
Aufhebung der Universität
Das unglückliche Jahr 1806 kam nunmehr heran. Obgleich der
Studentengeist sich für alles interessierte, was die Ruhe des
Vaterlandes bedrohte und man ganz von Patriotismus beseelt war, so
hatten doch viele von uns und unter diesen auch ich trübe
Ahnungen. In Berlin war zu dieser Zeit eine große Partei, die
Krieg mit Frankreich wollte und nur an Rossbach und Preußen
unter Friedrich dem Großen dachte. An der Spitze dieser
Partei war der Alcibiades seiner Zeit, der Prinz Louis Ferdinand,
und unter ihm die Gardeoffiziere, die den König aus seiner
friedlichen Stimmung zum Kriege reizen wollten. Sie wetzten ihre
Säbel vor dem Hotel des französischen Gesandten, sangen
überall Kriegslieder und glaubten, dass ihnen die Franzosen
nicht würden widerstehen können. Es gab aber auch viele
gutgesinnte Patrioten, die in dieses Kriegsgeschrei nicht
einstimmen wollten, vielmehr sich den trübsten Erwartungen
überließen. Sie glaubten, dass unser Heer, so
kriegsgeübt und ausgebildet es auch sei, dem Heere
Frankreichs, welches alle Teile der Welt siegreich durchzogen hatte
und dem die ganzen österreichischen und russischen Heere
hatten erliegen müssen, den Kampf nicht würde bestehen
können. Dazu kam, dass dem Kaiser Napoleon, diesem
großen Feldherrn, nur abgestumpfte Greise, wie der Herzog von
Braunschweig und der Feldmarschall von Mallendorf entgegengestellt
werden konnten. Dazu kam das Missverhältnis der
Streitkräfte Preußens gegen Frankreich und der Mangel an
Verbündeten, da sogar England durch die Besitznahme von
Hannover in Feindschaft mit Preußen war. Dieser Partei, die
die Zukunft nur mit banger Furcht erwartete, gehörte ich auch
an und konnte mich über das traurige Schicksal, welches dem
geliebten Vaterlande drohte, nicht beruhigen.
Doch ließ ich mich nicht in politische Diskussionen ein.
Ich trieb mein Leben in gewohnter Weise fort, besuchte meine
Kollegien, studierte nach Kräften und besuchte meine
gewöhnlichen Vergnügungsorte Passendorf und den Goldenen
Löwen, wo ich fortgesetzt mein Spiel trieb und auch in der
Regel nicht vom Glück verlassen wurde. Meinen juristischen
Kursus hatte ich bereits Ostern 1806 beendigt und ich hörte in
dem folgenden Semester noch ein praktisches Kollegium bei Voltair
und die Kirchengeschichte bei König.
In dieser Zeit beschäftigte ich mich häufig mit dem
Gedanken, wie ich es anfangen solle und die Mittel herbeischaffen
solle, um nach bestandenem Auskultator-Examen, welches ich in
Magdeburg machen wollte, die praktische Laufbahn betreten zu
können. Ich hatte den Plan, nach bestandenem Examen zu dem
bedeutenden Justizamte Giebichenstein zu gehen und mich hier weiter
vorzubereiten. Dann wollte ich nach dem Refrendariatsexamen die
Verwendung des Geheimrat Schmalz, der ein Schwager des schon damals
bedeutenden Generals Scharnhorst war, nachsuchen, um eine
Auditeurstelle zu erhalten. Es waren dieses jedoch anscheinend
Luftschlösser, und ich war wieder in das Abenteuer getrieben.
So verging auch das Sommersemester 1806 und als der Krieg mit
Frankreich im Oktober 1806 ausbrach und das Vaterland an den Rand
des Verderbens geriet, da ging auch ich zugrunde und wusste nicht,
was ich anfangen sollte. Die Ereignisse, die mich nun betrafen,
sind so merkwürdig, dass ich sie ebenfalls noch erzählen
will, um meinen Kindern nicht vorzuenthalten, was sich noch ferner
mit mir zutrug, und wie ich nach mancherlei Irrfahrten endlich nach
Harzburg kam, wo sich mein Schicksal zu entwickeln anfing und ich
in eine Laufbahn kam, die mein Schicksal endlich auf das
Freundlichste gestaltete.
Im Jahre 1806 erfolgte durch die von Minister Hangwitz nach der
Schlacht bei Austerlitz abgeschlossene Konvention die Abtretung
einiger fränkischer und westfälischer Besitzungen. Als
Gegenleistung wurde unserem König das Kurfürstentum
Hannover überwiesen. Dadurch machte sich Preußen, ohne
Frankreichs und Napoleons Freundschaft erworben zu haben, den
einzigen Bundesgenossen England zum wütendsten Feinde, und,
ohne einen einzigen Alliierten zu haben, rüstete es zum Kriege
mit Frankreich und dessen bisher unbesiegten Kaiser. Das Vertrauen
auf seine Armee, die nur ruhmvolle Erinnerungen an eine große
Vorzeit hatte, konnte nicht allgemein sein, da ihre ganze
Einrichtung schwerfällig war und zum großen Teil aus
angeworbenen Ausländern, größtenteils Vagabunden
und Lumpengesindel bestand, und Offiziere hatte, die bei
großem Selbstvertrauen und Dünkel fast aller
höheren Bildung entbehrten. Besonders die Gardeoffiziere in
Berlin verlangten Krieg, indem sie nicht zweifelten, Napoleon
allein zu besiegen. Auch der Prinz Louis Ferdinand, ein durchaus
wissenschaftlich gebildeter aber auch tollkühner Mann,
verlangte Krieg, suchte die Königin auch dafür zu
gewinnen und der König schwankend hatte nicht Energie genug,
sich mit Entschiedenheit zu bestimmen.
