Amsing 5 oder mehr Villen angekauft und niedergerissen, die früher Fremde beherbergten, und hatte dadurch die Bewohner des Dorfes größtenteils brotlos gemacht.

Am Nachmittag fuhren wir, aufgrund eines Briefes von Paula Calvino, nach Lugano über Ponte Tresa, interessante Bahn über den Berg und dann schöne Fahrt über den Luganer See. Wir fanden aber Hanni nicht, sie war in Freiburg aufgehalten durch Minnis Erkrankung. So mussten wir uns mit Erica und Paula begnügen und sahen Hanni am Sonnabend nur von 3 - 6 Uhr, fuhren dann mit dem Schiff bis Ponte Ceresio und dann mit der elektrischen Bahn über Varese und Gallerate nach Mailand, wo wir Erich schon von Rom zurückgekehrt fanden.

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Ida mit den zwei Ältesten, Gisela und Erich jr. irgendwo am Strand von Italien

Wir hatten dann noch schöne Tage von Sonntag bis Donnerstag mit den Kindern und Enkeln. Freitag fuhren wir mit Erich und Ida nach Desenzano, von dort auf den Gardasee nach Gardone und Salo, gingen zu Fritzens Grab und sahen das Haus, in dem er gelebt hatte und gestorben war, ein wunderschöner Tag, der uns das Südende des Gardasees in seiner ganzen Schönheit zeigte.

Abends fuhren wir über Verona nach Venedig, wo wir um Mitternacht ankamen, dann in einer Gondel durch dunkle Kanäle zu dem Christl. Hospiz, schauerliche Räume und Betten. Am anderen Morgen siedelten wir gerne in das Hotel Buon Vecchid (?) über. Die Tage in Venedig waren durchgehend von gutem Wetter begünstigt. Während Erich seinen Geschäften nachging, besichtigten wir mit Ida Venedigs Sehenswürdigkeiten, den Dom, Dogenpalast, einige Kirchen, so St. Giovanni Paolo, auch ein Museum in der Academia und eine Kunstausstellung im Giardino, wo Deutschland fast gar nicht vertreten war. Das Interessanteste aber waren die Fahrten auf dem Canale Grande mit seinen herrlichen alten Palästen. Auch ein Nachmittag auf dem Lido, mit Erich zusammen, am Strande des Meeres ist uns in besonders lieber Erinnerung. Zweimal sahen wir am Abend die feenhafte Beleuchtung des Marcusplatzes durch mehr als 100 000 elektrische Glühlampen, zu Ehren der Einweihung des wiederaufgebauten Campanile auf dem Marcusplatz. Ein Schauspiel, das alle Illuminationen und Feuerwerke, die wir gesehen, weit an Großartigkeit übertraf.

Nach einem von Erich veranstalteten Abschiedsessen verließen wir Montag, den 6. Mai, Venedig, machten in Verona noch Station, hatten Zeit, das gewaltige Amphitheater und das ausgegrabene theatrum romanum und die Kirchen St. Jenone und St. Anastasia zu besuchen. Am 7. Mai fuhren wir über den Brenner nach München und am folgenden Tag zu Lili nach Fürth, wo wir gemütliche Stunden mit ihr und Frl. Hoffmann und einen netten Abend bei Frl. Humbser hatten. Der folgende Tag führte uns dann über Bamberg, dessen Dom wir im Fluge sahen, heim. Viel Schönes hatten wir gesehen, viel Liebes von den Kindern in Mailand erfahren, viele Erinnerungen an meine Reisen mit Martin Gräber und Aug. Schmitz waren in mir wieder lebendig geworden. So waren wir dankbar für das, was wir genossen, aber auch froh, wieder in unserem stillen Heim zu sein und den deutschen Frühling in Garten und Feld zu genießen und vor allem, unserer Arbeit wieder nachgehen zu dürfen.

Die Folgezeit brachte bald wieder viel Besuch und damit auch neue Unruhe, auch zunächst neue Sorgen um Hansens Zukunft. Am 13. Januar hatte Hans vergeblich in Remscheid wegen Übernahme einer Rechtsanwaltspraxis verhandelt, bald darauf aber spannen sich Verhandlungen mit Rechtswanwalt Stölting in Mansfeld wegen Übernahme seiner Praxis und seines Hauses an, die dazu führten, dass Hans zunächst (wohl am 11. März) in Mansfeld seine Vertretung und vom 1. April an die Praxis auf eigene Rechnung übernahm. Aber die Verhandlungen über Verleihung des Notariats zogen sich lange hin, sie erfolgte erst am 5. Juli und machte für ihn und uns der langen, peinlichen Ungewissheit ein Ende. So war er nun in fester Stellung, körperlich wieder gesund, hatte ein schönes Heim und konnte nun endlich daran denken, seine Maria nach langem Warten heimzuführen, auch für uns Eltern eine große Freude.

