
Rückerinnerungen aus der Zeit nach Beendigung meiner
Universitätsjahre bis nach meiner Verheiratung (2. Teil)
Bald nachher machten wir die erforderlichen Visiten, deren nicht
viele waren, weil wir kein Haus machen und deshalb uns nicht weit
ausbreiten konnten. Zuerst begaben wir uns zu meinem Gönner
und Vorgesetzten, dem Friedensrichter Jäger, dessen erwachsene
Tochter Emilie bald mit meiner Frau befreundet wurde und durch
welche sie in deren Umgang geführt wurde. Unser nächster
Nachbar war ein Tuchhändler Sasse, der ebenfalls eine junge
Frau hatte und mit welchem wir sehr befreundet wurden. Diesem
gegenüber am Hohen Wege an der Ecke des Lichtengrabens wohnte
die Witwe eines im Jahre 1808 verstorbenen Medizinalrates Dr.
Kramer, welche sieben Kinder, drei Töchter und vier
Söhne, hatte. Da wir mit dieser Familie bald in die
freundlichsten Verhältnisse kamen, so muss ich etwas
länger bei der Schilderung derselben verweilen. Der
verstorbene Dr. Kramer war einer der geachtetsten Aerzte in
Halberstadt und zugleich nicht blos ein durchaus wissenschaftlich
gebildeter, sondern sogar ein sehr gelehrter Mann. Seine Witwe
Julie geb. Adam stammte aus der französischen Kolonie und galt
für eine der edelsten Frauen Halberstadts, welches auch
späterhin, als das Land wieder preußisch geworden war,
von seiten der Regierung dadurch anerkannt wurde, dass ihr der
Louisenorden erteilt wurde. Sie hatte außer ihrem Hause am
Hohen Wege nur ein geringes Vermögen von höchstens 600
Thlr. jährlicher Einnahme, wovon sie aber ihre sieben Kinder
auf das Musterhafteste erzog. Ihre drei Töchter hießen
Cilli, Nanni und Betti, und alle drei waren höchst
liebenswürdig. Die älteste, Lilli, heiratete
späterhin den berühmten Geographieprofessor Ritter zu
Berlin. Sie hat uns mit ihrem Mann hier in Naumburg bei unserer
Durchreise besucht, und ich erinnere mich noch der geistreichen
Mitteilungen, welche dieser berühmte Mann besonders über
unseren jetzigen König und den königlichen Hof machte.
Die zweite Tochter, Nanni, hat sich mit einem verwitweten
Oberamtmann Morgenstern, welcher die Domäne Hedersleben bei
Eisleben hatte, verheiratet. Obgleich sie eine Stadtdame war und
von der Landwirtschaft nichts verstand, so wusste sie sich doch
bald so bewandert damit zu machen, dass sie für eine der
vorzüglichsten Wirtinnen in der Grafschaft Mansfeld galt und
ihren durch leichtsinnige Wirtschaft in Verfall geratenen Ehemann
durch ihre Klugheit und gesammelte Erfahrung bald auf die Beine
half. Sie lebt jetzt noch als Witwe zu Halle. Die dritte Tochter,
Betti, damals noch nicht völlig erwachsen, heiratete
späterhin einen Major Reineck, Jugendfreund ihres
ältesten Bruders, und besuchte uns ebenfalls bei einer
Durchreise nach seinem Standquartier Saarlouis. Der älteste
Sohn Carl hatte sich dem Postfach gewidmet, war aber durch
Unvorsichtigkeiten in Schwierigkeiten geraten, indem er mit seinem
in Preußen als Militär angestellten Freunde Reineck
mitunter über politische Gegenstände correspondierte.
Da das Eröffnen von Briefen auf der Post damals ganz
gewöhnlich war, so wurden auch von Carl Kramer dergleichen
Briefe, in denen sich Hass gegen die Franzosen aussprach,
erbrochen, er sofort verhaftet und nach Cassel zur Untersuchung
abgeliefert. Durch bedeutende Verwendungen wurde er begnadigt,
musste aber in Militärdienst treten. Als das Land wieder
preußisch wurde und die westfälische Armee wieder
aufgelöst war, trat er in preußische Dienste, machte die
Feldzüge von 1813, 14 und 15 mit, ging dann wieder zum
Postdienst über und ist vor etwa zwölf Jahren als
Postdirektor in Merseburg verstorben. Der zweite Bruder Adolf war
damals nicht im mütterlichen Hause, und ich habe ihn erst hier
in Naumburg näher kennengelernt, da er in Zeitz
Wegebauinspektor war und von Zeit zu Zeit hierher nach Naumburg
kam. Die beiden jüngsten Söhne Wilhelm und Gustav waren
damals noch nicht konfirmiert und besuchten das Domgymnasium.