Wenn damals der König wie späterhin 1813 ein Aufgebot an
das Volk erlassen hätte, so würde das Resultat gewiss
höchst glänzend gewesen sein, und die Studenten
hätten sich wahrscheinlich alle erhoben. Allein ein solcher
Mut war nicht vorhanden und man fürchtete wahrscheinlich, dem
Volke zu viel in die Hand zu geben. Es wurde also die seit dem
vorigen Jahre noch mobilgehaltene Armee aufgeboten und nur noch
Thüringen und die Saale disponiert, so dass wir jetzt fast
stets Durchmärsche hatten. Der Krieg brach am 8. Oktober 1806
wirklich aus und hatte gleich im Anfang den Erfolg, dass der
General Tauentzien mit der Avantgarde bei Hof
zurückgedrängt wurde und dass der Kurfürst von
Hessen, dessen Truppen sich mit den preußischen vereinigen
sollten, ruhig und neutral bleiben wollte. Am 12. Oktober (
sonntags ) erfuhr man dieses und den Verlust der Alliierten bei
Saalfeld, bei welchen Prinz Louis Ferdinand selbst geblieben war.
Dieser unglückliche Anfang entmutigte übrigens die
Mehrzahl keineswegs, denn man vertröstete auf die bald zu
erwartende Hauptschlacht, in welcher die Franzosen gewiss
würden geschlagen werden. Ich hatte schon längst das
Vertrauen auf einen glücklichen Ausgang des Krieges
verloren.
Tags darauf am 13. Oktober vormittags entstand in Halle eine
furchtbare Unruhe, indem eine Menge versprengter Soldaten der
preußischen, besonders aber der sächsischen mit uns
verbündeten Armee, in die Stadt kamen und glauben machten,
dass die ganze französische Armee schon hinter ihnen
wäre. Alle Häuser und Läden wurden verschlossen, und
alles lief angstvoll untereinander. In dieser trostlosen Verwirrung
trat ein kleiner, unansehnlicher Schneider auf und redete den
Leuten Mut zu, indem er sagte: " Seid doch ruhig, diese Hunde haben
unseren König verraten, und es ist ja noch nichts verloren".
Dazu kam die Nachricht, dass der Herzog Eugen von Württemberg
noch gegen Abend mit der Reservearmee einpassieren und ein Lager
aufschlagen wolle.
Tags darauf am 14. Oktober hatte ich morgens noch ein Duell mit
einem unserer Landsmannschaft, dem ich einen Hieb in die Finger
anbrachte, und nach demselben ging ich auf die Hohe Brücke,
von wo man eine Kanonade nach der Gegend von Naumburg hörte
und nicht zweifeln konnte, dass eine Hauptschlacht geschlagen
würde. Da das heftige Feuer immer entfernter gehört
wurde, so nahm man an, dass die Franzosen zurückgeschlagen
würden. Die Hoffnung auf einen erfochtenen Sieg war allgemein
und auch ich gab mich derselben hin, erwartete jedoch, dass noch
diesen Abend Kuriere die Siegesnachricht in das Hauptquartier
unserer Reservearmee bringen und dem Herzog Eugen Marschorder
bringen müsste. Die Aufregung und der Jubel über den Sieg
waren groß, bei dieser Gelegenheit wurde ein seit kurzem in
Halle befindlicher Sprachmeister namens Renaud auf Verlangen des
ungestümen Publikums von der Polizei verhaftet, weil man ihn
für einen französischen Spion hielt. Er hatte an diesem
Tage, wo alles an Sieg glaubte, andere Meinung und sollte
geäußert haben, dass Napoleon ganz gewiss dem
Könige die Krone nehmen werde. Mit der größten
Sehnsucht und Unruhe erwartete ich Kuriere mit der Siegesnachricht,
als jedoch spät am Abend diese noch nicht erschienen waren,
verlor ich allen Mut, weinte und konnte meine Befürchtungen
nicht unterdrücken. Meine Bekannten wollten mich beruhigen,
allein ihr Gründe waren für mich nicht überzeugend.
An diesem Abend verwechselte ich auf dem Löwen noch vier
5-Thaler -Tresorscheine für 20 Thaler Courant, welches ich
bemerke, weil es eine höchst glückliche Sache für
mich war, indem zwei Tage darauf ich sie gar nicht hätte
versilbern können, da sie wertlos geworden waren.
Am folgenden Tage den 15. Oktober war die Stimmung in der Stadt
überall aufgeregt und um so ängstlicher, als sich
glaubhafte Nachrichten verbreiteten, dass die Franzosen in
Naumburg, Weißenfels und sogar in Leipzig eingerückt
wären, aber auch hierdurch wurden viele noch nicht
überzeugt, dass die Franzosen Sieger wären. Als ich am
Abend von Passendorf zurückkehrte und auf den Löwen kam,
riefen mir meine Bekannten zu:
" Nun du Ungläubiger, nun kannst Du Dich überzeugen, denn
die Kuriere sind angekommen " und zeigten mir dieselben, die an
einem Tische saßen und von Studenten umringt waren, denen sie
Wunderdinge erzählten. Ich begab mich sofort an den Tisch und
fragte sie aus, ob sie aus dem Hauptquartiere kämen, wo dieses
sei und ob sie das, was sie erzählten, selbst gesehen
hätten. Auf diese meine Anrede wurden sie verlegen und
gestanden, dass die allerdings das meiste, was sie erzählten,
nur unterwegs gehört hätten und nicht direkt aus dem
Hauptquartiere kämen. Ich wurde nunmehr noch mehr von dem
Unglück überzeugt, aber es war bereits eine Menge
Bürger und Studenten auf den Markt gegangen, verbreiteten die
Nachricht von dem ersten großen Siege und brachte Vivats.
Bisher war ich alle Tage schon früh ausgegangen, um
Neuigkeiten zu hören, und hatte des Morgens in dem Laden der
sogenannten Küchenprofessoren gefrühstückt und mir
damit häufig den Appetit für das Mittagessen verdorben.
Deshalb blieb ich am 17. Oktober freitags ruhig zu Hause und
studierte. Als ich bereits bis gegen Mittag bei meinen Büchern
ruhig zugebracht hatte, hörte ich auf einmal auf dem Hofe
meiner Wohnung laut und lebhaft reden. Ich fragte von meinem
Fenster aus und erhielt zur Antwort, dass die Franzosen in Anmarsch
wären und unsere Truppe angriffen. Ich kleidete mich nun (
morgens nach 11 Uhr ) an und begab mich auf die Moritzburg, von
welcher man alles beobachten konnte. Ich sah nun von der
Dölauer Heide herab die Franzosen gegen Passendorf
vorrücken. An der Hohen Brücke waren Kanonen
aufgepflanzt, aus welchen gegen die Franzosen geschossen wurde. Man
sah, dass die Kugeln in die Reihen der Franzosen einschlugen,
allein die Lücken wurden sofort ausgefüllt, und die
Franzosen drangen unaufhaltsam gegen die Hohe Brücke vor. Als
ich diese sah, hielt ich es für ratsam, mich
zurückzuziehen. Als ich auf den Markt kam, liefen bereits die
Menschen ganz verwirrt untereinander und suchten, sich in
Sicherheit zu bringen. Um in meine Wohnung auf dem großen
Schlamm zu gelangen, mußte ich durch die Klausstraße.
