
Jurastudium
Da ich nun endlich immer mehr zu der Ueberzeugung gekommen war,
dass ich mein bisheriges Leben ohne Gefahr, dabei moralisch
zugrunde zu gehen, nicht fortführen konnte, vielmehr mir einen
festen Beruf wählen müsse, so beschloss ich Ostern 1803,
mich ernstlich der Jurisprudenz zu widmen. Ich hatte zwar keine
Hoffnung, mir die Mittel zu beschaffen, wodurch ich einmal
praktisch eine feste Anstellung im Staatsdienst mir verschaffen
könne, allein ich hielt es doch für notwendig, mich so
auszubilden, dass ich erforderlichenfalls nicht aus
Mangel an Kenntnissen zurückgesetzt werden konnte.
Ich fing nun ein geregeltes Leben an, nahm juristische Kollegien
an, besuchte sie ordnungsmäßig, repetierte sie, las
dahin einschlagende Bücher und suchte mich zum Juristen
auszubilden. In dem ersten Jahre nahm ich bei dem Professor
Hoffbauer Naturrecht, bei dem Professor Konopak Institutionen, bei
dem geheimen Rat Schmalz juristische Encyklopädie, deutsches
Staatsrecht und Lehnrecht, bei dem Professor Bathe Pandekten, bei
dem Professor König Kirchenrecht und bei dem Professor Voltair
Kriminalrecht an. Die meisten dieser Kollegien mit Ausnahme von
Schmalz und Voltair, wurden handwerksmäßig gelesen, so
dass meistens diktiert wurde und Hefte geschrieben werden konnten.
Erst bei Voltair ging mir ein Licht auf, wie man sich mit der
Rechtswissenschaft vertraut machen muss. Er las nach Meisters
Kriminalrecht, nahm aber jede dahin einschlagende Materie mit Geist
auf, gab passende Beispiele und gab bei jeder Gelegenheit Stoff zum
Nachdenken. Bei diesem geistreichen Mann nahm ich noch hinter
Pandekten Landrecht und ein praktisches Kolleg an, sowie auch
Prozess, die ich alle mit Eifer und Lust besuchte und nie
versäumte. Da Voltair wohl damals einer der größten
Romanisten war, so machte ich mir zum dem Hefte von Bathe
Randbemerkungen, die ich wie einen Schatz betrachtete. Voltair
sprach zwar ein kauderwelsches Deutsch, aber sehr fließend
Latein und ich hatte das Glück, dass er, was bei ihm
ungewöhnlich war, alle seine Kollegien beendigte.
Meine Art zu repetieren bestand darin, dass ich Definitionen
ganz aufschrieb, übrigens aber auch kurze Notaten machte, die
ich zu Hause ausarbeitete, dabei kam mir mein gutes Gedächtnis
herrlich zustatten. Es kam einmal der Fall vor, das ein Bekannter
von mir das Lehnrecht bei Schmalz versäumt hatte und mich
fragte, was vorgekommen sei. Ich war imstande, ihm das ganze
Kollegium aus dem Gedächtnisso getreu vorzutragen, dass es
ganz vollständig und nichts von Wichtigkeit davon ausgelassen
war.
Da in unserer Landsmannschaft sich eine nicht geringe Anzahl
Juristen befanden, so errichteten wir, um uns gegenseitig
auszubilden, eine juristische Gesellschaft ( Juridica ) und kamen
wöchentlich einige Male zusammen, um Höpfners Kommentar
über die Institutionen, dem damals beliebtesten Handbuche,
durchzunehmen. Dadurch bekamen wir Veranlassung, gegenseitig uns zu
beschäftigen und über juristische Gegenstände, auch
solche, die nicht in dem Höpfnerschen Kommentar waren,
auszusprechen.
Ich hatte auf diese Art ein neues Leben angefangen, welches ich
regelmäßig fortsetzte und bei welchem ich mich um so
wohler befand, als nunmehr das Schwankende daraus verschwunden war
und ich mich zu einem bestimmten, edlen Ziele vorbereiten konnte.
In meinem Studium machte ich Fortschritte und sah der Zukunft mit
vielem Vertrauen entgegen.
Aus dieser Gemütsruhe sollte ich aber bald durch ein
unglückliches Ereignis aufgeschreckt werden. Der akademische
Senat hatte, ich weiß nicht mehr aus welcher Veranlassung,
für nötig erachtet, energische Maßnahmen gegen die
Landsmannschaften zu ergreifen. Eines Tages war es zum
Tagesgespräche geworden, dass mehrere Studenten aus
verschiedenen Landsmannschaften relegiert und andere mit dem
Consilio abeundi belegt werden und dass ein Schlesier Heilmann und
der Senior unserer Landsmannschaft Tieleben in einen Wagen gesetzt
und in ihre Heimat zurückgesandt wären. Da hierdurch
allgemeine Bestürzung erregt war und jeder, der dem Prorektor
missliebig war, ein Gleiches zu befürchten hatte, so dachte
ich, dass mir ein gleiches Schicksal widerfahren könne.
Als ich abends zu Hause ankam, brachte mir die Aufwärterin
die Nachricht, dass der Pedell dagewesen sei und mich für den
folgenden Tag morgens neun Uhr in die " die Waage " vor dem
akademischen Senat beschieden habe. Obgleich ich nicht
unvorbereitet war, so wirkte doch diese Nachricht wie ein
Donnerschlag auf mich, und ich, den schlimmsten Ausgang
befürchtend, sah mich dadurch am tiefsten Abgrund. Als ich am
anderen Morgen an dem bestimmten Orte erschien, fand ich den
Prorektor Professor Jacob und den Universitätssyndikus Hofrat
Dryander. Diese beiden Männer waren wegen ihrer Stellung von
den Studenten gefürchtet, und man hatte allgemein die Meinung,
dass sie nicht allein nicht human, sondern sogar höchst
malitiös wären. Besonders war der Prorektor J.
höchst verhasst, da er stets nur darauf ausging, den Studenten
Böses zuzufügen.
