1917


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Vergrößerung aus einer Amateurgruppenaufnahme, als der Autor schon sehr krank war. Von all seiner Lebendigkeit und seinen frohen Augen ist nicht mehr viel zu sehen

Im Folgenden werde ich nur die täglichen Begebenheiten chronologisch aneinander reihen. Es sind meist Kleinigkeiten, auf die ein Eingehen sich nicht lohnt, auch zu neu und allen bekannt, um viel darüber zu sagen.

3. Januar: Besuch von Frau von Platen, Mutters Cousine, durch die wir von Johannssens hörten, und am Abend Besuch von Frau Glimm mit ihrer Tochter.

Vom 13. - 15. Januar: Martha bei uns zur Erholung.

15. Januar: Abends bei Pastor Weniger, zum ersten Mal seit 1913, dass ich abends außer Haus im Kreise anderer war.

24. Januar: Frl. Merian besucht uns und seitdem öfter. Wir freuen uns, der ganz Verwaisten, die hier die Frauenschule besucht, bei uns etwas von Heimatgefühl zu verschaffen. Sie erweist in der Folge ihren Dank, indem sie mir in liebenswürdiger Weise Bücher aus der Kgl. Bibliothek besorgt. Da sie ganz ungeniert bei uns verkehrt, wird sie zu einer Bereicherung unseres stillen Kreises. Wie anders Frl. Grete Crome aus Nordstemmen, das fröhliche, dabei so tüchtige Ding, die bald Metas Kollegin als Kriegsfürsorgeschwester wird. Durch sie kommst später auch ihr Vater, Wingolfit und Rheinländer, in unser Haus. Die armen Leute haben auch ihren Ältesten verloren, und gleiches Leid führt bald die Herzen einander näher.

7. - 9. März: Erich und Ida auf der Reise von Bremen nach Kassel bei uns. Am 18. März geht Erich nach Frankreich zurück, am 21. März kommt Ida einen Tag auf der Rückreise nach Bremen.

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Sohn Erich 1917
 
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Frankreich 1917 (?)

Vom 1. - 14. April hat Lili Urlaub, ist wieder in Essingen bei Frl. Hofmann.

5. April, Gründonnerstag, bis 9. April ist Meta in Bremen bei Ida. Am Gründonnerstag war ich am Abend mit Mutter und Martha in der Markuskirche zum Hl. Abendmahl, eine sehr schöne Feier, Pastor Weniger sprach über Jes. 43, 24-25 sehr schön. Viele Abendmahlsgäste.

7. April, Sonnabend vor Ostern, kamen Bernhard und Käthe von Halle, er blieb bis zum 13. April bei uns.

Ostermontag, 19. 4., kam auch Maria von Halle und reiste mit Käthe am Montag nach Quasimodogen. zurück.

Am Sonnabend der Osterwoche kam auch Ria mit Diether und Klaus. Sie hatte sich entschlossen, die Knaben in das Landerziehungsheim nach Bischofsstein auf dem Eichsfeld zu geben, da sie des Geschäfts wegen sich zu wenig den Kindern widmen konnte. Nun brachte sie uns die Enkel auf der Reise nach Bischofsstein für zwei Tage, die armen vaterlosen Kinder. So hatten wir in der Osterzeit und besonders an dem Sonntag nach Ostern einen großen Kreis von Kindern und Enkeln um uns.

Mutter hatte schon lange am Hals eine Geschwulst, die uns ängstigte, weil wir nicht wussten, ob sie böser Natur sei oder nicht. Sie hatte schon Mitte Oktober 1915 Prof. Credel konsultiert, der wollte abwarten. Die Geschwulst nahm dann zeitweise ab, schwoll dann aber wieder stark an, so dass Mutter am 23. April auf Rat unseres Hausarztes Dr. Wahrendorf den Prof. Becker konsultierte. (Prof. Credel war inzwischen gestorben). Prof. Becker riet zu sofortiger Operation. So ging am Donnerstag, 26. April Mutter mit Meta in die Klinik des Prof. Becker. Die nicht schwere Operation wurde sofort gemacht, die Geschwulst herausgelöst. Zu meinem großen Erstaunen brachte Meta am Nachmittag Mutter ganz verbunden nach Hause zurück, noch sehr elend von der Narkose. So konnten wir sie zu Haus pflegen. Sie hatte ein paar böse schmerzhafte Tage, die Wunde heilte aber schnell und gut, und wir waren dankbar, dass wir weiter keine Sorge um diese Sache zu haben brauchten, da die Geschwulst einen durchaus gutartigen Charakter hatte. Am selben Tage kam die Nachricht von Hans Fritschs Gefangennahme am 16. 4.

Am 2. Mai überraschte uns plötzlich unser kleiner Naumburger Freund, Herr Schütte, der auf Urlaub bei seinen Eltern in Bremen war.