Von hier aber strömte die große Menschenmasse mir
entgegen, alles in vollem Laufen. Als Student wollte ich mich dem
angstvollen Laufen nicht anschließen und ging daher ruhig
über den Markt, allein als das Schießen von da immer
näher kam, begab ich mich auch ins Laufen und suchte einen
Zufluchtsort , welches aber deshalb schwer war, weil alle
Häuser sorgfältig verschlossen wurden. Endlich gelang es
mir, in einem Hause in der kleinen Steinstraße noch
einzuwischen, und begab mich in die Stube eines befreundeten
Studenten, wo sich schon mehrere Studenten befanden und von wo man
die eindringenden Franzosen über die große
Steinstraße aus dem Steintor die fliehenden Preußen
verfolgen sehen konnte. Einige von uns deliberierten, ob, wenn die
Franzosen bei uns eindringen und plündern wollten, es ratsam
wäre, sich gegen dieselben zu wehren und zu unserem Schutze
ein paar vorhandene Hieber zu benutzen. Der eine von uns, der in
Todesangst war und zitternd und bebend bat, nicht an dergleichen zu
denken, kroch vor aller Angst unter den Tisch. Ich ging einmal ans
Fenster, welches gegen Schüsse von der Straße aus ganz
sicher war, da vorstehende Steinmauern die Fenster sicher machten,
und nun bat der unter dem Tische liegende Feigling, um Gotteswillen
nicht an das Fenster zu gehen. Nach zwei Uhr war die Schlacht
vorbei, und da alles sicher schien, verließ ich mein Asyl und
begab mich ins Freie, um zu sehen und zu hören, wie alles sich
ereignet hatte. Als ich auf die Straße kam, war mein erster
Anblick ein preußischer Soldat, der an ein
gegenüberliegendes Haus, mit einer Wunde in der Brust, sich
angelehnt hatte und vor welchem ein Franzose mit einem
Fläschchen stand und ihm zuredete "Trink, Bruder !".
Erschüttert von diesem Anblicke ging ich vor das Steintor, wo
eine Menge Menschen und Franzosen dem äußeren Tore
zugingen. Ein Franzose stand hart am Tore und verlangte Oeffnung,
schlug auch mit dem Bajonett gegen die Tür. Ich war
töricht genug, stehenzubleiben. Der Franzose glaubte, ich
gehöre in das Haus, und verlangte, ich solle öffnen, und
drohte mir auch mit seinem Gewehre. Ich suchte ihn nunmehr mit dem
wenigen Französisch, was mir zu Gebote stand, zu bedeuten,
dass ich nicht der Wirt des Hauses, sondern Student sei. Darauf
fragte er mich, was ich denn hier wolle, und als ich ihm erwiderte,
dass ich das Schlachtfeld sehen wollte, hielt er mir eine
förmliche Strafpredigt. Ich solle nicht Greuelszenen
aufsuchen, da ein Soldat, dessen Berufes sei, dergleichen
verabscheue.
Der Mann hatte vollkommen recht, und ich entfernte mich, ging
die große Steinstraße herab und begab mich, da ich seit
gestern Abend nichts gegessen hatte, hungrig in meine Wohnung, um
mich durch Essen und Trinken zu erholen. Als ich aber in meine
Wohnung kam, konnte ich weder Brot noch andere Lebensmittel
erhalten, nur schwarzer Kaffee war zu haben. Ich ging nun hungrig
und ganz unglücklich auf den Löwen, aber auch hier war
nichts, und der Wirt Tramm sagte auf mein Bitten, dass er mir nicht
zu Essen geben könne, und wenn ich sein Bruder wäre. Er
bestätigte auch, dass in ganz Halle keine Lebensmittel zu
haben wären. Ich musste also an diesem Tag förmlich
fasten.
Die Unruhe in der Stadt war groß, und obgleich die
Franzosen nicht eigentlich plünderten, so wussten doch viele
derselben, sich fremdes Eigentum zu verschaffen. Am folgenden Tage,
dem 18. Oktober, ging ich hungrig und traurig vom Haus weg, traf
einen Freund, mit welchem ich wehmütig die Straße
durchschlenderte. Da sahen wir bei einem Bäcker in den neun
Häusern am Markt einen verschlossenen Bäckerladen sich
vorsichtig öffnen und aus demselben einer Frau ein Commissbrot
reichen. Wir gingen nun spornstreichs auf den Bäckerladen los,
der sich aber sofort wieder verschloss. Wir pochten an und um nicht
die Aufmerksamkeit der Straße auf sich zu ziehen,
öffnete sich ein Fenster und man fragte, was wir verlangten,
und da wir sagten, sie möchten uns auch ein Brot verkaufen und
sie es aus Angst verweigerten, drohten wir, dass wir nicht von der
Stelle gehen und nötigenfalls Lärm machen würden. So
reichte man uns ein Commissbrot, welches wir bezahlten und dann
nach Hause gingen, um es zu verzehren. Mir hat nicht leicht etwas
schöner geschmeckt.
Es kamen heute noch viel Franzosen, die zu dem Armeekorps des
Fürsten Bernadotte ( nachmaliger Kronprinz und späterer
König von Schweden) gehörten, dessen Division unter dem
General Dupont die Schlacht bei Halle geschlagen hatte. Noch eine
Begebenheit dieses Tages muss ich erzählen, da sie mir
unvergesslich geblieben ist.