Ich musste ihn umso mehr fürchten, weil ich schon
früher einmal einen heftigen Tanz mit ihm gehabt hatte. Ich
wohnte damals in Glaucha in dem Hause einer verwitweten Salzfaktor
Jungmann, die sich darauf etwas einbildete, eine geborene Adlige zu
sein. Hinter dem Hause war ein schöner Garten, welchen aber
die in ihrem Hause wohnenden Studenten nicht betreten durften. Als
ich eines Abends zu Hause kam, waren Tische und Stühle meiner
Stube nicht auf ihrer gewöhnlichen Stelle, und ich fragte
deshalb die Aufwärterin, welche Bewandtnis dies habe. Als ich
nach kurzer Zeit denselben Auftritt wieder hatte und mir die
Aufwärterin sagte, die Frau Salzfaktorin habe es verlangt und
geäußert, dass es ihre Meubels wären und sie
darüber disponieren könne, sagte ich der
Aufwärterin, sie solle der Frau Salzfaktorin bekannt machen,
sie möge sich hüten, dass ich nicht dazu käme, sonst
würde ich ihr die Knochen am Leibe zerschlagen, da ich jeden,
der ohne meine Erlaubnis in meine Stube käme und Sachen
wegbringen wollte, als einen Dieb ansehen würde. Deshalb
verklagte mich die Frau Salzfaktorin bei dem Prorektor Jacob und
dieser ließ mich kommen und fragte, ob ich dies gesagt habe.
Ich erzählte ihm das Sachverhältnis und gestand, diese
Aeußerung getan zu haben mit dem Bemerken, dass ich
vorkommenden Falls Wort halten werde. Der Prorektor konnte mich
zwar nicht bestrafen, allein er war sehr ungehalten und machte mir
Vorwürfe wegen meiner Grobheit.
An diesem Tage hatte er in meiner Gegenwart noch seinen Aerger
über einen anderen Studenten namens Remmert der schon
über vierzig Jahre alt war und früher Mönch in einem
Schweizer Kloster gewesen war, jedoch aus demselben entsprang, zur
protestantischen Religion übertrat, nochmals studierte und
zwar Jura und sich nunmehr seit Jahren schon als Repetent
nährte. Da er noch als Student immatrikuliert war und daher
den akademischen Gesetzen unterworfen war, wonach
Studenten-Schulden nicht einklagbar waren, jedoch dadurch legitim
wurden, wenn der Student solche bei dem Universitätsgerichte
anerkannte und eintragen ließ. Dieser Remmert war von einem
Gläubiger vor den Prorektor geladen, um eine ihm schuldige
Summe zu bezahlen oder wenigstens eintragen zu lassen. Remmert
versprach zwar zu bezahlen, widersetzte sich aber der Eintragung,
und als der Prorektor deshalb auf ihn einstürmte und auch von
der Billigkeit des Verlangens sprach, sagte Remmert: " Wenn Ew.
Magnifizenz römischer Prätor wären, so könnten
Sie nach Billigkeit entscheiden, aber wir haben Gottlob Gesetze,
denen Sie und ich unterworfen sind.". Da nun der Prorektor mit ihm
nicht anfangen konnte, und auch mit mir seinen Zweck nicht
erreichte, so entließ er uns in vollstem Ungrimm. Dass mir
derselbe dieses nachtragen würde bezweifelte ich nicht. Es kam
auch ganz so.
Der Syndikus Hofrat Dryander machte mir Folgendes bekannt: "
Herr Holtze, gestern ist in dem Consilio sehr nachteilig von Ihnen
die Rede gewesen. Sie sind fünf Jahre in Halle und haben seit
zwei Jahren keine Kollegien gehört oder angenommen. Deshalb
erhalten Sie den Befehl, Halle binnen vierundzwanzig Stunden zu
verlassen, widrigenfalls Sie die Polizei aufgreifen wird. ". Der
Prorektor J., welcher glaubte, dass ich etwas erwidern würde,
gebot mir zu schweigen, und ich entfernte mich mit einer
Verbeugung. Die Herren hatten einen großen Fehler begangen,
dass sie mir Gründe zu dem Consilium abeundi gegeben hatten,
denn es stand in ihrer Macht, mich ohne Gründe auszuweisen.
Ich begab mich nunmehr zuvörderst zu dem Geheimen Rat Schmalz,
der mich sehr freundlich empfing und auf meine Frage, ob ich das
Glück hätte, ihm bekannt zu sein, erwiderte: " Ei wohl
kenne ich Sie, denn Sie sind ja einer meiner fleißigsten
Zuhörer ". Ich bat ihn nur, mir über diese günstige
Aeußerung gefälligst ein schriftliches Zeugnis zu geben,
und erzählte ihm, was mir soeben von dem Prorektor bekannt
gemacht wäre. Es äußerte hierauf, dass gestern
allerdings von einem meines Namens die Rede gewesen sei, allein von
einem Theologen, über den sich die Herren von der
Theologischen Fakultät geäußert hätten, dass
er zwar früher bei ihnen Kollegia gehört, aber seit zwei
Jahren dergleichen nicht angenommen habe. Wenn er gewusst
hätte, dass von mir die Rede gewesen wäre, so würde
er sich sogleich meiner angenommen haben. Allein er wolle sich
bemühen, dass, wenn ich mit meinem Gesuche um Zurücknahme
des Consilii einkäme, dieses zurückgenommen werden solle.
Er gab mir nun ein Zeugnis, wie ich es nur hatte wünschen
können. Nun ging ich zu Voltair und zu den übrigen
Professoren, bei denen ich Kolleg gehört hatte und noch
hörte, fand bei ihnen gleiche Teilnahme, und alle stellten mir
die vorzüglichsten Zeugnisse über meinen Fleiß aus.
Mit diesen Zeugnissen ging ich zu dem Prorektor und
überreichte sie ihm. Er las sie durch und äußerte,
dass zwar daraus hervorgehe, dass ich meine Zeit gut angewendet
habe, allein die angegebenen Gründe wären nur aus der
Luft gegriffen, ich habe aber das Konsilium aus ganz anderen
Gründen erhalten. Als ich hierauf meinen Unwillen nicht
unterdrücken konnte, schnitt er die Unterredung ab und sagte,
ich solle nur mit einem Gesuche einkommen und die Zeugnisse
beifügen, dann werde vielleicht eine Zurücknahme des
Konsilium erfolgen, allein Halle müsse ich, um nicht
ungehorsam zu scheinen, verlassen. Als er mich fragte, wohin ich
gehen wolle und ob ich in der Nachbarschaft Verwandte hätte,
und ich äußerte, dass ich nach Lauchstädt gehen
wolle, meinte er, dies möchte ich nicht tun, da es
aussähe, als ob ich nur meinem Vergnügen fröhnen
wolle. Als ich ihm sagte, dass ich nach Cönnern gehen wolle,
war er damit zufrieden. Ich fuhr noch an demselben Tag nach
Cönnern.
