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Meine Erziehung im elterlichen Hause


Meine frühesten Kinderjahre fielen noch in die Regierungszeit Friedrich des Großen. Dieser von älteren und neueren Gegnern als ungläubig verschrieene Mann hatte jedoch durch die allen Untertanen gewährte Duldung besonders unter den mittleren und unteren Volksschichten einen religiösen Sinn in allen verschiedenen Religionsseiten hervorgerufen, der zugleich ein friedliches Zusammenleben bewirkte und jede Verfolgung unmöglich machte. In den Elementarschulen wurde hauptsächlich, besonders bei den Protestanten, Kunde der Bibel und des Katechismus sowie notdürftiges Schreiben und Rechnen gelehrt und dahin gesehen, dass die Kinder einen Schatz von Bibelsprüchen und christlichen Liedern aus dem Gesangbuche mit in ihr künftiges Berufsleben brachten. Daher kam es, dass man besonders des Morgens früh in vielen Bürgerhäusern geistliche Lieder singen ließ und auch wohl in jeder Familie den Morgen und Abend zusammen gebetet und auch das Mittagessen mit Gebet vor und nachher gewissermaßen eingesegnet wurde. Des Sonntags wurde nach dem Mittagessen aus der Bibel oder einer Postille, worin die Evangelien und Episteln erbaulich auseinandergesetzt waren, der Familie vorgelesen. Auch bei Unglücksfällen fand man im Gebet Trost, selbst wenn schwere Gewitter am Himmel standen, hörte man in den Häusern Bußlieder singen oder nahm die Bibel oder Gesangbuch zur Hand. Der Gottesdienst an Sonn- und Festtagen wurde regelmäßig geübt, und man hielt darauf, dass von der Familie so viele wie möglich die Kirche besuchten. Halberstadt hatte damals sieben lutherische, eine deutsch-reformierte und eine französisch-reformierte Kirche und vier Nonnen- und drei Mönchsklöster ( Augustiner-, Dominikaner- und Franziskaner-Kloster). In der Kirche des Franziskaner-Klosters, wo man stets gute Kanzelredner hielt, wurden in der Fastenzeit alle Freitage sogenannte Fastenpredigten gehalten, bei denen die Kirche oft zum Erdrücken voll war. Die Protestanten besuchten diese Fastenpredigten sehr zahlreich, und zwar nicht aus Neugier, sondern um sich zu erbauen, da auch zelotische Ausfälle auf Fremdgläubiges nie vorkamen.
Auch andere Festlichkeiten der katholischen Kirche, z. B. Prozessionen im Kreuzgang der Kirche, Einweihung von Nonnen, die Grablegung Jesu am Charfreitage wurden von Protestanten fleißig besucht, und nie kamen Exzesse vor, vielmehr herrschte der größte Anstand. Eine Hauptfeier im ganzen Jahr war die Christnacht. Die ganze Nacht wurde, da namentlich in den Klöstern der Gottesdienst zu verschiedenen Zeiten war und durch Glockenläuten verkündigt wurde, aus einer Kirche in die andere gegangen, die Zwischenzeit aber in Tabagieen zugebracht, um sich durch geistige Getränke zu erwärmen. Morgens um 6 Uhr ging man sodann in die Martinikirche. Der dann gehaltene Frühgottesdienst war höchst feierlich und erhaben. Die Kirche war gewöhnlich gedrückt voll, jeder Besucher hatte einen Wachsstock mitgebracht und vor sich brennend aufgestellt, so dass die ganze Kirche ein Flammenmeer war. Dazu kam, dass der Gesang mit dem vollen Orgelwerk stattfand und zur Ergötzlichkeit auch Register aufgezogen wurden, die sonst in der Regel nicht angewandt wurden, z. B. ein krähender Hahn, der Stern u.a.. Nach beendigtem Gottesdienst ging alles fröhlich zu Hause, wo in den Bürgerhäusern eine Honigkuchen kalte Schale ( bestehend aus Honigkuchen und Branntwein ) genossen wurde. Auch in meinem Elternhause wurde dieses Frühstück ( der Branntwein wahrscheinlich mit viel Wasser verdünnt ) genossen, sonst erinnere ich mich nicht, dass bei uns je Branntwein getrunken wurde. In diese Zeit fiel meine Kindheit.

