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Rückerinnerungen aus der Zeit nach Beendigung meiner Universitätsjahre bis nach meiner Verheiratung (2. Teil)

Bald nachher machten wir die erforderlichen Visiten, deren nicht viele waren, weil wir kein Haus machen und deshalb uns nicht weit ausbreiten konnten. Zuerst begaben wir uns zu meinem Gönner und Vorgesetzten, dem Friedensrichter Jäger, dessen erwachsene Tochter Emilie bald mit meiner Frau befreundet wurde und durch welche sie in deren Umgang geführt wurde. Unser nächster Nachbar war ein Tuchhändler Sasse, der ebenfalls eine junge Frau hatte und mit welchem wir sehr befreundet wurden. Diesem gegenüber am Hohen Wege an der Ecke des Lichtengrabens wohnte die Witwe eines im Jahre 1808 verstorbenen Medizinalrates Dr. Kramer, welche sieben Kinder, drei Töchter und vier Söhne, hatte. Da wir mit dieser Familie bald in die freundlichsten Verhältnisse kamen, so muss ich etwas länger bei der Schilderung derselben verweilen. Der verstorbene Dr. Kramer war einer der geachtetsten Aerzte in Halberstadt und zugleich nicht blos ein durchaus wissenschaftlich gebildeter, sondern sogar ein sehr gelehrter Mann. Seine Witwe Julie geb. Adam stammte aus der französischen Kolonie und galt für eine der edelsten Frauen Halberstadts, welches auch späterhin, als das Land wieder preußisch geworden war, von seiten der Regierung dadurch anerkannt wurde, dass ihr der Louisenorden erteilt wurde. Sie hatte außer ihrem Hause am Hohen Wege nur ein geringes Vermögen von höchstens 600 Thlr. jährlicher Einnahme, wovon sie aber ihre sieben Kinder auf das Musterhafteste erzog. Ihre drei Töchter hießen Cilli, Nanni und Betti, und alle drei waren höchst liebenswürdig. Die älteste, Lilli, heiratete späterhin den berühmten Geographieprofessor Ritter zu Berlin. Sie hat uns mit ihrem Mann hier in Naumburg bei unserer Durchreise besucht, und ich erinnere mich noch der geistreichen Mitteilungen, welche dieser berühmte Mann besonders über unseren jetzigen König und den königlichen Hof machte. Die zweite Tochter, Nanni, hat sich mit einem verwitweten Oberamtmann Morgenstern, welcher die Domäne Hedersleben bei Eisleben hatte, verheiratet. Obgleich sie eine Stadtdame war und von der Landwirtschaft nichts verstand, so wusste sie sich doch bald so bewandert damit zu machen, dass sie für eine der vorzüglichsten Wirtinnen in der Grafschaft Mansfeld galt und ihren durch leichtsinnige Wirtschaft in Verfall geratenen Ehemann durch ihre Klugheit und gesammelte Erfahrung bald auf die Beine half. Sie lebt jetzt noch als Witwe zu Halle. Die dritte Tochter, Betti, damals noch nicht völlig erwachsen, heiratete späterhin einen Major Reineck, Jugendfreund ihres ältesten Bruders, und besuchte uns ebenfalls bei einer Durchreise nach seinem Standquartier Saarlouis. Der älteste Sohn Carl hatte sich dem Postfach gewidmet, war aber durch Unvorsichtigkeiten in Schwierigkeiten geraten, indem er mit seinem in Preußen als Militär angestellten Freunde Reineck mitunter über politische Gegenstände correspondierte.

Da das Eröffnen von Briefen auf der Post damals ganz gewöhnlich war, so wurden auch von Carl Kramer dergleichen Briefe, in denen sich Hass gegen die Franzosen aussprach, erbrochen, er sofort verhaftet und nach Cassel zur Untersuchung abgeliefert. Durch bedeutende Verwendungen wurde er begnadigt, musste aber in Militärdienst treten. Als das Land wieder preußisch wurde und die westfälische Armee wieder aufgelöst war, trat er in preußische Dienste, machte die Feldzüge von 1813, 14 und 15 mit, ging dann wieder zum Postdienst über und ist vor etwa zwölf Jahren als Postdirektor in Merseburg verstorben. Der zweite Bruder Adolf war damals nicht im mütterlichen Hause, und ich habe ihn erst hier in Naumburg näher kennengelernt, da er in Zeitz Wegebauinspektor war und von Zeit zu Zeit hierher nach Naumburg kam. Die beiden jüngsten Söhne Wilhelm und Gustav waren damals noch nicht konfirmiert und besuchten das Domgymnasium. Wilhelm ist jetzt ein höchst angesehener Arzt zu Berlin.

Der jüngere, Gustav war Direktor des französischen Gymnasiums zu Berlin und ist jetzt Direktor der Frankeschen Stiftungen zu Halle. Mir für meine Person fehlte es damals nicht an Bekanntschaften, da so viele meiner Schul- und Universitätsfreunde sich hier befanden und wir unseren früheren Umgang fortsetzten. Dazu kam, dass ich namentlich auf dem Klub mir durch Spielen und besonders durch politische Gesinnung neue Bekannte erwarb. Da ich aber ohngeachtet des großen Umgangskreises Familienbekanntschaften fast gar nicht hatte, so konnte ich meine junge Frau nicht in die öffentliche Welt einführen, allein auch dieses änderte sich bald, da sie durch Einladungen und Zusammenkünfte an öffentlichen Orten und Spaziergängen z. B. auf den Spiegelschen Bergen, die wir oft besuchten, hinreichende Bekanntschaften an Frauen und Mädchen ihres Alters machte.

Zu denen, welche ich hier kennenlernte und mit welchen ich auch späterhin freundschaftlichen Umgang hegte, gehörte auch ein gewisser Klein aus Magdeburg, der als Steuerkontrolleur bei den direkten Steuern eine Anstellung hatte. Er war ein höchst gewandter Geschäftsmann, war zwar leidenschaftlich und von derber Natur, wurde sogar und zwar nicht mit Unrecht für grob gehalten, besaß aber viel inneren Fonds. Seine junge Frau war aus Allendorf an der Werra im Hessischen und besaß hübsches Vermögen. Der Direktor der direkten Steuern, v. Madai war ein alter Universitätsfreund von mir. Diese jetzt erneuerte Freundschaft hatte zur Folge, dass Madai auf Kleins Antrag mir eine Vollmacht erteilte, als Agent der Steuerdirektion die von ihr ressortierenden Patentsteuerprozesse vor dem Korrektionstribunal zu führen und die Bestrafung der Contravenienten zu veranlassen. Das Verfahren dabei war, dass wenn bei der Direktion eine Denunziation angebracht war und für begründet erachtet wurde, mir die Akten zugestellt wurden, um die Denunzianten vor das Korrektionstribunal zur Verhandlung und Bestrafung zu ziehen. Ich erließ sodann an den Denunzianten sowohl als an die etwa angegebenen Zeugen die Vorladungen, ließ solche durch einen Hausier insinuieren und trug dann auf dem Korrektionstribunal, wo alle Freitage Sitzung war, die Anklage vor, ließ, wenn der Angeklagte leugnete, die Zeugen vernehmen, und dann erkannte das Tribunal. Wurde ich abgewiesen, so musste ich die Kosten tragen, welche sich aber nur auf bare Auslagen an Zeugengebühren erstreckten. Wurde der Verklagte zu einer Geldstrafe verurteilt, so erhielt ich ein Drittel des Betrags, und der Angeklagte musste alle Kosten entrichten.

Einen Prozess dieser Art führte ich noch in der letzten Zeit des Königreichs gegen einen französischen Juden namens Baruch aus Straßburg, der die bedeutenden Fleischlieferungen für das französische garnisonierende und durchmarschierende Militär hatte. Ich hatte die Freude, dass das Tribunal ihn in 1500 Francs Strafe verurteilte, wovon also auf mich ein Drittel mit 500 Fr. kam. Der Angeklagte legte gegen die Entscheidung das Rechtsmittel der Cassation ein und äußerte gegen mich, dass er mit der Cassation gewiss durchkommen werde, da die Sache in Cassel bei einer Partie L`hombre abgemacht würde. Allein es kam doch anders, die Cassation wurde verworfen, und da die Strafe sofort eingezogen wurde, so erhielt ich meine 500 Fr. ganz kurze Zeit vor dem Abmarsch der Franzosen aus dem Königreiche. Ich hatte nunmehr meine Einnahme auf 700 - 800 Thaler gebracht, und da auch mein Glück im Spiel mich nicht verließ, so konnte ich mit meiner jungen Frau ein zufriedenes, sorgenfreies Leben führen.

Aus einigen Notaten, welche ich noch besitze, geht z.B. hervor, dass ich in der Zeit meiner Ankunft in Halberstadt am 2. Januar 1808 bis August desselben Jahres einen reinen Spielgewinn von 15 Thalern gehabt hatte, und zwar zum großen Teil in L'hombre, Tarok und Whist. Sehr viel wurde in Sonderheit gespielt, als Preußen nach der Schlacht bei Leipzig seine im Tilsiter Frieden verlorenen Provinzen wieder in Besitz nahm und das Gouvernement für die preußischen Provinzen zwischen Elbe und Weser errichtet war, wodurch eine Menge Beamte nach Halberstadt gezogen wurden. Hauptsächlich spielte ich auf dem Club, wo L'hombre besonders zu hohen Points gespielt wurde, so dass in einer Partie nicht selten 50 Thaler gewonnen oder verloren wurden. Der Direktor des Domgymnasiums Maas verlor einmal in einer Session im L'hombre 80 Thaler.

Zu denen, mit welchen ich auf dem Club fast täglich spielte, gehörte ein Hauptmann v. Witzleben, der nach seinem Abgange aus dem Militärdienst Domäneneinnehmer geworden war. Er hatte als Leutnant in dem Regiment des Herzogs v. Braunschweig den Feldzug gegen Frankreich in den Jahren 1792 und 93 mitgemacht , und man erzählte noch, dass er der schönste Offizier des Regiments gewesen wäre. Er hatte sich mit einer Frl. v. Breitenbauch, einem der schönsten Mädchen verheiratet und hatte aus dieser Ehe drei Kinder. Im Jahre 1793 war er mit gegen die Bergfestung Bitsch kommandiert. Der Überfall dieser Festung verunglückte bekanntlich, Witzleben wurde verwundet, gefangen und verlor dadurch sein Gehör. Um sich zu heilen, besuchte er verschiedene Bäder. Als ich ihn im Jahre 1808 kennenlernte, litt er an der Rückenmarkzehrung, die ihn unfähig machte zu gehen, so dass er beständig geführt werden musste. W. besaß ein schönes Haus an der Gröperstraße, welches ihm aber durch den in wenigen Tagen erfolgten Tod seiner beiden liebenswürdigen Töchter am Scharlachfieber so verleidet wurde, dass er sein Haus vermietete an den Steuerdirektor v. Madai und sich eine Wohnung in Westendorf mit einem schönen Garten mietete, wo ich öfter bei ihm nachmittags zu einer
Spielpartie eingeladen wurde. Da mir meine Wohnung bei Prätorius nicht behagte und Madai auszog, so vereinigte ich mich mit meinem Freunde Klein, das Witzlebensche Haus zu mieten. Bei der furchtbaren Einquartierungslast schlossen wir einen Mietskontrakt mit Witzleben, worin wir ihm 90 Thaler Miete zusicherten und die Einquartierung übernahmen, jedoch die auf das Haus verlegten Soldaten ausquartierten und die dadurch entstehenden Kosten bis zur Höhe unseres Mietsquantums übernahmen, so dass uns Witzleben das Haus für 180 Thaler Miete überließ. Als das Jahr verstrichen war und wir mit Witzleben abschlossen, musste er uns noch 55 Thaler herausbezahlen. So waren damals die Verhältnisse. Wiitzleben wurde sein schönes Haus so lästig, dass er mir noch mehrere Male anbot, es mir sogleich zuschreiben zu lassen, wenn ich eine darauf ruhende Hypothekenschuld von 2200 Thaler übernehmen wollte, allein ich hatte in der damaligen Zeit nicht die Courage dazu. Ein Jahr später verkaufte er das Haus für 7500 Thaler so dass ich dadurch über 5000 Thaler hätte gewinnen können.

In diesem Hause wurde unsere Emilie geboren und gleichzeitig erhielt Klein seinen ersten Sohn, so dass oben und unten Wochenstube war. Kleins hatten eine Tante bei sich, die über die Geburt des kleinen Sohnes sehr glücklich war. Klein, ein sehr jovialer Mann, machte sich, um seine Frau und deren Tante zu ängstigen, den Spaß, beide Kinder zu verwechseln. Merkwürdig war die Menge Ratten im Hause, die der frühere Bewohner Madai förmlich erhalten und alle Mittag auf dem Hofe zusammengetrommelt und gefüttert hatte. Es kostete viel Mühe, dieses Ungeziefer loszuwerden.

Das Königreich Westfalen hatte nun bereits einige Jahre bestanden und obgleich dasselbe aus größtenteils fruchtbaren Ländern und den intelligentesten Einwohnern bestand, so wurde die Lage desselben durch innere und äußere Veranlassungen immer trüber. Die Abhängigkeit von Napoleon und dem großen französischen Reiche war allein schon hinreichend, jedes Aufschwingen zu hintertreiben. Tractenmäßig gingen jährlich 7 Millionen Franken Revenuen an französische Donatairs dem Lande verloren. Dazu kam die Unterhaltung einer auf 12 000 Mann bestimmten Garnison Franzosen für die Festung Magdeburg, die aber häufig mehr als 30 000 Mann betrug, die fortwährenden Durchmärsche französischer Truppen auf Kosten des Landes, die Beschränkung alles Handelsverkehrs besonders durch die gegen England verfügte Kontinentalsperre, die besonders auf den Handel mit Kolonialwaren und englischen Fabrikaten herbeigeführt wurde.

Daher kam es, dass in dieser Zeit ein Pfund Kaffee und Zucker stets 1 - 1 1/3 Thaler kostete, und dass Fabrikate, die englischen Ursprungs waren oder bloß schienen, den Eigentümern ohne Entschädi- gung genommen und oft in großen Quantitäten öffentlich auf den Marktplätzen der Städte verbrannt wurden. Hierdurch würde selbst eine sparsame und sorgfältige Verwaltung nicht ausgereicht haben, um den Verfall des Landes zu hindern, wie viel weniger konnte dieses hier geschehen, wo die Verschwendung des Hofes zu Cassel, die daselbst herrschende Maitressenwirtschaft, die ungeheure Prachtliebe, die sich besonders in kostbaren, von Gold- und Silberstickereien strotzenden Uniformen äußerte, große Geldmittel erforderten, die nur durch den Druck der Untertanen herbeigeschafft werden konnten.

Es war schon längst eine sogenannte Amortisationskasse errichtet, in welcher alle Forderungen an den Staat eingetragen wurden. Dahin gehörten Bankobligationen, die von den den früheren Ständen garantiert waren und stets einen hohen Kurs hatten. Ferner Hypothekenkapitalien auf Grundstücke der Stifte, Klöster, Hospitale, die bei einer Veräußerung der Grundstücke nicht etwa bezahlt, sondern abgelöst und in die Amortisationskasse gebracht wurden. Auch gehörten dahin Forderungen der Privatpersonen für gelieferte Gegenstände oder gefertigte Arbeiten, die Frankreich hätte bezahlen müssen, aber auf die westfälische Regierung verwiesen waren. Für alles dergleichen wurden von der westfälischen Regierung zinsbare Schuldscheine ausgestellt, welche aber schon bei der Emission 30 bis 40 % verloren, da das Kapital im öffentlichen Verkehr kein Vertrauen hatte. Da späterhin alle diese Forderungen auf 1/3 reduziert wurden, so sanken alle diese Schuldscheine fast auf ein Nichts herab.

Ein Hauptmittel, sich Geld zu verschaffen , waren freiwillige Anleihen, die aber bald im Publikum freiwillige Zwangsanleihen genannt wurden, weil sich niemand, der ostensibles Vermögen besass, davon ausschließen durfte. Die dadurch herbeigeschafften Millionen kamen nicht etwa dem Lande, sondern nur der Verschwendungssucht des Hofes zu Cassel zu Gute. Dergleichen Zwangsanleihen wurden in den sieben Jahren der Existenz des Königreichs Westfalen dreimal ausgeschrieben.

Aber auch dieses war nicht ausreichend. Die preußische Regierung hatte bei der Säkularisation der Klöster den Mönchen dreihundert Thaler, den Nonnen aber einhundertfünfzig Thaler jährlich Pension bewilligt. So hatte der Abt des Klosters Huisburg bei Halberstadt jährlich Pension von 1500 Thalern und so verhältnismäßig. Alle diese Pensionen wurden auf die Halbscheid herabgesetzt, wodurch die davon Betroffenen zum großen Teil in Not und Sorge für ihre Existenz versetzt wurden. Da jedoch alle diese Rescurien nicht ausreichten, so wurde die Studentenwirtschaft dadurch vervollständigt, dass man an das Verkaufen aller disponiblen Gegenstände kam. Um hier die Ausbeute groß zu machen, fing man damit an, dass die Dom- und Kollegiat-Stifte zum Besten des Fiskus aufgehoben wurden. Die Domherren, die doch ein wohlerworbenes Recht auf ihre Pfründe hatten und denen man im Fall der Aufhebung doch ihre jährlichen Revenuen auf Lebenszeit hätte lassen müssen, erhielten kärgliche Pensionen, auch die übrigen Beamten wurden mit Pensionen abgespeist und kaum gelang es, die Fonds für Kirchen und Schulen zu retten.

