1914


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Das erste Vierteljahr bis zu unserer Übersiedlung nach Naumburg ging still hin. Wenig Besuch, nur Hans kam einmal, mein Befinden war oft nicht schön, große Mattigkeit, öfter Anfälle von Herzschwäche ließen mich nicht viel zu geistiger Tätigkeit kommen. Es dauerte wohl zwei Jahre nach der Operation, bis ich ihre Nachwirkung im übrigen Körper einigermaßen überwunden hatte und mich mehr geistig beschäftigen konnte. Dazu quälte mich schon sehr bald nach Verlust des rechten Beins die Sorge um das linke. Immer wieder verursachten Störungen der Blutzirkulation wunde Stellen und viel Schmerzen, und es schwebt nun schon vier Jahre die Furcht, auch den zweiten Fuß zu verlieren, wie ein Damoklesschwert über mir, das mich selten zur Ruhe kommen lässt. Auf Anraten eines Jenaer Professors habe ich wiederholt längere Zeit Wechselbäder angewandt. Mit welchem Erfolg, ist schwer zu sagen. Möglich dass ohne die Anregung der Blutzirkulation durch dieselben der Fuß schon kränker geworden wäre.

Ende Februar bekam ich endlich einen Stelzfuß, habe aber wenig Freude an ihm gehabt, da infolge des Druckes der Stumpf bald wund wurde und ich wieder zu den Krücken greifen musste. Zu wirklichem Gehen bin ich nie gekommen, habe nur zeitweise mit dem Stelzfuß ein wenig umherhumpeln können.

Am 12. Februar starb in Godesberg Vater Greeven - für unsere Kinder ein schwerer Schlag, aber auch für uns der herbe Verlust eines guten zuverlässigen Freundes. Er war lange leidend gewesen, aber Gott hat ihm längere schwere Krankheit erspart und ihn zuletzt rasch und sanft durch des Todes Tür geführt. Wie oft habe ich ihn beneidet, und doch wie dankbar bin ich, dass ich bei aller Schwachheit und viel Schmerzen noch bei den Meinigen sein kann, sonderlich in dieser schweren Kriegszeit mit ihren Verlusten und Nöten. Gut dass wir nicht selbst bestimmen können, ob abscheiden oder bleiben, Gottes Wille geschehe!

Im März fingen die Vorbereitungen zum Umzug an, für mich hauptsächlich die Sorge, mich meiner vielen Bücher zu entledigen. Kataloge wurden mit Hilfe von Georg und Martha gemacht, mit Antiquaren erfolglos verhandelt, vieles verschenkt an die Herren, die mich so freundlich vertreten. Nur das behielt ich, was einmal für Kurt wertvoll sein könnte. Heute bedaure ich, dass ich manches Buch nicht mehr habe, damals dachte ich nicht, dass ich jemals wieder imstande sein würde, Bücher zu vermissen resp. zu gebrauchen.

Pferd und Wagen wurden auch nach langen Verhandlungen schweren Herzens verkauft, dazu mit beträchtlichem Verlust. Ein Teil der Möbel und allerlei Gerät wurde nach Mansfeld geschickt. Dann kam das Einpacken - schreckliche Zeit - und endlich der schwere Abschied. Leider konnte ich von den wenigsten Gemeindemitgliedern persönlich Abschied nehmen, nur einzelne kamen zu uns ins Haus, und ich humpelte zu der kranken Nachbarin, der alten Frau Schroter, die in ihrer langen Krankheit meine Besuche gerne gesehen hatte. Aber es wurde mir noch die Freude, dass ich am Sonntag Judica, 29. März, meine Konfirmanden einsegnen und ein kurzes Abschiedswort an die Gemeinde richten konnte. Sitzend hatte ich zum letzten Mal in meiner Gemeinde zu ihr gesprochen über das Wort I. Joh. 2, 28 "Und nun Kindlein bleibet bei ihm, auf dass wenn er offenbaret wird, wir Freudigkeit haben und nicht zu Schanden werden vor ihm in seiner Zukunft." Im Anschluss an die Feier teilte Herr Pastor Hünecke uns das Hl. Abendmahl aus, woran die Kinder und ihre Eltern und wir teilnahmen. Auch Hans und Maria waren zu unserer Freude zu dem Tage herübergekommen und nahmen an der Feier teil. Am Dienstag, 31. März, verließen wir Edersleben schweren Herzens. So lag nun meine Arbeit im geistlichen Beruf ganz abgeschlossen hinter mir. Und wenn ich auf das sehe, was ich gewirkt, was ich versäumt, was ich verfehlt habe, konnte und kann ich nur sagen: Gott sei mir Sünder gnädig.

