1913


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Fröhlich brach das neue Jahr an, als wir zu Neujahr mit den Kindern Hans und Maria besuchten und dann vom 4. - 6. Januar Fritz und Ria bei uns einkehrten. Keiner von uns ahnte, wie Schweres es uns bringen würde! Zunächst gab es allerlei Besuch aus der Nähe und Ferne - unter ihnen Pastor Albrecht und seine Frau, Marthas Freundin, aus Nausitz, liebenswürdige, hilfsbereite Menschen, dann die Frau Major Jacob mit ihrer Tochter aus Halle vom 18. - 20. Januar. Gleichzeitig kam Lili aus Berlin zurück, sie hatte ihre dortigen Studien aufgegeben, da sie zum 1. Februar eine Stelle als Sekretärin an der evang. sozialen Frauenschule in Hannover angenommen hatte. Keiner hätte gedacht, dass sie uns so bald nach sich ziehen würde und ich meine Lebenserinnerungen in Hannover schreiben sollte.

Anfang Februar besuchten wir zum letzten Male die Missionskonferenz in Halle, wieviel Anregung und Segen habe ich im Laufe der Jahre von diesen Konferenzen empfangen. Im Anschluss an die Konferenz machte Mutter einen kurzen Besuch bei ihrem Bruder Karl in Leipzig, am Tag darauf hatten wir wieder die Freude, Fritz bei uns zu sehen, der damals seine Übersiedlung nach Essen plante und in die Wege leitete. Dann kam zum letzten Male unsere liebe Frau Niemann vom 26. Februar bis 6. März. Wie oft hatten wir uns ihres Besuches erfreut, wieviel Liebes von ihr wir und unsere Kinder in Treffurt immer wieder erfahren ! Sie war damals, wenn ich mich recht entsinne, schon leidend und fühlte sich wenig wohl.

So waren wir beiden Alten nicht viel allein, zumal auch sonntags und oft in der Woche Martha von Sangerhausen kam und uns Sonnenschein brachte.

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Hellerau 1913: Die Enkel Diether und Klaus mit Gretel und Irmgard (die Diether später heiratet)

In den Osterferien waren wieder Lili, Georg, Martha und Kurt bei uns. Willi war in Darmstadt geblieben um zu arbeiten. Nach dem Fest aber kam Ria mit Diether und Klaus, während Fritz den Umzug von Hellerau nach Essen besorgte. Am 31. März guckte Fritz bei uns herein, Ria folgte ihm am 3. April, ließ uns die beiden Buben, um in Essen für die Einrichtung der Wohnung freie Hand zu haben. Die beiden Enkel brachten Leben ins Haus, erinnerten die Großeltern an die schönen Tage, als die beiden Ältesten solche Buben waren. "Diether ist ein stiller, verständiger Junge", schrieb die Großmutter, "den man wenig merkt, aber Klaus ist ein kleiner Brausekopf, lebhaft, leicht zornig, sprühend vor Lust und Leben; freut er sich, so zappelt das ganze zierliche Kerlchen, und eine Stimme hat der ! Sie haben die Freiheit in Hof und Garten sehr genossen und sehen prachtvoll aus, haben auch immer Hunger und guten Schlaf. ..." Sie blieben bis zum 20. April bei uns, und Diether hat gewiss die Erinnerung an diesen letzten langen Aufenthalt bei den Großeltern bewahrt.

Am 17. und 18. April wurde das Provinzialmissionsfest in Sangerhausen gefeiert. Der Höhepunkt war ein Vortrag des Hamburger Professors Meinhof. Ich schrieb in Veranlassung dieser Konferenz: "Die Missionsarbeit ist für mich das Gebiet der kirchlichen Arbeit, an dem ich am meisten Freude haben kann. Es ist herzerhebend und glaubensstärkend, wenn man sieht, wie da Gott sein Reich baut zum Trotz alles Unglaubens in der Heimat, und wie doch auch bei uns in Deutschland Missionsverständnis und Missionsarbeit wachsen. Dass die Kaiserjubiläumsspende für die Mission bestimmt ist, dass auch liberale Zeitungen wie die Magdeburger eifrig dafür agitieren, wenn auch mehr aus Kulturinteresse, ist mir wie ein Wunder. Hoffentlich wächst auch hier im Osten die Gebefreudigkeit dafür dauernd."