Auch das Halberstädter reiche Domkapitel wurde von dieser Maßregel getroffen und das Publikum war der Meinung, dass diese Aufhebung einer zweiten französischen Invasion gleichkam. Auch die Klöster, soviel ihrer noch vorhanden und durch den Luneviller Frieden zur Säkularisation gestellt waren, und sämtliche Domänen kamen unter den Hammer. Wegen der noch vorhandenen Belastungen der Grundstücke, Zehnten usw. wurden Bestimmungen getroffen, wonach sie abgelöst werden konnten. Nun entstand ein Kommersch, wie er nicht leicht gedacht werden kann, und alles wurde verschleudert.

Es war eine goldene Zeit für Juden, Schwindler, aber auch für viele solide Männer. In den sonst preußischen Besitzungen gingen die Geschäfte am Besten, da diese Provinzen durch den Tilsiter Frieden abgetreten waren und also ein legaler Besitztitel begründet werden konnte. Bedenklich aber war ein solcher Kauf in den sonst braunschweigischen oder hessischen Provinzen, wo die früheren Regenten, wenn sie wieder in den Besitz kamen, diese Verkäufe als ungültig anfechten und die Käufer nötigen konnten, dergleichen Besitzungen unentgeltlich an den Fiskus zurückzugeben.

Viele Dorf- und Stadtgemeinden benutzten diese Gelegenheit, um sich durch Ablösung der auf ihren Grundstücken etwa noch haftenden Lasten oder Zehnten, Freiheiten zu verschaffen, die ihnen große Vorteile verschafften. Diejenigen Gemeinden, welche diese vorteilhafte Gelegenheit nicht wahrnahmen, haben es später schmerzlich bereut.

In dem Dorfe Harsleben, welches damals 365 Häuser und 2 Kirchen hatte, befand sich eine Domäne, welche ebenfalls zum Verkauf gestellt wurde. Ein Kriminalrat von Heyligenstädt, Bruder meines früheren Gönners, hatte der Gemeinde das Geld unter billigen Bedingungen verschafft, und sie entschloß sich, die Domäne selbst zu kaufen, und sie wurde ihr auch wirklich zugeschlagen. Das Dorf hatte sich dadurch frei von allen Lasten, Zehnten etc. gemacht, und nachdem das Kaufgeld und alle Kosten berichtigt waren, blieben noch drei große Bauerngüter im Eigentum des Dorfes, welches dadurch zu einem früher nicht gekannten Wohlstand gekommen ist. Der Kriminalrat von Heyligenstädt soll bei diesem Geschäft 10 000 Thaler gewonnen haben.
Ob nun gleich so viele Leute zugrunde gingen, die früher in Wohlstand gelebt hatten, so gab es doch eine Menge Gewerbetreibende, z. B. Bäcker, Fleischer, Brauer, Gastwirte und solche, die einquartierte Soldaten für Vergütung übernahmen, die dadurch sich bedeutenden Gewinn zu verschaffen wußten. Als der Verkauf in Halberstadt losging, kaufte sich mancher eine frühere Domherrencurie für einen Spottpreis, indem solche Curie, wenn ihr wirklicher Wert vielleicht 30 000 Francs und wohl noch mehr betrug, in der Regel für 4 000, höchstens aber 5 000 Francs verkauft wurde.

Ein sehr großes Glück hatte ein Berliner Schneider, namens Vogel. Als nach der Schlacht bei Jena die französische Armee zerlumpt und ganz abgerissen nach Berlin kam, wurden zur Anfertigung neuer Montierungen große Lieferungen von Tuch, Leinwand und anderen solchen Bedürfnissen ausgeschrieben, und der Schneider Vogel wußte sich die Entreprise dieses Geschäfts zu verschaffen. Da ihm ein kurzer Termin bestimmt war, so errichtete er in allen Städten des nördlichen Deutschlands Schneiderwerkstätten und engagierte soviel Leute, dass er den ihm gesetzten Termin einhalten und die sämtlichen Monturen abliefern konnte. Der ihm dadurch erwachsene enorme Gewinn und die Verhältnisse mit höheren französischen Verwaltungsbeamten, die natürlich von ihm einen Anteil des Gewinns bekamen, veranlassten ihn, da vorderhand in Berlin nicht mehr zu machen war, sich bei Errichtung des Königreichs Westfalen in die neue Hauptstadt Cassel zu begeben, wo es ihm gelang, die neuen, kostbaren Uniformen der Hof- und Staatsbeamten zu fertigen. Auch hierbei hatte er einen großen Gewinn, obgleich er auch hierbei in große Kreditverhältnisse kam, wobei ihm ein großer Teil seiner Forderungen auf die Staatskasse verwiesen wurde. Als nun der Zeitpunkt des Verkaufs der Domänen kam, benutzte er denselben und kaufte das ehemalige Nonnenkloster Adersleben bei Wegeleben für, ich glaube, 300 000 Francs, wobei er seine Forderungen mit anrechnete, einen Teil des Kaufgeldes in westfälischen Papieren zahlte und höchstens 1/3 der Kaufsumme bar erlegte. Als späterhin das preußische Gouvernement nach Halberstadt kam, hatte er bereits alles kostbar eingerichtet und gab hier Feten und Jagdvergnügungen, zu welchen die vornehmsten in Halberstadt eingeladen wurden und gern kamen. Vogel war ein feiner, sehr gebildeter Mann, der auch seiner früheren Standesverhältnisse eingedenk war und jeden Scherz darüber nicht allein nicht übelnahm, sondern stets teilte. Er erwarb außerdem noch eine wohl ebenso bedeutende Besitzung nahe bei Adersleben und verkaufte das Letztere nach einiger Zeit an einen Russen für 350 000 Thaler Gold.

In dieser bewegten Zeit wurde auch mein Schwiegervater aus seiner bisherigen Ruhe aufgerüttelt und wagte sich an ein Unternehmen, wodurch sein ganzes Vermögen in Gefahr kommen konnte. Unter den drei Apotheken in Halberstadt war früher die Hechtsche im Westendorfe die vorzüglichste. Durch den Tod des Apothekers Hecht kam die Apotheke an einen Berliner namens Matthes, der durch Leichtsinn und Verschwendung in große Schulden geriet, in deren Folge die Subhastation eingeleitet wurde. Als mein Schwiegervater hiervon Nachricht erhielt, kam er auf den Einfall, diese Apotheke womöglich zu acquirieren und deshalb in dem Subhastationstermin als Mitbieter aufzutreten.

Es lebte damals in Halberstadt ein Kaufmann Küster, ein Verwandter meiner Schwiegermutter, der durch Garnhandel sich ein bedeutendes, vielleicht 100 000 Thaler übersteigendes Vermögen erworben hatte. Zu diesem begab sich mein Schwiegervater, um sich durch ihn Geldmittel zu verschaffen, und hatte wirklich das Glück, bei ihm einen Kredit von 3 000 Thalern Gold zu verschaffen. Nun begab er sich getrost in den Termin und wurde Meistbietender für die geringe Summe von 10 300 Thalern Gold. Die Apotheke hatte früherhin einen sehr großen Wert, was auch daraus hervorgeht, dass mein Schwiegervater nach einem Jahr die Apotheke an einen Apotheker Böhme für 23 500 Thaler Gold verkaufte, der sie nicht lange nachher an einen Apotheker Wulff für 32 000 Thaler Gold verkaufte. Es gelang nunmehr meinem Schwiegervater durch Abwicklung aller auf dem Grundstück ruhenden Schuldverhältnisse sich in den Besitz der Apotheke zu setzen, und er siedelte nun nach Halberstadt über, nachdem er seine Grundstücke in Harzburg an einen Apotheker in Goslar verpachtete. Es fehlte ihm jedoch noch vieles, um ihn in den Stand zu setzen, dieses Grundstück so zu benutzen, wie er es wohl erwarten mochte. Er war zwar ein Mann, der sein Fach verstand, und es fehlte ihm auch nicht an Bildung aller Art, allein die Fortschritte der neueren Zeit in der Pharmacie waren ihm doch zum Teil fremd geblieben. Dazu kam, dass die Ärzte sowohl als auch ein großer Teil des gebildeten Publikums ihm als einem Dorfapotheker kein Vertrauen schenkten. Ihm ging auch die gesellige Tournüre ab, sich durch ein feines, gewinnendes Benehmen im Umgange Freunde zu erwerben. Auch war er zu genau und ökonomisch, sich die Aerzte durch glänzende Feten oder andere denselben zu gewährenden Vorteile geneigt zu machen. Deshalb gelang es ihm nicht, die gesunkene Apotheke wieder zu heben, und es lasteten die Zinsen von den contrahierten Schulden, die Höhe der Abgaben allerlei Art, die fortwährende Einquartierung und andere Lasten schwer auf ihm.

Doch auch hier kam ihm das Glück zu Hilfe. Halberstadt hatte durch seine geographische Lage die Nachteile, dass es wegen seiner Nähe zu Magdeburg und Braunschweig beständig französische und andere Truppen zum Durchmarsch hatte. Auch die Straßen vom Harz und nach Sachsen über Halle und Leipzig waren beständig belebt, so dass hier vier Militärstraßen zusammen kamen. Dies hatte zur Folge, dass stets eine Menge Kranker auch späterhin Verwundeter hier in Militärhospitälern untergebracht und der ärztlichen Heilung übergeben wurden. Bei einer Licitation an den Mindestfordernden erhielt mein Schwiegervater die Lieferung der Medikamente für die Hospitäler und obgleich er sich schweren Bedingungen u.a. einem Rabatt von glaube ich 20 oder 25 % unterwerfen mußte, so war es doch ein höchst einträgliches Geschäft, besonders späterhin im Jahre 1812 bei Beginn des Feldzuges nach Russland, noch mehr aber nach dem Rückzuge zu Ende 1812 und im Jahre 1813, wo täglich eine Menge Soldaten in die Hospitäler aufgenommen wurden. Der Gewinn war für meinen Schwiegervater aber so bedeutend, dass er, obgleich er durch den bewilligten Rabatt und durch bedeutende Abzüge bei Revision der Rezepte und Rechnungen große Einbuße erlitt, dennoch alle seine Schulden tilgte und seine Apotheke nun als freies Eigentum benutzen konnte, wodurch er in den Stand gesetzt wurde, sie in einiger Zeit für 23.500 Thaler Gold zu verkaufen.
Durch die Hospitäler und die beständige Aufnahme von Kranken in dieselben, sowie durch die schlechte Kost und Pflege entstand ein bösartiger Typhus, das sogenannte Hospitalfieber, welches außer den Hospitalkranken auch andere, welche damit in Verbindung kamen, ergriff und in der Regel dahinraffte. Ein Lehrling meines Schwiegervaters, der im Hospital beschäftigt wurde, bekam auch diese böse Krankheit, wurde zwar wiederhergestellt, aber meine gute Schwiegermutter, welche sich die Pflege des Kranken nicht nehmen ließ, wurde selbst davon ergriffen und fand ihren Tod im März 1812, einige Tage vor der Geburt meines ältesten Kindes, meiner nun auch verblichenen Emilie. Der Tod dieser vortrefflichen Frau, der treuen Gattin und liebevollen Mutter ihrer Kinder, war für uns höchst betrübt, nur mein Schwiegervater war weniger ergriffen und dachte bald, obgleich bereits ein hoher Fünfziger, an Wiederverheiratung. Er bewarb sich um die Hand einer Witwe Kramer, deren Mann, ein Oekonom namens Albert Kramer, an der Auszehrung gestorben war. Sie war eine sanfte Frau und erfüllte nach der Verheiratung alle ihre Pflichten auf das Treueste. Sie gebar eine Tochter, die nun auch schon dahingeschiedene Minna, die späterhin eine Zeitlang in unserer Familie lebte, und als sie herangewachsen war, den Gutsbesitzer Wilhelm Schlitte zu Paschleben bei Cöthen heiratete, dem sie drei Kinder gebar und die erst vor einigen Jahren gestorben ist. Ihre Mutter war bereits, als sie noch ein zartes Kind war, an der Auszehrung gestorben.

Zum voraus will ich noch bemerken, dass mein Schwiegervater nach ihrem Tode eine Haushälterin nahm, die er späterhin heiratete, mit ihr in unglücklicher Ehe lebte und sie nach einigen Jahren wieder durch den Tod verlor. Nach dem Verkauf der Apotheke kaufte sich mein Schwiegervater ein sehr schönes im Westendorfe schräg der Apotheke gegenüber belegenes Haus, worin er den Rest seines Lebens verbrachte und in einem Alter von 77 Jahren verstarb.
Nun wieder zu meinen eigenen Angelegenheiten.

Da der Hauptmann v. Witzleben sein Haus wieder selbst beziehen wollte, so musste ich mich noch um eine andere Wohnung bemühen und fand diese im Hause der verwitweten Medizinalrätin Kramer, mit der wir, wie ich früher bereits erzählt habe, befreundet waren. In dem Kreis dieser liebenswürdigen Familie verlebten wir einige Jahre, die wir, sowohl die Mutter als ich, zu den glücklichsten unseres Lebens stets gerechnet haben. Die Töchter, von denen die älteste Lilli etwa im gleichen Alter mit der Mutter, die beiden jüngeren aber einige Jahre jünger waren, gehörten zu den liebenswürdigsten Geschöpfen und hatten dabei eine feine Weltbildung.
Ein Schwager der Rätin Kramer, Ehrhard Kramer, der früher das bedeutende Kloster und Domänengut Marienrode bei Hildesheim selbst administriert und sich dabei Vermögen erworben hatte, befand sich noch in der Familie und da er unverheiratet war, lebte er als Kostgänger bei seiner Schwägerin, die er auch wohl bei der Erziehung der Kinder unterstützte. Durch gleiche patriotische Gesinnungen als treue Preußen und Franzosenhasser, wurden wir bald mit der Familie auf das innigste vertraut. Wir waren am Tage sowohl als besonders abends nach Tische zusammen und unterhielten uns durch trauliche Gespräche, durch Vorlesen interessanter Bücher, mitunter auch durch Kartenspiel.

Es trat nunmehr die unvergessliche Zeit ein, wo Napoleon auf dem höchsten Gipfel seiner Macht, durch den im Jahre 1812 gegen Russland unternommenen Krieg erschüttert und durch vereinte Kraft von Europa in den Abgrund gestürzt wurde. Er hatte diesen Krieg mit Aufbietung aller ihm zu Gebote stehenden Kräfte begonnen, ein mit allen erforderlichen materiellen Mitteln ausgerüstetes Heer von mehr als 400 000 Mann, wozu noch Hilfskorps von Preußen mit 20 000 und von Oesterreich mit 30 000 Mann gestellt wurden, aufgeboten und im Sommer 1812 damit Russlands Grenzen überzogen.

Merkwürdig und dem Aberglauben günstig war es, als im Herbst 1811 der große Komet sichtbar wurde und sein großes leuchtendes Flammenschwert mehrere Wochen lang ausstrahlte. Schon damals waren viele Menschen der Meinung, dass ein großes Ereignis der Welt bevorstehe. Der Anfang des begonnenen Feldzuges war für Napoleon günstig, indem er die Russen überall zum Rückzug nötigte, sie in zwei blutigen Schlachten besiegte und Moskau besetzte. Hier war aber der Zielpunkt seines Glücks; durch die anstrengenden Märsche, die fortwährenden blutigen Schlachten und Gefechte, die methodischen Rückzüge der Russen und das dabei erfolgte Verwüsten und Verbrennen ihrer eigenen Provinzen und Städte, die Einäscherung ihrer eigenen Hauptstadt Moskau, der geschickte Rückzug der Russen seitwärts nach Kaluga, wo sie ihre besten, fruchtbarsten und bevölkerungsreichsten Provinzen betraten, wo sie alle Hilfsmittel zur Erholung, Wiederergänzung und Verstärkung ihres Heeres vorfanden, dagegen bei den Franzosen gänzliche Erschöpfung und Mangel an Subsistenz für Mannschaft und Pferde, besonders durch eine zweihundert Meilen große Entfernung von ihren Hilfsmitteln, dazu der eintretende sehr starke Winter, die Märsche durch unwegsame Gegenden, ingleichen das Missvergnügen der französischen hohen Militärs, die ihre früher erworbenen Vorteile aufzuopfern fürchteten, sowie das geringe Vertrauen, welches Napoleon seinen Alliierten schenken konnte, alles dieses gab Veranlassung, an Napoleons Erfolgen für diesen Feldzug zu zweifeln.

Da ich jedoch keine Beschreibung dieses Krieges fertigen, sondern nur erzählen will, was mir in dieser Zeit Merkwürdiges vorkam, und was sich in Halberstadt ereignete, so will ich meinen Kindern, welche das Nähere über diesen Krieg nicht kennen, überlassen, die dahin einschlagenden Geschichtswerke zu lesen und dagegen in meiner eigenen Geschichte fortfahren.
Alle patriotischen Männer, welche die Vernichtung der französischen Unterdrückung und die Wiederherstellung Preußens erhofften, waren durch ein gewissermaßen heiliges Band einander kennbar.

Dieses Band vereinigte uns mit der ganzen Kramerschen Familie und mehreren mit derselben und mir vertrauten Personen.Dahin gehörte in Sonderheit ein Postsekretär Herzberg, ein intimer Freund von Karl Kramer und Sohn des Postdirektors Herzberg. Dieser hatte öfter Gelegenheit, Nachrichten, auch wohl Zeitungsblätter aus Preußen zu erhalten, die er uns gelegentlich mitteilte. Dieser Mann erregte durch seine Unvorsichtigkeit bald das Misstrauen der französischen Anhänger. Der schräg gegenüber in der Apotheke meines Schwiegervaters wohnende Generalkommissar der französischen hohen Polizei besuchte ihn auch mitunter, um von ihm Nachrichten zu erhalten, warnte ihn aber und ermahnte ihn zur Vorsicht, indem er äußerte, dass er von ihm zwar nichts zu befürchten habe, jedoch auf seine Stellung hinwies, da er, wenn ihm ein Auftrag zukäme, seine Pflicht erfüllen müsse. Zu diesen patriotischen Männern gehörten auch mein Friedensrichter Jäger, mein ehemaliger Hausgenosse Steuerkontrolleur Klein und in Sonderheit ein Assistenzrat, damaliger Hypotheken-Conservateur Rauschard. Noch muss ich eines jüdischen Arztes Dr. Wolff erwähnen, der zwar höchst borniert, jedoch ein wütender Franzosenhasser war.