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Tochter Martha

Wir fuhren zunächst nach Mansfeld, überließen Umzug und Einrichtung Martha und Georg, zu deren Hilfe auch Meta von Hannover gekommen war.

Von unserer Reise nach Mansfeld noch ein Kuriosum: Ich hatte mir den Schuhmachermeister Eberlein auf den Bahnhof bestellt, damit er mir einen weiten Schuh für den kranken Fuß anmessen sollte. Um die Sache weniger auffallend zu machen, kam er an die hintere Coupétüre und hantierte da mit seinem Maß. Da erschien plötzlich ganz unerwartet mein Nachfolger, Herr Superintendent Fiedler, auf dem Bahnsteig in sonntäglichem Anzug und überreichte mir feierlich mit wohlgesetzten Worten den roten Adlerorden III. Kl., der eben eingegangen war. , während auf der anderen Seite des Coupés Meister Eberlein sein Maßnehmen beendete.

In Mansfeld empfingen uns Hans und Maria und nahmen uns mit großer Herzlichkeit in ihrem traulichen Heim auf. Rührend war es, wie Hans auf alle erdenkliche Weise suchte, es mir bequem zu machen und für mein Behagen zu sorgen. So verlebten wir 10 schöne Tage bei den lieben Kindern, die durch ihre Liebe uns den schweren Abschied erleichtert haben. Gründonnerstag, 9. 4., siedelten wir dann nach Naumburg über, fanden hier unsere Wohnung hübsch eingerichtet, durften auch hier für viel Liebesarbeit der drei Kinder danken, die alle Last des Umzuges uns abgenommen hatten. Karfreitag kam Fritz und blieb bis Ostersonntag, Ostermontag kamen Hans und Maria, auch Kurt war in den Osterferien bei uns und mit uns in Mansfeld, so dass ein großer Kreis von Kindern uns in Naumburg empfing und umgab. Eine besondere Freude hatte uns Georg zum Einzug bereitet, indem er uns ein schönes Bild des Edersleber Pfarrhauses hatte machen lassen, heute noch eine liebe tägliche Erinnerung an die schöne Edersleber Zeit und an den freundlichen Stifter des Bildes.

Aus Mutters Brief vom 26. Mai: "Wir sind nun schon 6 Wochen hier und haben uns etwas eingelebt. Unsere Zimmer sind hell und behaglich, haben viel Sonne, und wenn es zu warm wird, genießen wir frische kühle Luft auf unserer nach Norden gelegenen Veranda. An die Beschränkung auf eine Etage haben wir uns bald gewöhnt. Ich besonders entbehre das Treppensteigen gerne. ..... Naumburg ist eine sehr saubere freundliche Stadt. Entzückend sind besonders im Frühjahr die Promenaden und Anlagen im Schmuck der vielen Blütensträucher. Ich sah wohl noch nie eine so verschwenderische Fülle von blühendem Flieder, Goldregen, Rotdorn und Kastanien wie hier. Für Fritz haben wir einen Fahrstuhl, und wenn auch nicht täglich, so kommt er damit doch häufig ins Freie. ..... Sein Befinden ist wechselnd, wenn auch im ganzen etwas besser, doch lassen ihn die beständigen Schmerzen im linken Fuß nie zur Ruhe kommen. Der hiesige Arzt macht eine leichte Digitaliskur mit ihm, um den Blutdruck herabzusetzen. Seitdem sind die Herzbeschwerden, Beängstigungen und Pulsaussetzungen besser, auch hat Fritz nicht mehr immer Kopfweh. Es ist ihm nur schwer, dass der Kopf ihm keinerlei geistige Anstrengung erlaubt, er kann auch nur wenig selbst lesen. Wir wollen aber zufrieden und dankbar sein, wenn das Befinden so bleibt und nicht schlimmer wird. Besuche sind ihm eine willkommene Abwechslung und Ablenkung, und wir hatten schon allerlei liebe Gäste."