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Willi als Student

Am Sonntag, 20. April, fuhr ich mit den beiden Enkeln nach Kassel. Fritz war von Essen gekommen, um sie dort abzuholen, und die Freude der Buben war schier unbeschreiblich, als sie ihren Vater wiedersahen und mit ihm zur Mutter reisen durften. Ich hatte einen gemütlichen Abend bei Brandts - zum letzten Mal. Montag fuhr ich zu Willi nach Darmstadt. Ich freute mich, den lieben Jungen zu sehen, ahnte aber nicht, wie sehr ich ihm quer kam, da er in seinen Examensarbeiten steckte, wovon wir nichts ahnten. Wir besuchten zusammen Frau Deinhardt, sahen S. Majestät mit Frau und Tochter im Auto abfahren - sie waren von Homburg zum Besuch des Darmstädter Großherzogs gekommen -, verbrachten einen schönen Abend auf einer Höhe über der Stadt. Am anderen Morgen besahen wir die Hochschule, die Kneipe, die Künstlerkolonie - und am Nachmittag war Willi froh, mich wieder loszuwerden. Ich fuhr nach Hanau, wo ich bis Freitag blieb und sehr gemütliche Tage bei den lieben Freunden hatte - auch zum letzten Mal. Ich fand Freund Schmitz körperlich viel rüstiger als ich es war. Er hätte mich aus dem Verlangen, mir seinen schönen Wald zu zeigen, fast totgelaufen. Erfrischt von der kurzen Ausspannung kehrte ich Freitagabend zu meiner lieben Alten zurück. Ich schrieb damals: " Wir beiden Alten sind allein, klagen oft über abnehmende Lebenskraft, denken an Pensionierung, wovor mir doch auch wieder graut, sind aber dankbar, dass wir noch einander haben und soviel Freude an unseren Kindern erleben, wie Gott sie uns unverdienterweise schenkt." Während meiner kleinen Reise kamen die Beschwerden gegen den Hauptlehrer Drässig in Gang, die zu langen Verhandlungen und schließlich zu seiner Strafversetzung führten. Er hatte sich allerlei Verfehlungen in geschlechtlichter Beziehung zuschulden kommen lassen - kein Wunder, da der kräftige Mann nicht mehr als ein Kinde haben wollte. Der sollte studieren, und die arme Frau musste seufzend das sich vollziehende Verhängnis mit ansehen. Hätte er nicht ein so eisernes Regiment geführt, so wäre es gewiss schon eher zum Klappen gekommen. Und nun ist der einzige Sohn im Krieg gefallen. Der arme, von Standesvorurteilen irregeleitete Mann! Hätte er nun doch mehr Kinder und ein gutes Gewissen!

Über Pfingsten war Frau Pastor Kühn aus Altenburg unser Gast, uns eine große Freude, dass die frühere Spannung beseitigt war und wir hoffen durften, dass nun auch die Verhältnisse für Martha und Georg sich ganz ebnen würden. Wir machten am 2. Pfingsttag mit ihr eine Wagenfahrt zum Allstedter Schloss in den herrlichen Wald, eine Tour, die wir, dank unserem kleinen Gefährt, in diesem Sommer öfter unternahmen. Leider haben wir unsere Absicht, Frau Pastor Kühn bald in Altenburg einen Gegenbesuch zu machen, nie ausführen können, da mein Reisen bald ein jähes Ende fand.

Am 14./15. Mai machten wir mit unserem Wagen eine sehr fröhliche Fahrt nach Mansfeld, in Obersdorf wurde dem Pferd eine Ruhepause gewährt, die wir zu einem Besuch bei Pastor Queenstedt und seiner Frau benutzten. Dann ging's durch den schönen Wald über Annarode - Siebigerode dem Ziel entgegen, wo uns die lieben Kinder mit offenen Armen und Herzen aufnahmen. Wie reich waren wir! Als wir am folgenden Tage auf demselben Wege heimkamen, erhielten wir die frohe Kunde, dass in Essen zu dem Brüderpaar ein herziges Mädchen angekommen war, die kleine Ruth, ein kleiner Sonnenschein für Vater und Mutter und uns alle, dessen der Vater leider nur so kurz sich erfreuen durfte.