Auf dem Klub waren in der Regel schon früh 8 Uhr, wenn die Zeitungen kamen, viele Mitglieder desselben versammelt. Auch ein jüdischer Bankier David Süssmann, der durch seine Handelsgeschäfte oft Gelegenheit hatte, etwas Neues zu erfahren, wurde veranlasst, Neuigkeiten mitzuteilen.

Bis zu Ende des Jahres 1812 lauteten die französischen Bulletins im Moniteur noch immer vorteilhaft für die Franzosen und nachteilig für die Russen, obgleich man schon anfing, bedenklich zu werden.

Da kam auf einmal das weltbekannte neunundzwanzigste Bulletin, welches den Untergang der französischen Armee eingestand. Als ich eines Tages zu Ende des Monats Dezember 1812 auf den Klub ging und wir dieses Bulletin zu Gesicht bekamen, wollte ich meinen Augen nicht trauen und geriet in eine unbeschreibliche Aufregung. Das Bulletin wurde auf dem Klub wiederholt gelesen und auch öffentlich vorgelesen, und alle waren außer sich. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht in Halberstadt. Es war ein Tag, wie man ihn nur selten erleben konnte. Es war natürlich, dass man nunmehr stets neuere detailliertere Nachrichten erwartete, und diese folgten auch täglich und alles Grauenhafte blieb sogar in der Regel noch hinter der Wahrheit zurück und bestätigte nur, dass die Trümmer der großen französischen Armee in dem traurigsten Zustande sich aus Russland zurückziehen mussten.

Dass der Kaiser Napoleon sich selbst von der Armee entfernt hatte, um sich nach Paris zu begeben, und dass er bereits still und vorsichtig durch Dresden in in letzten Tagen des Dezember gekommen war, spannte die Erwartung auf das Aeußerste. Bald sollten wir nun auch in Halberstadt die Folgen des furchtbaren Ereignisses wahrnehmen. Es kamen eine Zeitlang täglich Wagen voller Kranker, die den Keim des Todes in sich trugen, und wenn die Wagen abgeladen wurden, waren neben den Kranken überall Todte, die auf dem Wege zu den Lazaretten in Halberstadt ein Opfer des furchtbaren Typhus geworden waren. Diese Seuche verbreitete sich nun, und eine Menge Einwohner wurde eine Beute derselben. Durch die vielen, besonders in der ärmeren Volksklasse, vorkommenden Todesfälle wurden fast täglich Versiegelungen notwendig, denen aber weder der Friedensrichter noch ich uns unterzogen, vielmehr solche durch den Huissier verrichten ließen.

Die Folgen der Auflösung der französischen Armee zeigten sich auch bald in den politischen Beziehungen. Die von dem General York, der das preußische Kontingent befehligte, mit dem russischen General Diebitsch abgeschlossene Konvention erregte in Preußen, sowohl als auch in den abgetretenen Provinzen eine große Freude, obgleich der König, da noch ein französisches Corps in Berlin war, die abgeschlossene Konvention verwarf und anscheinend dem Bündnisse mit Frankreich treu bleiben wollte.

Auf unserem Klub waren nunmehr eine Menge Besucher und sogar solche, die während der französischen Okkupation sich ganz zurückgezogen und nur zu Hause mit ihrer Familie gelebt hatten. Jeder wollte Neuigkeiten erfahren. Es war aber jeder vorsichtig und fürchtete sich, von Polizeispionen denunziert zu werden. In dieser Beziehung ereignete sich auf dem Klub ein höchst unangenehmer Vorfall. Der Bankier Süssmann wurde eines Tages im Januar 1813 befragt, ob er nichts Neues wisse. Er erwiderte, dass viele Lügen verbreitet würden,und fügte hinzu, dass ein Mann gesagt hätte, dass die Russen in Königsberg eingezogen wären, er aber dieses nicht glaube. Da trat auf einmal der schon öfter von mir erwähnte Maire Cuno auf und fragte Süssmann, warum er diesen Mann nicht habe festnehmen lassen. Auf Süssmanns Aeußerung, dass er dazu um so weniger Veranlassung gehabt habe, da er die Nachricht für unwahr halte, sagte Cuno in heftigem Ton: "Jedenfalls mussten Sie es tun, weil es Pflicht jeden getreuen Untertans ist, dergleichen Menschen sofort anzuzeigen und ich werde stets von dergleichen Notiz nehmen und zu seiner Zeit davon Gebrauch machen !." Es entstand eine Totenstille und man war zwar allgemein entrüstet, wagte aber nicht, etwas zu sagen.

Die bekannten Aufrufe des Königs von Preußen ' An mein Volk', 'An mein Heer', sowie die Errichtung der Freiwilligen, der Landwehr und des Landsturms, sowie die Abreise des Königs nach Breslau, die Erhebung des preußischen Volks durch allgemeines Ergreifen der Waffen und die Menge freiwilliger Gaben auf dem Altar des Vaterlandes machten überall einen ungeheueren Eindruck, und auch in den abgetretenen Provinzen erwartete man ungeduldig die Zeit, an dem Aufschwunge teilzunehmen.

Die Zeitereignisse wurden immer wichtiger und interessanter, da die großen feindlichen Mächte, Frankreich mit seinen Verbündeten auf der einen und Russland und Preußen auf der anderen Seite, ungeheure Rüstungen machten, um den Krieg womöglich noch energischer wieder aufzunehmen. Während dieser Rüstungen gelang es den Russen, namentlich den so beweglichen Kosaken, Streifzüge weit in Deutschland zu machen. Sie kamen sogar noch während Angereau mit seinen Franzosen Berlin besetzt hielt, in diese Hauptstadt und, ob sie gleich noch an demselben Tage die Stadt wieder verließen , so fanden es doch die Franzosen nicht für gut, in Berlin zu bleiben, sondern zogen sich bald nachher nach Magdeburg zurück.

So war ein anderer Schwarm von Kosaken unter dem Obrist v. Tettenborn nach Hamburg gekommen, hatte von da die Franzosen über die Elbe getrieben und Hamburg aufgefordert, sich wieder für eine freie Hansestadt zu erklären, welches geschah. Sie errichteten eine hanseatische Legion und hofften, da auch Schweden sich gegen Napoleon erklärt hatte, nunmehr durch eigene Kraft mit Hilfe der Russen und Schweden ihre Freiheit zu behaupten.

Die große französische Armee hatte inzwischen sich über die Memel, die Weichsel, die Oder und Elbe nach und nach bis an die Saale zurückgezogen und sonach nicht allein Russland sondern auch Polen, Preußen und Sachsen bis auf die Festungen geräumt, und nachdem sie in einem Gefechte jenseits Magdeburg geschlagen waren, sich bei Bernburg an der Saale aufgestellt, wo sie durch diesen Fluss und den Harz, sowie durch die Festung Magdeburg gedeckt waren.
Die Verbündeten hatten nunmehr Polen und Sachsen besetzt und suchten ,ihre Heere zu vermehren. Die Russen waren durch die Erschöpfung ihrer Truppen sowohl als ihres Landes, besonders aber durch die großen Entfernungen nicht sogleich imstande, ihr Heer in den erwünschten Stand zu setzen. Preußen hatte mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Bei dem Tilsiter Frieden im Jahre 1807 hatte es sich verbindlich machen müssen, nicht mehr als 40 000 Mann auf den Beinen zu halten, weil Napoleon überzeugt war, dass Preußen, sobald es die gelähmten Flügel wieder rühren könne, bei erster günstiger Gelegenheit sich mit seinen Feinden vereinigen und versuchen würde, seine verlorenen Provinzen wieder zu gewinnen.

Nun hatte zwar Preußen unter Scharnhorsts Leitung die Zeit von 1807 - 13 herrlich benutzt und sich durch das sog. Krümpersystem, wonach stets eine Anzahl Rekruten ausgehoben, einexerziert, dann wieder entlassen und neue ausgehoben wurden, mehr als 100 000 Mann einexerzierte, waffenfähige Mannschaft verschafft, allein es fehlte an Geld, an Waffen, an Montierungsstücken, an Schuhen und allem Kriegsbedarfe. Die Engländer schickten dieses zwar zum größten Teil, allein es fehlte doch an Zeit, damit ein Heer so schleunig als möglich flott zu machen, und noch mehr wurde dadurch die Instandsetzung der Landwehr behindert. Dazu kam, dass Russland Polen nicht unbesetzt im Rücken lassen konnte und dass außer den polnischen Festungen auch Danzig, Thorn, Glogau, Küstrin, Thorn Stettin, Spandau, Torgau, Wittenberg und Magdeburg eingeschlossen werden mussten, wodurch die Streitkräfte der Alliierten bedeutend geschwächt wurden. Da nun Napoleon in dieser Zeit sich wieder ein Heer in Frankreich gesammelt hatte, so rückte er schon im April 1813 mit einer, den Verbündeten weit überlegenen Kriegsmacht gegen die Saale vor. Das vereinigte russisch-preußische Heer, welches bereits tief in Thüringen vorgerückt war, musste sich vor der an Zahl überwiegenden französischen Armee umso mehr zurückziehen, da der König von Sachsen sich nicht hatte anschließen wollen und überhaupt sich nicht bloß zaghaft, sondern auch so zeigte, dass ihm nicht zu trauen war, obgleich nicht zu zweifeln war, dass durch den Beitritt Sachsens und mit der wichtigen Festung Torgau Napoleon wahrscheinlich eine Niederlage erlitten haben würde. Napoleon rückte nunmehr über die Saale, nahm seine Richtung auf Leipzig, wodurch er Berlin und Dresden bedrohte. Trotz der Minderzahl griffen die Verbündeten Napoleon bei Lützen an, wurden aber doch, ohngeachtet der größten Tapferkeit, wegen des überlegenen Feldherrntalents Napoleons zum Rückzuge genötigt, den sie in Ordnung und nachdem der König von Sachsen sich mit Napoleon vereinigt und ihm die Festung Torgau übergeben hatte, bis über die Elbe fortsetzten. Sie stellten sich nochmals bei Bautzen auf, wurden aber auch hier zum Rückkzuge genötigt und mussten auch Schlesien preisgeben.

Während übrigens die Franzosen beständig im Vorrücken begriffen waren und sogar bereits Breslau besetzt hatten, hatte sich ein Krieg im Rücken der großen Armee gebildet, der für die Franzosen immer bedenklicher wurde und sogar unser Halberstadt dabei beteiligte. Der Major Helwig, der ein preußisches Freicorps kommandierte, hatte bei Langensalze ein Detachement Bayern angegriffen, ihnen ihre Kanonen genommen und sie auseinandergesprengt. Der preußische  General v. Bülow, dem die Verteidigung und der Schutz Berlins aufgetragen war, hatte sich durch Heranziehen der Reserve, der Landwehr und der Freiwilligen so gestärkt, dass er angriffsweise operieren konnte und am 4. Juni 1813 den Franzosen in der Niederlausitz eine Niederlage beibrachte. Ein Corps Russen war nebst dem Lützowschen Freicorps gegen Leipzig gezogen. So hatten auch die Kosaken gegen 400 Mann französische Kavallerie, die über Halberstadt, wo sie einen Ruhetag gehabt und sich zum Teil sehr brüsk betragen hatten, bei Cönnern einen Überfall gemacht und sie gänzlich zerstreut, zum Teil niedergemacht und gefangen genommen. Dieses Operieren im Rücken, welches den Franzosen es unmöglich machte oder wenigstens erschwerte, Verstärkungen mit Sicherheit nachzusenden oder Depeschen zu befördern, war für Napoleon so empfindlich, dass er auf einen Waffenstillstand antrug. Ehe dieser zustande kam, ereignete sich für die Alliierten ein glücklicher Coup, der sich bei Halberstadt ereignete. Es war hier ein Artilleriepark von 15 Kanonen nebst Munitions- und anderen Wagen aufgefahren, der eine Bedeckung von 2000 Mann aus verschiedenen Truppengattungen hatte. Es war dieses zu Ende des Monats Mai, und man erfuhr in Halberstadt, dass der General Tschernitscheff mit etwa 1200 - 1500 Kosaken sich bei Havelberg befinde, und man besorgte, dass dieser einen Ueberfall wagen würde, um sich der Kanonen zu bemächtigen. Der westfälische General Ochs, welcher das Oberkommando führte, kam dadurch in äußerste Verlegenheit. Der General Ochs beriet sich mit den französischen ihm untergeordneten Offizieren über den zur Sicherheit der Kanonen zu fassenden Entschluss, ob man dieselben nach Magdeburg oder Braunschweig dirigieren oder zur Verteidigung derselben in Halberstadt bleiben solle. Man wählte das letztere, weil man wusste, dass ein franz. Corps von mehreren 1000 regulären Truppen über Braunschweig im Anmarsch sei, und hoffte, dass solche noch zeitig genug eintreffen würden. Die Kanonen waren auf dem Burchardi-Anger an den Gärten der Braunschweiger Chaussee gegenüber aufgestellt.

Am 29. Mai erschien auf einmal Tschernitscheff mit seinen Kosaken, stellte sich auf der Chaussee dem Park gegenüber auf und schoss mit zwei bei sich habenden Kanonen in den Park ein, hatte das Glück, in einige Munitionswagen zu schießen, benutzte die dadurch entstandene Explosion und Verwirrung, drang mit seinen Kosaken sofort ein, zersprengte die Besatzung, und was nicht niedergehauen wurde, ergriff die Flucht, und Tschernitscheff war Herr der Kanonen. Während man sich nun damit beschäftigte, die Kanonen zu bespannen und fortzubringen, sah man auf der Braunschweiger Chaussee bereits das erwartete französische Corps, welches aus wenigstens 4000 Mann mit Geschütz bestand, herankommen, und als die Kosaken mit ihrer Beute aus dem Kühlinger Tor sich fortbegaben, rückten die Franzosen in das Johannistor und schlugen auf dem Markte ein Biwak auf, die Kosaken aber schlugen am Wegelebener Wege auf dem sog. Galgenplane ein Lager auf, wo sie die Nacht zubrachten. In der Stadt verbreitete sich die Nachricht, dass das Lützowsche Freicorps heranrückte und mit den Kosaken in der Nacht die Franzosen überfallen wollte. Es war dies eine der angstvollsten Nächte für Halberstadt, denn man besorgte, dass Explosionen von Pulver entstehen und die Stadt dabei in Feuer aufgehen könne. Die Franzosen mochten aber auch keine genauen Nachrichten über ihre Gegner haben, denn in der Nacht wurde auf einmal Generalmarsch geblasen, und sie zogen, wo sie hergekommen waren, aus dem Johannistor nach Braunschweig zurück, während die Kosaken mit ihren eroberten Kanonen auf der Straße nach Halle weiterzogen.

Es ist mir stets unvergesslich geblieben, als ich an diesem Tage die ersten Kosaken sah. Als ich aufgestanden war und in unser Wohnzimmer trat, kam mir die Mutter, welche mit Emilien auf dem Arme am Fenster stand, mit freudefunkelnden Augen entgegen und sagte: Wenn du die Kosaken sehen willst, so komm her. Ich trat ans Fenster, sah die Kosaken in den Straßen umherreiten und wie ein westfälischer Gendarm an der Erde lag, um Pardon bat, dabei aber von einem Kosaken mit Keulenhieben und Lanzenstichen gemisshandelt wurde.

Nachdem nun die Kosaken sowohl als die Franzosen unsere Stadt verlassen hatten, war Halberstadt sich selbst überlassen und blieb so, bis die Nachricht von dem geschlossenen Waffenstillstand allgemeine Sensation erregte, indem man vermutete, dass ein Friede bald erfolgen werde. Ängstliche Leute, zu denen ich auch gehörte, waren außer sich und besorgten, dass wir nunmehr das französische Joch wieder aufnehmen müssten, so dass Patrioten genug zu beruhigen hatten. Während der Zeit des Waffenstillstandes vom 7. Juni - 20. August 1813 wurden die Rüstungen der einander gegenüberstehenden Mächte auf das Großartigste betrieben und durch Hinzutreten Österreichs zu Russland und Preußen kam auf diese Seite allerdings ein großes Übergewicht. Es wurde nunmehr das Königreich Westfalen und mit ihm auch Halberstadt auf dem alten Fuß eingerichtet. Der König Jerome, der in dieser Zeit sein Land bereiste, kam auch nach Halberstadt, wo ihm durch den Finanzminister Malchus sämtliche Behörden vorgestellt wurden. Bei dieser Gelegenheit bekam ich ihn, da ich mit erscheinen musste, ebenfalls zu sehen. Auch der bekannte General Vendamme kam durch Halberstadt, wo er wie fast überall nicht sehr gnädig auftrat, jedoch unsern Maire Cuno, den er vorgefordert hatte, große Lobeserhebungen brachte und sich äußerte, solche Beamte wolle der Kaiser Napoleon haben, und er werde ihn dem Kaiser zur Erteilung von Auszeichnungen dringend empfehlen. Es machte dieses aber in der Stadt einen unangenehmen Eindruck, und Cuno wurde immer noch verhasster. Vendamme dachte übrigens wohl nicht daran, dass er seine Rolle bald ausgespielt haben und verhindert sein würde, Cuno sein Versprechen zu halten.