Am Sonntag, 6. Mai war die lange erwartete Beförderung von Hans zum Leutnant herausgekommen. Er freute sich dessen herzlich und feierte sie mit seinen Kameraden. Wir erfuhren am 11. die frohe Kunde, ahnten nicht, als ich ihm gratulierte, dass er schon zwei Tage lang in der kühlen Erde ruhte. Am Montag, 7. 5. war er früh mit seinem Burschen ausgeritten, um die Stellungen zu revidieren. Als er müde zurückkam, begab er sich in den Keller eines zerschossenen Hauses, wo auch die übrigen Herren seiner Batterie hausten, da es oben in den Häusern zu wenig sicher war. Er hatte sich kaum auf einen Stuhl gesetzt, da schlug eine Granate in das Nachbarhaus, fuhr bis in den Keller, durchschlug die Wand zum Nebenhaus, und ein Granatsplitter trag Hans am Kopf, so dass er gleich bewusstlos war. Er wurde sofort in ein Lazarett gebracht, hat noch bis zum Abend gelebt und ist dann entschlafen, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Am 9. Mai wurde er in Férin bei Donai auf dem Soldatenfriedhof bestattet. Er ruht in einem Einzelgrab, ein Kreuz bezeichnet die Stelle. Wir erfuhren die Trauerbotschaft erst durch Maria am 12. 5. War der Schmerz größer als bei Fritzens Tod? Wir haben unsere lieben Jungen alle mit gleicher Liebe im Herzen getragen,, sie alle haben uns mit ihrer ganzen Liebe reich und glücklich gemacht, aber jeder neue Verlust ist schwerer zu tragen als der frühere, zum alten Schmerz kommt der neue und beugt die Seele tiefer nieder. Und dazu der Schmerz um die arme vereinsamte Maria. Ria hat, Gott sei dank, ihre Kinder, für die sie leben kann, Maria ist das versagt, und das tragen wir mit ihr in herzlichem Mitleiden. Dazu kommt für uns die enttäuschte Hoffnung, die wir auf Hans gesetzt hatten. Er hatte ein eigenes Heim, war den jüngeren Geschwistern am nächsten, und nach seiner ganzen Eigenart durften wir hoffen, dass sein Haus mit der Zeit ein Mittelpunkt für den Geschwisterkreis werden würde. Das waren eitle Hoffnungen, menschliche, vielleicht törichte Gedanken, die Gott mit einem Schlag zunichte gemacht hat. "Dein Wille geschehe". Wir wollen es immer besser beten lernen, je größer die Verluste werden, je schwerer die Opfer, die von uns gefordert werden.

Wir erhielten auch nach Hansens Tod eine ungeheuer große Zahl von Zuschriften. Aus vielen wehte uns der warme Hauch der Liebe und Verehrung für den lieben Hans an. Als treuer Freund erwies sich auch jetzt wieder Erich Petersilie, der Hans in schwerer Zeit ein treuer Freund geworden. Er ist Maria mit Rat und Tat treu zur Seite gestanden, hat dem Freund auch einen warmen Nachruf in der Juninummer der Zeitung der Anwaltskammer im Oberlandesgerichtsbezirk Naumburg gewidmet, in der er als Anwalt lebendig vor uns tritt: "Persönlich in seinem Wesen, schlicht und einfach, herzlich und lauter, imVerkehr offen und von gewinnender Liebenswürdigkeit, hatte er bald in allen Kreisen der Bevölkerung festen Fuß gefasst und weithin Zutrauen gewonnen ... So gereichte er seinem Stande zur Ehre." Uns aber war er mehr, und seine allzeit rührende Liebe bleibt uns auch in der Erinnerung ein Schatz.

Pfingstmontag kam Maria auf einige Tage zu uns, da wir nicht zu ihr konnten. Leider war ich gerade in den Tagen wenig wohl und musste meist zu Bett liegen.

Bald danach, am 9. Juni, hatte Mutter wieder nach langer Pause einen schweren Ohnmachtsanfall, der zum Glück nach einigen Tagen völliger Ruhe wieder überwunden wurde. Sie bedurfte aber einer Zeit völliger Ruhe in frischer Luft. So ging sie im Juli, als Lili Urlaub hatte, mit ihr nach Todemann bei Rinteln, wo in einfachen ländlichen Verhältnissen die Verpflegung noch recht gut war. Beide kehrten Ende Juli (28. 7.) recht erholt zurück. In der Zeit fing ich auf Rat der Ärzte an, meinen Stumpf massieren zu lassen, und nach einigen Monaten oft sehr schmerzlicher Tortur kam ich doch soweit, dass ich meinen Stelzfuß wieder tragen konnte und dadurch etwas freier in meinen Bewegungen im Hause war.