Hier hielt ich mich auch den folgenden Tag auf, bis am dritten
Tag eine große Menge meiner Landsleute zu Wagen und zu Pferde
ankamen, mir das Rescript brachten, wodurch das Konsilium, jedoch
mit gemessenen Verwarnungen, zurückgenommen war. Meine
Landsleute fuhren nun mit mir nach Halle zurück und zwar
unbesonnenerweise vor dem Hause des Prorektors vorbei. Den
folgenden Tag ging ich zu dem Prorektor, um mich zu melden, und bat
ihn zugleich, mir die Gründe anzugeben, weshalb man mit
solcher Strenge gegen mich verfahren habe, und bemerkte, dass ich
dies wissen müsse, da ich sonst in den Fall komme, aus anderen
aus der Luft gegriffenen Gründen, die ich vielleicht nicht so
evident widerlegen könne, abermals in Gefahr zu kommen. Da
wurde er unwillig und sagte: " Sie wollen sich wohl noch auf das
große Pferd setzen, wissen Sie nicht, dass uns bekannt ist,
dass Sie Vorfechter bei den Sachsen sind ? " Diese so unwahre und
alberne Aeußerung war mir lächerlich und ich sagte: "
Magnifizenz ! , ich weiß wohl, dass Sie auf das Ehrenwort
eines Studenten nichts geben, aber ich kann Ihnen sagen, dass ich
seit wenigstens drei Jahren den Fechtboden nicht besucht und kein
Rappier in Händen gehabt habe." Ich verließ nun den
gestrengen Herrn und machte Besuche bei den Professoren, um ihnen
für ihre Unterstützung meinen Dank zu bringen. Alle
bezeigten sich sehr teilnehmend, und der alte, würdige Voltair
sagte in seiner gemütlichen Weise " Ei, ei ! mit dem Prorektor
müssen Sie nicht anbinden, da kommen Sie zu kurz ".
Als ich nach einigen Tagen ihm das Honorar von fünf Thalern
für das bei ihm gehörte Kriminalrecht überbrachte,
gab er es mir zurück und sagte, ich möge bei ihm noch
hören, was ich wolle, und es gereiche ihm zum Vergnügen,
mir nützlich zu werden.
Ein Glück für mich war es übrigens, dass kurze
Zeit nach diesem Vorfalle wieder Prorektorwahl war und Professor
Maass Prorektor wurde. Dieser würdige Mann war ganz das
Gegenteil von Jacob. Er wohnte auf der großen
Steinstraße ( im Türkschen Hause, der sogenannten
Türkei ). Neben diesem Hause und sogar neben der Stube des
Professors wurden damals sehr häufig Duelle abgehalten, und
Maass konnte das Klingen der Hieber stets hören. Anstatt von
seiner ihm verliehenen Gewalt Gebrauch zu machen, schickte er
seinen Famulus zu einem dort wohnenden Studenten und ließ
bitten, dass die Herren sich doch genieren und ihn nicht zwingen
möchten, einzuschreiten. Natürlich unterblieb nun die
Abhaltung der Duelle in diesem Hause.
In unserer Landsmannschaft wurde um diese Zeit ein Beschluss
gefasst, der zum Wohl der Mitglieder diente. Da das Spiel so
überhand genommen hatte und viele von uns ihre Wechsel an den
Spielbanken an öffentlichen Orten verloren hatten, so
wünschte unser Senior Franke, dem Verderben Einhalt zu tun und
ging damit um, uns mit Ehrenwort zu verpflichten, an keinem
öffentlichen Orte in und um Halle (auch namentlich nicht in
Passendorf, Lauchstädt und Leipzig) Hazardspiele zu
spielen.
Als die Sache in unserem Konvent zum Vortrag kam,
unterstützte ich den Antrag so lebhaft, dass meinem Einfluss
es hauptsächlich gelang, den Beschluss zu fassen, dass keiner
von unserer Landsmannschaft an einem öffentlichen Orte in und
um Halle, auch namentlich nicht in Passendorf, Lauchstädt und
Leipzig Hazardspiele spielen wolle und dass wir uns dazu alle mit
Ehrenwort verpflichteten.
Auf unseren Stuben wurde nun zwar das Spiel noch getrieben,
allein es konnten doch große Summen nicht riskiert werden.
Alle hielten ihr Ehrenwort, nur mein Landsmann Quidde konnte seiner
Passion nicht widerstehen. Er wurde bei dem Farospiel ertappt und
aus Rücksicht auf seine sonst gemütliche
Persönlichkeit nur aus der Landsmannschaft exkludiert.
Zu der Zeit, als ich noch Hazardspiele trieb, ereignete sich ein
Vorfall, der in psychologischer Hinsicht merkwürdig war und
wobei ich mit beteiligt war. Es studierte mit mir ein Landsmann
namens Müller aus Halberstadt, der ebenfalls viel spielte und,
weil er Geld hatte, öfters Bank legte. Schon vor ihm hatte ein
älterer Bruder in Halle studiert und kam, ich weiß nicht
weshalb, in Verruf. Beide waren Söhne des Kammerdirektors
Müller in Halberstadt, der, da die Frau schon längst
gestorben war, bei seinen vielen Berufsgeschäften sich wenig
um seine Kinder und deren Erziehung kümmern konnte. Deshalb
waren beide sehr verwahrlost. Der ältere war leichtsinnig,
machte schon auf der Schule schlechte Streiche, weshalb er auch,
wie ich in meinen früheren Rückerinnerungen schon
erzählt habe, einmal als Primaner, auf Veranlassung seines
Vaters, von dem Rektor Fischer öffentlich vor der Klasse eine
körperliche Züchtigung erhielt. Der jüngere lebte
zwar besser, war aber von boshaftem Charakter. Ich habe auch schon
früher erzählt, dass ich ihn schon auf der Schule einmal,
als er mich gereizt hatte, ohrfeigte. Ob er mir gleich an
Körperkräften nicht nachstand, so wehrte er sich doch
nicht, sondern zählte die Ohrfeigen, die ich ihm gab, und
verklagte mich bei dem Rektor, dass ich ihm so und so viele
Ohrfeigen gegeben hätte. Beide Brüder behandelten sich
auch ganz schroff, nannten sich "Er", und der jüngere
malträtierte aus Hass gegen seinen Bruder dessen Hund, und der
ältere rächte sich deshalb an den Hühnern, die sich
der jüngere Bruder hielt. Kurz, beide waren ein paar
merkwürdige Originale, jedoch waren sie nicht in unserer
Landsmannschaft aufgenommen. Nun ereignete es sich, dass
Müller jun. eines Abends auf dem 'Löwen' Farobank
aufgelegt hatte, bei der viele und auch ich pointierten.