In dieser Zeit wurde mein ältester Sohn Wilhelm, und zwar am 1. August 1813, geboren. Da der Geburtstag des lieben Königs von Preußen am 3. August war, so ließ ich meinen Sohn an diesem Tage taufen und nannte ihn Friedrich Wilhelm und bedachte nicht, welchen Gefahren ich mich dadurch hätte aussetzen können. Nach beendigtem Waffenstillstand und Wiedereröffnung des Krieges trat meine Besorgnis vor der Zukunft wieder ein, denn der Westfälische Moniteur brachte die Nachricht über die große Macht, welche Napoleon entwickelte, und die gegen die preußischen Provinzen gerichteten drohenden Angriffe, auch wurde darin mit Sicherheit angegeben, dass die französischen Truppen den 23. August in die Hauptstadt Preußens einziehen würden. Meine Freunde, insbesondere Herzberg, hatten genug zu tun, um mir Mut und Vertauen einzuflößen, die beste Beruhigung in dieser Beziehung war aber für mich ein Berliner Zeitungsblatt, welches Herzberg unter der Hand bekommen hatte, über den Sieg der Alliierten bei Großbeeren. Die Furcht vor den Polizeispionen war aber so groß, dass Herzberg mit mir und Freund Rauschard nach den Spiegelschen Bergen ging und uns in einer der dortigen Grotten das Zeitungsblatt vorlas. Meine Freude war nun ebenso groß wie früher meine Angst. Es häuften sich nunmehr die guten Nachrichten und die Niederlagen der Franzosen, nicht allein bei Großbeeren, sondern auch bei Dennewitz, an der Kotzbach und bei Culm wurden mit stillem Jubel empfangen, besonders die Niederlage des Vendamme bei Culm erregte in unserer Stadt, wo Vendamme erst kurz vorher alles, was nicht französisch gesinnt war, gegen sich erbittert hatte, allgemeine Freude. In dieser Zeit zu Ende des Monats September erschien auch wieder der General Tschernitscheff mit seinen Kosaken und machte seinen bekannten Zug nach Cassel, wo er diese Stadt einnahm, den König Jerome nebst Ministern und den Kommandeur der Truppen General Altz verjagte und eigentlich schon jetzt dem Königreich ein Ende machte.

Tschernitscheff machte in Halberstadt Ruhetag, ließ aber seine Kosaken nicht einquartieren, sondern versammelte sie vor dem Harsleber Tor in einem Lager und ordnete an, dass man seinen Leuten Speisen und Getränke in das Lager liefern möge. Dass dieses in reichlichem Maße geschah, läßt sich denken, Auf dem Rückmarsch nach Cassel nahm er unseren Maire Cuno als Gefangenen mit. Von Bernburg aus kam noch ein anderer russischer General mit einem Kosakenhaufen, um sich ebenfalls auf Cassel zu dirigieren. Auch dieser blieb eine Nacht in Halberstadt und biwakierte auf dem Burchardi-Anger. Hier strömte der größte Teil der Bevölkerung gegen Abend hinaus, und man sah hier die interessanteste Aufführung von Schillers Wallensteins Lager. Endlich kam es zu der großen Völkerschlacht bei Leipzig ( 16., 18. u. 19. Oktober ), wodurch Napoleon zu einem Rückzuge aus Deutschland über den Rhein gezwungen und dadurch ganz Deutschland bis auf die noch mit Besetzungen versehenen Festungen in Freiheit gesetzt wurde.

Als sich die Nachricht von diesem Siege verbreitete, entstand ein so großer Jubel, wie er sich nicht beschreiben läßt. Wohin die verbündeten Heere kamen, wurden sie mit offenen Armen aufgenommen, und alles, was selbst Anhänger der Franzosen gewesen war, änderte die Farbe und ergoss sich in patriotischen Freudensbezeugungen.

Ehe ich in der Erzählung der politischen Verhältnisse fortfahre, will ich noch einiges mitteilen, was mein geselliges Leben näher berührte.

Einige Zeit nach meiner Verheiratung ging man damit um, einen Gesangverein zu bilden, der alles, was Liebe zum Gesange hatte, zu gemeinschaftlichen Leistungen vereinigen sollte. An der Spitze stand der Tribunal-Richter Ziegler, ein Mann, der nicht allein eine Zierde seines Berufes als Richter war, sondern auch ein vorzügliches musikalisches Talent besaß. Er lebte und webte in Musik, und obgleich seine Bassstimme nicht zu Solo-Partien geeignet war, so war er doch theoretisch gebildet und ein fertiger Klavierspieler. Noch mehr aber leistete er als Orgelspieler. In letzter Beziehung war er mit dem Organisten der Domkirche Christian Samuel Müller, einem höchst vollkommen gebildeten Musikfreunde sehr befreundet. Mit diesem Manne, der zugleich auch seinem Charakter nach höchst achtungswert war, vereinigte sich Ziegler zur Ausführung seines Plans, und es erging ein Zirkular, welches zum Beitritt aufforderte. Die Sache fand großen Beifall, und es vereinigte sich eine hinreichende Zahl Dilettanten, dass alle vier Stimmen hinreichend besetzt werden konnten. Ich trat mit der Mutter gleichfalls bei und obgleich wir nicht mit hervorragendem Talent und Stimme begabt waren, so konnten wir doch im Chore genügend mitwirken und hatten überdem einen Eifer, dass wir schon dadurch dem Ganzen förderlich wurden. Die Glanzpunkte des Vereins waren ein ausgezeichneter Tenor und eine vorzügliche Sopranistin. Ein junger Jurist namens Pechmann, der jetzt noch bei dem Appelationsgericht zu Halberstadt als Geheimer Justizrat fungiert, hatte eine Tenorstimme, wie sie selten vorkommt, und war so musikalisch gebildet, dass er die schwierigsten Partien mit Leichtigkeit vortrug. Unsere Sopranistin Jeanette Clement, die Tochter eines wohlhabenden Handschuhfabrikanten, hatte eine wohlklingende, starke und umfangreiche Stimme, und ob sie gleich in Koloraturen, Trillern pp. nicht wie eine Kammersängerin ausgebildet war, so hörte man sie doch sehr gern. Auch eine recht gute Altistin hatten wir an einer Frau Dr. Körte, Tochter des berühmten Philologen Geheimrat Wolff zu Halle. Außerdem waren noch Mitglieder: eine Frau Rittmeister v. Stockmeyer, die schon früher erwähnte Frau Hauptmann v. Witzleben, die Frau Tribunalsprokurator Quick, Tochter des Friedensrichters Jäger, und noch einige andere, und es vermehrte sich unser Verein nach und nach bedeutend. Anfangs sangen wir kleine vierstimmige Lieder, einige Notetten und andere leichte Sachen. Nach und nach übten wir schwerere Sachen wie z.B. das Lied von der Glocke, die Macht des Gesanges und verstiegen uns späterhin sogar auf das Miserere von Leo Leonardo und zuletzt auf das Requiem von Mozart, welches zur öffentlichen Aufführung gebracht werden sollte.

Bei einer Hauptprobe in der französisch-reformierten Kirche an der Woorth zog sich unser geliebter Lehrer eine Erkältung zu, die ihm ein Nervenfieber zuzog, an welchem er starb. Bei seinem Fieber Paroxismus sang er stets Passagen aus dem Requiem. Ziegler setzte nunmehr die Einübung fort, und wir brachten es als Totenfeier unseres Lehrers zur öffentlichen Aufführung. Durch den Tod unseres Lehrers waren wir nunmehr eine Herde ohne Hirten geworden, alle waren jedoch der Ansicht, dass das so herrlich angefangene Werk seinen Fortgang haben müsse. Der Verstorbene hatte einen Bruder Carl Müller, der Organist an der Martinikirche war, seinen verstorbenen Bruder zwar nicht an musikalischer Ausbildung übertraf, jedoch vielleicht noch genialer war. Dabei hatte er, wenn auch nicht hohe wissenschaftliche Bildung, doch einen scharfen Verstand, der ihn fähig machte, an jeder mitunter gelehrten Unterhaltung teilzunehmen. So erinnere ich mich noch an das Neujahrssingen im Franziskanerkloster, wo wir zwar kein Geld erhielten, jedoch immer bei gutem Klosterbier und Brot mit Salz und Kümmel einen vergnügten Nachmittag zubrachten. Die größtenteils wissenschaftlich gebildeten Mönche unterhielten sich gern mit den Schülern, und es wurden sogar theologische und philosophische Disputationen mit Feuer gehalten.

Bei einer solchen theologischen Disputation, an welcher auch Carl Müller teilnahm, äußerte dieser mit Festigkeit: "Wir können die Sache dadurch zur Entscheidung bringen: Der Glaube ist die Melodie, die Vernunft aber der Generalbass!" So geistreich in der Unterhaltung war er auch in seinen musikalischen Leistungen, da seine Kompositionen, deren er manche drucken ließ, den Beifall der Kenner erhielten. Der Gesangverein konnte jedoch ihn nicht zum Nachfolger seines Bruders machen, da er leider sich dem Trunke ergeben hatte. Wir mussten daher, um unseren Verein zu sichern, auf eine andere Wahl denken, und da Ziegler, bisher schon die Seele des Vereins, nach unserer Ansicht alle Erfordernisse besaß, ersuchten wir ihn, nunmehr die Direktion zu übernehmen, wozu er sich nach einigen bescheidenen Weigerungen verstand. Und es wurde bald allgemein anerkannt, welch tüchtigen und eifrigen Dirigenten wir an ihm bekommen hatten.
Die gewöhnlichen Übungen wurden wöchentlich fortgesetzt, und wir wagten sogar größere Sachen zur öffentlichen Aufführung zu bringen, so z.B . die Schöpfung und Christus am Oelberge in der Franziskanerkirche zum Beifall des Publikums. Bald darauf arrangierte Ziegler einen kleineren Verein, worin Lieder für vierstimmigen Männergesang eingeübt wurden. Dieser Verein bestand aus Ziegler und einem gewissen Grimmer für ersten und zweiten Bass und Pechmann und mir für ersten und zweiten Tenor. Wir kamen in der Regel wöchentlich ein oder auch mehrere Male in dem Gasthof zum Prinzen Eugen zusammen, wo wir die damals erschienenen Callschen Lieder einübten. Dieses fand bald großen Beifall, und wir wurden öfter zu Familienfêten eingeladen, wo wir zu allgemeiner Freude die Gesellschaft mit unseren Leistungen erfreuten.

Ein gewisser Kantor Bischoff aus Frankenhausen hatte im Jahre 1810 unter Vereinigung bedeutender Kräfte von auswärtigen Sängern, Sängerinnen und tüchtigen Instrumentalisten ein großes Musikfest ausgeschrieben, welches in Frankenhausen ausgeführt werden sollte, und dazu durch Zeitungen eingeladen. Dieses Musikfest war so glänzend ausgefallen, dass er von vielen Seiten aufgefordert wurde, es im folgenden Jahr zu wiederholen. Er fand sich dazu gern bereit und vereinigte sich mit dem berühmten Musikdirektor Spohr, im Jahre 1811 zu Napoleons Geburtstag am 15. August zu Erfurt die Schöpfung aufzuführen. Ziegler war besonders von dieser Idee entzückt und animierte mich, mit ihm und unserem gemeinschaftlichen Freunde, dem Distriktsnotar Koch, die Reise nach Erfurt zu unternehmen. Wir reisten von Quedlinburg nach Erfurt, wo wir tags vorher eintrafen, wo bereits denselben Abend ein Vorspiel, bestehend aus einzelnen Gesangs- und Instrumentalstücken, gehalten wurde. Hier hatten wir schon einen großen Genuss, und besonders entzückte uns die Arie aus Titus mit obligater Klarinette, welche die berühmte Zagemann sang und wobei sie der damals größte Klarinettist Hermstedt aus Sondershausen meisterhaft begleitete.

Am folgenden Tage, dem 15. August, kam es in der Barfüsserkirche zur Aufführung der Schöpfung. Die dabei benutzten Mittel waren großartig, da einige hundert Personen mitwirkten. Es waren z.B. 54 Geigen, 12 Violoncelli, 4 Bässe, und so großartig waren alle übrigen Instrumente verhältnismäßig besetzt. Zu dem Sängerpersonale gehörte der berühmte Strohmeyer, dessen sonore und kräftige Bassstimme einen ungeheuren Umfang hatte, da er in der Tiefe bis zum gr. C ging und in der Höhe mit manchem Tenoristen wetteifern konnte. Er hatte die Partie des Raphael übernommen. Die Partie des Adam hatte ein Wiener Sänger, dessen Stimme zwar Strohmeyer nicht erreichte, der aber doch meisterhaft sang. In die Sopranpartie hatten sich eine Madame Schneider, Schwiegermutter von Spohr, und eine Wiener Sängerin geteilt. Letztere war zwar nicht mehr jung, und es ging ihrer Stimme die jugendliche Frische ab, allein meisterhafter als durch sie kann z.B. die Arie 'Nun beut die Flur und auf hohem Fittig schwinget sich ...' gewiss nicht ausgeführt werden. Sie war Kammersängerin zu Wien und noch eine Zeitgenossin von Haydn gewesen, und man sagte, dass dieser große Meister namentlich die genannten Arien für sie komponiert habe. Auch die Chöre waren voll und meisterhaft besetzt, die ganze Aufführung machte auf mich einen großen, nie zu verwischenden Eindruck. Die ganze Versammlung der Zuhörer war tief erschüttert. Bei dem Chore 'Dich beten Erd' und Himmel an!' war der Eindruck so groß, dass rings um mich ältere Männer sich des Weinens nicht enthalten konnten. Ziegler machte uns überall auf die schönsten Partien aufmerksam und besonders auf einen der Hauptmomente: 'Es werde Licht!', wo sämtliche Instrumente bis dahin ihre Kräfte aufzusparen schienen, bis das ganze Orchester nun im Fortissimo alles mit sich hinriss. Ich habe späterhin in unseren Privatübungen, so auch bei einigen öffentlichen Aufführungen in Halberstadt und späterhin in Naumburg mitgesungen und mich stets bei dieser wundervollen Musik erquickt.

Die Schlacht bei Leipzig war geschlagen, und Napoleon musste einen schleunigen Rückzug antreten, wobei ihn die Verbündeten bis an den Rhein verfolgten. Die Fürsten Deutschlands kehrten in ihre jetzt wieder befreiten Länder zurück. Der Kurfürst von Hessen kam wieder nach Kassel, und der Herzog von Braunschweig nach seiner alten Residenz zurück, und der König von England nahm sein Kurfürstentum Hannover wieder in Besitz. Unser König ließ ebenfalls seine verlorenen Provinzen wieder besetzen und gründete vorläufig ein Gouvernement, welches seinen Sitz in Halle nahm, bald aber nach Halberstadt übersiedelte und für alle ehemaligen preußischen Länder zwischen Elbe und Weser bestimmt war und den Namen 'Gouvernement für die Provinzen zwischen Elbe und Weser' erhielt. Zum Zivilgouverneur war der Staatsrat v. Klewitz und zum Militärgouverneur der Generalleutnant von Ebra ernannt, die nun die erforderlichen Beamten, Räte und Subalternen um sich versammelten, mit denen die erforderlichen Regierungsgeschäfte verwaltet wurden.

Wir sahen nun in Halberstadt von Tag zu Tage der Besitznahme unserer Stadt durch preußische Truppen entgegen und erfuhren bald, dass dieses noch in dem Monat Oktober durch das Freicorps des Major v. Helwig erfolgen werde. An dem Tage, wo dieser in unsere Stadt einrückte, war alles in Jubel und Freude. Einige hundert junge Leute zu Pferde rückten ihnen entgegen. Alle Straßen waren mit grünem Gebüsch und Blumen bestreut. In allen Fenstern, wo der Zug durchkam, waren jubelnde Zuschauer und Frauen und Jungfrauen in ihren Staatskleidern warfen den Truppen Kränze und Blumen zu, mit allen Glocken wurde geläutet und Hurrah und Jubel erschallte überall. Auf dem Markte vor dem Steuergebäude machten die Truppen halt, und der Major v. Helwig nahm im Namen des Königs Besitz. Man hatte noch einen preußischen Adler aufgefunden, der mit großem Hurrah vor dem Steuergebäude aufgehängt wurde. Der Markt war so gedrängt voll Leute, dass man sich nur mit der größten Mühe rühren konnte. Da stimmte auf einmal ein alter achtbarer Bürger, ein Oekonom Thielebein das Lied an: "Nun danket alle Gott " und dieser Lobgesang aus Tausenden von Kehlen brachte die tiefste Rührung hervor.

Die Einquartierung der Truppen war leicht, denn jeder bestrebte sich, die Feier dieses Tages mit einem oder mehreren Soldaten zu teilen. Den Abend war große Illumination, und Schießen und Knallen von Gewehren hörte man überall, denn die Polizei konnte dem Jubel des Volkes nicht wehren. Es waren an verschiedenen Orten Bälle und Tanzvergnügungen. Der Major v. Helwig war der Sohn des Professors v. Helwig zu Braunschweig, und da dem Offizierscorps ein solenner Ball gehalten wurde, so hatte man von Seiten der Stadtbehörden die sinnige Idee gehabt, diesen Vater des Majors, ohne dass dieser davon wußte, von Braunschweig abholen zu lassen. Dass der Sohn eine große Freude hatte, seinen alten Vater hier zu finden und sich dafür dankbar aussprach, kann ich versichern.

Das neue Gouvernement nahm nun die Zügel in die Hand, behielt zwar die bisherige Verfassung der einzelnen Geschäftszweige bei, stellte jedoch für die Zentralverwaltung überall tüchtige Beamte größtenteils aus den alten preußischen Provinzen an. Die Justizpartie erhielt der Oberlandesgerichts-Direktor Freiherr v. Gärtner aus Insterburg, der späterhin Chefpräsident des Oberlandesgerichts von Naumburg wurde. Die Militärangelegenheiten erhielt Ziegler, die höhere Polizei wurde dem Oberlandesgerichtsrat Dalkowsky, gleichfalls aus Insterburg, übertragen, der späterhin auch nach Naumburg versetzt wurde. Die Verwaltung der inneren Angelegenheiten erhielt der ehemalige Landrat v.Motz. Die Verwaltung des von den Franzosen nicht mehr besetzten Herzogtums Magdeburg (die Festung hatte damals noch eine sehr starke französische Besatzung), erhielt der Generalsekretär Franke, mein alter Universitätsfreund, der nun auch nach Halberstadt übersiedelte.

