1915


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Wie schon erwähnt, kam nach Neujahr Maria ganz zu uns, da sie Marthas Arbeit an der Schule der Frl. Enke übernommen hatte, und dann kam auch Hans aus Frankreich zurück und blieb mit kurzen Unterbrechungen bei uns, bis er Ende August trotz früherer Militäruntauglichkeit zur Artillerie in Wittenberg eingezogen wurde. Für uns war es nicht nur Freude, sondern auch Beruhigung, dass die Kinder bei uns waren, da es mir wenig gut ging. Seit Silvester lag ich noch lange ganz zu Bett, und Dr. Latowsky, der Dr. Schiele vertrat, hielt mich immer länger darin fest. ich glaube zu meinem Besten; denn die lange, völlige Ruhe ohne jede Anstrengung hatte nicht nur meinem wunden Beinstumpf Heilung, sondern auch meinem Herzen Kräftigung gebracht, und ich glaube, dass es seitdem mit meinem Befinden im ganzen bergauf ging. In dieser Zeit besuchte mich Frl. von Werthern oft und brachte immer Sonnenschein in die Krankenstube. Ihren Vater lernte ich früher kennen, als im Jahre 1897 die Pfarrstelle in Brücken neu besetzt wurde. Herr von Werthern gehörte mit seiner Familie den Gemeinschaftskreisen an, war aber, ehe wir nach Naumburg kamen, gestorben. Seine Witwe lebte mit ihrer einen Tochter in Naumburg, ich traf Frl. von Werthern wohl schon im Sommer 1914 an einem Sonntagmorgen, als ich in meinem Rollstuhl aus der Kirche kam. Seitdem hat sie uns zuweilen besucht, als ich kränker wurde, oft, brachte mir regelmäßig die Predigten, die ich den Söhnen ins Feld schickte. Sie war in der Gemeinde auf allerlei Weise tätig, half im Kindergottesdienst, hatte aber auch in ihrem Haus Bibelbesprechungen mit Gymnasiasten. Sie gehörte zu dem Gemeinschaftskreis in Naumburg wie ihre Eltern, hatte aber ein fröhliches Christentum, frisch und fröhlich und freudig in ihrem Glauben und in werktätiger Liebe. Mir waren ihre Besuche immer eine Erquickung, unsere sechs Söhne kannte sie alle aus unserer Unterhaltung, und ich musste ihr immer von ihnen berichten, für jeden hatte sie Teilnahme und Interesse. Hätten wir mehr solcher christlicher Frauen in unseren Gemeinden ! Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie im August 1916 den Pastor Mockert in Frankfurt geheiratet und ist jetzt Pfarrfrau in Waldbröl im Oberbergischen.

In der Folgezeit während der Dauer des Krieges war unser eben ganz beherrscht von der Sorge um die Söhne, die Lichtpunkte waren ihre Briefe, mehr noch ihre Besuche, unsere Freude, ihnen zu schreiben und durch viele Paketchen ihr schweres Leben ein bisschen zu erleichtern.

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Sohn Fritz 1915

Vom 12. - 16. Januar war Fritz bei uns, der - vom Elsass nach Thorn versetzt - von Essen aus zu uns kam. Während er bei uns war, kam am 14. Januar ganz unerwartet Hans aus Belgien zurück. am 24. Januar wurde Kurt Gefreiter und wurde am 15. Februar in das 27. Regiment versetzt, uns zur großen Beruhigung, da er dadurch unter Erichs Obhut kam. Am 31. Januar fiel unser Neffe Ernst von Below in Frankreich. Vom 27. Februar bis 3. März hatten wir wieder den Besuch von August Schmitz, ihn löste Ida mit ihren Kindern ab, die bis zum 8. März blieb.

Im März war Kurt lange krank, lag vier Wochen im Lazarett in Remy bei Arras, gleichzeitig war auch Willi an einer Lungenentzündung erkrankt, lag im Lazarett in Saarbrücken, dann in St. Wendel in einem Erholungs- heim und in Köln bei seinem Regiment, kam dann Mitte April als Kraftfahrer in Hauptquartier nach Charleville.

Vom 23. - 26. März waren Erich und Ida zu kurzem Besuch bei uns, in den Osterferien Lili und Martha von Hannover, während Hans und Maria die Festzeit in Mansfeld verlebten. Auch Bernhard und Käthe waren Ostern und Pfingsten zu kurzem Besuch in Naumburg.

Mitte April wurde Fritz von Thorn nach Russland in die Gegend östlich von Plozck an die Front versetzt, so fing auch um ihn das Bangen an, und auch er selbst trug sich seitdem mit Todesgedanken. Am 27. April schrieb er an uns einen Abschiedbrief, der erst nach seinem Tode in unsere Hände kam.