Müller bekam dabei Zank mit einem der Pointiers, welcher ihn
einen dummen Jungen nannte und, wie ich glaube, sogar Ohrfeigen
anbot. Die Bank war nun beendigt, aber Müller, statt seinen
Gegner zu fordern, ging des folgenden Tages zum Prorektor und
zeigte ihm an, dass er am Abend vorher auf dem 'Löwen'
Farobank gemacht und die und die Studenten dabei pointiert
hätten. Es sei ihm zwar nicht unbekannt, dass ihn als
Bankhalter eine größere Strafe treffen werde, allein er
wollte darauf antragen, dass die Pointeurs gleichfalls zur
Untersuchung und Bestrafung gezogen werden sollten. Mich hatte er
nicht mit verklagt, jedoch mich zum Zeugen angegeben.. Es bedurfte
jedoch meines Zeugnisses nicht, da die Angeklagten nicht leugneten
und das Universitätsgericht, empört durch die Art und
Weise der Anklage, sie mit einer geringfügigen, ich glaube
24stündigen Carcerstrafe durchließen, den Müller
aber mit 4 Wochen Carcerstrafe belegten.
Eine sehr interessante Wette, an der ganz Halle teilnahm,
ereignete sich zu meiner Zeit bei einem sehr heißen
Sommertage, als drohende Gewitter am Himmel sich zeigten, waren
mehrere Oekonomen aus Halle und dessen Umgegend in dem Perniceschen
Weinhause an der Galg (jetzt Leipziger Straße), zusammen und
unterhielten sich. Einer derselben war wegen seines bereits
gehauenen Heues zwei Stunden von Halle an dem Saaleufer besorgt,
weil er, da es über 60 Ztr. wären, es mit einer Fuhre
nicht einfahren könne. Ein gegenwärtiger Fuhrmann,
Müller aus Halle, sagte hierauf, dass er sich getraue, es mit
seinem Geschirr mit einem Male einzufahren. Über diese
Möglichkeit wurde hin und her gesprochen, und es kam die Wette
zustande, dass Müller, wenn er das Heu auf einen Wagen ohne
umzuwerfen oder an dem Wagen etwas zu beschädigen,
einbrächte, das Heu eigentümlich haben könne. Im
Falle des Verlustes der Wette aber müsse er eine Geldsumme von
ich glaube 100 Thalern bezahlen. Die Wette wurde abgeschlossen,
und, da es bald in Halle bekannt wurde, so sammelte sich eine
ungeheure Menschenmenge, um das Wunder zu sehen. Auf dem Platze, wo
das Heu lag, wurde es gewogen, und es waren 72 Ztr. Der Fuhrmann
Müller war bekannt, hatte vorzüglich kräftige Pferde
und gute Wagen. Er ließ nun den Wagen erst sorgfältig
untersuchen, spannte seine vier Pferde vor, lud das Heu selbst auf,
hatte die Seitenwände erweitern lassen, so dass das Heu wie in
einer Wiege lag, und überall das Gleichgewicht nicht
gestört werden konnte. Links und rechts an den beiden Seiten
gingen Knechte mit Staffeln, die das Schwanken verhüten
sollten, und vor dem Wagen gingen Knechte, die Material hatten, um
bei ungleichen Stellen des Weges diese aufzufüllen.
Müller fuhr selbst höchst vorsichtig, und das ungeheure
Fuder, desgleichen noch nicht existiert hatte, kam glücklich
in Halle an. In das Rausche Tor konnte es wegen seiner
Größe nicht hereingebracht und musste umgeladen werden.
Müller hatte die Wette gewonnen, und es war darüber
allgemeiner Jubel.
Das Leben in Halle war übrigens zu allen Jahreszeiten
für den Studenten angenehm und hatte verschiedenartige Reize.
Im Winter waren besonders die Schlittenfahrten, besonders nach
Reideburg, sehr beliebt. Oft fuhren 70 - 80 und mehr Schlitten
dahin, man trank Kaffee und fuhr froh und vergnügt wieder
zurück. Ich habe mancher dieser Partien mitgemacht und
erinnere mich ihrer noch gern, umso mehr, da sie nicht kostspielig
waren, indem ein Schlitten, in dem Vier saßen, in der Regel
nicht über zwei Thaler kostete.
Im Sommer waren kleine Reisen, Kahnfahrten auf der Saale,
Gartenvergnügungen mit Musik oder Besuch der nahen Orte
Trotha, Dieskau mit seinem schönen Garten, die Rabeninsel,
Giebichenstein und auch Partien, um Schafmilch zu essen. Dies
wechselte auch bei mir mit dem Besuch von Passendorf ab, indem ich
mich, wenn Freunde mich aufforderten, nie ausschloss.
Das größte Vergnügen war aber Lauchstädt zur
Zeit der Saison in den Monaten Juli, August jeden Jahres. Hier
versammelten sich sonntags und auch in der Woche, wenn ein gutes
Stück im Theater gegeben wurde, hunderte von Studenten, eine
Menge Hallenser Bürger mit ihren Familien, Professoren,
Offiziere und was sonst nur Geld erschwingen konnte. Mehrere Male
wurde in der Woche abends getanzt, woran jeder, natürlich wer
ballmäßig kostümiert war, teilnahm. Da
Lauchstädt damals noch sächsisch war, so kamen aus
Merseburg, Leipzig und der ganzen Umgegend eine Menge Menschen. Es
war während der Saison stets die Weimarsche
Schauspielgesellschaft, damals eine der vorzüglichsten in
Deutschland, gegenwärtig, und es wurden die Stücke von
Schiller in den Jahren 1797 bis 1806, wo ich in Halle war, alle
noch im Manuskripte, von dieser vortrefflichen Gesellschaft, die
von Schiller und Goethe selbst angeleitet wurde, auf das
vollkommenste aufgeführt. Schiller und Goethe und andere
Notabilitäten waren während der Badezeit stets da, und
man sah sie täglich in der Allee oder im Schauspielhause. Auch
die Stücke von Goethe und manche klassische Oper von Mozart
oder von Winter, auch das damals so beliebte Vaudeville Fanchon
wurden gegeben.