Zu diesen gehörten vor allem Freund Schmitz, der uns vom 1. - 9. Mai im neuen Heim besuchte. Mit ihm machten wir eine schöne Wagenfahrt nach Goseck, wo alles in herrlicher Blüte stand. Dann kam Karl mit seiner Braut und Schwiegermutter, Herr Brandt aus Wilhelmshöhe, Frau Pastor Müller mit Hede, dann am 17. Mai Herr und Frau Weber aus Halle mit ihren beiden Töchtern. Uns große Freude, sie bei uns zu sehen, für mich bis jetzt leider die einzige persönliche Berührung mit ihnen. Aus Edersleben hatten wir den Besuch des Schulzen Hehling und des Lehrers Hille, die von der alten Heimat, namentlich von der Pfarrwahl berichteten.

Neben dem Verkehr mit auswärtigen Gästen spannen sich allmählich auch Beziehungen zu allerlei Naumburgern an. Mit uns im Hause wohnte der pensionierte Eisenbahnpräsident Graf mit seiner Nichte, ein feiner alter Herr, mit dem ich gerne zuweilen verkehrte.

An einem Sonntag war ich mit dem Fahrstuhl in der Marienkirche. Nach dem Gottesdienst trat ein alter Herr, offenbar Pastor, an mich heran und fragte, ob ich Höhndorf sei. Erstaunt blickte ich ihn an, erkannte ihn aber nicht. Es war der Pastor Gentsch, er hatte in Berlin im Jahre 1868/69 mit mir studiert. Wir hatten uns nie wiedergesehen, und doch hatte er mich erkannt, erstaunliches Gedächtnis! Am anderen Tag besuchte er mich in meiner Wohnung. Da führte ich Aug. Schmitz zu ihm herein. Wer ist das? Er sah ihn lange sinnend an, endlich kam es wie eine Erleuchtung über ihn: "Schmitz!" Ich habe mit dem schwer an Wassersucht leidenden Pastor Gentsch öfter verkehrt, gern in seinem Garten bei ihm gesessen und von alten Zeiten geplaudert. Im Juli 1914 während wir in Mansfeld waren, ist er schon gestorben. Von sonstigen Naumburger Bekannten erwähne ich noch Osswald, der ganz allein nach dem Tode seiner Frau stand. Er besuchte mich liebenswürdigerweise öfters, ohne mein Leben zu bereichern. Er war immer noch bestrebt, irgendwie tätig zu sein - trotz seiner fast 80 Jahre.

Anziehender für uns war der Verkehr mit dem Direktor Bruns von Pforta und seiner liebenswürdigen Frau, zwei lebensfrohe frische Menschen. Ich kannte ihn schon von Güterloh her, nun hatte Georg wingolfitische Beziehung zu ihm gewonnen, und so kamen auch wir bald in angenehmen Verkehr mit ihnen, leider durch meine Unbeweglichkeit erschwert, dann durch den Krieg aufgehoben, da Dir. Bruns als Offizier bald ausrückte.

Pfingsten war Mutter, die dringend einer Ausspannung bedurfte, vom 19. Mai bis 18. Juni in Wernigerode, Lili die Pfingsttage von Hannover bei ihr, leider war das Wetter ihnen wenig günstig. Bei mir aber war in den Tagen Kurt und in den Pfingsttagen auch Hans. Auch Hans Fritsch, von Erfurt nach Burg versetzt, kam auf der Reise zu kurzem Besuch. Da es mir in der Zeit ziemlich gut ging, konnten mich die Söhne mehrmals zu weiten Wegen im Rollstuhl mitnehmen, einmal in den Blütengrund jenseits der Saale, ein andermal schob mich Kurt die steile Jenaer Straße hoch in das Buchholz, so dass ich auch einmal in den Wald kam. Sonst beschränkten meine Ausfahrten sich auf die Promenaden und den Spechsard mit seinen schönen Blicken in das Saale- und Unstruttal.