Ich befand mich auf dem Löwen, um zu versuchen, ob ich
etwas zu essen bekommen könne. Auf einen quer durch die Stube
gehenden Tisch saßen eine Menge Franzosen und aßen und
tranken das Beste, was ihnen gewährt werden konnte. Als ich
den Wirt nochmals bat, mir Essen abzulassen, schlug er es mir
wieder, jedoch traurig, ab und sagte: " Sehen Sie doch nur, wie die
Kerls fressen ! ". Betrübt stand ich da und sah, wie Tramms
Schwester, eine Witwe Uhlig, beschäftigt war, Butterbrote zu
schmieren. Dieses war in einem kleinen Gemache neben der
Speisestube. Auf einmal wurde die Wirtin in die Küche gerufen.
Als sie fort war und niemand mich beobachtete, ging ich in das
Kabinet, nahm das noch vorhandene Ende eines schönen Brotes,
woran noch ein Klex Butter war, steckte es unter meinen Mantel und
entfernte mich mit einem Freunde, dem ich meinen Coup mitteilte.
Wir gingen auf meine Stube und verzehrten das herrliche Mahl. Als
ich des anderen Tages wieder auf den Löwen kam, sagte ich zu
Tramm: Sie haben mir kein Butterbrot verkaufen wollen, nun habe ich
Sie bestehlen müssen, und erzählte ihm, dass ich gestern
Butter und Brot entwendet hätte. Ich wollte es nun bezahlen,
allein er nahm es nicht an, und wir waren beide so ergriffen, dass
wir wie die Kinder weinten.
Als der Marschall Bernadotte nach Halle kam, ritt er sogleich,
ohne in sein Quartier sich zu begeben, zu den berühmten
Professoren Wolff und Eberhard, welche beide in der
Brüderstraße einander gegenüber wohnten, unterhielt
sich mit ihnen und nahm die Universität in seinen speziellen
Schutz. Diesen und den folgenden Tag, den 19. Oktober, kamen noch
immer Durchmärsche, auch die kaiserliche Garde. Napoleon
selbst kam und nahm seine Wohnung auf dem großen Berlin in
dem sonst Ochseschen Hause. Auch die Marschälle Berthier, le
Ferre und der Bruder des Kaisers, Prinz Jerome Napoleon (
nachmaliger König von Westfalen ) waren in Halle einpassiert.
Da man erfuhr, dass der Kaiser ausreiten wolle, so versammelten
sich eine große Menge Studenten, Bürger, kurz alles, was
sich mobil machen konnte, auf dem großen und kleinen Berlin
und in der Märkerstraße. Der Kaiser mit seinem Gefolge
von Marschällen, Generalen ritt nun in einem bläulichen
Ueberrock und dem historischen kleinen Hütchen durch die
Märkerstraße, wo ich auch Gelegenheit hatte, ihn ganz
genau zu betrachten. Es war übrigens eine Stille, die durch
keinen Beifallslaut unterbrochen wurde. Mit Schrecken denke ich
noch daran, wie ein hinter mir stehender Student ziemlich laut
sagte: "Ach hätte ich nur eine Büchse, wie wollte ich
Dich ! ". Ich drehte mich um und sagte ihm, er solle ruhig sein und
nicht sich und vielleicht uns alle unglücklich machen.
Das erste, was Napoleon in Halle tat, war, dass er die
Universität aufhob. Des edlen Bernadotte Schutz musste nun
natürlich weichen. Den folgenden Tag, Sonntag, den 19.
Oktober, war große Revue der Garde auf dem Markte, der wohl
nie so viele Soldaten gefasst hatte. In der Stadt wurde es nun zwar
nicht ruhiger, es wagten aber doch ein paar Speisewirte, ihren
Mittagstisch wieder zu öffnen. Am folgenden Tage, den 20.
Oktober, kam auf einmal der Befehl des Kaisers, dass alle Studenten
Halle verlassen und sich daher den folgenden Tag auf dem Rathause
Pässe holen sollten.
Die Nachricht wirkte wie ein Donnerschlag auf das
unglückliche Halle und erschütterte Bürger und
Studenten auf das Furchtbarste. Halle hatte damals wenigstens 2000
Studenten, durch welche jährlich wohl eine halbe Million
Thaler in Umlauf kamen und nunmehr der gewerblichen Tätigkeit
entzogen wurden. Alles lebte größtenteils auf Rechnung,
bis zu Anfang des Vierteljahres die Wechsel einpassierten und davon
die drückendsten Schulden getilgt wurden. Die Bürger,
welche ebenfalls auf Rechnung lebten, bezahlten, wenn ihnen seitens
der Studenten Zahlung geleistet wurde, ihre Gläubiger, und so
entstand ein welchselseitiges Schuldverhältnis, woran man sich
seit Jahren gewöhnt hatte. Jetzt war ein Teil der nahe
wohnenden Studenten wegen der stattfindenden Ferien abwesend und
der zurückgebliebene Teil hatte kein Geld, da die Wechsel erst
erwartet wurden. Hierdurch mussten nun die Bürger, die ihren
Gläubigern nicht gerecht werden konnten, zum großen Teil
in die peinlichste Verlegenheit geraten.
Bei dieser großen Not traten die beiden Professoren Frorup
und Schleiermacher zusammen und verschafften auf ihren Kredit eine
Summe von, ich glaube, 1200 oder 1500 Thalern, woraus Studenten,
die wegen ihrer unfreiwilligen Abreise, Geldmittel bedurften,
Vorschüsse zum notwendigen Reisebedarf erhielten. Diese edle
Handlung ist jedoch von manchen Seiten sehr missbräuchlich
gedeutet und geschmäht worden. Da ich im Besitz von etwa 20
Thalern war, die ich mir noch am Tage vor der Schlacht für
vier, fünf thälerige Tresorscheine verschafft hatte, so
wendete ich mich nicht an die wohltätigen Spender.
Ganz unglücklich war die Lage des Vaterlandes. Der
preußische Staat, welcher durch glorreiche Regierungen sich
zu einer großen Höhe der Macht emporgeschwungen hatte
und durch Toleranz und Beförderung der Zivilisation so
ausgezeichnet war, stand jetzt am Rande des Abgrunds und war in
Gefahr, ganz zertrümmert zu werden. Die schmähliche
Abgabe der Festungen Magdeburg, Stettin, Cüstrin, Glogau sowie
die Kapitulation des Fürsten Hohenlohe, die Zertrümmerung
der Blücherschen Heeresabteilung in Lübeck nahm dem
Staate alle Mittel des Widerstandes. Dazu die Insurektion in dem
preußischen Polen, die Eroberung Schlesiens ließen von
der herrlichen Monarchie Preußen nur noch die Provinzen Ost-
und Westpreußen und einen Teil Pommerns übrig, und die
Hilfe der Russen konnte das Verderben des Staates nicht aufhalten.