Eine der ersten Handlungen des neuen Gouvernements war die Zusammenberufung der sämtlichen Beamten und Behörden Halberstadts, um, da die feierliche Huldigung noch nicht stattfinden konnte, Reverse auszustellen, wodurch sie sich der neuen Regierung unterwarfen und Untertanen-Treue und Gehorsam versprachen. Der Gouverneur v. Klewitz eröffnete die Handlung mit einer Anrede, die aber keinen guten Eindruck machte. Anstatt versöhnend aufzutreten und vergangene Dinge wenigstens vorderhand zu vergessen, hielt er Strafpredigten gegen diejenigen Männer, die während der französischen Herrschaft dieser zu sehr gehuldigt hatten. Da der König diese Provinzen im Tilsiter Frieden feierlich abgetreten hatte, so war es ja Pflicht jedes gewissenhaften Mannes, ein ihm von der neuen westfälischen Regierung übertragenes Amt nach den vorhandenen Gesetzen zu verwalten. Das Gouvernement schien aber anders zu denken, denn manche aus früheren Zeiten als tüchtige und treue Beamte bekannte Männer wurden, wenn man ihnen französische Gesinnung zutraute, förmlich ignoriert. Dahin gehörte u.a. der frühere Kammerdirektor, bisherige General-Prokurator bei dem Kriminalgerichtshofe Heyer, der, vermöge seines Amtes, welches jetzt etwa der Oberstaatsanwalt bekleidet, oft den Gesetzen gemäß gegen Verbrecher mit Strenge auftreten mußte, in Misskredit gekommen war. Bald sollte es sich aber zeigen, dass man in Berlin die Gesinnungen des hiesigen Gouvernements nicht teilte.

In den Grenzregulierungssachen war bei dem Gouvernement der Hauptkassenrendant Daniel Dezernent. Es waren nun an den Grenzen des Fürstentums Halberstadt einige Dörfer, bei denen die Landeshoheit zwischen Preußen und Braunschweig geteilt war. Von diesen nahm der Herzog von Braunschweig einige in Besitz und stellte darin sein Landeswappen das "Ross" auf. Daniel hatte dagegen in seinen Akten über die wirklich stattfindenden Verhältnisse nichts gefunden, hielt dieses für einen Eingriff, ließ ohne nähere Sachkenntnis das "Ross" umreißen und pflanzte den preußischen Adler auf. Der Herzog, darüber auf das Aeußerste entrüstet, ließ den preußischen Adler mit Gewalt entfernen und sein Ross wieder aufrichten, erhob in Berlin Beschwerde, und es entstand ein förmlicher Federkrieg. Gleich darauf ging von Berlin ein höchst unangenehmes Rescript an das Gouvernement ein, worin u.a. geäußert wurde, dass dergleichen Missgriffe darin ihren Grund hätten, dass man Männer, welche dem preußischen Staate früher gedient hätten und als ausgezeichnete Staatsmänner bekannt gewesen wären, ignoriert und sich nicht ihrer Geschäftserfahrung bedient hätte. Dahin gehöre der ehemalige ausgezeichnete Kammerdirektor Heyer. Nach Eingang dieses Rescripts wurde sofort Heyer zu dem Zivilgouverneur v. Klewitz berufen und ihm von demselben das Direktorium einer Abteilung des Gouvernements übertragen. Er erhielt sogleich die strittige Sache zum Bericht und bei dem Vortrage in der Session äußerte er, dass der frühere Dezernent aus unvollständigen Akten referiert habe, ließ aus der Registratur die richtigen Akten herbeiholen, wies die bei der Entscheidung zum Grunde liegenden Reverse mit der Braunschweigischen Regierung nach, wodurch die Sache beseitigt und der Herzog von Braunschweig befriedigt wurde.

Die bisherige westfälische Verfassung war dem Gouvernement mitunter höchst unbequem, und doch mußte dieselbe vorderhand beibehalten werden. Es äußerste sich dieses z. B. bei der Polizeiverwaltung, und zwar umso mehr, als man einen besonderen Polizeidirektor, einen Universitätsfreund von mir namens Holthoff, angestellt hatte, welchem die bisherige westfälische Verfassung unbekannt war und der die Polizei nach Berliner Art und Weise in die Hand nahm, aber überall anstieß und Verwirrung veranlasste.

So kam z. B. eines Tages Holthoff zu mir und erzählte, dass er einen großen Coup gemacht habe. Bei einer Haussuchung im Hause eines Handelsjuden namens Joseph Meyen, der mit alten Kleidungsstücken handele, habe er einen Koffer mit einer Summe von 5000 oder 6000 Thalern vorgefunden, welche wahrscheinlich gestohlen wären und die er deshalb an sich genommen habe und auf Untersuchung antragen wolle. Ich bedeutete ihm, dass er wahrscheinlich auf falscher Fährte sei, indem dieser Joseph Meyer als ein redlicher Mann bekannt sei und sich diese Summe nach meinem Erachten wohl erworben haben könne. Hiermit nicht zufrieden, wandte sich Holthoff an den Friedensrichter Jäger, der ihm sagte, dass er ihm raten wolle, das Geld dem Joseph Meyer sofort zurückzugeben, da er nicht zweifele, dass er dieses Geld auf redliche Art erworben habe. Dass er dieses Geld im Kasten aufbewahrt habe, liege im Charakter solcher Handelsjuden, welche es verschmähen, ihr Geld auf Schuldscheine oder Hypotheken auszuleihen. Holthoff gab dem Juden sein Geld zurück, und von Untersuchung war nicht die Rede. Diese und ähnliche Missgriffe bestimmten das Gouvernement, einen Juristen mit in die Polizeiverwaltung zu bringen und der Direktor Heyer, der mich vom Klub aus kannte, fragte mich eines Tages, ob ich wohl geneigt sei, eine Stelle bei der Polizei als Polizeiinspektor mit siebenhundert Thalern Gehalt und einigen Nebeneinkünften anzunehmen. Nach einiger Ueberlegung gab ich ihm aber tags darauf eine ablehnende Antwort, die er auch ruhig von mir annahm.

Nach einiger Zeit fragte mich Franke, ob ich entschlossen sei, bei der oberen Verwaltung der Lazarette eine Beschäftigung gegen 60 bis 90 Thaler monatliche Diäten anzunehmen, aber auch dieses lehnte ich ab.

Dagegen übernahm ich es auf Zureden meines Freundes, des Steuerkontrolleurs Klein, bei dem Gouvernement freiwillige Arbeiten zu übernehmen, allein ich ging bald davon ab, da ich in Verwaltungssachen unerfahren war und weder Zeit noch Lust hatte, mich in diese Branche einzuarbeiten.

In dieser so bewegten Zeit war mein häusliches Leben ziemlich im gewohnten Gange geblieben. Die Mutter und ich erfreuten uns unserer lieben Kinder und dachten nicht daran, dass die Zeiten wieder andere werden könnten. Des morgens um neun Uhr ging ich auf das Friedensgericht und machte meine Geschäfte ab, des nachmittags, wenn keine Untersuchungen zu führen waren oder ich keine Auktionen hatte, ging ich bei gutem Wetter mit der Mutter oder mit Freunden nach den Spiegelschen Bergen, späterhin nach Hause. Ich ging auch wohl in Spielgesellschaft, wo in dieser Zeit außer den Stammgästen sich Beamte des Gouvernement, Freiwillige, auch Offiziere der stehenden Garnison einfanden und Spiele aller Art getrieben wurden. Ich spielte die Hazardspiele, jedoch behutsam, hatte viel Glück und gewann nach und nach viel Geld. Hierher kam auch mein alter Universitätsfreund Wolff, der mit mir bei der Vertreibung der Studenten aus Halle die Wanderung bis Frankfurt an der Oder mitgemacht hatte und mir ein Darlehn von fünfzehn Thalern zu meinem weiteren Fortkommen gemacht hatte, welches ich ihm, da ich ihn unerwartet unter dem Helwigschen Corps wiederfand, mit Dank erstattete.

Das gewonnene Geld verwendete ich teilweise zum Einkauf meiner Frau in die Berliner Witwenverpflegungsanstalt. Es war damals noch Ausländern, zu denen ich vorderhand noch gehörte, gestattet, ihre Frauen in dieser Anstalt einzukaufen. Ich kaufte dieselbe mit einer Pension von zweihundert Thalern Gold ein und verwendete hierzu 320 Thaler Gold.

Höchst erfreulich waren noch immer die Abende, die ich im Hause zubrachte, wo außer den Töchtern der Medizinalrätin Kramer, deren Schwager, der Administrator Ehrhard Kramer, und mehrere Hausfreunde, zu welchen außer meinem alten Schul- und Universitätsfreunde Panse noch ein Dr. med. Nicolai sowie ein Sohn des Justizrats Stubenrauch und mein Nachbar, ein Kaufmann Sasso, gehörten, und wo außer oft sehr geistreichen Gesprächen auch durch Vorlesen interessanter Schriften, Kartenspiel zu ganz geringen Points, die Abende zugebracht wurden. Dabei waren auch meine Schwägerin Amalie Röhl und eine Pensionärin im Kramerschen Hause, Friederike Wenzlow, Teilnehmerinnen. Das dabei auch die politischen und kriegerischen Ereignisse Stoff zu den Unterhaltungen gaben, war natürlich.

Das Gouvernement operierte indessen fort und suchte insonderheit die Bewohner der wiedereroberten Provinzen ebenso zur Teilnahme an dem Kriege als zu patriotischen Geldbeiträgen zu ermuntern. Es war dies eine leichte Arbeit, da der Aufschwung sehr groß war und man den älteren Provinzen nicht nachstehen wollte. Alle jungen Leute, selbst Fünfzehnjährige kamen, um sich als Freiwillige zum Eintritt in das Militär zu stellen und waren glücklich, wenn man sie annahm. Geldbeträge, mitunter sehr hohe Summen wurden auf dem Altar des Vaterlandes geopfert. Auch ich beteiligte mich dabei mit 50 Thlr. Gold. Die reichen freiwilligen Beiträge und das Heranziehen der Männer für das Heer machten es dem Gouvernement möglich, die preußische Armee bedeutend zu verstärken. Die alten Armeen waren durch den Krieg bedeutend verringert, so dass z. B. das Yorksche Armeecorps, welches in den ersten Monaten des Jahres 1813 mit 40 000 Mann ausmarschiert, nach der Schlacht bei Leipzig nicht einmal die Hälfte davon zählte. Es wurden drei Regimenter Landwehr errichtet.

Ein Major v. d. Schulenburg erhielt den Auftrag, für die Stadt Halberstadt den Landsturm zu organisieren. Auch ich erhielt dabei eine Kompanie, und der nächste Sonntag war bestimmt,. auf dem Burchardi-Anger Revue passieren zu lassen. Da erschienen denn die dazu aufgeforderten Bürger mit langen Piken bewaffnet mit ihren Offizieren an der Spitze. Ich lieh mir von meinem Hauptmann v. Witzleben einen Offiziersdegen mit silbernem Portepée und stellte mich damit an die Spitze meiner Kompanie, ohne von dem Militärwesen das Mindeste zu verstehen. Ebenso ging es meinen Leuten, von welchen bald einer mich fragte, was es denn für sie zu tun geben solle. Ich beruhigte sie nach Kräften, gestand ihnen aber, dass ich auch nichts wisse und erst Befehle erwarten müsse. Wir gingen übrigens bald auseinander, ohne dass ich den Zweck unseres Zusammenberufens erfuhr. Ein paar Tage darauf kam aber ein Rescript von Berlin, die Bürger in den Städten nicht ihren Beschäftigungen zu entziehen. Damit hatte der Spaß und mein militärischer Rang ein Ende.

Auf dem Lande aber wurde überall der Landsturm errichtet und war auch von großem Nutzen. Unsere Truppen waren, sowie auch das Helwigsche Corps aufgebrochen, um der Armee an den Rhein zu folgen. Wir waren nunmehr ohne Schutz, und die nur sechs Meilen von uns entfernte Festung Magdeburg konnte uns alle Tage überfallen, da das schwerste Blockadecorps nicht stark genug war, uns zu schützen. Eines Tages rückten auch einige tausend Mann aus und zogen auf die Straße nach Halberstadt, um zu fouragieren oder zu recognoszieren. Es wurde der Landsturm aufgeboten, und tausende von Pikemännern stellten sich an den Seiten der Franzosen auf, die dadurch so eingeklemmt waren, dass alles in geschlossener Kolonne marschieren musste. Da auch die Franzosen fürchten mussten, von Blockadetruppen im Rücken angegriffen zu werden , so kehrten sie bald in die Festung zurück. Einst kam auch die Nachricht, dass eine Kompanie russischer Landwehr in dem zwei Stunden von Halberstadt belegenen Dorfe Aspenstedt plündere und Exzesse begehe, und man forderte Hilfe vom Gouvernement. Dieses, dem kein Militär zu Gebote stand, forderte die auf Anstellung als Offiziere in Halberstadt befindlichen Individuen auf, an der Spitze des Landsturmes diese Plünderer gefangen zu nehmen. Es fand sich dazu ein Leutnant Brandt bereit. Dieser drang in das Quartier des russischen Offiziers zu Aspenstedt und wusste ihm zu imponieren, dass er ihm seinen Degen überreichte und sich ihm mit seiner Kompanie als Gefangener ergab. Die Russen wurden nach Halberstadt gebracht, und das Gouvernement veranlasste das Friedensgericht, die Untersuchung über die Schuldigen zu führen. Es war dieses ein Gesindel von ganz zerlumpten und mit spitzbubenmäßigen Gesichtern versehenen Menschen, deren Anblick Abscheu und Ekel erregte. Die Untersuchung wurde mit Zuziehung eines Dolmetschers geführt, und das Gouvernement ließ unter Beifügung der Akten die ganze Sippschaft unter Landsturmeskorte nach Hamburg an den russischen General Benningsen abführen, wo sie wohl keinen guten Empfang zu erwarten gehabt haben.

Die alliierten Heere, die bis Ende des Jahres am Rhein gestanden hatten, waren inzwischen durch die deutschen Bundestruppen zu einem ungeheuren Heere gewachsen, das man beinahe auf eine Million schätzte. Zu Ende des Jahres 1813 und in den ersten Tagen des Januar 1814 gingen sie sämtlich über den Rhein und eröffneten einen neuen Feldzug gegen Napoleon.

Die Alliierten drangen von allen Seiten gegen Paris vor, und man zweifelte nicht, dass es ihnen bei der Größe ihrer Heere gelingen werde, sich dieser Stadt zu bemächtigen. Allein jetzt zeigte sich das große Feldherrntalent Napoleons, und er kämpfte glorreicher wie in irgendeiner früheren Zeit. Er teilte sein Heer, drang gegen Blücher, der unaufhaltsam bis an die Marne vorgedrungen war, schlug Blüchers einzelnes Corps und trieb es via Chalon an der Marne zurück. Dann drang er gegen die große Armee, größtenteils aus Oesterreichern bestehend, die gegen die Seine gegen Paris vorgedrungen waren, brachte sie nach vorteilhaften Gefechten zum Rückzug, so dass man bereits an einen Rückzug über den Rhein dachte, wenn nicht Blücher nach Wiederherstellung und Vermehrung seiner Armeen es verhindert hätte. Man stand wieder und schlug Napoleon zurück.

Während Napoleon mit dem größten Teile seiner Armee den Alliierten in den Rücken zu kommen suchte, um sich mit den Besatzungen an der Mosel, am Rhein und in Lothringen zu vereinigen, ließen die Alliierten ein Corps größtenteils Reiterei unter dem russischen General v.Wintzingerode zurück, um Napoleons Bewegungen zu beobachten, und dann ging die ganze Armee in Eilmärschen auf Paris, das fast gar keine Besatzung hatte, schlug die zum Entsatz herangekommenen feindlichen Heeresabteilungen in einer blutigen Schlacht vor Paris und zwang dieses zur Ergebung.

Napoleon, der so bitter getäuscht war, konnte den Fall seiner Hauptstadt nicht hindern und stellte sich bei Fontainebleau auf. In Paris traten nun seine Gegner mit großer Keckheit auf, erklärten ihn des Thrones verlustig und mit Hilfe der Monarchen, von denen der Kaiser Alexander und unser König in Paris eingerückt waren, wurden die Bourbons wieder eingesetzt, und Ludwig XVIII. bestieg den Thron seiner Väter wieder. Napoleon, der von seinen eigenen Marschällen verlassen wurde, musste abdanken und erhielt zu seinem Besitztum die Insel Elba im mittelländischen Meere.