Der Mai brachte uns den Besuch von Aug. Schmitz, diesmal mit seiner Frau, dann von Eva Wiebel, wodurch Mutter Veranlassung fand, mit ihr nach der Rudelsburg einen Ausflug zu machen, die Mutter noch nicht kannte. Pfingsten war Martha wieder vom 21. - 31. Mai bei uns. Im Juni trat Bernhard (am 24. ) in Naumburg bei der Artillerie ein und wohnte bei uns im Kellerstübchen, bis er am 20. September nach Halle versetzt wurde, ein allezeit fröhlicher Hausgenosse.

Am 4. Juli machte Meta in Bremen ihr Examen als Krankenpflegerin, sie kam bald darauf zu uns, und so konnte Mutter zu ihrer nötigen Erholung am 9. Juli nach Oberhof reisen, wo sie größtenteils mit Frl. Martha Stein zusammen bis zum 3. August blieb. Leider war das Wetter meist regnerisch und kalt, so dass sie wenig im Walde sitzen konnte, doch haben Ruhe und gute Luft ihr wohlgetan. Erfrischt kehrte sie zu mir zurück. Unterdessen hatte Meta liebevoll und gut für mich gesorgt. Maria war in den Ferien in Mansfeld. Nachdem am 24. Juli Lili zu mir gekommen, konnte Meta nach kurzem Aufenthalt in Sangerhausen 14 Tage bei ihr in Mansfeld verbringen.

Lili blieb bis zum 9. August bei uns, so konnte ich nicht nur ihrer wohltuenden Gesellschaft und liebevollen Pflege mich erfreuen, sie hatte auch noch einige schöne Tage mit Mutter zusammen. Im August legte Hans seine Vertretung des Rechtsanwalts in Naumburg nieder und nahm eine Arbeit bei der Stadtverwaltung in Königshütte an. Kaum aber war er dort an die Arbeit gegangen, wurde er zur Artillerie eingezogen, kehrte nach sechstägiger Abwesenheit am 18. August zurück und trat am 21. August in Wittenberg ein, ließ sich aber bald nach Halle versetzen, wo er dann vom 20. September an mit Bernhard zusammen bei derselben Batterie stand. Meta kehrte nach kurzem Aufenthalt bei uns am 21. August als Pflegerin nach Bremen zurück.

Am 24. September kam Ria zu kurzem Besuch zu uns. Am 30. 9., dem Tag, an dem uns Martha wieder verließ, kam plötzlich Fritz aus Russland - erholungsbedürftig, - er wurde in das Offizierserholungsheim nach Kösen überwiesen, war fast jeden zweiten Tag bei uns. Er blieb bis Mitte Oktober, hatte mancherlei Besuch zu uns gelockt, die Kinder aus Halle und Erich Petersilie u.a. Er ging zunächst nach Essen, von wo er am 20. November nach Liegnitz versetzt wurde.
Mit Beginn der Herbstferien verließ uns Maria, sie hatte die Schularbeit in Naumburg aufgegeben und hat seitdem Vertretungen in Halle gehabt, wohnte dort bei ihrer Mutter. Nur kurze Zeit aber war sie in Halle noch mit Hans zusammen, da Hans und Bernhard am 25. Oktober nach Frankreich ausrückten. Den Tag vorher waren sie zu unserer Freude noch einmal mit Maria und Käthe bei uns. An demselben Tag kam auch Willi, der Erholungsurlaub hatte, und bis zum 4. November bei uns blieb.

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Schwiegertochter Ria mit Diether, Klaus und Ruth 1915 in Essen

All die Unruhe der Kriegszeit, all die Sorge um mich und um die Söhne, hatten Mutters Kräfte verzehrt, und es zeigten sich bedenkliche Zeichen von Herzschwäche, zu deren Heilung oder Besserung der Arzt völlige Ruhe, viel Liegen forderte. So kam uns Meta, die in Hannover arbeitete, zu Hilfe und war vom 19. Oktober bis 23. November Mutters Stütze, so dass sie sich schonen konnte. Da in dieser Zeit auch mein Fuß wieder schlimmer war und ich mehr Pflege bedurfte, war Meta freundliche Hilfe doppelt willkommen.

Wenn wir auch bei dem steten Kommen und Gehen der Söhne nicht einsam waren, so hatte Mutter doch dauernd keine Tochter zur Seite, alle drei hatten ihre Arbeit in Hannover. So lag der Gedanke nahe, dass wir den Töchtern nachziehen sollten, zumal uns nichts an Naumburg band und Hannover für die Söhne, wenn sie auf Urlaub kamen, noch bequemer lag.