Der unglückliche Frieden von Tilsit rettete zwar etwa die
Hälfte des Staates, aber die ihm gebliebenen Hilfsmittel waren
so gering, dass es bei einem neuen Unfalle ganz zu Grunde gehen
musste.
Was soll ich unter diesen Umständen nunmehr von meiner Lage
und meinem eigenen unglücklichen Geschick sagen ? Ohne Eltern
und Verwandte, ohne alles Vermögen, ohne Kenntnisse, die ich
zu meinem Fortkommen benutzen konnte, war ich am Rande des
Abgrundes. O, meine Kinder, denkt Euch die Lage Eures
unglücklichen Vaters und danket Gott, der Euch durch langes
Leben der Eltern und sorgfältige Erziehung vor einem solchen
Unglück bewahrt hat. Halle musste ich jetzt sofort verlassen,
und wenn die wenigen Gelder, welche ich besaß, ausgegeben
waren, war ich in Gefahr, als Bettler und Vagabund mein Leben zu
beschließen.
Einen Plan konnte ich unter diesen Umständen nicht
fassen.
Am folgenden Tag begab ich mich mit den Hunderten von Studenten,
welche noch hier waren, auf das Rathaus, wo wir Pässe zur
Rückkehr in unser Vaterland erhielten, die von dem General
Menard unterzeichnet waren. Ein Bekannter von mir, Boettcher aus
Warschau, erbot sich, mich mit nach Warschau zu nehmen, wo sein
Bruder Direktor des Stadtgerichts war, wo ich vorläufig meine
juristische Carriere beginnen und bessere Zeiten abwarten
könnte. Dieses Erbieten nahm ich an, aber wie ich es mit
meinen so geringen Mitteln durchführen könnte, war mir
nicht klar. Ich vereinigte mich nunmehr mit Boettcher und folgenden
anderen Kommilitonen: Riemann, Guderian, Mittelstedt aus Posen,
Zeltwerk aus Colberg und Wolf aus Filehne in Westpreußen, und
unser Plan war, vorläufig miteinander nach Frankfurt a. O. zu
gehen, die Tour auch fast ausschließlich zu Fuß zu
machen. Sachsen hatte sich damals schon von der Allianz mit
Preußen losgesagt und sich für neutral erklärt,
dieses auch an der Grenze durch Pfähle mit der Inschrift:"
Saxe electorale pays neutre" bemerklich gemacht.
Wir beschlossen daher, durch Sachsen unsere Tour anzutreten, da
wir hier am sichersten zu sein glaubten. Wir gingen den ersten Tag
(Dienstag, dem 21. Oktober) noch bis Delitzsch. Ich erinnere mich
noch, als wir an diesem Tage das erste Dorf Reideburg betraten, wie
glücklich wir waren, als wir statt des bisherigen
Commiss-Brotes schönes Roggenbrot erhielten. Den folgenden Tag
gingen wir noch bis Eilenburg, wo wir zu Mittag aßen, und
dann über Mukrehne nach Torgau, wo wir abends ganz
durchnässt ankamen und zu Nacht blieben. Den 23. Oktober
gingen wir nach Herzberg, wo wir auf dem Keller zu Mittag
aßen und dann mit Extrapost noch nach Hohenbuco fuhren. Tags
darauf gingen wir nach Lübben und am 25. Oktober nach
Lieberode, von wo wir nach Guben mit Extrapost fuhren. Am folgenden
Tage blieben wir in Guben und reisten am 27. Oktober mit Extrapost
nach Kloster Zelle und von da nach Frankfurt a. O. Hier waren
bereits Franzosen eingerückt und wollten über die Oder
nach Posen und Warschau gehen, wodurch mein vorläufiger Plan
vereitelt wurde und ich also einen anderen Entschluss fassen
musste. Ich nahm mir nun vor, nach Amerika zu gehen und deshalb die
Richtung nach Hamburg zu nehmen. Vorderhand wollte ich meinen Weg
wieder durch das neutrale Sachsen nehmen und über Dresden
durch Thüringen nach Erfurt und von da nach Goslar gehen, wo
ich Geld zu erheben hoffte, welches ich von Halle aus bei einigen
Kommilitonen stehen hatte. In Erfurt hatte ich
eine Forderung an einen Landsmann Bader, für den ich bei
seiner Abreise zu den Ferien meine silberne Uhr versetzt hatte. Da
ich mich jetzt nun von meinen Reisegefährten trennen musste,
und mein Geld, welches ich von Halle mitgenommen hatte, sehr
zusammengeschmolzen war, so wandte ich mich an einen meiner
Reisegefährten Wolf aus Filehne, der am Tage vor der Abreise
von Halle im Spiele über 200 Thaler gewonnen hatte, und bat
ihn, mir ein Darlehen zu geben, wobei ich ihm versprach, ehrlich zu
bezahlen, wenn ich dazu in den Stand kommen würde, ihm jedoch
nicht verhehlte, dass wir uns vielleicht nie wiedersehen
würden. Wolf war jedoch so freundlich, mir ( ich glaube)15
Thaler zu geben, wodurch ich wieder neuen Mut bekam.
Interessant ist es übrigens mit der Wiederbezahlung
gewesen, und ich will es hier erzählen.