Es wurde nunmehr mit der neuen Regierung ein Friede geschlossen, worin es alle seine Eroberungen aufgeben und die bedeutenden Festungen räumen musste und nur das zurückerhielt, was es im Jahre 1792 bei Ausbruch des Revolutionskrieges besessen hatte.
Die vertriebenen Fürsten von Braunschweig und Hessen-Kassel traten wieder in den Besitz ihrer Länder, Hannover wurde als Königreich wieder in Besitz genommen, Preußen nahm ebenfalls seine im Tilsiter Frieden abgetretenen Provinzen in Besitz, und es wurde nun in Wien ein Kongress ausgeschrieben, um über die Begrenzungen der wieder frei gewordenen Länder und die Disposition über die von Frankreich abgetretenen Länder zu treffen. Dieser Wiener Friedenskongress, der in der Geschichte eine so traurige Berühmtheit erhalten hat, beschäftigte sich auch mit der Wiederherstellung der preußischen Monarchie, da bedungen war, Preußen nach seiner Bevölkerung von 1806 wieder herzustellen. Da Preußen den früher besessenen Teil von Polen nicht wieder erhalten konnte, auch Hildesheim, Ostfriesland, Anspach und Bayreuth hatte abtreten müssen, so dachte man daran, das Königreich Sachsen, dessen König bis zum letzten Moment Frankreichs Alliierter gewesen war, mit Preußen zu vereinigen, allein darüber erhob sich ein großer Zwiespalt, da Oesterreich und England sich dagegen auflehnten, umso mehr als Russland, von dem man die Herstellung des Königsreichs Polen, soweit es nicht schon zu Russland gehörte, verlangte, sich nicht fügen wollte. Es standen bald Russland und Preußen auf einer, Oesterreich, England und Frankreich, welchen man den Zutritt zum Kongress verstattet hatte, einander gegenüber, und es stand ein neuer Krieg unter denen, die soeben erst ihr Blut gemeinschaftlich geopfert hatten, in Aussicht, und es wäre vielleicht dazu gekommen, wenn nicht ganz unerwartete Ereignisse eingetreten wären, welche die Verhandlungen unterbrachen und neue Vereinigung der Kräfte verlangten. Napoleon war plötzlich mit 800 Mann seiner Garde, die man ihm nach Elba mitzunehmen erlaubt hatte, aufgebrochen, war mit seinen Schiffen den englischen, zu seiner Bewachung aufgestellten Schiffen entgegen, landete in Frankreich, drang nach Paris vor, die ihm entgegengesetzten Truppen gingen meist zu ihm über, die Städte und Festungen auf seinem Marsche ergaben sich, Ludwig XVIII. und die Prinzen seines Hauses mussten Frankreich verlassen, und Napoleon war wieder Kaiser von Frankreich, versprach zwar Frieden, allein er rüstete ein mächtiges Heer aus.

Als die Nachricht der Einnahme von Paris nach Halberstadt kam, geriet alles in halb wahnsinnige Freude, in den Straßen war ein Zusammenlaufen der Menschen und ein Jubel, wie man nicht gehofft hatte, ihn zu erleben. Es erhob sich der patriotische Stolz, dass Preußen sein Gut und Blut nicht vergebens geopfert hatte, dass nunmehr das preußische so sehr gedemütigte Vaterland zu neuem Glanze erweckt wurde.

Alle Feierlichkeiten, welche diese frohe Botschaft zur Folge hatte, zu beschreiben, will ich unterlassen und nur noch erzählen, dass auf unserem Klub ein solennes Diner veranstaltet wurde, an welchem alle Mitglieder, selbst die früher erklärtesten Franzosenanhänger z. B. der Maire Cuno teilnahmen. In der freudigsten Stimmung erschien jeder bei Tische, und aufgeregt durch feurige Weine, stieg der Jubel immer mehr, und da man mich als einen der treuesten Patrioten kannte, kam man von allen Seiten, stieß mit mir an, und selbst ältere Männer tranken mit mir Brüderschaft. Ich hatte ziemlich viel getrunken, war in der größten Weinlaune, da sah ich Cuno an einem entfernten Tische sitzen und ärgerte mich, dass dieser Mann sich ebenfalls eingefunden hatte. Einer meiner Tischnachbarn war der ehemalige Unterpräfekt von Braunschweig, dem ich meinen Verdruss mitteilte und ihn bat, dafür zu sorgen, dass Cuno die Gesellschaft verlasse. Er bat mich dringend, mich zu beruhigen, damit kein unangenehmer Vorfall die Freude der Gesellschaft störe; ich aber wiederholte meinen Wunsch und äußerte, dass ich jetzt noch wisse, was ich tue und spreche, vielleicht aber in kürzester Zeit meiner Sinne nicht mehr mächtig sei und dann Skandal entstehen könne. Da ich nicht zu beruhigen war und auch andere mir beistimmten, so wurde Cuno auf gute Manier entfernt. Zahllose Toaste wurden gebracht, die Freude dauerte bis gegen Abend, und ich war in einem Zustande, dass ein paar Freunde mich am Arm fassten und nach Hause begleiteten. Die Mutter war nicht unvorbereitet, da ich, als ich von Hause wegging, äußerte, dass meine Freude zu groß sei und ich nicht wisse, wie ich zurückkehren würde. Es gab an diesem Tage eine Menge Menschen, die mein Schicksal teilten, jedoch fielen keine großen Exzesse vor.

Aus dieser Zeit muss ich noch ein Kuriosum mitteilen, was in Halberstadt damals viel Aufsehen erregte und sich bis Berlin verbreitete und viel besprochen und belacht wurde. Es befand sich damals zugleich mit dem Gouvernement in Halberstadt das Hauptreserve-Feldlazarett der Armeen für die Provinzen zwischen der Elbe und der Weser. Der Chef desselben war der besonders als Wundarzt und Operateur weit berühmte Hofrat Dr. Gräfe, der jedoch höchst eitel und neugierig war und sich den Anschein gab, als wenn er bei dem Könige in besonderer Gunst stehe. Er hatte stets einige Kosaken zur Ordonnanz der den Lazaretten attachierten Chirurgen; zum Teil ganz unwissende, aber aufgeblasene Burschen, die mit Schleppsäbeln versehen in lächerlicher Attitüde durch die Straßen rannten, hatte der Hofrat Gräfe, als die Nachricht von der Einnahme von Paris kam, zusammen kommen lassen, um ihnen die freudige Nachricht mitzuteilen. Hierauf bezog sich das von einem gewissen Keihe, der späterhin Landrat zu Quedlinburg wurde, Mitglied des Gouvernements, verfasste Spottgedicht:

Die Einnahme von Paris

gefeiert von dem Königl.Preuß. Hauptreserve-Feldlazarett der Armeen.

1.
Was hör ich auf dem Katzenplan
was auf dem Domplatz schallen ?
Lauf, lauf Kosak und sag mir an,
was da ist vorgefallen!
Der Hofrat sprach's, der Schnurrbart lief,
der Schnurrbart kam, der Hofrat rief:
Gleich hol mir die Chirurgen !
2.
Da liefen stracks die Boten aus
und suchten die Gesellen,
sie fanden viel im Branntweinhaus,
doch mehr noch in Bordellen,
nur einer fehlte an der Schar
und denkt mal, Freunde, wo der war ?
Er war im Lazarette.
3.
Der Hofrat lief indes umher
und forschte bei den Schreibern
nach dem Detail der neuen Mähr
und bei den alten Weibern.
Was man ihm sagte, schrieb er auf
und rannte nun im vollen Lauf
zurück nach seinem Hause.
4.
O Muse, du, durch die Homer
der Griechen Scharen kannte.
Du, die dem Tasso einst das Heer
der Kreuzes Brüder nannte.
O, nenn auch mir die würd'ge Schar,
die vor dem Haus versammelt war
des großen Beinabschneiders!
5.
Vor allem euch gebührt der Preis,
ihr edlen Pflasterschmierer.
Zwar liebe, gute Herrn, ich weiß,
ihr waret einst Barbierer
und lieft, den Schmersack unter'm Arm,
zehnmal am Tag euch kalt und warm
und putztet fleißig Bärte!
6.
Seit aber euch der Degen schmückt,
die Uniform euch zieret,
seid ihr zu jedem Ding geschickt,
seziert und amputieret.
Was sagt auch solche Operation!
Habt ihr doch als Barbierer schon
gar oft ins Fleisch geschnitten!
7.
Das ökonomsche Personal
soll auch mein Lied erheben.
Zwar peinigt ihr durch Hungersqual
die Kranken, wenn sie leben,
doch dafür gebt ihr, wenn sie tot,
noch lange ihnen Fleisch und Brot,
wie eure Rechnung zeiget.
8.
Ihr seid, damit kein Lob euch fehlt,
gar sehr verschmitzte Diebe,
und krieget ihr, sooft ihr fehlt,
die vorschriftsmäß'gen Hiebe.
So dankte ab der Büttel Schar,
das Peitschenleder würde rar
und arm der Wald an Ruten!
9.
In diesen ehrenwerten Kreis
trat jetzt der große Gräfe.
'Bringt,' rief die Schar, 'bringt Lorbeerreis,
umbindet ihm die Schläfe!
Klebt ihm 10 000 Orden an,
er ist der größte Pflastermann,
der je auf Erden lebte!''
10.
Er sprach: 'Da seine Majestät
ob meiner großen Gaben
das Hauptreservelazarett
mir anvertrauet haben,
so mache ich den Herrn bekannt,
was per Courier von höchster Hand
mir ist gemeldet worden!
11.
Es kommt dies wichtige Papier
grad aus dem Hauptquartiere,
denn alles Neue meldet mir
der König durch Couriere.
Paris, schreibt er, Paris ist mein,
ich zog mit allen Garden ein
und sämtlichen Chriurgen.'
12.
Dass nun ein fürchterlich Geschrei
die Atmosphäre füllte
und dass Herr Gräf trotz ihrer Drei
aus Leibeskräften brüllte,
das könnt ihr denken, da ihr wisst,
dass unser Hofrat, was er ist,
durchs Schreien nur geworden!'
13.
Drauf stieg der große Mann zu Ross
mit sämtlichen Barbieren
und ritt mit dem gewalt'gen Tross
vor's Tor zum Manövrieren.
Ich ging auch mit hinaus und sah
den großen Philadelphia
leibhaftig auferstanden!'


Dieses Spottgedicht zirkulierte in Halberstadt zur großen Ergötzlichkeit bald in allen Häusern und auch sogar in Berlin, wo Gräfes eigentlicher Wohnort war, wurde es bekannt und diente zur allgemeinen Tagesunterhaltung.

Nach der Einnahme von Paris und nach abgeschlossenem Frieden und nachdem auch die von den Franzosen noch bis jetzt besetzten Festungen, also auch Magdeburg, wieder in Besitz genommen worden waren, dachte die Regierung daran, den jetzt freigewordenen Provinzen ihre alten Verfassungen wiederzugeben, sie dadurch mit den alten Provinzen definitiv wieder zu vereinigen und deshalb eine neue Organisation zu bilden. Es hatte die bisherige Verfassung so manche Vorzüge, welche das Volk gerne beibehalten hätte. Dahin gehörten z.B. gleiche Besteuerung, Gleichheit vor dem Gesetz, Gewerbefreiheit usw. Manche früheren Ungleichheiten, z.B. die Steuerfreiheit der Rittergüter, allerdings durch Gewaltstreich, da man den Berechtigten genommen, was doch einen Teil ihres Vermögens ausmacht, konnten ohne neues Unrecht nicht wieder gut gemacht werden.

Als die Rede von der neuen Organisation war, kamen die Rittergutsbesitzer ein, um ihnen die durch fremde Herrschaft entrissenen Vorrechte wieder zu gewähren. Die Regierung kam dadurch in Verlegenheit, sie wollte und konnte ohne Ungerechtigkeit ihnen nicht alles, was sie verlangten, wieder erteilen, deshalb verweigerte sie ihnen zwar die Steuerfreiheit, stellte jedoch zu ihren Gunsten die Patrimonialgerichte, die Polizeigewalt über ihre Untertanen auf den Rittergütern zur großen Unzufriedenheit der Einwohner wieder her und gewährte dafür die im Jahre 1807 und folgende erfolgte neue Gesetzgebung, an deren Spitze der berühmte Minister Stein gewirkt hatte. Bei der Justiz wurde das allgemeine Landrecht und die allgemeine Gerichtsordnung wieder eingeführt und dagegen die bisherige französische Verfassung mit all ihren Vorzügen wieder aufgehoben.

In Halberstadt war man durch die Einrichtung des Gouvernements gewärtig, dass es fernerhin Sitz oberer Behörden bleiben würde. Da erscholl auf einmal die Nachricht, dass die Landeskollegien Oberlandesgericht und Regierung nach Magdeburg verlegt werden sollen. Da entstand ein allgemeines Lamento, und von seiten der Stadt wandte man sich nach Berlin. Nach vielen Verhandlungen erreichte man endlich, dass Halberstadt der Sitz eines Oberlandesgerichts bleiben solle, welches sich über das Fürstentum Halberstadt nebst Quedlinburg und der
Grafschaft Hohenstein, sowie über einen Teil des Regierungsbezirks Erfurt (namentlich Eichsfeld und die Städte Mühlhausen und Nordhausen) erstrecken solle, wogegen die Stadt in Anstehung der Verwaltungssachen unter die Regierung zu Magdeburg kam. Neben dem zu errichtenden Oberlandesgericht wurde für die Stadt eine Anzahl der umliegenden Dörfer ein kollegialisch gebildetes Land- und Stadtgericht errichtet. Alle, die Ansprüche zu haben glaubten, meldeten sich bei den zur Organisation beorderten Kommissarien, den beiden zu Präsidenten bestellten Personen. Dieses waren der ehemalige Präsident v. Riedesel und der bisherige Oberlandesgerichtsdirektor v. Gärtner, der jetzt zum Vizepräsidenten des neuen Oberlandesgerichts ernannt wurde und dem man die Einrichtung des Land- und Stadtgerichts aufgetragen hatte. Da nun der Herr v. Gärtner derjenige war, der über meine anderweitige Anstellung zu entscheiden hatte, so wandte ich mich schriftlich an ihn, setzte ihm meine bisherigen amtlichen Verhältnisse auseinander und bewarb mich um die Sekretärsstelle bei dem Land- und Stadtgericht. Da mein Wunsch nicht unbescheiden war und ich auch keinen Rivalen befürchtete, so sah ich dem Erfolge meiner Bewerbung mit Ruhe entgegen.

Da trat aber ein nicht geahntes Ereignis ein, welches ich vollständig auseindersetzen muss, da es auf mein ganzes künftiges Leben von dem größten Einflusse gewesen ist. Der Postdirektor Herzberg, Vater des von mir schon öfter erwähnten Postsekretärs Herzberg, sagte mir eines Tages, dass eine seiner Töchter an einen Justizbeamten Brüggemann in Westfalen verheiratet sei. Der Ort, wo er angestellt sei, wäre in einem Bezirke, der jetzt an Frankreich abgetreten sei, und da er nicht gern dort bleiben wolle, vielmehr wieder in eine deutsche Provinz zurückkehren wolle, so wünsche er also von mir zu erfahren, ob nicht eine, auch noch so unbedeutende Stelle in hiesiger Provinz vorhanden sei, um welche sich sein Schwiegersohn bewerben könne. Da ich mit Herzberg sehr befreundet war und ich ihm deshalb gern gefällig war, so machte ich ihn darauf aufmerksam, dass in dem Kanton Dodeleben, einem Dorfe ohnweit Halberstadt, noch die Stelle als Kantonnotar offen sei, weil niemand wegen ihrer Unergiebigkeit sie haben wolle. Herzberg dankte mir und sagte mir, ihm und seinem Schwiegersohn liege nur daran, dort weg und womöglich in die hiesige Gegend zu kommen. Er bewarb sich für seinen Schwiegersohn um diese Stelle und erhielt sie sehr leicht. Er siedelte nun mit seiner Familie hierher über und suchte nun seine Zeit zu erwarten.

Dieser Brüggemann, von dem ich hernach erfuhr, dass er bedeutende Konnexionen in Berlin habe, trat nun auch bei der bevorstehenden Organisation auf und bewarb sich um eine Stelle als Mitglied des zu Halberstadt zu errichtenden Land- und Stadtgerichts. Diese konnte ihm nicht verliehen werden, da besser Berechtigte zu berücksichtigen waren, und man gab ihm nun die Stelle, zu der ich bereits notiert war, als Sekretär, und ich wurde dagegen als Registrator mit 500 Thlr. Gehalt angestellt. Wie ein betäubender Donnerschlag wirkte diese Nachricht auf mich, und es konnte mich nichts beruhigen. Dazu kam noch, dass meine Freunde bei inniger Teilnahme an meinem Schicksal mich umso mehr bedauerten, weil der zum Direktor des Land- und Stadtgerichts ernannte Präsident des Kriminalgerichtshofes zu Heiligenstadt nach allen Nachrichten ein Mann, mit dem noch niemand habe auskommen können, war.

Doch Gehorsam war meine Pflicht, und ich musste mit dem Anfang des Jahres 1815 meine neue Stelle antreten. Das neue Land- und Stadtgericht war nun zwar organisiert, aber in aller Beziehung, besonders in Ansehung der Räumlichkeit und der Zahl der angestellten Mitglieder und Beamten so höchst unvollkommen, dass es eine Unmöglichkeit war, auf diese Art die gerichtlichen Geschäfte für eine wenigstens 15 000 Einwohner zählende Stadt und einen ländlichen Bezirk, der wenigstens das Doppelte dieser Zahl enthielt, ordnungsmäßig zu bestreiten. Was das angestellte Personal betrifft, so bestand dasselbe aus dem Direktor Rosentreter, vier Mitgliedern mit dem Prädikat Justizrat, einem Sekretär, einem Rendanten für die Salarienkasse und das Depositorium, einem Registrator, einem Kanzleiinspektor, vier Kanzlisten und zwei Boten, von welchen der eine bereits über 70 Jahre alt war.

Das angewiesene Lokal, der sogenannte Bauhof an der Domkirche gewährte für die gerichtlichen Geschäfte:

ein Zimmer für den Dirigenten,
ein dergl. als Sessions- und Arbeitszimmer für die Räte,
ein sehr großes Registraturzimmer ,
ein Zimmer für die Kanzlei,
ein kleines Botenzimmer.