So brauchte es nicht viel Überredungskunst, um uns zu bestimmen, unsere Wohnung am 1. Oktober zum 1. April 1916 zu kündigen und uns in Hannover nach einer Wohnung umzusehen. Wir hofften, in Kleefeld etwas zu finden, um Martha und Meta, die dort arbeiteten, etwas nahe zu sein. Lili wollte ihre Wohnung aufgeben und bei uns wohnen. Aber es fand sich dort nichts Passendes. Bald aber hatten die Töchter die Wohnung in der Wedekindstr. 7 nahe der Eilenriede und nahe dem Haus, in dem die ev. soz. Schule ihr Heim fand, ausfindig gemacht, und waren davon so überzeugt, dass Mutter am 6. November nach Hannover reiste. Sie wohnte bei Herrn Pastor Müller im Stephansstift, aufs Liebenswürdigste von den lieben Leuten aufgenommen. Sie hatte schöne Stunden bei Martha und Lili in deren Wohnungen, besuchte auch ihre alte Jugendfreundin, Frau Lehmann. Da ihr Urteil über die vorgeschlagene Wohnung gleich günstig wie das der Töchter war, so trug ich keine Bedenken, nach Mutters Rückkehr den Mietvertrag auf drei Jahre zu unterschreiben, und da die Wohnung leer stand und die Hausleute sie im Winter lieber bewohnt sahen, so entschlossen wir uns, schon bald nach Neujahr mitten im Winter den Umzug zu bewerkstelligen. So waren wir wieder auf der Wanderschaft. Oft hatte ich zum Friedhof in Naumburg hinübergeschaut und gedacht, da würde ich einmal meine letzte Ruhestätte finden, nun sollte es doch nicht sein. Ob sie nun in Hannover sein wird? Oder ob ich noch einmal den Wanderstab werde ergreifen müssen?

Mein Leben ist ein Pilgrimstand - wir haben hier keine bleibende Statt - das habe ich, wie meine Erinnerungen bezeugen, reichlich erfahren müssen - wenn's nur auch weiter heißt: "Ich reise nach dem Vaterland - die Zukünftige suchen wir."

An meinem Geburtstag war keins unserer Kinder bei uns. Maria und Käthe aber kamen, mit uns zu feiern, und auch Aug. Schmitz und Erich Petersilie, die alten treuen Freunde, fehlten nicht. Eine nachträgliche Geburtstagsfreude aber war es, dass am 27. November Kurt Leutnant geworden war. Am 2. Dezember rückte Bernhards kleiner Batteriefreund, Herr Schütte aus Bremen, der bei uns Hausfreund geworden war, aus. Seine Eltern waren zum Abschiednehmen gekommen und grüßten auch uns. Er hat uns später auch hier in Hannover aufgesucht, als er hier durchkam.

Dann kam vom 10. - 13. Dezember Erich am Ende seines Urlaubs von Bremen, und am 13. Dezember Fritz für einen Tag auf der Reise von Liegnitz nach Essen. Immer neue Freude, aber auch immer wieder neues, schmerzliches Abschiednehmen. Es war wohl das letzte Mal, dass die beiden Brüder einander sahen, für sie ein Abschied für's Leben.

Zum Weihnachtsfest war Lili 10 Tage bei uns, und auch Maria und ihre Mutter und Käthe kamen am 1. Festtage. In Frankreich aber feierten die 5 Brüder am 2. Festtage zusammen bei Erich in Harnes, gewiss seltene Freude, die wenigen unserer Feldgrauen zuteil geworden ist. Fritz aber, der acht Tage vor Weihnachten mit Frau und Kindern in Essen schon vorgefeiert hatte, musste vor dem Fest zur Front im Osten zurück, wurde aber unterwegs lange aufgehalten und feierte den Heiligen Abend auf dem öden Bahnhof in Eytkuhnen - sein letztes Weihnachtsfest auf Erden. Endlich vor Jahresschluss am 30. Dezember kamen noch Herr und Frau Pastor Wittschalk aus Sangerhausen, um Abschied von uns zu nehmen. Sie haben uns immer treue Freundschaft bewahrt, biedere liebe Menschen, auf die man sich verlassen kann.

So endete das schwere Jahr voll vieler Unruhe und Sorge. Wer aber ahnte beim Übergang ins neue, wieviel schwerere Jahre noch kommen sollten? Wir waren froh und dankbar, dass wir im Blick auf unsere 6 Söhne, im Blick auf alle unsere Kinder, auf uns selbst, sagen durften: "Bis hierher hat der Herr geholfen."

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04