Im Juni war Otto Lauterburg auf zwei Tage bei uns, in alter Freundschaft uns zugetan, uns immer, sooft er kam, mit seinem lebendigen Wesen erfrischend und anregend. Auch Beziehungen zu Pastor Brotführer in Saaleck und seiner Frau geb. Wapler spannen sich an und dienten zur Bereicherung unseres Verkehrs.

Im Juni ging Martha, die viel an Kopfschmerzen litt, nach Hohegeiß zu Frau Bienert, dann am 10. Juli auf Erichs Einladung nach Mailand und mit den Geschwistern ins Seebad nach Spolomo an der Riviera.

Mutter und ich aber fuhren am Tag darauf zu vierwöchentlichem Aufenthalt nach Mansfeld. Fritz, der in der Zeit mehrmals in Leipzig war wegen der Möbel für seinen Onkel Karl, war gerade an dem Tage bei uns. Er und Georg geleiteten uns zum Bahnhof. Wer hätte da gedacht, dass wir Georg nicht wiedersehen würden, dass beide so bald ihr junges Leben auf dem Altar des Vaterlandes opfern würden.

In Mansfeld hatten wir sehr schöne Zeit, von der Liebe der Kinder gehegt und gepflegt. Auch die Anwesenheit der 4 Geschwister Meinhof war uns keine Störung, sondern Freude, alle 4 freundliche, dienstbereite, liebe Kinder. Ich lebte meist im großen Garten, wo auch vielfach die Mahlzeiten in der großen Laube eingenommen wurden. So gingen die schönen Tage allzu rasch dahin, bald kam die letzte Juliwoche, die Zeitungen redeten immer bedrohlicher von der Kriegsgefahr, der politische Himmel wurde immer düsterer, schwarze Gewitterwolken zogen herauf, und eine unheimliche Stimmung beschlich alle wie vor einem furchtbaren Unwetter. So litt es uns nicht länger in Mansfeld, wir reisten Sonnabend, 1. August, nach Naumburg zurück. Da traf uns in Naumburg auf dem Bahnhof die Nachricht von der Mobilmachung und Kriegserklärung. Kurt war schon von Leipzig und Lili von Hannover herbeigeeilt und empfingen uns auf dem Bahnhof. Ich brauche die nächste Zeit mit ihrer gewaltigen Aufregung und Begeisterung nicht zu schildern, alle haben sie miterlebt. Ich gebe nur kurz die uns betreffenden Daten an.

Am 5. August reiste Lili nach Bremen, um als Johanniterin dort in der Gemeinde zu arbeiten und Schwestern für den Kriegsdienst freizumachen. Martha war mit Erich sofort aus dem Seebad nach Mailand und von dort nach Deutschland gereist, um ins Heer einzutreten. Georg war schon vor Kriegsausbruch zu einer militärischen Übung nach Bayreuth gegangen, bei Ausbruch des Krieges aber zu seinem alten Regiment nach Erlangen versetzt. Um ihn zu sehen, fuhr Erich mit Martha nach Bayreuth und dann in beschwerlicher und gefährlicher Autofahrt - gefährlich durch die aufgeregte Bevölkerung, die überall Spione witterte - nach Erlangen. Endlich fanden sie Georg, und am Abend des 6. August wurden Georg und Martha kriegsgetraut. Nur bis zum folgenden Tag konnten die lieben Kinder vereint bleiben, dann schwere aber tapfere Trennung - für immer. Am 7. August kam Erich nach Naumburg und befreite uns von der Sorge um die Kinder, am Tag darauf kam auch Martha zu uns.