Ein Lokal für die Kasse sollte noch geschaffen werden. Merkwürdig war das Registraturzimmer. Es war nicht allein für die Registratur, sondern zugleich Geschäftszimmer für den Sekretär und den Rendanten, Parteien und Termins, auch wohl allgemeines Konversationszimmer. Wenn Termine oder Handlungen der freien Gerichtsbarkeit waren, so befanden sich in der Regel fünfzig auch mehr Menschen darin. Da sollte ich arbeiten, Ordnung in den Akten erhalten! Zu den Akten hatte ich mehrere große Re torien, aber keine verschließbaren Räume. Die Akten sollten zum Teil erst angelegt, zum Teil aber vervollständigt werden. Dabei hatte ich keinen Gehilfen, nicht einmal einen Aktenhefter und doch kamen täglich Dekrete, dass die Akten geheftet werden sollten. Dass ich diese nicht erledigen konnte, auch nicht wollte, war natürlich. Dass nun meine Akten beständig preisgegeben waren, und namentlich sich besonders Justizkommissarien erlaubten, die Akten aus den Fächern zu nehmen, war natürlich, und ich hatte stets zu kämpfen, dass man die Akten in den Fächern lassen möchte. In meinem Unmut wurde ich häufig über Gebühr grob, und es gab sogar mitunter unangenehme Händel. Meine schwierigen Geschäfte wurden noch dadurch vermehrt, dass sich bei dem Gericht keine Referendarien und Auskultatoren befanden und die übrigen subalternen Beamten gleich mir so sehr belastet waren. Es konnte daher keine Anmeldestube eingerichtet werden, um den häufig erscheinenden Supplikanten ihre Anträge und Gesuche zum Protokoll zu nehmen.

Da nun die meisten Supplikanten aus der Stadt waren und mich aus früheren Verhältnissen kannten, so konnte ich nicht umhin, mich ihrer anzunehmen. Dadurch verlor ich fast täglich viel Zeit, und ich hätte in Verzweiflung geraten können, wenn nicht unser Direktor, der Präsident Rosentreter, den man mir als einen so unvergleichlichen und bösen Mann geschildert hatte, gegen mich ganz das Gegenteil gewesen wäre. Er war höchst milde, human und gütig gegen mich und suchte mir meine schwierige Stellung nach Kräften zu erleichtern. Er hat mir nie ein böses Wort gesagt. Da ich fast stets unzufrieden war und mich gegen einzelne Mitglieder des Gerichts bei vorkommenden Gelegenheiten grob betrug, so gingen deshalb mitunter Beschwerden über mich beim Direktor ein, denen er aber mit Lachen begegnete und sagte, ein Registrator, der grob sei, stehe ganz an seinem Platze, denn das entspringe aus großem Diensteifer.

Der Direktor hörte nicht auf, bei dem Oberlandesgericht zu berichten, wie schlecht das Gericht eingerichtet sei, und verlangte fortwährend vermehrte Arbeitskräfte. Wenn er damit zurückgewiesen wurde, so kam er sofort wieder ein und mitunter mit Bitterkeit und Drohungen, indem er Geschäftsbankrott in Aussicht stellte.

Der Präsident v. Riedesel hat ihn öfters gegen andere seinen Teufel genannt und auch der Vizepräsident v. Gärtner ist oft durch sein beständiges Querulieren in Verzweiflung geraten, aber Rosentreter beruhigte sich nicht. Endlich wurde von dem Oberlandesgericht eine Justizvisitation verfügt, die dann auch eine Vermehrung des Personals zur Folge hatte. Es wurden noch zwei Mitglieder des Gerichts ernannt, ein 2. Sekretär, der zugleich Depositalrendant war, ein besonderer Kalkulator, und mir zur Hilfe ein Registraturassistent, welcher auf meinen Vorschlag mein ehemaliger Schreiber Borchard wurde.

Das Gericht bekam auch späterhin ein besseres und geräumiges Lokal. Dass mir Hilfe gewährt wurde, wurde bald noch nötiger, da der Sekretär Brüggemann sich mit dem Direktor überhaupt auch mit dem Kollegium nicht vertragen konnte. Sein brüskes und anmaßendes Wesen und sein Mangel an Subordination machten ihn überall missliebig. Eines Tages blieb er ganz von dem Gerichte weg, schützte zwar Krankheit vor, erklärte aber bald, dass er seine Stelle aufgeben wolle. Man glaubte nun, dass er den Justizdienst ganz quittieren wolle, alleine seine bedeutenden Konnexionen in Berlin verschafften ihm eine neue Stelle bei dem Land- und Stadtgericht zu Halle. Nach einiger Zeit wurde er Assessor bei dem Land- und Stadtgericht zu Nordhausen, dann kam er als Landgerichtsrat nach Coblenz, von da als Stempelfiskal nach Danzig, und von hier wurde er als Regierungsrat in Merseburg angestellt.

Brüggemanns Abgang hatte zur Folge, dass ich dessen Sekretariatsgeschäfte noch nebenbei zur Zufriedenheit des Kollegiums übernahm. Ich meldete mich nun an dessen Stelle, und das Kollegium empfahl mich bei dem Oberlandesgericht dringend, bat jedoch in dem Bericht, dass man die Registratorstelle durch einen tüchtigen Beamten besetzen möge, damit die Stelle ebenso gut versehen würde, als es durch mich geschehen sei. Dies hatte aber zur Folge, dass ich die Stelle nicht erhielt. Der Präsident v. Gärtner äußerte, wie ich erfuhr, dass es bei einem neu organisierten Gerichte von Wichtigkeit sei, einen guten Registrator zu haben, der bei einem prompten und umsichtigen Arbeiten seinerseits das Gericht zusammenhalte. Weit leichter sei es daher, eine Sekretärstelle zu besetzen. Man könne also auf mein Gesuch nicht eingehen, zur Anerkennung meiner Verdienste aber solle mir eine jährliche Gehaltszulage von 50 Thlr. gewährt werden. An die Stelle von Brüggemann kam nunmehr ein ehemaliger Friedensrichter aus dem Eichsfeld namens Kellner, durch dessen Anstellung ich mich nicht verletzt fühlen konnte.
Mein gütiger Chef, der Präsident Rosentreter, welcher mich auch gerne aus meinen verhassten Fesseln befreien wollte, gab mir eines Tages den Rat, das Referendariatsexamen zu machen. Dann wolle er seine (allerdings bedeutenden) Vermittlungen für mich anwenden, und ich solle dann durch ihn eine Stelle als Assessor bei dem Land- und Stadtgericht Worbis im Eichsfelde erhalten, von wo ich dann in nicht sehr langer Zeit als Justizrat bei dem hiesigen Land- und Stadtgericht einrücken solle. Auf diesen Plan konnte ich aber nicht eingehen, da ich als früherer westfälischer Beamter mich um die preußische Justiz nicht bekümmerte und mir daher Landrecht und Gerichtsordnung ganz fremd waren. Mich jetzt noch einzuarbeiten dazu hatte ich keine Zeit.
Inzwischen verwaltete ich, ehe der neue Sekretär kam, vor wie nach die vakant gewordene Stelle nebenbei und verdiente mir dabei eine hübsche Summe Kommissionsgebühren als zugezogener Protokollführer bei Testamenten sowie für Ver- und Entsiegelungen, Aufnahme von Inventarien, Auktionen. Da diese Geschäfte zum Teil auf dem Lande, besonders aber in Harsleben vorkamen, so war ich die meisten Nachmittage abwesend. Als ich eines Tages (1. Juli 1815) von einer Fahrt nach Harsleben zu Hause zurückgekommen war, fand ich meine Familie durch die Geburt meiner Tochter Ida vermehrt, wodurch ich eine angenehme Überraschung hatte. Bei meinen vielen Geschäften musste ich zwar das Besuchen des Klubs für den Nachmittag größtenteils aufgeben, allein ich ging sehr häufig abends zu Damm oder auch wohl zu Hellrung im Prinz Eugen, wo ich am ersten Ort Spielpartien fand, an dem letzten aber zum vierstimmigen Männergesang ging.

Eine Unannehmlichkeit hatte ich, da mir meine Wirtin, die Rätin Kramer, die Wohnung kündigte, da die Wohnungen dadurch, dass das Gouvernement mit seinem Heere von Beamten nach Halberstadt gekommen war, begehrt waren, wodurch sie im Preise bedeutend stiegen. Bisher hatte ich jährlich 60 Thaler Miete bezahlt, sollte nunmehr 80 Thaler zahlen. Da ich darauf nicht eingehen wollte, ließ ich es bei der Kündigung und mietete mir eine neue Wohnung am Johannistor im Hause, welches der minorennen Pensionärin im Kramerschen Hause, Friederike Wenzlow, gehörte, wo ich für die Parterrewohnung auch 60 Thaler Miete bezahlte und mit dem Vormund einen Mietskontrakt auf ein Jahr von Ostern 1816 abschloss. Als die Organisation eintrat, das Gouvernement aufgelöst wurde und eine große Mengen Familien Halberstadt verließen, hätte die Rätin Kramer gern die früheren Verhältnisse hergestellt, allein dieses ging nicht, da ich schon einen Kontrakt geschlossen hatte. Wir haben übrigens unsere freundschaftlichen Beziehungen stets beibehalten.

In dieser Zeit war es Napoleon zu Ende des Monats Februar 1815 gelungen, von der Insel Elba zu entwischen. Durch dieses ganz unerwartete Ereignis hörten auf einmal die am Wiener Kongress entstandenen Zwistigkeiten auf, man beschloss die Teilungen der eroberten Provinzen, worüber man noch nicht disponiert hatte, wodurch Preußen in den Besitz des halben Sachsens kam und für den von ihm beanspruchten übrigen Teil desselben am Rhein entschädigt wurde, und man musste überall wieder zu den Waffen greifen, da wenigstens darin alle einig waren, Napoleon wieder aus dem Besitz seines Kaisertums zu werfen. Die verbündeten Truppen, namentlich Russen und Oesterreicher, hatten bereits ihre Heere aus Frankreich entfernt und marschierten in ihre Heimat zurück, wurden aber eiligst zurückkommandiert. Um den ersten Angriff Napoleons mit Erfolg zu bekämpfen, befanden sich noch in Belgien vier preußische Armeecorps, deren Kavallerie aber größtenteils aus Landwehr bestand. Diese wurden schleunigst zwischen Charleroi und Namur zusammengezogen, um unter Blüchers Anführung zu kämpfen. In dem anderen Teil Belgiens hatte Wellington zu Brüssel eine Armee von Engländern, Holländern, Belgiern, Hannoveranern, Nassauern und Braunschweigern. Er verabredete mit Blücher den Operationsplan, und beide Feldherrn waren entschlossen, bis zur Ankunft der zurückberufenen Russen, Oesterreicher und süddeutschen Truppen gegen Napoleon zu kämpfen.

Ein Armeecorps deutscher Kontingente unter dem preußischen General v. Kleist wurde an der Grenze von Lothringen aufgestellt, und so erwartete man die Operationen Napoleons mit Entschlossenheit. Der alte Blücher, wie ihn das Volk nannte, kam auf seiner Reise zu der in Belgien befindlichen preußischen Armee durch Halberstadt und wurde am Tore mit ungeheurem Jubel empfangen. Man wollte die Pferde vor seinem Wagen ausspannen und ihn durch Menschen in die Stadt fahren lassen, allein er wies es mit Ungestüm zurück. Begleitet von der unermesslichen Volksmasse wurde er mit unaufhörlichen Hurras bis in sein Absteigequartier begleitet, wo er, da der Lärm kein Ende nehmen wollte, aus dem Fenster das Volk anredete und bat, man möge ihn in Ruhe lassen, er sei ein kranker Mann, der jetzt Erholung bedürfe. Er sei nur das Werkzeug gewesen, dessen sich Gott bedient habe, um das Vaterland zu befreien. Seine Rede war kräftig und fließend und hatte dann auch zur Folge, dass sich nach und nach die ganze Volksmenge verlief, und Blücher reiste am folgenden Morgen weiter.

Der König erließ ein neues Aufgebot der Freiwilligen, welches mit dem größten Enthusiasmus befolgt wurde. Der Teil der Armee, welcher bereits zurückgekehrt war, begab sich wieder zurück nach den französischen Grenzen, und allgemein sah man neuen Waffentaten entgegen. In der Mitte des Juni mussten der Berechnung nach die Feindseligkeiten eröffnet werden, und so
geschah es. Als nun die Nachricht von der ersten Schlacht bei Ligny kam, wo Blücher nach Wundern von Tapferkeit eine große Niederlage erlitt, wodurch sein Heer in großer Auflösung sich zurückziehen musste und wo gleichzeitig Wellingtons Armee bei Quatrebas auch keine Vorteile errang, dabei aber den tapferen Herzog von Braunschweig verlor, da war ich wie vernichtet und sah alles in den schwärzesten Farben. Bald nach diesen betrübenden Nachrichten kam aber die frohe Botschaft von dem glänzenden Siege, den Wellington und Blücher am 18. Juni bei Bellealliance (oder Waterloo, wie die Schlacht von den Engländern genannt wurde) über Napoleon erfochten hatten. Es war eine Niederlage, wie eine solche die Franzosen noch nicht erlitten hatten. Napoleon floh mit den Trümmern seines Heeres über die französische Grenze, unaufhörlich von den Verbündeten verfolgt, und bald war das stolze Paris wieder in den Händen seiner Feinde, und Ludwig XVIII. bestieg wieder unter deren Schutze seinen Thron. Napoleon entfloh nach den Küsten und gab sich in die Hände der Engländer, welche im Einverständnis mit den übrigen Verbündeten ihn nunmehr als Gefangenen behandelten und ihn nach der einsamen Insel St. Helena führten, wo er nach einigen Jahren seines Lebens Ziel erreichte. Es kamen nun bei ihm Goethes prophetische Verse in "Epimenides Erwachen" in Erfüllung:

Doch was dem Abgrund kühn entstiegen,
kann durch ein wunderbar Geschick
den ganzen Erdkreis überfliegen
zum Abgrund muss es doch zurück!
 
Schon fasst ein ungestümes Bangen,
vergebens wird er widersteh'n.
Und alle, welche an ihm hangen,
die müssen mit zugrunde geh'n! . . .

Als nun die übrigen Heere der Russen, Oesterreicher, Preußen und Deutschen herankamen und über Frankreich losbrachen, da sank dieses stolze Reich zusammen und musste sich in Frieden die Bedingungen seiner Feinde gefallen lassen. Dennoch kam Frankreich durch die Großmut der Alliierten, besonders des Kaisers Alexander von Russland, noch insofern gut weg, als Preußen und Oesterreich die Abtrennung von Elsass und Lothringen, dieser alten deutschen Provinzen, nicht erlangen konnten. Zu den Friedensbedingungen gehörte u.a. auch die Zurückgabe der Kunstschätze, Gemälde, Statuen, Bücher, Manuskripte und anderer kostbaren Gegenstände, welche die Franzosen in ihren Kriegen seit der Revolution als Siegesbeute aus allen Ländern Europas mitgenommen hatten. Bereits im vorjährigen Pariser Frieden wollte besonders Blücher die Herausgabe dieser geraubten Kunstschätze bewirken, man konnte aber dieses Verlangen gegen den Kaiser Alexander nicht durchsetzen. Hierbei war für uns Preußen ein Triumph, der im ganzen Lande alles fiebrisch durchzuckte. Unter anderem hatten die Franzosen die Viktoria auf dem Brandenburger Tore in Berlin mitgenommen. Dieses Siegesdenkmal wurde jetzt auch zurückgenommen und durch französische Wagen und Fuhrleute nach Berlin gebracht, um an seinem alten Platze wieder aufgestellt zu werden. In allen Städten und Dörfern, welche die wiedererbeutete Viktoria berührte, wurden die Wagen mit zahllosen Kränzen, Blumen, Bändern und Fahnen und geschriebenen und gedruckten Versen in großer Menge geschmückt, dass eine eigene Sammlung in Druck erschien, welche ich unter meinen Büchern noch besitze. Überhaupt war aber in Halberstadt seit der Nachricht von dem Siege bei Bellealliance etc. der Jubel unbeschreiblich groß.

Es sollte aber für Halberstadt bald etwas Niederschlagendes erfolgen. Die mit dem Anfang des Jahres 1816 stattfindende Auflösung des Gouvernements und die Verlegung der Zentralverwaltungsbehörden nach Magdeburg bewirkten Niedergeschlagenheit und Entmutigung. Dass man Halberstadt wenigstens das Oberlandesgericht ließ, hielt man nicht für hinreichende Entschädigung, besonders für die während der Fremdherrschaft erlittenen Verluste, besonders durch Aufhebung des Domkapitels und der übrigen geistlichen Güter; ja der Verkauf der zu diesen und den säkularisierten Klöstern gehörenden bedeutenden Äckern, Häusern und anderen Grundstücken wurde von vielen für einen Verlust gerechnet, obgleich dieses mit der Zeit für Halberstadt höchst vorteilhaft war. Halberstadt hat eine Feldflur von 700 - 800 Hufen Landes, von welchen bisher der größte Teil totes Land gewesen war.

Alles dieses kam zum Teil in kleinen Parzellen in die Hände von fleißigen und geschickten Leuten, die es weit besser zu benutzen verstanden, als es früher benutzt worden war.
Es änderten sich nunmehr alle Verhältnisse, und man musste sich erst nach und nach an die neue Umgestaltung der Dinge gewöhnen. Eine große Menge der Beamten, welche bisher sich wohl befunden hatte, wurde zum Teil in ganz entfernte Gegenden versetzt. Unser herrlicher Gesangverein, der uns so viel Freude bereitet hatte, musste sich auch auflösen, da unser Dirigent Ziegler zum Direktor des Land- und Stadtgerichts zu Quedlinburg und Pechmann zum Justizrat bei demselben Gerichte ernannt wurde und mehrere sonstige Teilnehmer desselben ebenfalls versetzt wurden. Der Präsident von Gärtner wurde beauftragt, die Gerichtsorganisation in den eroberten sächsischen Provinzen vorzunehmen, und er begab sich ebenfalls fort. Da es ihm freistand, zum Sitze des zu bildenden Oberlandesgerichts eine der drei Städte Merseburg, Naumburg oder Zeitz zu wählen, so entschied er sich für Naumburg. Er wurde Chefpräsident desselben und nahm von Halberstadt drei Räte, Dalkowsky, Steltzer und v. Seebach mit, um einen Kern von preußischen Juristen zu haben, da auch sofort Landrecht und Gerichtsordnung eingeführt wurden und die übrigen Räte aus übernommenen Sachsen bestanden.