Eine gleich große Freude war es uns auch, dass das Verhältnis zu Georgs Mutter sich zu ordnen begann, am 25. Mai konnte Martha sie in Altenburg besuchen und wurde freundlich aufgenommen. Bald darauf konnten wir endlich die Verlobung mit Zustimmung der Frau Pastor Kühn veröffentlichen.

Von den vielen Besuchen der nächsten Monate erwähne ich den von Frau Brandt (9. - 11. Juni), dann Ria mit Diether und Klaus (15. - 17. Juni), dazu Hans, Martha und Georg, dann Fritz. Dann musste Mutter wieder nach Bremen, um den Haushalt von Tante Minna aufzulösen - ein trauriges Geschäft, das sie schon mehrmals als letzten Liebesdienst hatte vollbringen müssen.

Als dann am 5. Juli Hans zum Notar ernannt war, kam er mit Maria am 7. 7. zu uns und wir tags darauf zu ihm nach Mansfeld, um seine neue Heimat und sein Heim kennenzulernen. Dann kam der Besuch von Trude Wiebel, der drei Vettern Fritsch, dann die drei Töchter. Martha hatte am 1. Juli ihre Arbeit in Sangerhausen beendigt, Lili am 1. August ihre Stellung in Fürth aufgegeben, Meta kam zu längerem Urlaub aus England. Dann kamen im August Frieda Calvino, Bruder Karl und Kurt Wiebel, endlich vom 13. - 20. August Maria, um vor ihrer Hochzeit noch einmal ruhig bei uns zu sein, uns eine besondere Freude. Am 29. August war dann Hansens Hochzeit in Halle, zu der alle Geschwister außer den Mailändern versammelt waren. Ich durfte die lieben Kinder in der traulichen Laurentiuskirche zu ihrem Ehestand einsegnen. Ich sprach zu ihnen über das von ihnen gewählte Wort: 2. Kor. 5, 17 "Das Alte ist vergangen, siehe es ist alles neu geworden", und Ria sang ihnen den 121. Psalm in der schönen Komposition von Löwe. Die ganze Hochzeitsfeier war so harmonisch und schön, dass wohl alle eine liebe Erinnerung mitgenommen haben.

Wurden wir bei Hansens Hochzeit lebhaft an die Trauung von Siegfried und Dorothea vor dem gleichen Altar durch ihren Onkel Stöcker erinnert, so ahnten wir nicht, dass die lieben Geschwister so bald aus traurigem Anlass bei uns einkehren würden. Am 8. und 9. September waren sie bei uns, - Prof. Kähler war in Freudenstadt gestorben. Siegfried und Dorothea wollten aber nicht in Halle in das leere Elternhaus kommen, da die Überführung der Leiche und die Rückkehr der Frau Prof. und der Geschwister sich verzögerte. So hatten wir die, wenn auch wehmütige, Freude, die Geschwister bei uns zu sehen.

Um nach aller Unruhe des Sommers uns vor der Winterarbeit etwas auszuruhen, gingen wir vom 16. - 25. September nach Oberhof, wo wir die Stille recht miteinander genossen. Ich habe in der Zeit zuerst heftige Schmerzen an meinem rechten Fuß verspürt. Das Gehen in Oberhof war mir oft beschwerlich, ich meinte es sei eine Nagelhautentzündung an den Zehen, ließ mir weitere Schuhe machen, ahnte aber nicht, dass die Schmerzen durch Blutstauungen hervorgerufen und der Anfang meines langen Leidens waren.

Nach unserer Rückkehr - Mutter war noch einige Tage bei Brandts in Wilhelmshöhe gewesen - besuchten uns Hans und Maria zum ersten Male als Eheleute. Am 7. Oktober war noch einmal großer Betrieb im Edersleber Pfarrhaus: Lili und ihre Freundin Frl. Hoffmann (beide im Begriff, für den Winter nach Berlin überzusiedeln), Georg und Martha, Willi und Hans Fritsch - das war ein fröhliches Gewimmel. Seit Anfang Oktober war Bernhard in London, um ordentlich Englisch zu lernen, besuchte auch Meta in Hale und kam dann zum Weihnachtsfest zu uns, ehe er am 1. Januar die Stelle als Reisender für seinen Bruder Erich antrat.