Meine eigentliche Erziehung lag in den Händen meiner Mutter. Diese suchte mich zur Gottesfurcht und Vermeidung alles Bösen zu erziehen. Wenn sie mich des morgens aufweckte und ankleidete, las sie mir den Morgensegen vor und lehrte mich den lieben Gott und seine Engel kennen. Abends beim Schlafengehen betete sie mir gewöhnlich einen frommen Vers aus einem Liede des Gesangbuchs vor. Besonders machte der Vers einen erquickenden Eindruck auf mich ferner und ist mir unvergesslich geblieben: Breit aus die Flüglein beide, o Jesu meine Freude, und nimm Dein Küchlein ein, will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen, dies Kind soll unverletzlich sein. Sobald ich sprechen und etwas denken konnte, musste ich vor und nach dem Essen die Tischgebete sprechen. Wenn meine Mutter des morgens ihre Arbeit begann, sang sie mit zwar unmusikalischer und unharmonischer Stimme ein Morgenlied, gewöhnlich: Wach auf mein Herz und singe !

Dadurch bekam ich eine Liebe zu Gott und Hass gegen alles Böse, glaubte auch, dass die Engel mich darin unterstützten und zu Gott führten. Es war mir nicht möglich, etwas zu denken oder zu tun, was Gott nicht gefallen könnte und so gründete sich in mir ein Keim der Rechtschaffenheit, wodurch es mir gelang, das Gute zu tun und das Böse zu meiden. Ich erinnere mich eines Vorfalls aus meiner Knabenzeit, wodurch dieses sich zu Tage legte. Ich war mit einigen Knaben meines Alters einmal nachmittags in einer Kirche, welche an der einen Seite offen war, wo wir aus einem Gange in den anderen gingen. Auf einmal fanden wir an einem Pfeiler der Kirche eine zerbrochene und offene Büchse, welche zu unserem Erstaunen auf dem Boden einige wenige Kupfer- und Silbermünzen enthielt, welche von wohltuenden Händen wahrscheinlich hineingelegt waren. Einer von uns schlug vor, dieses Geld herauszunehmen und unter uns zu teilen, allein meine Abscheu gegen diese Handlung war so groß, dass ich mit Heftigkeit dagegen protestierte und meine Gefährten fast mit Gewalt aus der Kirche führte, wobei ich eine furchtbare Angst hatte. Ob einer der anderen von ihnen dennoch das Geld nachgeholt hat, weiß ich nicht. Ebenso strebten meine Eltern danach, mich der Gier, welche Kinder haben, zu entziehen, und verlangten von mir, dass ich, wenn andere mit Essen oder Trinken beschäftigt wären, ihnen nicht nach dem Munde sehen, sondern ich mich lieber entfernen sollte. Da ich im Elternhause keinen Mangel zu leiden hatte, so wurde mir dieses nicht schwer und war sicherlich der Grund, weshalb ich auch in meinen reiferen Jahren des Schmarotzen unleidlich fand.

Meine Mutter, die ein Meister von Reinlichkeit war, hielt streng darauf, dass ich täglich gewaschen und gekämmt mich ankleidete, duldete kein Loch in der Kleidung und versah mich alle Sonntage mit frischer Wäsche. Dass ich einmal im Sommer barfuß mit anderen Knaben umherlief, geschah wohl nur aus Nachahmung, denn mein Eltern ließen es mir nie an Strümpfen und Schuhen fehlen. Als sich mein Verstand zu entwickeln begann, machte mich meine Mutter nach der Fibel mit den Buchstaben bekannt, und als ich sie kennengelernt hatte, lehrte sie mich buchstabieren und lesen. Ich machte große Fortschritte und lernte bald alles, was in der Fibel stand, namentlich den Morgen- und Abendsegen und die 5 Hauptstücke. Die drolligen Verse und die Bilder in der Fibel ergötzten mich sehr und es währte nicht lange, so konnte ich die Fibel fast auswendig, und nun ging es an die Bibel, deren Verständnis mir freilich anfangs schwer war, jedoch von meinen Eltern, soweit es ihnen möglich war, verständlich gemacht wurde. Ein Hauptfehler, den Kinder aus niederen Ständen leicht sich angewöhnen, das Lügen, erinnere ich mich nicht gehabt zu haben. Meine Mutter sagte mir, dass wenn ich eine Unwahrheit sagte und auch niemand sie entdeckte, dass Gott es wisse und bestrafe. Dies schreckte mich ab, da ich ja Gott nicht erzürnen wollte. Meine raschen Fortschritte im Lesen erweckten aber in mir eine Eitelkeit und eine Art Stolz, welches seinen Grund wohl hauptsächlich darin hatte, dass mir häufig Lobsprüche erteilt wurden und ich größtenteils Umgang mit Kindern hatte, die gegen mich sehr weit zurück waren. Auch entwickelte sich in mir ein rechthaberisches Wesen, auch konnte ich nicht leicht Widerspruch ertragen. Dieser Fehler klebte mir lange an und wurde erst nach und nach, wenn auch nicht ganz, behoben, als ich Umgang mit solchen jungen Leuten bekam, die mich an Ausbildung und Kenntnissen aller Art übertrafen.