In den Juli fällt auch Bernhards Hochzeit am 18. 7. Er hatte sich entschlossen zu heiraten, um dem langen Brautstand ein Ende zu machen. Leider konnte mit Rücksicht auf Mutter die Hochzeit nicht bei uns gefeiert werden. Ich war körperlich auch nicht in der Lage, die Kinder zu trauen. So mussten wir zu unserem großen Schmerz darauf verzichten, an dem Ehrentage den Kindern nahe zu sein. Doch konnten Martha, Meta und auch Willi, der Urlaub hatte, nach Halle fahren und an der den Zeitverhältnissen entsprechenden stillen Feier im Weberschen Hause teilnehmen. Am Tage nach der Hochzeit kamen Bernhard und Käthe mit den Geschwistern zu unserer großen Freude hierher, und am folgenden Tage gingen sie auf 6 Tage zu Mutter nach Todemann.

Als Mutter und Lili heimkehrten, kam auch Kurt auf 10 Tage auf Urlaub, so dass er auch noch die Geschwister hier traf.

In der zweiten Hälfte des Juli war Ida freundlicherweise zu mir gekommen, so dass wir am Sonntag, 29. Juli einmal wieder einen großen Kinderkreis um uns hatten. Am 1. August verließ uns Ida, um mit Erich in Detmold zusammenzutreffen. Sie waren dort fast 5 Wochen zusammen im Wald, Anfang September kamen sie auf einige Tage zu uns (6. - 10.). Leider aber waren Erichs Nerven wenig erholt, und so sah er sich gezwungen nach kurzem Aufenthalt in Bremen bei seinen Kindern sich krank zu melden, um eine noch gründlichere Erholung zu suchen.

Inzwischen hatten auch bei den Töchtern sich wichtige Änderungen vollzogen. Lilis Stellung an dem evang. sozial. Frauenseminar war durch die Anstellung einer akademisch gebildeten Leiterin unhaltbar geworden, und sie hat zum 1. Oktober ihre bisherige Stellung gekündigt. Was sie beginnen wird, ist noch ungewiss. Meta wurde eine Stelle als Gemeindepflegerin in Ganderkesee bei Delmenhorst im Oldenburgischen angeboten, und sie entschloss sich im August, die Stelle zum 1. November anzunehmen. So legte sie am 1. Oktober ihre bisherige, sehr aufreibende Arbeit als Kriegsfürsorgeschwester nieder und wird uns Ende Oktober verlassen. Und Martha hofft auf Frieden und dann Befreiung ihres Hans aus der Kriegsgefangenschaft, um dann bald zu heiraten. So sind für alle drei Töchter in nächster Zeit wichtige Änderungen zu erwarten, die möglicherweise auch für uns Alte neue Verhältnisse bringen können.

Nun habe ich aus der letzten Zeit fast nur von den Kindern berichtet, wenig von dem gesagt, was uns doch innerlich nun schon drei Jahre am meisten bewegt: dem Krieg. Und doch ist zuletzt alles Persönliche gering gegenüber dem, was für unser Volk und Vaterland auf dem Spiele steht. Was mich in dieser Kriegszeit immer wieder innerlich am meisten bewegte und erfüllte, das ist das unbedingte Zutrauen zu unserer Heeresverwaltung und unserem tapferen Heer und leider das Misstrauen gegen unsere Regierung und Diplomaten, von denen man fürchten muss, dass sie unter dem Einfluss der elenden Majorität des Reichstages alles verderben und preisgeben, was das Schwert unserer tapferen Soldaten errungen hat. Ob wir vor einem faulen Frieden wie 1815 bewahrt bleiben?

Endlich möchte ich auch noch ein Wort sagen über das, was in den letzten Jahren mich aus meiner Lektüre besonders angezogen und bereichert hat. Da nenne ich vor allem "Deutschland und der Weltkrieg", zwei Bände, in denen mich namentlich die Aufsätze von Oucken besonders anregten, aber auch andere Aufsätze lebhaft interessierten. Dann die Bücher von Steffen "Krieg und Kultur" und "Weltkrieg und Imperialismus" und R. Kjellen "Die Großmächte der Gegenwart" und "Die politischen Probleme des Weltkriegs" u.a.

Wenn ich jetzt unsere Lage überschaue, staune ich, wie wenig ich früher auf politischem Gebiet orientiert und urteilsfähig war, namentlich in Bezug auf England.

Daneben las ich allerlei Historisches aus früherer Zeit, so das Leben von Karl Schurz, das interessante Einblicke in die Zeit von 1848 tun lässt und im zweiten Band über nordamerikanische Verhältnisse in der Zeit der Kämpfe zwischen Nord- und Südstaaten gut orientiert.

Dann wieder das Leben von Karl Clausewitz, das Mutter mir größtenteils vorlas, und die Memoiren des Fürsten Clodwig Hohenlohe, überall interessant, namentlich in seinem Verhältnis zu Bismarck.

28. 9. 1917

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Letzte Ruhestätte von Fritz und Meta Höhndorf in Hannover

 

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04