Als ich im Jahre 1808 eine Anstellung und dadurch Geldmittel bekam,
war mein Bestreben, dieses Darlehen zu erstatten, und ich gab mir
alle Mühe, Wolfs Aufenthalt zu erfahren. Ich wandte mich sogar
an einen Halleschen Bürger namens Herrmann, dem Wolf noch Geld
schuldig war, und sagte ihm, ich wolle ihm die 15 Thaler zahlen,
sobald er mir eine Anweisung von Wolf verschaffte. Aber auch dieser
war ohne Erfolg, und ich konnte das Geld nicht loswerden. So blieb
es bis zum Ende des Jahres 1813. Als nach der Schlacht von Leipzig
das Freikorps des Major von Hellwig nach Halberstadt kam und es
für Preußen in Besitz nahm, stand ich mit meiner Frau
und anderen Damen auf dem Balkon der Apotheke meines
Schwiegervaters in Westendorf, wo die Truppen vorbeipassieren
mussten. Der Jubel über die Ankunft unserer Befreier war
groß. Als wir uns über die vorbeireitenden Truppen
unterhielten, erscholl auf einmal eine Stimme unter den
Vorbeireitenden: "Guten Tag, Holtze!" Da nun aber unter dem Corps
gewiss manche Freiwillige waren, die mir bekannt waren, so begab
ich mich herunter auf die Straße und ging an dem Zug
herunter, wo ich bald von einem der Husaren angeredet wurde und zu
meiner Freude und Ueberraschung den so sehnlich gesuchten Wolf
traf. Da das Hellwigsche Corps mehrere Wochen in Halberstadt lag,
so kam ich täglich mit Wolf zusammen und freute mich, zugleich
die Ehrenschuld an ihn abtragen zu können. Leider kam Wolf
nicht wieder zurück, indem er bei einer Affäre zu
Coustrai in Belgien durch die Kugel eines Franzosen den Tod
fand.
Doch nun weiter in meiner Reise. Die Nacht, welche ich in Frankfurt
zubrachte, war sehr unruhig. Die Franzosen waren eingerückt,
die Oderbrücke war abgetragen, und an dem rechten Ufer waren
preußische Truppen von den Schwarzen Husaren. Man munkelte,
dass die Preußen in der Nacht einen Ueberfall machen und die
Franzosen aufheben wollten. Als ich in der Nacht aufwachte,
hörte ich einen großen Lärm, Fahren, Laufen,
Schreien, Sturmläuten und glaubte schon, dass der Ueberfall
erfolgt sei. Es ergab sich aber, dass in einem Dorfe bei Frankfurt
ein großes Feuer aufgekommen sei, wodurch die Beunruhigung
entstanden war. Des anderen Tages trat ich nunmehr meine einsame
Reise an, ging über die von den Preußen abgetragene, von
den Franzosen aber beinahe ganz wieder hergestellte Oderbrücke
auf das rechte Ufer des Flusses und
kam an diesem Tage (28. Oktober) nach Ziebingen, fünf Meilen
von Frankfurt, wo ich die Nacht blieb. Früh fünf Uhr, den
29. Oktober, fuhr ich mit einer zurückkehrenden Extrapost nach
Crossen, wo ebenfalls die Oderbrücke abgetragen war, und
aß hier zu Mittag und ging darauf nach Bobersberg und von da
nach Gemsdorf, wo ich die Nacht in einer elenden, unterirdischen
Kneipe bleiben musste. Den 30. Oktober ging ich früh sieben
Uhr weiter nach Forst und Tags darauf über Spremberg nach
Hoyerswerda, wo ich bei einem Wirte namens Krüger
einkehrte.
Unterwegs hatte sich mir ein Advokat aus Dresden zugesellt, der
mir seine Gesellschaft bis Dresden anbot, welche ich gerne annahm.
Er schien mir übrigens ein Schnapsbruder zu sein, und ich
zweifelte, ob er wirklich ein sächsischer Advokat sei. Der
Wirt, ein freundlicher Mann, dem ich auf Befragen erzählte,
dass ich zu den Halleschen Studenten gehöre, die Napoleon
weggejagt habe, und dass ich jetzt auf der Rückreise in meine
Heimat wäre, bezeigte mir große Teilnahme. Er versprach
uns für die Nacht gute Betten und ließ Abendbrot
bereiten. Als wir mit dem Essen beschäftigt waren, hörten
wir im Hause viel Lärmen, Rufen und Pferdegetrappel und
erfuhren, dass soeben bayrische Truppen in Hoyerswerda
eingerückt wären und auch unser Wirt bedeutende
Einquartierung bekommen habe. Der Wirt kündigte uns nun an,
dass er uns die versprochenen Betten nicht geben könne, er uns
aber eine bequeme Streu wolle bereiten lassen. Ich
äußerte dem Wirte meine Zufriedenheit, allein der
Advokat wurde grob, verlangte die versprochenen Betten und drohte
mit einer Klage. Ich erhielt nun von dem freundlichen Wirt eine
bequeme Streu mit Unterbett, Deckbett und Kopfkissen, und der
Advokat musste sich mit der bloßen Streu begnügen. Als
ich des anderen Tages (1. Nov.) aufbrach und nach dem Betrage der
Zeche fragte, wollte der Wirt von mir nichts annehmen, indem er
sagte, er habe einen Sohn auf der Schule und könne es sich
nicht unglücklich genug denken, wenn dieser einmal in eine
ähnliche Lage kommen sollte. Dabei erfuhr ich, dass diesem
edlen Manne kurz vorher seine ganze Ernte abgebrannt war.
Ich setzte nun mit meinem versoffenen Advokaten die Reise fort.
Wir gingen von hier bis Camenz (Lessings Geburtsort) und von da
nach Radeberg, wo wir ein gutes Nachtquartier fanden. Ueberall
fanden wir bayrische Truppen, besonders Artillerie. Am 2. November
gingen wir morgens um 9 Uhr weiter und kamen gegen 12 Uhr in
Dresden an, wo mein Advokat sich von mir trennte, nachdem er mich
in ein Wirtshaus vor der Stadt gebracht hatte. Da hier aber lauter
Fuhrleute und Soldaten waren, so begab ich mich, nachdem ich etwas
gegessen hatte, in die Stadt, und nachdem ich in mehreren
Gasthäusern wegen Ueberfüllung zurückgewiesen
worden, erhielt ich ein Unterkommen im goldnen Hirsch, wo ich eine
eigne Stube, gutes Essen und ein schönes Bett bekam,
wofür ich Tags darauf nur 1 Thlr. 1 gg zu bezahlen hatte.