Mein tägliches Leben, ehe ich in die Schule kam, war höchst einfach. Wenn ich meine Leseübung beendet hatte, ging ich auf die Gasse, tummelte mich mit den Straßenkindern herum und nahm an allem Unfug teil. So ging es Vor- und Nachmittag, bis das Abendbrot gegessen wurde. Nach dessen Beendigung und wenn meine Eltern wieder an die Arbeit gingen, musste ich aus dem Gesangbuch oder der Bibel vorlesen, und wurden dabei manche erbauliche, auch ergötzliche Gespräche geführt, bis die Zeit kam, zu Bette zu gehen. Dann brachte mich meine Mutter, wie oben gesagt, mit einem Gebet oder Liedervers zur Ruhe. Meine Eltern arbeiteten von früh bis zur Nacht und nur abends vor dem Essen, wenn es anfing dunkel zu werden, gingen sie wohl ein wenig auf die Straße, um frische Luft zu genießen und ein freundliches Gespräch mit Nachbarn zu halten. An Sonn- und Festtagen wurde nicht gearbeitet. Da gingen meine Eltern morgens, auch oft nachmittags mit mir in die Kirche, wo wir dem Gottesdienst andächtig beiwohnten und wo ich, wenn Kirchenmusik war, mit großer Freude zuhörte. Nach der Kirche besuchte mein Vater nachmittags einen Garten auf dem sogenannten Siechenhofe, wo der Besitzer desselben namens Zahn eine kleine Tabagie und Kegelbahn hatte. Hier kamen an Sonn- und Festtagen Bürger aus allen Klassen der Handwerker zusammen und spielten Deutsch Solo zu geringem Preise, tranken Weißbier und amüsierten sich, bis abends zum Essen nach Hause gegangen wurde. Hier spielte mein Vater sonntags auch, und ich ergötzte mich beim Zusehen an den bunten Bildern und an den unter den Spielern vorkommenden stehenden Witzen.

An schönen Sommertagen ging auch gewöhnlich meine Mutter mit, setzte sich mit mir in eine Laube und genoss mit mir ein Glas Weißbier und Weißbrot, was sie von zu Hause mitgenommen hatte. Wenn sonntags schlechtes Wetter war oder meine Mutter sonst nicht vors Tor gehen wollte, besonders im Winter, ging sie mit mir zu ihren Schwestern, wo ich mich auch gewöhnlich gern aufhielt und mich an den Erzählungen meines Vetters aus seinen Kriegsjahren ergötzte. Besonders zu Weihnachten machte ich diesen Besuch gern mit, da ich hier auch eine Bescherung an Äpfeln, Nüssen und Kuchen erhielt. Ein Hauptvolksfest war damals in Halberstadt der Schützen-Mittwoch (Pfingstwoche), wo die jungen Bürger und Schützen mit Gewehren und Fahnen, mit Musik voran, auf die Schützenwiese vor dem Gröper Tor zogen und nach der Scheibe schossen. Hier waren in der Regel eine große Menge Menschen zusammen , die teils in den aufgeschlagenen Buden und den Lauben im Garten ihre Speisen und Getränke zu sich nahmen. Für die Kinder waren besonders mehrere Glücksbuden amüsant, wo gegen einen Dreier oder einen Sechser Einsatz ein Gewinn von Glas- oder Zinnwaren zu Gebote stand. Auch ich erhielt an diesen Tagen oft eine Kleinigkeit und versuchte mein Glück. Aus dieser meiner Lebensperiode erinnere ich mich noch sehr lebhaft meiner damaligen Spielgenossen nach ihrem Alter, ihrem Namen und ihrer Herkunft.