Morgens wurde in der Allee, wo an schönen Tagen eine Menge
schön geputzter Herren und Damen spazieren gingen, oder
teilweise bei der Spielbank zugebracht, mittags und abends im Salon
herrlich gespeist, nachmittags in der Allee Kaffee getrunken und
abends, wenn kein Schauspiel war, in den Restaurationen und Kneipen
zugebracht.
Da des Sonnabends keine Kollegien gelesen wurden, so ging ich dann
in der Regel mit vielen anderen morgens ganz früh fort, und da
der Weg über die Wiese von der hohen Brücke aus
näher als der Fahrweg war, so kam man in der Regel in zwei
Stunden nach Lauchstädt, blieb hier den Sonnabend und Sonntag
und kehrte dann montags ganz früh nach Halle zurück, um
die Kollegien nicht zu versäumen. Reiche Studenten hielten
sich die ganze Badezeit dort auf und kamen nur nach Halle
zurück um Geld zu engagieren, wenn dieses ausgegangen war. Oft
versammelten sich sonnabends früh bei mir wohl an zwanzig,
worunter aber manche waren, denen die Geldmittel abgingen und sich
erst poussieren wollten, denn es wurde nicht blos vor dem Weggehen,
sondern auch an einigen Stationen unterwegs, z. B. an der hohen
Brücke oder auf einzelnen Stationen der Wiese ein Spiel Karten
aus der Tasche geholt und das Glück versucht, welches zur
Folge hatte, dass mehrere aus der Gesellschaft, denen das
Glück nicht günstig war, traurig und missmutig nach Halle
zurückkehrten.
Die Einfälle der Studenten waren oft sehr närrisch.
Eines Tages wurde beschlossen, mit Mistwagen von Halle nach
Lauchstädt zu fahren. Es wurden daher einige gemietet und auf
jedem saßen oder standen soviel Studenten als der Wagen
fassen konnte mit ihrer gewöhnlichen Kleidung. Diejenigen,
welche fuhren, waren dagegen in kostbarer Uniform und ebenso waren
elegant gekleidete Vorreiter. So zog man in Lauchstädt ein,
fuhr durch die Allee zu einer Zeit, wo hunderte feingekleidete
Herren und Damen der Umgegend aus allen Ständen versammelt
waren zur großen Belustigung aller. In der Allee stieg man ab
und mischte sich in die Reihen, um an den Vergnügungen
teilzunehmen. Mitunter waren auch fürstliche Personen in
Lauchstädt, die sich um das Bad zu gebrauchen, daselbst
aufhielten.
So war einmal in der Badezeit die regierende Fürstin von
Anhalt-Köthen da, welche an den Bällen teilnahm und durch
ihre Kammerherren diejenigen, welchen sie die Ehre zudachte, mit
ihr zu tanzen, auffordern ließ. Ein anderes Mal war die
verwitwete Königin von Preußen, Mutter des regierenden
Königs, gegenwärtig und hatte besonders des Abends einen
Pavillon nahe dem Salon inne, wo sie häufig eine Gesellschaft
vornehmer Personen zu sich eingeladen hatte und wo häufig des
Abends musikalische Unterhaltung war.
Eines Abends war der bei der Weimarschen Truppe engagierte
Schauspieler Ehlers, ein ausgezeichneter Sänger mit einer
angenehmen Tenorstimme eingeladen, der mit der Guitarre die
Königin und ihre Gesellschaft durch die damals beliebtesten
Lieder erfreute. Eine Menge Menschen, auch viele Studenten, hatte
sich draußen vor dem Pavillon aufgestellt und erheiterte sich
durch den herrlichen Gesang. Bei dieser Gelegenheit
äußerte ein Student namens Geyer aus Schlesien, dass
Ehlers sich herabwürdige, indem er für Geld singe. So
albern auch diese Äußerung war, so war es doch von einem
fremden Menschen, der Geyer gar nicht kannte und keinen Beruf
hatte, ihn deshalb zu beleidigen, unvernünftig zu demselben zu
sagen, er rede wie ein dummer Junge. Ehlers sei sein Freund und er
lasse ihn nicht beleidigen. Auf die Frage, wer er sei, erwiderte
er, er heiße Grimmer, sei Student gewesen und jetzt bei der
Weimarschen Truppe engagiert. Es war die Frage, wie Geyer sich
Genugtuung für die Beleidigung verschaffe, ob er ihn fordern
solle oder was sonst zu tun sei. Da dieser Grimmer einer der
schlechtesten Schauspieler und kaum zum Bedienten oder andern
kleinen Rollen zu gebrauchen war, so wurde von Seiten der Studenten
beschlossen, dass Geyer ihn nicht fordern solle, man vielmehr den
Grimmer, wenn er wieder aufträte, öffentlich blamieren
wolle. Als nun am folgenden Tage ein Stück gegeben wurde, wo
Grimmer wieder eine Bedientenrolle zu spielen hatte und auf der
Bühne erschien, um einen Tisch herzutragen, wurde er von den
Studenten aus mehr als hundert Kehlen mit einem: Bravo, Grimmer !
empfangen, welches so lange fortgesetzt wurde, bis einer der
beliebtesten Schauspieler auftrat und sagte, Herr Grimmer solle
nicht mehr auftreten. Hiermit war dessen Rolle bei der Weimarschen
Truppe beendigt, denn er wurde auch sogar in Lauchstädt nicht
wieder gesehen.
Wenn das Badevergnügen sein Ende erreicht hatte, so nahm
besonders Ende September die Dorfkirmsen ihren Anfang, die auch von
den Studenten fleißig auf den benachbarten sächsischen
Dörfern Reideburg, Schlettau, Delitz am Berge, Passendorf etc.
besucht wurden, wo auch viel gespielt, auch mit den Dorfbewohnern
getanzt wurde und wo es selten ohne Prügeleien und blutige
Köpfe ablief. In der Regel hielt ich mich davon fern, hatte
aber doch Gelegenheit in eine solche Prügelei mit verwickelt
zu werden, die sehr ernsthaft hätte werden können.