Dann kam am folgenden Tag ein Besuch von Hans Fritsch, den er im Juli wiederholte, und dann der letzte recht fröhliche Tag in meinem Leben, die Zusammenkunft mit unserem Oberhofer Freundeskreis auf dem Kyffhäuser am 25./26. Mai. Wir hatten vor zwei Jahren in Oberhof verabredet, uns einmal wieder zu treffen. Im Jahre 1912 war nichts daraus geworden - ich nahm im folgenden Jahr die Sache frühzeitig in die Hand, und nach langem Verhandeln gelang es, alle für Sonntag, den 25. Mai willig zu machen.

Mutter fuhr schon vormittags nach Rossla, um dort die Freunde zu treffen und mit ihnen auf den Kyffhäuser zu fahren, ich fuhr mit meinem Wagen über Riethnordhausen, Hackpfüffel, Tilleda hinauf, und war der erste auf dem Platze. Bald kam auch der Wagen mit der fröhlichen Gesellschaft, Herr und Frau Reichsgerichtsrat Happich aus Leipzig, Herr und Frau Direktor Brandt aus Wilhelmshöhe, Herr und Frau Ölkonomierat Blume aus Kassel und Frau Major Jacob mit ihrer Tochter aus Halle. Wir fanden alle schönes Quartier in dem Nebengebäude des Hotels, Herr Brandt übernahm es, überf Speisen und Getränke mit dem Wirt zu verhandeln, und so wurde uns ohne jedes eigene Besinnen der Tisch aufs Köstlichste gedeckt. Am Abend gingen wir noch aufs Denkmal, am anderen Morgen nach dem Kaffee durch den Wald nach dem Ratsfeld, abends saßen wir lange unter den Bäumen, und das Köstlichste, der gemütliche Austausch mit den Freunden, in der Tat eine reine, durch keinen Misston getrübte Freude. Allzu rasch kam am Montagnachmittag die Trennungsstunde, wo Mutter und ich mit unserem Wagen nach Hause, die Freunde gemeinsam nach Rossla zur Bahn fuhren. "Auf Wiedersehen im nächsten Jahre! hieß es beim Abschied, aber es ist nie wieder etwas daraus geworden, aber mir und wohl allen die liebe Erinnerung an die schönen Tage geblieben.

Und dann machten wir bald Pläne für unseren Sommerurlaub. Wir planten, Ende Juli zunächst zu den Kindern nach Essen zu reisen, um ihr neues Heim und vor allem die neue Enkelin kennenzulernen, dann wollten wir in Lüdenscheid Hermann, in Barmen Siegfried und in Godesberg Greevens aufsuchen und von da rheinauf über Darmstadt, Heidelberg nach Palmwald bei Freudenstadt zu längerem Aufenthalte gehen. Martha, die wohl am 1. Juli in Sangerhausen ihre Arbeit beendete, wollte uns das Haus hüten und die Früchte des Gartens einmachen. In Palmwald war schon Quartier bestellt, die Geschwister und Freunde von der Absicht, sie zu überfallen, benachrichtigt, - da machte Gott der Herr durch alle unsere Pläne einen großen Strich. Noch am 7. Juni hatte Meta in dem Brief an die Geschwister von unseren Plänen geschrieben, den nächsten Brief schrieb sie aus dem Krankenhaus in Sangerhausen.

Ich hatte schon, wie ich früher erwähnte, im vergangenen Herbst viel Schmerzen an den Zehen des rechten Fußes gehabt, ohne die Ursache zu ahnen. Die Schmerzen hinderten mich aber nicht zu gehen und meine Arbeit zu treiben. Im Juni aber steigerten sie sich, namentlich nachts, wenn ich still lag, bis zur Unerträglichkeit. Es waren die Blutstockungen, die weniger empfindlich waren, solange ich in Bewegung blieb, mich aber manche Nacht aus dem Bett trieben und mich, im Haus umherzuwandern, zwangen.