Der Graue Hof, wo meine Eltern wohnten, war eine nicht im besten Rufe stehende Gegend. Wahrscheinlich war es früher der Ort, wo die unteren Beamten des Johannisklosters, neben welchem sich der Graue Hof befand, ihre Dienstwohnung hatten. Es besaß zu der Zeit, von welcher ich rede, ein Rittergutsbesitzer von Kropf aus Kattenstedt im Braunschweigischen elf Häuser, von welchen eines derselben meine Eltern bewohnten. Diese Wohnung meiner Eltern war durch eine nicht hohe Mauer unseres Hofes von dem schönen Klostergarten getrennt, wo ich fast alle Tage mich eine zeitlang auf der Mauer befand, um den Garten und die darin wandelnden Mönche zu betrachten. Andere Nachbarknaben sind oft in den Garten des nachts gestiegen, um Obst zu mausen, aber mir fiel dergleichen nie ein und war mir vielmehr ein wahrer Gräuel. Die Bewohner des Grauen Hofes waren zwar größtenteils arme Leute, doch war ein Teil derselben aus Handwerkern bestehend, die sich wie mein Vater von ihrer Arbeit zwar dürftig aber doch redlich nährten und ihr Kinder anständig und gottesfürchtig erzogen. Ein Teil bestand aus Juden, gegen welche ebenfalls nichts, was gegen Redlichkeit verstieß, erinnert werden konnte. Ein Teil aber bestand aus Gesindel und namentlich Contrabandiers (jetzt Pascher), die bei dem damals in Preußen stattfindenden Accisensystem ihren Erwerb sich dadurch verschafften, dass sie verbotene Waren über die nahe Stadtmauer hinüberpaschten und mit Gewinn an Kaufleute oder Privatpersonen verkauften. Insonderheit bestand damals unter der Regierung Friedrich des Großen ein Tabaks- und Kaffee-Monopol, wonach dergleichen nur aus der öffentlichen Niederlage angekauft werden konnte. Der Kaffee konnte nur gebrannt gekauft werden und wenn daher die Beamten ( die danach auch Kaffeeriecher genannt wurden ), in einer Gegend gebrannten Kaffee rochen, so drangen sie in die Häuser, spionierten darin von oben bis unten, und die Contravenienten mussten sofort büßen. Bei meinen Eltern kam dergleichen nicht vor, da sie streng nach dem Gesetz lebten. Die bekannten Contrabandiers wurden sehr häufig in ihren Häusern überrascht und oft aus einer Gegend in die andere bis über die Dächer verfolgt, wenn sie dahin ihre Zuflucht nahmen. Oft kam es dabei zu tätlichen Widersätzlichkeiten, die mitunter schlimme Folgen hatten. Da die Stadtmauer in der Regel mit Patrouillen besetzt waren, welche die Desertion der Soldaten verhindern sollten, so kam es oft auf der Stadtmauer zu Kämpfen mit den Soldaten und Contrabandiers, obgleich die letzten dieselben mit Vorsicht zu vermeiden suchten und auch die Soldaten, wenn sie wussten, mit wem sie zu tun hatten, nicht gern mit ihnen Streit anfingen.

Unter den Knaben meines Alters hatte ich mich einem Christian Grimm angeschlossen, dessen Eltern unsere Nachbarn waren und der mit mir eine gleiche Erziehung genoss. Er war der Sohn eines Papierhändlers, der die Tochter einer wohlhabenden Händlerin mit Lumpen geheiratet hatte. Es kamen von Zeit zu Zeit Fuhren von Papier an, wobei ich sehr oft die einzelnen Riesse in das Verkaufsgewölbe tragen half und wo ich jedes Mal zur Belohnung sechs, auch wohl mehr Bogen Papier erhielt, welche mir höchst willkommen waren. Der Vater des Chr. Grimm hatte auf dem Grauen Hofe ein nettes, wohleingerichtetes Haus, die Mutter war eine liebe Frau, deren Wohlwollen ich im hohen Maße besaß. Jahrelang, bis unsere Berufe sich trennten, war Christian mein bester Freund. Er wurde nach seiner Konfirmation zum Kaufmann bestimmt, lernte die Handlung, und ich habe nach vielen Jahren, nachdem ich angestellt und Familienvater war, ihn in Halberstadt als veralteten Handlungscommis bei einer Kaufmannswitwe Graf wiedergefunden und hernach nicht wieder gesehen.

In diese Periode kamen auch meine Kinderkrankheiten, die Pocken, Masern und das Scharlachfieber, die ich in längeren Zwischenräumen hintereinander bekam und welche jedes Mal mit einer gefährlichen Brustentzündung verbunden waren, die mich stets dem Tode nahe brachten. Bei dem Scharlach verließ ich, da meine Mutter mich einen Augenblick verlassen musste, das Zimmer, ging auf die Gasse und setzte mich auf einen Eckstein, wo ich vom Luftzuge ergriffen und von Nachbarn halbtot in das elterliche Haus gebracht wurde. Meine gute Natur und die treue Mutterpflege retteten mich.


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©  Smetius Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04