Meine Tour hatte ich nach Dresden deshalb gerichtet, weil ich einen
Versuch machen wollte, bei dem preußischen Gesandten daselbst
um eine Stelle in dessen Büro nachzusuchen. Allein da die
Sachsen sich bereits mit Napoleon verbündet hatten und an dem
Kriege gegen Preußen teilnahmen, deshalb auch der
preußische Gesandte Dresden bereits verlassen hatte, sah ich
mich wieder getäuscht. Ich beschloss, nunmehr den Weg nach
Erfurt zu nehmen, ging am 3. November nach Etsdorf, wo ich ein
ziemlich gutes Nachtlager fand, tags darauf nach Frohburg, wo ich
die Nacht zubrachte. Den 5. November ging ich morgens 7 Uhr
über Meusewitz nach Zeitz und von da nach Eisenberg. Dieser
Weg wurde mir sehr sauer, da ich immer über hohe Berge und
unter beständigem Nebel auf glitschrigen Fußsteigen
gehen musste. Ich fand ein gutes Nachtquartier, und die Wirtin,
welche auch durch mein Schicksal gerührt war, rief mich, als
ich am folgenden Morgen schon das Haus verlassen hatte,
zurück, um mir ein Stück frischgebackenen Pfannkuchen mit
auf den Weg zu geben, der mir delikat schmeckte. Obgleich das
Wetter durch Nebel und Regen sich verschlechtert hatte und der Weg
sehr beschwerlich war, so begab ich mich am 6. November wieder auf
den Weg und traf mit einem schwer hörenden Tuchmachermeister
zusammen, der mich mit Sachen aus der Alchemie unterhielt, von der
er große Kenntnis zu haben vorgab, und sich rühmte, im
Besitz einer Universalarzenei zu sein. Er erzählte mir, dass
er einst mit einem aus Jena relegierten Studenten gereist sei, der
keinen Pfennig Geld gehabt habe, und mit dem er nach Kurland
gewandert sei. Diesen Studenten nahm ich mir zum Muster und
beschloss nun, entweder nach Lübeck und von da nach Russland
oder nach Hamburg und von da nach Amerika zu gehen. Ich kam
nachmittags um 3 Uhr in Jena an, wo ich in der Sonne einkehrte. Am
7. November ging ich fort nach Weimar, wo ich zu Mittag aß,
und von da nach Erfurt, wo ich abends um 5 Uhr ankam und im
schwarzen Adler einkehrte. Hier erfuhren meine Freunde aus Halle
meine Ankunft, und mehrere derselben, unter anderem Bader, Spoenla,
besuchten mich und gaben mir, was ich sehr nötig hatte, ein
Hemd und ein Paar Strümpfe. Dagegen werde ich von Bader, der
mir über 20 Thlr. schuldig ist, nichts zu erwarten haben, da
Erfurt durch die französischen Truppen sehr gedrückt ist
und Baders Vater nicht imstande ist, mir die Schuld seines Sohnes
zu zahlen. Nach Tische ging ich mit Spoenla in der Stadt spazieren.
Den folgenden Tag wollte ich wieder weiter reisen, blieb aber noch
da, weil mir Spoenla Aussicht eröffnete auf eine Stelle bei
dem ehemaligen Minister v. Sohm (ehemaligen Preußischen
Abgesandten bei den Friedensverhandlungen in Rastatt, wo damals die
Ermordung der franz. Gesandten erfolgte), der jetzt Chef von dem
Erfurt-Eichsfeldschen-Hohensteinschen Lande war. Dessen
Schwiegersohn Gronau, mein ältester Schul- und
Universitätsfreund, war bei ihm beschäftigt, und bei ihm
brachte ich ein schriftliches Gesuch mit Schilderung meiner Lage
an. Er kam selbst zu mir, schilderte mir aber die Verhältnisse
so ungünstig, dass ich Verzicht leisten musste. Mittags
aß ich bei Heinemann, gleichfalls einem
Universitätsfreund, und beschloss nun, am folgenden Tage
weiterzureisen. Den 10. Nov. blieb ich noch in Erfurt, aber am 11.
nahm ich den Wanderstab, bezahlte meine Zeche im Adler mit 2 1/2
Thlr. und schlug meine Tour nach Goslar zu, wo ich
Universitätsfreunde, Siemens und Schlüter, hatte. Spoenla
gab mir 3 Thlr., die er mühsam zusammengebracht hatte. Bader
aber vertröstete mich auf bessere Zeiten. Beide sind jetzt
tot.
Ich ging an diesem Tage noch über Hasleben bis zu einem
Dorfe Kirchcagel, wo ich mein Nachtquartier nahm. Ich traf es
unglücklich, in der Gaststube war Kirmesfeier, wo bei
rauschender, unreiner Musik getanzt wurde und die Bauern in
großer Menge Grobhans spielten. Ein Bette konnte ich nicht
bekommen, und man machte mir in einer dumpfen Kammer, wo Kartoffel-
und Äpfelvorräte aufgehäuft waren, eine Streu, wo
ich es aber vor üblen Gerüchen nicht aushalten konnte.
Ich stand daher wieder auf, ging in die lärmvolle Wirtsstube
zurück, bückte mich auf die Tischecke, konnte aber nicht
schlafen und war am folgenden Morgen wie gerädert. Ich ging
nun am 12. Nov. über Sondershausen und Nordhausen nach
Ellrich. In Nordhausen besuchte ich auch einen
Universitätsfreund namens Degen, der in Halle Jura studiert,
jedoch Branntweinbrenner geworden war. Dieser nahm mich freundlich
auf, und ich blieb einige Stunden bei ihm. In Ellrich kehrte ich in
einem Gasthof " Die Hölle " ein, wo es trotz des ominösen
Namens ganz erträglich war.