Am Sonntag, 15. Juni, waren wir noch zum letzten Mal im Allstedter Wald, am Mittwoch, 18. 6., machten wir einen Besuch in Brücken, am Montag und Donnerstag der Woche hatte ich Amtshandlung für Pastor Possel in Voigtstedt, aber schon am 17. zwangen mich die Schmerzen, Dr. Seyffert in Sangerhausen aufzusuchen, da auf der einen Zehe sich eine schwarze Stelle zeigt. Ich glaubte, es bilde sich eine Eiterung. Dr. Seyffert sah den Fuß mit bedenklichen Augen an - gab mir eine Salbe - glaubte aber, wie er seiner Frau sagte, dass der Fuß brandig sei. Sonntag, 22. Juni, predigte ich zum letzten Male, auf einem Bein stehend unter großen Schmerzen, über das Evangelium Luk. 5, 1 - 11, von Petri Fischzug.

Nach der Kirche fuhr ich wieder zu Dr. Seyffert, der die Zehe aufschnitt, aber keinen Eiter fand. Am Mittwoch konsultierte ich ihn wieder, er sprach vom Abnehmen des Vorderfußes. Dr. Kunik aber, zu dem ich auf seinen Wunsch fuhr, eröffnete mir, dass wohl das ganze Unterbein fortmüsse. Noch war nicht zu bestimmen, wo die kranke Stelle in den Arterien saß. Es folgten qualvolle Wochen, der Fuß wurde so schlimm, dass ich nicht mehr auftreten konnte. Am 8. Juli siedelte ich mit Mutter ins Krankenhaus nach Sangerhausen über, und am Tag darauf, am Mittwoch, wurde das kranke Bein amputiert. Was mir damals Mutter gewesen ist, kann ich nicht beschreiben und ihr nie genug danken. Wie hätte ich ohne ihre Liebe, mit der sie mich umgab, die leiblichen und seelischen Schmerzen ertragen! und die seelischen waren und sind bis heute die schlimmeren. Wie oft hatte ich von dem Gehorsam gegen Gottes Willen geredet, gepredigt, und ich glaubte wohl, dass ich gehorsam sei. Nun aber wurde mir unter schweren Kämpfen klar, wie schwer es ist, sich ganz unter Gottes Willen zu beugen, wenn ER all unsere Lebenshoffnungen zerschlägt und nur das Leiden bleibt.

Ich hatte oft auf die Zeit meiner Pensionierung mit einer gewissen Sehnsucht gehofft, die Erfolglosigkeit meiner Arbeit, die Aussicht eines rührigen Lebensabends, der Wunsch, der lieben Mutter noch viel Schönes zu zeigen, ihr, wenn die Kinder versorgt wären, nach ihrem arbeitsreichen und sauren Leben mehr Behaglichkeit zu schaffen, hatten diese Sehnsucht geweckt. Und nun sprach Gott: Du Narr! Was sind deine Wünsche und Pläne! Torheit - alles mit einem Schlag zu nichts. Nun war mein Leben Untätigkeit, Stillsitzen, leiden. Wie gerne hätte ich nun, da ich es nicht mehr konnte, auch die scheinbar fruchtlose Arbeit weiter getrieben, wie oft beneidete ich nun den Steineklopfer am Wege, der arbeiten konnte. Wir verkehrten Menschen, wie schwer hält es, bis unser Wille mit Gottes Willen eins wird, wie schwer zu glauben, was der Katechismus sagt, dass sein Wille ein guter und gnädiger Wille ist!

Während wir im Krankenhaus waren, erfuhren wir von allen Seiten viel Teilnahme, namentlich von allen unseren Kindern. Unsere Stube war oft wie ein Blumengarten. Immer wieder kamen Martha und Georg von Edersleben, um uns mit allerlei guten Gaben, am meisten mit dem Sonnenschein ihrer Liebe zu erquicken. Am Freitag, zwei Tage nach der Operation, hatten wir die große Freude, dass uns ein Telegramm aus Darmstadt meldete, dass Willi sein Diplomexamen glücklich bestanden habe. Wir hatten geglaubt, er wolle erst im nächsten Winter das Examen machen. Aber er hatte hinter unserem Rücken schon seit dem vergangenen Wintersemester dafür gearbeitet, darum war er in den Osterferien in Darmstadt geblieben, darum war ihm mein Besuch wenig willkommen gewesen. Nun kam die Freudenbotschaft für uns gerade zur rechten Zeit, und bald kam er selbst und blieb bis Ende August bei uns in Edersleben.