Kurt meldete sich sofort bei den Naumburger Jägern, wurde dort aber bei der Überfülle der in der ersten Begeisterung sich meldenden jungen Leute nicht angenommen. Er ging dann am 10. August nach Halle und trat dort bei dem 36. Regiment ein. Er hat dort lange in einer Schule im Notquartier gelegen und hat schwere Ausbildungszeit durchgemacht, erleichtert durch die Freundlichkeit der Halleschen Freunde, namentlich der guten Frau Pastor Müller. Er konnte auch mehrmals uns in Naumburg besuchen, und Mutter und Martha besuchten ihn in Halle, am 24. Oktober rückte er nach Frankreich aus und stand den Winter über in der Nähe von Soissons in schweren Kämpfen.

Erich war in Halle bei seinem alten Regiment nicht angenommen worden, er trat dann am 17. August in Halberstadt beim 27. Regiment ein, wurde bald Offiziersstellvertreter und Offizier. Er rückte am 10. September nach Frankreich aus, nachdem Ida, die auch aus Italien nach Deutschland gekommen war, noch einige Zeit bei ihm in Halberstadt gewesen war.

Fritz hatte als Offizier sofort nach der Mobilmachung sich in Straßburg bei einem Landsturmregiment stellen müssen und blieb längere Zeit im Elsass, meist in Straßburg, bis er, wohl im Januar 1915, nach Thorn versetzt wurde und am 16. April 1915 nach Russland an die Front kam.

Bernhard war bei Kriegsausbruch in Mailand sehr krank, Lungenentzündung, so konnte er nicht mit den Geschwistern nach Deutschland. Sobald er waber halbwegs reisefähig war, fuhr er nach München und trat dort bei dem 1. bayr. Garderegiment ein, wurde aber nach wenigen Tagen als zu schwach entlassen. So kam er am 20. August zu uns, besuchte dann Erich in Halberstadt. Er meldete sich mehrmals in Naumburg, wurde aber immer wieder als zu schwach zurückgewiesen. So trat er am 1. Oktober wieder in das Bankgeschäft von Steckner ein und arbeitete dort, bis er am 24. Juni 1915 in Naumburg bei der Artillerie eingestellt wurde. Am 20. September 1915 wurde er nach Halle versetzt, bis er am 25. 10. zugleich mit Hans nach Frankreich ausrückte.

Hans war bei Kriegsausbruch seines Asthmas wegen nicht für diensttauglich erklärt, da er aber vor Ungeduld brannte, ins Feld zu kommen, meldete er sich in Berlin bei den Motorradfahrern, wurde kurze Zeit ausgebildet und am 10. September nach Belgien als Meldefahrer geschickt. Er hat dort sehr schweren Dienst gehabt, bekam schon Weihnachten das Eiserne Kreuz, musste aber schon Mitte Januar 1915 nach Deutschland zurückkehren, da seine Lunge den beschwerlichen Dienst nicht länger aushielt. Er ruhte einige Wochen bei uns, war ab und zu in Mansfeld. Da er dort aber keine Arbeit hatte, suchte er in Berlin bei der Intendantur oder bei den Kriegsgerichten anzukommen - leider alles vergeblich. So nahm er, da auch Maria in Naumburg jetzt an der Schule der Frl. Enke arbeitete, die Vertretung eines Naumburger Kollegen am Oberlandesgericht an, wohl im April 1915, und war so mit Maria den Sommer über ganz bei uns, eine sehr schöne Zeit, wo wir zu unserer Freude den lieben Kindern innerlich noch viel näher kamen, uns heute eine unschätzbare, liebe Erinnerung.

Endlich Willi: Er hatte sich kurz vor Kriegsausbruch in Ruhrort zum Militärdienst gemeldet, war aber als zu schwach nicht genommen worden. Er blieb zunächst in Ruhrort, das Kriegsfieber ließ ihm keine Ruhr. So gab er am 1. Oktober seine Stelle auf, kam nach Naumburg, lernte dort Autofahren, fuhr mich mehrfach mit dem Auto in die Umgegend von Naumburg. Nach bestandenem Examen machte er in Leipzig und Berlin vergebliche Versuche, bei den Automobilregiment anzukommen. Endlich trat er in Köln ein und wurde nach einiger Zeit nach Frankreich geschickt.