Als ich bei einem ruhigen Abendbrot saß, sprach ein Mann
von der Straße aus mit dem Wirt, und dieser erzählte
ihm, dass er einen Gast, und zwar einen aus Halle vertriebenen
Studenten habe. Der Fremde von der Straße aus schwang sich an
das Fenster und mich erblickend rief er freudig: " Guten Abend
Holtze !" Er kam sogleich in die Stube, und als er mein Schicksal
und Vorhaben teilnehmend gehört hatte, drang er darauf, mit
ihm zu seinen Eltern zu gehen. Es war mein alter
Universitätsfreund Wedler, dessen Vater hier in Ellrich
Stadtsekretär war. Da ich morgen weiterreisen wollte und
überhaupt nicht anständig genug gekleidet war, so lehnte
ich sein freundliches Anerbieten ab und nahm Abschied von ihm. Am
anderen Morgen aber, als ich abreisen wollte, regnete es was vom
Himmel herunter wollte. Nun kam Wedler sogleich und rief mit
Freuden: " Nun kannst Du doch nicht reisen, komm mit mir, meine
Eltern erwarten Dich und lassen Dich freundlichst bitten, mit mir
zu kommen ".Da es mir unmöglich war, weiter zu reisen, nahm
ich nunmehr das Anerbieten an und ging nach bezahlter Zeche mit
Wedler zu dessen Eltern, wo ich herzlich empfangen wurde. Wedlers
Eltern waren sehr freundliche, gemütliche Leute und schienen
wohlhabend zu sein.
In Ellrich befand sich damals für die Preußische
Grafschaft Hohenstein eine von der Regierung in Halberstadt
rekrutierende Deputation, bei welcher sich einige meiner alten
Schul- und Universitätsfreunde befanden, namentlich ein Aktuar
Wenzel und ein Referendar Matern, mit welchem letzteren ich in
Halle einige Zeit in einem Hause gewohnt hatte. Da es unausgesetzt
fortregnete, so blieb ich vom 13. bis 16. November bei Wedlers und
erlebte hier vergnügte Tage. Alle Abend ging ich in das
dortige Kaffee- und Billardhaus, wo alle Abend Gesellschaft war und
besonders Whist gespielt wurde. Ich gewann hier über einen
Laubthaler, welches mir sehr zustatten kam. Unter den Besuchern
dieser Gesellschaft erinnere ich mich noch eines Apothekers
Eichholz und eines Postsekretärs Stock. Letzterer war sehr
witzig und amüsierte sich besonders dadurch, dass er die
Ellricher echt preußischen Patrioten ärgerte, indem er
den Kaiser Napoleon beständig lobte. Ich wurde in den wenigen
Tagen meines Aufenthaltes bald bekannt, und ich verbrachte sehr
vergnügte Tage.
Da der Regen aufgehört hatte und das Wetter sich wieder
aufklärte, verließ ich meine freundlichen Wirtsleute und
setzte den 17. November meine Reise nach Goslar fort. Wedler
begleitete mich bis Walkenried, von wo ich über Scharzfeld und
Osterode nach Goslar gehen wollte. In Walkenried traf ich wieder
einen Universitätsfreund Hinze, der mir riet, nicht über
Scharzfeld, sondern lieber über den Harz zu gehen. Er
begleitete mich bis Wiede, einem Harzdorfe, wo ich mir einen
Wegweiser nahm, der mich soweit brachte, dass ich den Weg nach
Braunlage nicht verfehlen konnte. Hier trank ich Kaffee und ging
dann über Königskrug nach Oderbrück, einer im Harz
allein liegenden Schenke, wo ich ein ziemlich gutes Nachtquartier
fand. Hier kam ich mit zwei Dragonern vom Regiment Wobser zusammen
und mit welchen ich tags darauf weiter ging über den
Borkenkrug nach Harzburg, wo sich der eine Dragoner trennte und ich
mit dem anderen allein nach Goslar ging, wo ich um zwölf Uhr
ankam. Ich kehrte auf dem Markt in der Woorth bei Wolters ein,
ließ meinen Universitätsfreund Schlüter rufen,
dessen Vater eine Stelle bei dem Stadtgericht in Goslar bekleidete.
Er freute sich sehr und nahm mich mit nach seinem Hause, wo ich
Kaffee trank und Abendbrot aß. Den Abend besuchte ich noch
Siemens, dessen Vater hier Kriegsrat ist, wo ich nun die Nacht
blieb.
Schlüter machte mir den Vorschlag, eine Hauslehrerstelle
bei seinem Verwandten, einem Apotheker Röhl in Harzburg
anzunehmen. Er stellte mir vor, dass, wenn ich mein Vorhaben, nach
Amerika auszuwandern, noch ausführen wollte, jetzt jedenfalls
die Jahreszeit ungünstig sei, und ich solle daher den Winter
über besonders englische Sprache treiben, ohne die ich ja
überhaupt in Amerika nicht fortkommen könnte. Der
Vorschlag gefiel mir und ich beschloss, mit Schlüter morgen
nach Harzburg zu gehen und die Sache mit Herrn Röhl zu
bereden. Ich begab mich den folgenden Tag mit Schlüter nach
Harzburg, wo ich mit dem Apotheker Röhl alles richtig machte
und die Hauslehrerstelle übernahm und den folgenden Tag
einzutreten beschloss.
Jetzt trat ein neuer Wendepunkt in meinem Leben ein, die
Universitätszeit war beendigt und vorderhand hatte ich einen
ruhigen Sitz. Die Hand Gottes leitete mich und ließ mich
nicht ganz zugrunde gehen. Bei allen Kreuz- und Querzügen des
Lebens kam mir meine Seelenruhe zustatten, die mich aufrecht
erhielt, denn ein heftiger und leidenschaftlicher Charakter
hätte es nicht ertragen, so oft vom Schicksal auf die Probe
gestellt zu werden.
Zum Voraus kann ich jetzt sagen, dass ich in Harzburg bis zum
Anfang des Jahres 1808 blieb, daselbst mir eine Frau erwarb, die
mein Leben bisher beglückt hat. Während meines
Aufenthaltes in Harzburg führte ich bis zum August 1807 ein
Tagebuch, welches ich noch besitze. Da dasselbe aber bereits fast
fünfzig Jahre alt und kaum noch lesbar ist, so will ich es
doch meinen Kindern hinterlassen und nochmals und zwar so wie ich
es niederschrieb, abschreiben, obgleich es mitunter sehr naiv und
veraltet lautet. Meine Kinder werden es daher mit aller
Rücksicht lesen und ihren Vater so beurteilen, wie es damals
sein Alter und seine immer noch ungewisse Lage ihm eingaben.
Hiermit will ich aber einen neuen Abschnitt beginnen, vielleicht
auch noch einige Bemerkungen beifügen, die mir aus dieser Zeit
noch einfallen.

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