Das neue Oberlandesgericht trat mit dem 2. April 1816 in Wirksamkeit. Der Präsident von Gärtner hatte auch meinen Freund Panse als Sekretär mitgenommen und zum Salarienkassenrendanten auch von Halberstadt den Rendant Nietes mitgenommen. Der ehemalige Kammerdirektor Heyer wurde als Vizepräsident an die neu errichtete Regierung zu Merseburg versetzt, war jedoch bei seinem hohen Alter nicht imstande, derselben mit gehöriger Energie vorzustehen. Ebenfalls wurde mein alter Hauptmann v. Witzleben, mit dem ich sehr befreundet war, als Domänenerheber nach Merseburg versetzt, obgleich er schon mehrere Jahre an der Rückenmarkszehrung so erkrankt war, dass er ohne Hilfe nicht von einem Stuhle sich zum anderen bewegen konnte. Auch mein Freund Klein wurde als Domänenerheber nach Erfurt versetzt.

Unser liebster Umgang war noch immer die Kramersche Familie, obgleich wir nicht mehr Hausgenossen waren. Auch der älteste Kramersche Sohn Carl wurde als Postsekretär nach Posen versetzt. Auch der Postsekretär Herzberg kam von Halberstadt weg. Unser Klub, auf dem ich so viele frohe Stunden verlebt hatte, blieb zwar äußerlich in seiner früheren Existenz, allein so manche Teilnehmer waren ebenfalls versetzt. Da hier die gesellschaftlichen Zusammenkünfte abends acht Uhr ihr Ende erreichten und meine Dienstverhältnisse mich in der Regel bis sechs Uhr abends in Anspruch nahmen, so konnte ich nicht mehr wie früher ungestört teilnehmen. Was mich anbetrifft, so hätte ich undankbar sein müssen, wenn ich nicht anerkannt hätte, dass ich mich in einer glücklichen Lage befand. Meine Familie gesund, unsere drei Kinder gediehen und meine liebe Frau hatte auch einen Zirkel von Freundinnen, mit welchen sie manche frohe Stunde verlebte. Das einzige, was mich drückte, war, dass ich aus der Registraturstelle nicht herauskommen konnte. Ueber meine pekuniäre Lage konnte ich nicht klagen; ich hatte in dieser Zeit ein hübsches Sümmchen erübrigt, welches mir, wie ich erzählen werde, in dem verhängnisvollen Jahre 1816 sehr zustatten kam.

Schon im Frühjahr hatten wir unaufhörlich Regen, welches sich im ganzen Sommer fast unaufhörlich fortsetzte und unseren Garten und Feldfrüchte überschwemmte und eine totale Missernte herbeiführte. Da die vorangegangenen Kriegsjahre schon Unglück, Not und Verarmung herbeigeführt hatten, so stiegen alle Lebensbedürfnisse zu unerschwinglichen Preisen ,und Jammern und Wehklagen hörte man überall. Von Seiten der Regierung geschah zwar alles um der Not nach Kräften zu steuern, allein sie war doch nicht imstande, das Unglück ganz abzuwenden.

Zu dieser für alle trostlosen Lage kam nun für mich meine stets wachsende Unzufriedenheit mit meiner Stellung als Registrator. Ich querulierte bei dem Präsidenten v. Gärtner und dem Oberlandesgericht fortgesetzt, wurde aber stets abschlägig beschieden. Endlich wagte ich noch einen Schritt, indem ich mich an den Justizminister wandte, ihm meine Lage, meine Verhältnisse aus der wetfälischen Zeit schilderte, daraus meine Ansprüche auf die Sekretärsstelle zu begründen suchte, vertrauensvoll mich seinem Wohlwollen empfahl und um Gewährung meiner Bitte supplizierte. Meine gute Frau war ergeben, selbst wenn ich mich zu einer Versetzung von Halberstadt entschließen müsse. Von meinem Gesuch an den Minister erwartete ich wenig Erfolg, da dasselbe im Grunde eine Beschwerde über das Oberlandesgericht enthielt, und ich deshalb sogar einen Verweis erhalten konnte.

Allein ganz das Gegenteil erfolgte. Ich erhielt in der kürzesten Zeit von dem Minister Kircheisen Abschrift eines an das Oberlandesgericht erlassenen Reskripts, worin dasselbe angewiesen wurde, mich zu der nächsten Sekretärsstelle in Vorschlag zu bringen. Wer war wohl froher als ich, da ich bei Gelegenheit Erlösung von den mir verhassten Registraturgeschäften hoffen konnte. Da ich mit meinem nach Naumburg als Sekretär an das Oberlandesgericht versetzten Freund Panse in Briefwechsel stand, so verfehlte ich nicht, ihm von dem mir so angenehm widerfahrenen Ereignis Nachricht zu geben und äußerte dabei, dass ich mir gern eine Versetzung gefallen lassen wolle, wenn ich dadurch früher zum Ziel meiner Wünsche gelangen sollte.

Panse antwortete mit umgehender Post, äußerste seine Freude und bemerkte, dass bei dem Oberlandesgericht in Naumburg noch Sekretärsstellen zu besetzen wären und ich mich daher sofort bei dem Chefpräsidenten v. Gärtner um eine solche Stelle bewerben solle. Ich befolgte den Rat meines Freundes und erhielt in kürzester Zeit von dem Herrn v. Gärtner ein Reskript Naumburg d. 2. September 1816, worin er mir bekanntmachte, dass auf seinen Vorschlag der Herr Minister mich zum Sekretär des Oberlandesgerichtes zu Naumburg mit einem vom 1. September zu beziehenden Gehalt von jährlich 600 Thalern ernannt habe und mich aufforderte, meine Dienstverhältnisse in Halberstadt schleunigst abzuwickeln, da Hilfe in Naumburg notwendig sei.
Es machte dieses großes Aufsehen, da niemand erwartet hatte, dass ich meinen Wohnsitz so leicht aufgeben könne und ich allgemein beliebt war, so dass man mich ungern scheiden sah. Als ich kaum meine Ernennung erhalten hatte, bot sich mir eine Gelegenheit, in Halberstadt in demselben Verhältnis zu bleiben. Ein neuer, bei dem Oberlandesgericht in Halberstadt angestellter Sekretär mit Namen Heiland aus dem Eichsfelde hatte sich in einer Beschwerde an den Justizminister nachteilig über das Oberlandesgericht geäußert und es dadurch unmöglich gemacht, daselbst zu bleiben. Deshalb wurde mir der Vorschlag gemacht, mit demselben einen Tausch einzugehen, allein ich lehnte es ab und beschloss, die Sache, die ich einmal angefangen hatte, zu beendigen. Ich bat meinen Direktor, Präsident Rosentreter, meine Entlassung aus meinen amtlichen Verhältnissen und meine Abreise nach Naumburg zu genehmigen, und fand bei ihm die höchste Willfährigkeit.

Ich schrieb nun an Panse, dass ich meine Abreise beschleunigen und noch im September nach Naumburg kommen würde, und bat ihn, mir eine Wohnung zu mieten. Da ich von ihm erfuhr, dass es schwer sei, in Naumburg Möbels zu bekommen, indem daselbst kein Möbelwagen sei und die Tischler durch neu anziehende Beamte so beschäftigt wären, dass sie nichts fördern könnten, so beschloss ich, von meinen Sachen außer Betten, Wäsche Kleidung und Bücher auch meine besten Mobilien mitzunehmen, und akkordierte deshalb mit einem Fuhrmann, der es unternahm, einen großen Frachtwagen mit so viel Mobilien, Schränken, Tischen, Stühlen und Bettstellen zu beladen, als die Pferde nur würden ziehen können. Ich akkordierte mit ihm auf 60 Thaler und versprach noch 5 Thaler Douceur, wenn er die Sachen glücklich nach Naumburg brächte. Es wurde darauf von ihm ein Wagen eingerichtet, der so groß und künstlich beladen war, dass es schwer wurde, ihn aus dem Tore zu bringen. Ich nahm so viel mit, dass ich imstande war, drei Stuben und ein paar Kammern vollständig zu möblieren. Bei meiner Versetzung hatte ich meinen Gehalt für September schon ausbezahlt erhalten, und da meine neue Stelle vom September begann, so zog ich für diesen Monat doppelten Gehalt. Als mir der Präsident Rosentreter sagte, ich solle den Monatsgehalt behalten, da ich es als kleine Entschädigung für die Reisekosten rechnen könne, so zahlte ich nicht zurück, und es ist mir auch späterhin nicht abgefordert worden.

Es kam mir dieses auch dadurch gut zustatten, dass ich eine höchst unangenehme Ausgabe von 30 Thalern zu bestreiten hatte. Als ich nämlich die Wohnung bei der Rätin Kramer verließ, hatte ich mir auf ein Jahr eine Wohnung vom Johannistor im Wenzlowschen Hause für 60 Thaler gemietet. Da ich nun schon nach 1/2 Jahr von Halberstadt nach Naumburg versetzt wurde, so hatte ich noch 1/2 Jahr zu wohnen, konnte aber niemand finden, der die Miete für mich übernahm, und musste nun, da das Haus einer Minorennen gehörte, auf Verlangen des Vormundes die halbjährige Miete von 30 Thalern entrichten. Jetzt war vor meiner Abreise ein schwerer Entschluss zu fassen, ob ich nämlich die Abreise vorläufig allein machen und Frau und Kinder zurücklassen oder ob wir sogleich sämtlich nach Naumburg übersiedeln sollten. Der Entschluss war schwer, da meine Frau bis zu ihrer Niederkunft noch 6 Wochen Zeit hatte. Sie selbst war entschlossen, mich mit unseren drei Kindern zu begleiten, und als unser zu Rat gezogener Arzt, der Medizinalrat Büttner, seine Einwilligung gab, so wurde unsere Abreise in den nächsten Tagen beschlossen. Vor allen Dingen beauftragte ich meinen Freund Panse, mir eine anständige, nicht zu teure Wohnung zu mieten. Er schrieb mir darauf, es sei ihm zwar endlich gelungen, mir eine Wohnung in dem Teile der Stadt, welcher die Domfreiheit genannt würde, in einem Brauhause, genannt: "die grüne Tanne", nahe am Othmartore zu mieten, die für eine jährliche Miete von 80 Thalern mir drei Stuben, eine Kammer, Küche und kleines Holzgelass gewähre. Da ich sie aber erst zu Michaelis beziehen könne,bat er mich daher, in dem Gasthof zum grünen Kreuz, wo er seinen Mittagstisch habe, zu bleiben, da der Wirt ein höchst billiger Mann sei. Es blieb mir nicht übrig, als in den Vorschlag einzugehen, ich beauftragte also Panse, für mich abzuschließen und uns vor der Hand in dem grünen Kreuze ein vorläufiges Unterkommen zu sichern.

Da mir nun nichts mehr im Wege stand, so hielt ich Auktion mit den Sachen, die ich nicht mitnehmen konnte, um mir das erforderliche Reisegeld zu verschaffen. Außer dem Wagen mit den Sachen, die ich nach Naumburg mitzunehmen beschlossen hatte, mietete ich noch für unsere Familie und das Dienstmädchen, welches uns zu begleiten sich erboten hatte, einen Kutschwagen, wofür ich noch 25 Thaler zu bezahlen hatte. Die zweite Tochter der Medizinalrätin Kramer namens Nanni bat uns, sie bis Eisleben mitzunehmen, und da wir uns im Wagen einrichten konnten, so waren wir erbötig, sie mitzunehmen. In Eisleben erwartete Nanni Kramer einen Wagen, der sie nach dem etwa eine Stunde davon entfernten Dorfe Hedersleben bringen sollte. Es ist daselbst eine dem Prinzen August von Preußen gehörende Domäne, welche von einem Oberamtmann Morgenstern erpachtet war, dessen Mutter noch lebte, welche Nanni Kramer besuchen wollte. Der Oberamtmann Morgenstern war verheiratet, jedoch von seiner Frau, welche einen schlechten Ruf hatte, geschieden. Er hatte mit derselben eine Partie Kinder und war in seiner Wirtschaft durch seine Frau und seine eigne Lebensart zurückgekommen. Auch seine Mutter stand in ganz schlechtem Renommée. Hedersleben war beständig voll Besuch, wo es üppig und verschwenderisch zuging. Man wunderte sich, dass Nanni Kramer diese Frau besuchte, allein nach kurzer Zeit klärte es sich auf, da sie sich mit Morgenstern verlobte und ihn bald darauf heiratete. Da sie von der Landwirtschaft als eine Stadtdame nichts verstand, so erwartete man von dieser Verheiratung nicht viel Glück, allein es kam anders.

Die junge Frau, die viel Verstand hatte, sah bald ein, dass sie, wenn nicht alles zugrunde gehen sollte, kräftig eingreifen und sich der Wirtschaft selbst annehmen müsse. Sie wirkte mit Liebe und Vertrauen auf ihren Mann, suchte ihn selbst auf den richtigen Weg zu leiten, stellte sich selbst an die Spitze der inneren Wirtschaft, lernte bald alles, was dazu gehörte, hielt das Gesinde in Ordnung und brachte es in einiger Zeit dahin, dass man sie allgemein als eine der ersten Wirtinnen in der ganzen Grafschaft Mansfeld anerkannte. Sie wurde selbst Mutter einer Reihe Kinder, die sie mit den Kindern erster Ehe sorgfältig erzog. Als ihr Mann seine Pachtung aufgab, hatten sie so viel erworben, dass sie selbst sich eine Besitzung in der Nähe von Eisleben erwarben, wo sie bis zum Tode des Oberamtmann Morgenstern lebten. Die Kinder sind jetzt alle versorgt, und die Witwe lebt jetzt in Halle.

Nach dieser Episode will ich in meiner Geschichte fortfahren. Nachdem ich alles zu meiner Abreise vorbereitet hatte, machte ich mit der Mutter bei unseren näheren Bekannten die Abschiedsbesuche, wobei wir oft wehmütige Betrachtungen über unser in vieler Beziehung glückliches Leben zu machen hatten, welches besonders bei der Kramerschen Familie, mit der wir so glückliche Tage verlebt hatten, der Fall war. Auch der Abschied von meinem alten Gönner Jäger wurde mir sehr schwer, sowie auch von meinem jetzigen Vorgesetzten, dem Präsident Rosentreter, der mir sein Wohlwollen stets erhalten hatte. Ihr könnt euch überhaupt nicht vorstellen, meine lieben Kinder, wie uns zu Mute war, aus Zirkeln von Freunden und Bekannten zu scheiden, wo wir so viel Teilnahme gefunden hatten.

Jetzt galt es vor allen Dingen erst eine glückliche Übersiedlung in die neue Heimat. Die weite Entfernung, das fast noch immer fortdauernde schlechte Wetter boten allerdings noch Bekümmernisse vielfacher Art. Dazu kam, dass die Wege, wo überall noch nicht einmal Chausseen sich befanden, an vielen Stellen grundlos waren, so dass man in Gefahr geriet, mit dem Fuhrwerk umzuwerfen oder stecken zu bleiben. Es war in der Mitte des Monats September 1816, den Tag weiß ich nicht genau mehr, jedoch bemerke ich, dass ich in dem Halberstädter
Wochenblatte von Gönnern, Freunden und Bekannten Abschied nahm und das Datum desselben der 18. September war. Als wir Halberstadt, nachdem unser Möbelwagen schon fort war, da er bei den weiten und schlechten Wegen mehrere Tage als unsere Kutsche zubringen musste, verließen und den zweiten Tag nach der Abreise in Naumburg ankamen, nachdem wir Nanni Kramer in Eisleben, von wo sie nach Hedersleben nur zwei kurze Stunden hatte, abgesetzt und von ihr Abschied genommen hatten. Der treue Panse hatte schon für uns nach Kräften gesorgt, in unserem einstweiligen Quartier die nötigen Verabredungen getroffen und führte uns ein in den Gasthof zum grünen Kreuze auf der Freiheit am Steinweg gelegen, woselbst wir zwei schöne Zimmer parterre erhielten, wo wir uns bis zum Einzuge in unsere neue Wohnung einzurichten hatten. Wegen Wohnungsmiete, Betten und Beköstigung für Morgen, Mittag und Abend konnte ich zwar nicht contrahieren, aber Panse versicherte uns, dass der Wirt namens Gröschel ein billiger Mann sei, der uns gewiss nicht überteuern werde, und so fanden wir es auch, als wir diese Wohnung verließen. Unsere Mobilien waren auch bereits glücklich und unbeschädigt einpassiert und in unserer künftigen Wohnung aufbewahrt. Wir konnten jedoch vorderhand an Ruhe nicht denken, da unsere Wohnung erst zu Anfang des Monats Oktober bezogen werden konnte. Dazu kam noch, dass wir in Naumburg keine befreundete Familie hatten, von welcher wir treuen Rat und nötigenfalls Unterstützung bei vorkommenden Bedürfnissen in Anspruch nehmen konnten. Panse konnte bei dem besten Willen uns nicht überall hilfreich zur Seite stehen, und bald gewahrten wir auch, dass die Bewohner Naumburgs zwar freundlich und wohl auch zuvorkommend waren, aber doch Vorurteile und mitunter auch Hass gegen alles, was preußisch war, unverhohlen an den Tag legten, Deshalb war es schwer, einen Zirkel zu finden, dem man sich mit Vertrauen anschließen konnte. Es war dies besonders für meine arme Frau betrübend, da sie in ihren jetzigen Umständen Bekanntschaften zu machen außerstande war.

Folgt. Aus meiner frühsten Jugendzeit.
Der entdeckte Raubmord
Die gerichtliche Aufhebung eines Leichnams.
Die gute alte Zeit.


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©  Smetius Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04