So war für uns Eltern die Kriegszeit von Anfang an voll Unruhe. stetes Kommen und Gehen der Kinder, stete Sorge um die Söhne draußen in Feindesland.

Am 30. August wurde endlich mein Nachfolger in Edersleben, Pastor Mögling, dort eingeführt. aber bald darauf wurde er eingezogen, und wieder war die arme Gemeinde lange Zeit ohne Geistlichen. Wieder mussten Pastor Hünecke und die anderen Nachbarn die Gemeinde notdürftig versorgen. Wie oft stieg da in mir der schmerzliche Gedanke auf: Wenn ich doch jetzt in der Kriegszeit meiner Gemeinde noch hätte dienen können und nicht so untätig zuschauen müsste, während alle ihre ganze Kraft in den Dienst des Vaterlandes draußen und daheim stellten.

Am 12. September kam Ria mit den drei Kindern zu uns. Mutter brachte die beiden Buben nach Mansfeld zu Maria, wo sie bis in den November blieben. Ria blieb bis zum 23. Oktober mit Ruth bei uns, so dass wir die beiden recht genießen konnten.

Am 3. Oktober bekam Erich als Offiziersstellvertreter bei Arras das Eiserne Kreuz, damals noch ein Ereignis, bald darauf am 23. Oktober auch Georg, aber nur kurze Zeit durfte er sich der Auszeichnung freuen. Am 3. November schon fiel er im Forêt d'Aprémont, und am 12. November bekamen wir die erschütternde Nachricht, furchtbar für unser armes Marthakind, deren lang erhofftes Glück nun so jäh vernichtet worden war. Gut, dass sie bei uns war und wir mit ihr das große Leid tragen konnten. Aber abnehmen konnten wir es ihr nicht, so gerne wir es gewollt hätten. Sie hatte in Naumburg, wo sie auf Schritt und Tritt an Georg erinnert wurde, nach ihrer Rückkehr aus Italien Privatstunden gegeben und an der Töchterschule der Frl. Enke unterrichtet. Nun war ihr Naumburg verleidet. Sie mochte nicht Lehrerin bleiben, entschloss sich, sich für soziale Arbeit zu rüsten, und ging deshalb Anfang 1915 nach Hannover zu Lili und nahm an dem neuen Kursus der evang. sozialen Frauenschule teil.

Meta war noch in Barmen im Säuglingsheim, sie war nach Absolvierung des theoretischen Teils des Kursus in Hannover zur praktischen Arbeit am 1. Juni dorthin gegangen. Sie war aber an schwerer Diphteritis erkrankt und lag noch im Krankenhaus, als die Nachricht von Georgs Tod sie traf. Da litt es sie nicht länger dort, und sie kam am 14. November zu uns nach Naumburg und blieb bis Ende des Jahres bei uns.

Daneben war bei uns reichliche Abwechslung durch allerlei Besuch, Joedicke, Dr. Petersilie, Kitzig, Hans Fritsch u.a. kehrten bei uns ein, öfter Ben und Käthe von Halle und Maria von Mansfeld.

Bei mir ging es in den letzten 3 Monaten des Jahres bergab, ich konnte den Stelzfuß nicht tragen, da durch den Druck wunde Stellen entstanden, musste viel liegen und konnte wenig geistig tätig sein. So beschäftigte ich mich viel mit Flechten und teilte nach allen Seiten Körbe aus. Dabei quälte ich mich mit allerlei schwarzen Gedanken, und wenn oft die Schmerzen arg waren, glaubte ich, nicht mehr lange zu leben, besonders, wenn auch das Herz seinen Dienst versagte.

So war das Weihnachtsfest unter dem kleinen Lichterbaum wenig fröhlich wie früher, die 6 Söhne im Felde, die 3 Töchter bei uns, aber alle drei im Begriff, uns zu verlassen. Martha ging mit Lili nach Hannover, Meta nach Bremen, um dort den zweiten Teil der praktischen Arbeit im städtischen Krankenhaus zu machen und sich dann auf das Krankenpflegerinnenexamen vorzubereiten.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04