Mittlerweile ging der Verkehr zwischen Mansfeld und Edersleben fleißig hin und her. Weihnachten aber war wieder eine große Kinderschar um uns versammelt: Willi und Bernhard, Lili und Kurt, Martha und Georg, Hans und Maria. Da war es allen erfreulich, dass sie bei den schlechten Wegen durch das kleine Fuhrwerk, das ich Ende Oktober von Superintendent Osswald übernommen hatte, am Bahnhof abgeholt wurden. Und für unsere Weihnachtsfeier war es im Hause eine wohltätige Neuerung, dass ich meine Studierstube nach unten verlegt hatte und unsere große Schlafstube neben der gemütlichen Mittelstube zur Wohn- und Weihnachtsstube eingerichtet worden war. So feierten wir im großen Kinderkreis sehr froh und dankbar das liebe Weihnachtsfest, das letzte, an dem ich predigen durfte. Damals freilich seufzte ich oft über Erfolglosigkeit meiner Wirksamkeit und wünschte die Zeit herbei, dass ich mich pensionieren lassen könnte. Heute, da ich nun schon seit vier Jahren zum Nichtstun und Stillsitzen verurteilt bin, denke ich immer wieder: Wenn du doch noch in deiner alten Arbeit stehen könntest - zumal in dieser Kriegszeit - wie viel leichter wäre diese schwere Kriegszeit zu ertragen gewesen. Aus meinem Kränzchenbrief vom 3. Dezember 1912: "Wenn ich auf die letzten 5 Monate zurücksehe, so ist von meiner Arbeit wenig oder nichts zu sagen - und das ist meine Last, dass man hier trotz aller Arbeit nirgendwo ein Regen oder Beleben des inneren Lebens in den Menschen wahrnimmt. Kein noch so ernstes oder freundliches Wort, keine Krankheit oder Todesfall schein einen tieferen Eindruck zu hinterlassen. Was wird Gott tun müssen, um auf dies Menschengeschlecht einmal einen Eindruck zu machen? In städtischen Verhältnissen sind doch immer Einzelne, die sich empfänglich zeigen. Seit den drei Jahren, seit meiner Arbeit auf dem Lande, habe ich leider ein viel ungünstigeres Urteil über unsere Landbevölkerung gewonnen. Drei Übel oder Sünden: Unzucht, Geiz, Zauberei ertöten das geistliche Leben, und dazu nun auch die Hetzerei der Sozialdemokratie, die leider auch hier durch unsere Ziegeleiarbeiter großen Einfluss auf die Landarbeiter ausübt. - Erfreulich ist, dass in den letzten Tagen die drohenden Wolken am Himmel Europas sich etwas lichten und mehr Friedenshoffnung wieder möglich ist. Aber ich fürchte: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. ..... Von Tag zu Tag habe ich vergeblich gewartet zu hören, was der Oberkirchenrat mit den 300 und mehr Pastoren machen wird, die ihn öffentlich wegen des Urteils gegen Traub gerüffelt haben. Kann oder will er nichts dagegen tun? Dann ist seine Ohnmacht nach links offenbar, und werden ihre Konsequenzen sich bald zeigen."

Noch erwähne ich zum Schluss dieses Jahres einige Todesfälle, die uns schmerzlich bewegten: Am 10. Dezember starb in Halle Justizrat Glimm, der uns seit der schönen Treffurter Zeit ein guter Freund geblieben war. Anfang Januar 1913 starb Direktor Karsch in Düsseltal, seit fast 40 Jahren ein treues Mitglied unserer Briefkränzchengemeinschaft. So blieben von den ursprünglich 8 nur noch 4 übrig, Pönsgen, Gräber, Schmitz und ich. Wer wird der nächste sein, der ausscheidet? Bruder Karsch war eine anima candida wie wenige. Waren unsere persönlichen Berührungen leider auch selten, so waren seine Briefe mir immer eine Freude und sein Tod mir ein herber Schmerz.

Auch der Tod von Pastor Hübner, der bald nach seiner Pensionierung in Eisleben starb, sei erwähnt. Ich nahm am Silvesterabend an seiner Beerdigung in Blankenheim teil. Er war eine ehrliche, grade Natur, und ich habe ihn trotz aller Eigenheiten immer geschätzt.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04