Die Wunde heilte anscheinend sehr gut, als wir am 1. August aus dem Krankenhaus nach Edersleben zurückkehrten, war sie fast ganz heil. Zweimal in der Woche fuhr ich nach Sangerhausen zum Verbinden, schmerzliche Wege auf der schlechten Straße, aber schmerzlicher, dass die Wunde nicht ganz zuheilen wollte. Es bildete sich eine Fistel, und die beiden Ärzte konnten die Ursache nicht finden. So zog sich die Sache bis in den September hin.

Mittlerweile hatten wir in Edersleben die Freude, manchen Besuch bei uns zu sehen. Karl kam von Leipzig, Erich zweimal im Juli und August, Kurt kam in seinen Ferien, die er zum größten Teil in Mansfeld verbrachte, um in größerer Ruhe für sein Abiturientenexamen zu arbeiten. Dann kam Lili 14 Tage, während Martha bei den Eltern von Hans Fritsch in Prenngesheim Erholung fand. Zu kurzem Besuch kam Freund Holzhausen von Freiburg, und dann Ida mit Bino auf sechs Tage Anfang September vor ihrer Rückkehr nach Mailand, endlich Wilhelm Gräber, der auch Sonntag, 7. Sept., für mich predigte.

So hatte ich immer wieder freundliche Ablenkung von meinen trüben Gedanken, dazu war es eine große Wohltat, dass ich viel in unserem schönen Gartenhaus in der frischen Luft sitzen und liegen konnte, auch fast täglich ausfahren durfte, so empfand ich meine Gefangenschaft weniger schwer. Ende August kehrte Lili nach Hannover zurück, Willi aber ging nach Ruhrort, wo er eine Anstellung in dem Hüttenwerk Phoenix gefunden hatte.

Am 8. September kehrte Kurt zum letzten Male nach Gütersloh zurück, am Tag darauf ich mit Mutter ins Krankenhaus. Die Ärzte hatten erklärt, die Wunde heile nicht zu, sie müssten wieder öffnen, um die Ursache zu finden. So wurde die Wunde aufgeschnitten, immer weiter, immer tiefer bis auf den Knochen. Da fand sich, dass die über den Knochenstumpf gelegte Knochenhaut in Eiterung übergegangen war. Nun musste die Wunde von innen heraus heilen, da sie der Eiterung wegen nicht zugenäht werden durfte. So entstand eine tiefe Narbe, die Heilung ging sehr langsam. Bis zum 23. September blieben wir im Krankenhaus, diesmal der Aufenthalt noch viel schwerer als das erste Mal, da ich immer das Gefühl hatte, das neue Leid hätte uns erspart werden können. Ende des Jahres war die Wunde noch nicht heil, und erst Februar des nächsten Jahres waren wir so weit, dass an die Beschaffung eines Stelzfußes gedacht werden konnte.

Zwei Tage nach unserer Rückkehr nach Edersleben bestand Kurt das Examen in Gütersloh. Welche Erleichterung, nun endlich die Schulsorgen für und mit den Jungen los zu sein. Kurt blieb nun bis Ende Oktober bei uns und sorgte treulich für mich, als Mutter Mitte Oktober für 8 Tage zu Brandts flüchtete, um die für sie so nötige Erholung zu suchen, leider nur so kurz.

Anfang Oktober kam Meta von England zurück und blieb zunächst bei uns bis Ende des Jahres, benutzte die Zeit auch zu Besuchen in Berlin und Neu-Ruppin bei ihren Freunden. Am 8. Oktober starb in Treffurt die liebe Frau Niemann. Was war die Tante Bertha uns und unseren Kindern gewesen! Wieviel treue Liebe sank mit ihr ins Grab. Und keiner konnte zu ihrem Begräbnis als Hans, ihr Patenkind. Nun war mit ihr auch Treffurt für uns, besonders für die Kinder, wie ein schöner, vergangener Traum, niemand mehr dort, zu dem wir Beziehungen hatten.