Es war in Passendorf und zwar in der Oberschenke, wo ich mich auch
eingefunden hatte und wo ein die Prügelei vorbereitendes
Schimpfen der Bauern gegen die Studenten sehr laut wurde. Ein
Bekannter von mir, ein alter Mediziner Henze aus Westfalen,
derselbe der, wie ich schon erzählt habe, von Hellmann
bestohlen war, hatte zuviel getrunken und war in einer höchst
gereizten Stimmung. Ein Mann aus Passendorf, der mich kannte und
vor Schaden schützen wollte, bat mich aufzubrechen und meinen
Freund Henze mitzunehmen, da man sehr aufgebracht gegen ihn sei.
Ich ermahnte nun Henze mit mir zu gehen, allein dieser wollte es
nicht, zog seinen großen Hausschlüssel aus der Tasche
und wollte sich damit verteidigen. Im Stiche konnte ich ihn nicht
lassen, da die Erbitterung gegen ihn zu groß war. Es kostete
mir indessen viel Mühe, ihn fortzubringen, und noch als wir
nach Halle zurückkehrten, machte er mir Vorwürfe, dass
ich ihn der Gelegenheit beraubt hätte, die Bauern mit blutigen
Köpfen nach Hause zu schicken. Erst den anderen Tag, als er
ausgeschlafen hatte, sah er ein, dass ich recht verfahren habe.
Ein paar Vorfälle, an die ich mich noch sehr lebhaft
erinnere, will ich nicht unerwähnt lassen. Es war an einem
März- oder Apriltage, wo das Wasser noch mit Eis bedeckt war,
das aber wegen eingetretenen Tauwetters schon anfing, mürbe zu
werden, als ich mit mehreren Freunden nach Passendorf, jedoch nicht
auf dem gewöhnlichen Wege, weil dieser sehr schmutzig war,
sondern über die Wiesen ging. Hier kamen wir an einen mit Eis
bedeckten Graben, über den meine Gefährten keck und ohne
einzubrechen hinübergingen. Als ich dem Eise nicht traute und
Bedenken trug, lachten meine Gefährten und redeten mir zu,
ihnen zu folgen. Ich wagte es, allein kaum hatte ich das Eis
betreten, als es zusammenbrach, und als ich mich mit den
Händen halten wollte, immer noch weiter brach und ich bald bis
an der Brust im Graben war, ich mich auch kaum noch durcharbeiten
konnte. Ganz durchnässt als ich war ging ich etwa nicht nach
Hause zurück, um mich trocken zu kleiden, sondern setzte mit
meinen Gefährten die Tour nach Passendorf fort. Hier suchte
ich mich an dem warmen Ofen zu trocknen, trank meinen Kaffee und
setzte mich an den Spieltisch. Als ich abends nach Halle
zurückging, war es kälter geworden, und die noch nicht
getrocknete Kleidung fror mir am Leibe fest. Es schadete mir aber
nichts.
Wenn im Frühjahr das Eis aufging, trat die Saale
häufig so sehr aus ihren Ufern, dass die Gegend von der
Chaussee bis weit über die Wiese, wo der Weg nach
Lauchstädt geht, ganz unter Wasser war und die hohe
Brücke aus demselben kaum hervorragte. Eines Sonntags , als
das Wasser höher war als gewöhnlich, beschloß ich
dennoch mit einem Freunde nach Pasendorf zu gehen. An den
Pulverweiden war das Wasser schon so hoch, dass wir uns mit einem
Kahn bis zur hohen Brücke, deren obere Höhe noch so eben
aus dem Wasser hervorragte, mussten übersetzen lassen. Von der
hohen Brücke war bis P. lauter Wasser und am Ende derselben
war ein Fischer, der zwei kleine Kähne zusammengebunden hatte
um Leute, die notwendig nach P. oder weiter belegenen Dörfern
wollten, überzufahren. An diesen Fischer wandten wir uns und
baten ihn, uns überzusetzen. Er widerriet es uns, zeigte uns
seinen zerbrechlichen Kahn, der bei heftigem Sturm in Gefahr
wäre umzuschlagen. Er warnte uns, unser Leben nicht mutwillig
zu wagen, da wir doch nur zu unserem Vergnügen diese Partie
machen wollten. Allein was war gegen Studentenwillen zu machen? Er
musste uns übersetzen, allein es währte eine halbe
Stunde, ehe wir in dem elenden Fahrzeuge die sonst kurze Tour
zurücklegten. Er brachte uns bis Passendorf, wir bezahlten ihn
und wollten nun in unsere gewöhnliche Kneipe, die
Unterschänke. Das Wasser war aber auch hier noch so
groß, dass wir mit unseren großen Stiefeln kaum
durchkonnten und ganz durchnässt ankamen. Hier waren wir ganz
allein, denn niemand hatte es gewagt, die Tour zu machen. In dem
herrlich geheizten Zimmer zogen wir unsere Röcke aus,
trockneten sie am Ofen, tranken Kaffee und waren sehr vergnügt
über unsere Heldentat. Gegen Abend hatte bereits der heftige
Sturm das Wasser größtenteils in sein Bette
zurückgebracht, und wir kamen auf der Chaussee glücklich
wieder an die hohe Brücke und von da nach Halle
zurück.
Bei dem in Halle stationierten Infanterieregiment Renouard waren
die subalternen Offiziere fast alle arm und deshalb
größtenteils gedrückt. Der Eintritt in dieses
Regiment wurde also von jedem, dessen Verhältnisse es
erlaubten, gern vermieden. Demohngeachtet suchten sie sich gern
geltend zu machen, besuchten die Gesellschaften, wo Studenten
waren, kamen oft mit ihnen in Konflikt, daraus entstanden Duelle,
in denen die Offiziere in der Regel den kürzeren zogen.
Anstatt nun das Zusammenkommen mit Studenten zu vermeiden, fassten
sie einen Entschluss, der sie in den Augen aller Ehrliebenden sehr
herabsetzte. Sie beschlossen nämlich, bei allen Streitigkeiten
mit Studenten jede Satisfaktion zu verweigern. Als dieses unter den
Studenten bekannt wurde, erregte es große Sensation. Da man
keinen Grund aber hatte, dagegen einzuschreiten, so beschloss man,
die erste vorkommende Gelegenheit abzuwarten. Diese erschien
bald.
Ein Student, der Pommeraner von Wobeser, mit dem ich einmal ein
Duell gehabt hatte, mit dem ich aber demohngeachtet stets
befreundet geblieben war, fühlte sich von einem Offizier
beleidigt, forderte ihn und auf dessen Aeusserung, dass sie einem
Studenten weder Satisfaktion geben noch von ihm fordern
würden, verlangte Wobeser, dass wenn er ihm als Studenten
keine Satisfaktion geben wolle, er ihn als Edelmann fordere. Auch
dieses verweigerte der Offizier, und Wobeser zeigte dieses seiner
Landsmannschaft an. Es wurde darauf Seniorenkonvent gehalten und
darin beschlossen, dass sämtliche Halleschen Offiziere vom
Hauptmann abwärts in Verruf sein sollten. Dies machte
großes Aufsehen, aber die Offiziere achteten darauf
nicht.
Eines Abends war Ball im Salon zu Lauchstädt, wo eine Menge
Studenten, Offiziere und Beamte aus den benachbarten
sächsischen Ortschaften und auch Hallesche Offiziere sich
eingefunden hatten. Als der Ball beginnen sollte und die Kolonne
aufgestellt war, in der sich auch Hallesche Offiziere beteiligten,
traten sämtliche Studenten, nachdem sie sich bei ihren Damen
entschuldigt hatten, aus der Kolonne und der Tanz war dadurch
gestört. Einige sächsische Offiziere, die darüber
höchst entrüstet waren, forderten deshalb von den
Studenten Erklärung, und nachdem ihnen diese geworden war,
äußerten sie, dass sie das Benehmen der Studenten nur
billigen könnten und ebenfalls nicht tanzen würden, wo
die Halleschen Offiziere teilnähmen. Dadurch waren diese von
allen Tanzvergnügungen in Lauchstädt ausgeschlossen.
Ebenso ging es bei Privatbällen. Da nun die Studenten bei
allen Bällen teils durch die Mehrzahl, teils als geschickte
Tänzer die Seele des Vergnügens waren, so mussten die
Offiziere sich stets zurückziehen. Dieses Missverhältnis
dauerte lange, fast noch den ganzen Winter durch. Endlich spät
im Winter ereignete sich ein Vorfall, der die Sache auf den
höchsten Standpunkt brachte. Es wurde bekannt, dass die
Offiziere an einem nächsten Tage eine große
Schlittenfahrt nach Reideburg unternehmen wollten, zu welcher sie
hauptsächlich die Offiziersdamen fahren wollten. Als der Tag
erschien, waren nachmittags zwei Uhr, wo die Schlitten erwartet
wurden, Hunderte von Studenten auf dem Marktplatze versammelt und
hatten zwei Reihen gebildet, wo die Schlitten hindurchfahren
mussten. Als die ankamen, wurden sie von den Studenten mit 'Hoy,
hoy' aus Hunderten von Kehlen empfangen, je es sollen sogar, was
allgemein auch von den Studenten gemissbilligt wurde,
Schneebälle geworfen worden sein. Nun kamen auf einmal die
Häscher und Militärpatrouillen, um die Unruhestörer
zu verhaften. Dieses Schicksal traf auch mehrere, jedoch
größtenteils harmlose Studenten, die mit ihren Mappen
unter dem Arme eben in die Kollegien gingen. Die Untersuchung wurde
zwar eröffnet, hatte aber kein Resultat, und man behauptete,
die Akten seien verloren gegangen, und glaubte, dass der Sohn des
Finanzministers von Angern, der an der Spitze des Exzesses
gestanden hatte, nicht ohne Einfluss geblieben sei. Die
älteren Offiziere wünschten nunmehr ein gutes
Verhältnis wieder herzustellen, da die ganze Geselligkeit
dadurch gestört wurde. Deshalb gab sich ein Hauptmann v.
Drigalsky, der ein großer Liebling der Studenten war, dazu
her, die Sache zu vermitteln und bewirkte auch, dass die Reibungen
aufhörten. Da nun überdies die Zeiten durch die
politischen Vorfälle drohend und bedenklich wurden, so
vergaß man die bisherigen Unbilden und lebte auf einem
ziemlich verträglichen Fuße.
Es rückte nunmehr die unglückliche Zeit an, wo der
Kaiser Napoleon mit seinen siegesgewohnten Heeren die ganze Welt in
Furcht setzte und die auch unser Vaterland in das tiefste Verderben
stürzte. Obgleich unter den Studenten wenig politisiert wurde,
so stiegen doch bei vielen derselben ernste Gedanken auf, und
alles, was auf die Zeit einwirkte, wurde nicht mehr
gleichgültig betrachtet.
Bereits im Jahre 1805, als russische Heere mit Oesterreich sich
vereinigten, um der Allgewalt Napoleons zu widerstehen, wurde
Preußen mit in den Krieg verwickelt, und der König sah
sich genötigt, als die französischen Heere durch Anspach,
welches damals noch eine preußische Provinz war, ohne
Erlaubnis einbrachen, um die österreichischen Heere zu
umgehen, sein Heer aufzubieten, um wegen dieses Gewaltschrittes
sich zu rächen und mit Oesterreich und Russland sich gegen
Napoleon zu vereinigen. Durch die vor Ankunft der Preußen
erfolgte Schlacht bei Austerlitz am 2. Dezember 1805 (die sog.
Drei-Kaiser-Schlacht) und den darauf erfolgten Frieden war
Preußen isoliert und musste ebenfalls einen Frieden
schließen, der durch Abtretung von Anspach und einiger
anderer Provinzen, gegen Ueberlassung von Hannover, Preußen
moralisch verletzte und tief herabwürdigte. Alles dieses war
für Halle sowohl als für die Studenten so aufregend, dass
eine allgemeine Bestürzung und Erbitterung erfolgte. Dazu kam,
dass in diesem Jahre die Getreidepreise ungeheuer gestiegen waren
und Armut und Mangel entstand. Schon an einigen Markttagen schrie
das arme, unwissende Volk und glaubte, dass nur die
Getreidehändler durch Zurückhalten ihrer Vorräte, um
noch höhere Preise abzuwarten, die große Not
hervorbrächten. Endlich brach die Explosion los, und eines
Vormittags drangen große Massen Volks gegen einen der
größten Kornmäkler, der ein großes Haus am
Ulrichstor besaß, verübten ein furchtbares Geschrei und
erbrachen das Haus zuerst durch die Fenster, welche sie
einschlugen, erbrachen sodann die Türen und drangen in die
Kornböden. Der wachthabende Offizier wollte militärische
Hilfe leisten und ließ einen Tambour Wirbel schlagen, um das
Militär zusammenzubringen. Einer aus dem Volk aber packte den
Tambour und warf ihn mit seiner Trommel in die Gosse. Die
aufgebotenen Soldaten weigerten sich, auf das Volk einzudringen, da
die Masse zu großem Teil aus Soldaten, Weibern und Kindern
bestand. So musste man also dem Aufruhr ruhig zusehen und das Volk
toben und wüten lassen. Nun entstanden die größten
Exzesse. Alle Türen, Kasten und Schränke wurden erbrochen
und geplündert. Auch gegen die unglücklichen Bewohner die
größten Misshandlungen verübt. Einer der
bösesten Menschen war ein Kutscher, welcher bei dem
Justizwachtkommissar Räpprich im Dienst war. Dieser traf die
Frau des Hauses und sah, dass sie einen Ring an der Hand trug.