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Tochter Meta 1913

Während Mutter in Wilhelmshöhe bei Brandts war, leistete mir Freund Schmitz vom 13. - 20. Oktober treulich Gesellschaft, kam auch im November noch einmal auf einige Tage wieder. Und immer wieder hat er in den nächsten Jahren seine Besuche fortgesetzt, zu meiner großen Freude. Um die Liebe unserer lieben Gäste zu vervollständigen: Im November kehrten Herr und Frau Brandt bei uns ein, dann Erich Petersilie, der alte Hausfreund, zweimal, immer wieder Hans und Maria, letztere einmal auch mit ihrer Mutter, und Anfang Dezember Fritz mit Klaus, die uns eine Woche schenkten. Alle zog es immer wieder zum kranken Vater, sein Leben durch ihre Liebe zu erhellen.

Die Ärzte hatten mir immer wieder Hoffnung gemacht, ich würde mit einem Stelzfuß weiter mein Amt versehen können. Je länger es aber dauerte, je mehr die Wunde sich zu einer immer schmerzenden Narbe zusammenzog, um so klarer wurde es mir, dass alle jene Hoffnungen Trugbilder waren, und dass ich die arme Gemeinde nicht länger ohne ordentliche geistliche Versorgung lassen durfte. So reifte der Entschluss, mich zum 1. April pensionieren zu lassen und das liebe Edersleber Pfarrhaus zu verlassen. Die Amtsbrüder aus der Ephorie, namentlich Pastor Hünecke, hatten mich mit rührender Aufopferung immer wieder alle 14 Tage im Predigtgottesdienst und bei den Amtshandlungen vertreten, auch Superintendent Baarts aus Artern, Pastor Pössel aus Voigtstedt und Pastor Albrecht waren immer wieder für mich eingetreten. Aber den Zustand weiter zu verlangen, erlaubte mir mein Gewissen nicht. So kam die schwere Frage: Wohin? Dr. Seyffert riet sehr, nach Halle zu ziehen, da die engen Straßen für mich gefährlich werden könnten. Leider folgten wir seinem Rat und entschieden uns endlich für Naumburg, und so reiste Mutter dorthin am 14. Dezember, um eine Wohnung zu besehen, die Georg, der dort an einem Realgymnasium arbeitete, und Martha für uns ausfindig gemacht hatten. Sie mietete diese, am Kaiser-Friedrich-Platz 9, für unsere Bedürfnisse sehr passend und schön und sonnig gelegen.

Im Winter ließ ich die Konfirmanden zu mir in meine Stube kommen und durfte sie auf die Konfirmation vorbereiten, während Martha gleichzeitig den ersten Jahrgang, die Präparanden, in der Schule unterrichtete. So konnte ich die letzte Arbeit für meine Gemeinde tun. Ich hielt auch mehrere Taufen in meiner Stube.

Weihnachten waren unsere Kinder noch einmal, so viele kommen konnten, um uns versammelt, ein wehmütiges und doch schönes Fest für uns alle unter dem Christbaum. Am 20. Dezember kam Bernhard von Mailand in Edersleben an, er war dann in Halle, wo auf Wunsch der Eltern Weber die Verlobung veröffentlicht wurde. Er war wohl Weihnachten in Halle. Am 26. Dezember kam Käthe zum ersten Mal nach Edersleben in unser Haus, von uns gern als Tochter bei uns aufgenommen. Am 3. Januar reiste Bernard nach Meiland zurück, in den Osterferien 1914 war Käthe, von Erich und Ida in Mailand eingeladen, dort ihr Gast und konnte sich des Zusammenseins mit Bernhard erfreuen und die Geschwister kennenlernen.

Am Sonntag nach Weihnachten waren alle Kinder noch einmal zusammen in Mansfeld, dann flogen alle wieder davon. Lili nahm Meta mit nach Hannover, weil sie dort die soziale Frauenschule besuchen wollte und mit Lili in deren Wohnung, die sie sich eingerichtet hatte, hausen konnte. Im neuen Jahr waren wir wieder allein mit Martha, unserer treuen Hilfe und Pflegerin, die in das Dunkel der Krankenstube immer wieder Sonnenschein brachte. Niemand ahnte, wieviel dunkler das neue Jahr werden sollte als das scheidende alte.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04