Diesen wollte er sich aneignen und da er ihn nicht vom Finger
losmachen konnte, ergriff er ein Messer und wollte der
unglücklichen Frau den Finger mit dem Ringe abschneiden, wurde
aber noch daran gehindert. Die Kornböden wurden erbrochen, die
Getreidesäcke zerschnitten und aus den Fenstern
herabgeschüttet, wo bereits unter denselben Weiber und
Mädchen mit Schürzen und Röcken parat standen, um es
darin aufzufangen. Dieselbe Scene ereignete sich an verschiedenen
Orten der Stadt, wo Kornmäkler wohnten.
Es währte dieser Greuel den ganzen Tag und wiederholte sich
den folgenden Tag, wo aber endlich militärische Hilfe kam. Man
hatte einige Schwadronen von dem in Aschersleben stationierten
Kürassierregiment requiriert, die den zügellosen
Pöbel bald zur Ruhe und Ordnung brachten. Mit deren Hilfe trat
die Polizei wieder in Wirksamkeit und arretierte, was nur
erweislich an den Exzessen teilgenommen hatte, so dass bald die
Gefängnisse nicht alle fassen konnten. Wir Studenten sahen
diese Greuel als müßige Zuschauer an. Als jedoch ein
toller Haufe sich zusammengerottet hatte, um den
Polizeipräsidenten Stelzer in seinem Hause aufzusuchen, und
drohte, ihn zu hängen, kam dessen zu unserer Landsmannschaft
gehörender Sohn und bat uns, seinem Vater zu Hilfe zu kommen.
Es fanden sich bald einige hundert . Als aber das Volk dieses sah,
trat es zurück, war aber sehr unwillig und äußerte,
weshalb wir uns eines so schlechten Kerls annehmen wollten, da auch
wir durch seine Schlechtigkeit, indem er sich von den Mäklern
bestechen lasse, mit leiden müssten. Die Untersuchung wurde
nunmehr geführt, und die Entscheidung kam bald. Außer
schweren Freiheitsstrafen wurden furchtbare körperliche
Züchtigungen vorgenommen. Der Räpprichsche Kutscher
wurde, obgleich er nicht Militär war, zu dreitägiger
Spießrutenstrafe, jedesmal durch zweihundert Mann,
verurteilt, die er aber nicht überstand, da er bereits am
zweiten Tage zu Tode gepeitscht war.
Auch andere Soldaten mussten, jedoch geringere,
Spießrutenstrafen erleiden, die sie aber leichter
überstanden, da die Soldaten auf diese nicht mit solcher
Vehemenz peitschten wie auf jenen Kutscher. Eine Menge Weiber,
Mädchen und Jungen erhielten auf öffentlichen
Märkten zwanzig, dreißig, vierzig und mehr
Peitschenhiebe. Kinder, welche teilgenommen hatten, aber noch nicht
konfirmiert waren, mußten von ihren Vätern in Gegenwart
der Polizeibeamten mit Rutenhieben gezüchtigt werden. Die
ganze Exekution war grausam und machte einen tiefen Eindruck. Bei
diesem Trauerspiele kamen auch einige komische Szenen zum
Vorschein.
Der Professor Geheimrat Schmalz hatte den aufrichtigsten Wunsch,
den Aufruhr zu unterdrücken und schlug vor, man solle Spritzen
herbeiholen und damit das Volk auseinandertreiben, wodurch er sich
aber dem Gelächter preisgab. Nun kam er an uns heran und
arrangierte uns, wir möchten: " Bursche heraus " rufen und
Hieber und Rappiere herbeiholen. Man lief nun allerdings in den
Straßen herum, schrie: " Bursche heraus " und holte sich
Hieber und Rappiere, aber nicht, um damit auf das Volk loszugehen,
sondern nur, um Mutwillen zu treiben. Dadurch wurde die Verwirrung
in der Stadt noch größer. Kurze Zeit vor diesem Tumult
hatte man den Studenten die Hieber genommen. Nun rotteten sich eine
große Menge, aber zum Teil solche, die vielleicht noch nie
einen Hieber in der Hand gehabt , und begaben sich zu der Wohnung
des Prorektors Geheimrat Eberhardt und erhoben ein grimmiges
Geschrei: " Hieber heraus ! ". Um diesen Unfug zu beendigen,
begaben sich verschiedene angesehene Studenten und unter diesen war
auch ich, zu dem Prorektor, erklärten ihm, dass dieses wilde,
drohende Geschrei und diese Zeit von den wahren Studenten
gemissbilligt würde, und fragten ihn, ob er gestatten
würde, diese Leute von seinem Hause zu entfernen. Der
Prorektor, besorgt, dass hieraus noch ein größerer
Exzess entstehen könne, lehnte dies ab und wünschte, eine
Deputation derselben zu empfangen und ihre Wünsche zu
vernehmen. Auf Verlangen des Prorektors erschienen nunmehr einige
derselben, waren aber, als sie uns sahen, bestürzt und
verwirrt. Einer von uns, der Westfalen-Senior fragte einen der
Deputation, wie er heiße, und er sagte verwirrt: " Ich
heiße Herr Schraube." Nun erwiderte Conspruck: " Wenn Sie
Herr Schraube heißen, so gehen Sie fort und sagen den
anderen, dass sie sofort und ohne Lärmen sich fortmachen,
sonst werden wir sie fortbringen." Die Gesellschaft ging nunmehr
ruhig auseinander, und wir entfernten uns auch wieder. Der
Prorektor entließ uns sehr freundlich und dankte uns
verbindlichst.

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