Wilhelm ist jetzt ein höchst angesehener Arzt zu Berlin.
Der jüngere, Gustav war Direktor des französischen
Gymnasiums zu Berlin und ist jetzt Direktor der Frankeschen
Stiftungen zu Halle. Mir für meine Person fehlte es damals
nicht an Bekanntschaften, da so viele meiner Schul- und
Universitätsfreunde sich hier befanden und wir unseren
früheren Umgang fortsetzten. Dazu kam, dass ich namentlich auf
dem Klub mir durch Spielen und besonders durch politische Gesinnung
neue Bekannte erwarb. Da ich aber ohngeachtet des großen
Umgangskreises Familienbekanntschaften fast gar nicht hatte, so
konnte ich meine junge Frau nicht in die öffentliche Welt
einführen, allein auch dieses änderte sich bald, da sie
durch Einladungen und Zusammenkünfte an öffentlichen
Orten und Spaziergängen z. B. auf den Spiegelschen Bergen, die
wir oft besuchten, hinreichende Bekanntschaften an Frauen und
Mädchen ihres Alters machte.
Zu denen, welche ich hier kennenlernte und mit welchen ich auch
späterhin freundschaftlichen Umgang hegte, gehörte auch
ein gewisser Klein aus Magdeburg, der als Steuerkontrolleur bei den
direkten Steuern eine Anstellung hatte. Er war ein höchst
gewandter Geschäftsmann, war zwar leidenschaftlich und von
derber Natur, wurde sogar und zwar nicht mit Unrecht für grob
gehalten, besaß aber viel inneren Fonds. Seine junge Frau war
aus Allendorf an der Werra im Hessischen und besaß
hübsches Vermögen. Der Direktor der direkten Steuern, v.
Madai war ein alter Universitätsfreund von mir. Diese jetzt
erneuerte Freundschaft hatte zur Folge, dass Madai auf Kleins
Antrag mir eine Vollmacht erteilte, als Agent der Steuerdirektion
die von ihr ressortierenden Patentsteuerprozesse vor dem
Korrektionstribunal zu führen und die Bestrafung der
Contravenienten zu veranlassen. Das Verfahren dabei war, dass wenn
bei der Direktion eine Denunziation angebracht war und für
begründet erachtet wurde, mir die Akten zugestellt wurden, um
die Denunzianten vor das Korrektionstribunal zur Verhandlung und
Bestrafung zu ziehen. Ich erließ sodann an den Denunzianten
sowohl als an die etwa angegebenen Zeugen die Vorladungen,
ließ solche durch einen Hausier insinuieren und trug dann auf
dem Korrektionstribunal, wo alle Freitage Sitzung war, die Anklage
vor, ließ, wenn der Angeklagte leugnete, die Zeugen
vernehmen, und dann erkannte das Tribunal. Wurde ich abgewiesen, so
musste ich die Kosten tragen, welche sich aber nur auf bare
Auslagen an Zeugengebühren erstreckten. Wurde der Verklagte zu
einer Geldstrafe verurteilt, so erhielt ich ein Drittel des
Betrags, und der Angeklagte musste alle Kosten entrichten.
Einen Prozess dieser Art führte ich noch in der letzten
Zeit des Königreichs gegen einen französischen Juden
namens Baruch aus Straßburg, der die bedeutenden
Fleischlieferungen für das französische garnisonierende
und durchmarschierende Militär hatte. Ich hatte die Freude,
dass das Tribunal ihn in 1500 Francs Strafe verurteilte, wovon also
auf mich ein Drittel mit 500 Fr. kam. Der Angeklagte legte gegen
die Entscheidung das Rechtsmittel der Cassation ein und
äußerte gegen mich, dass er mit der Cassation gewiss
durchkommen werde, da die Sache in Cassel bei einer Partie L`hombre
abgemacht würde. Allein es kam doch anders, die Cassation
wurde verworfen, und da die Strafe sofort eingezogen wurde, so
erhielt ich meine 500 Fr. ganz kurze Zeit vor dem Abmarsch der
Franzosen aus dem Königreiche. Ich hatte nunmehr meine
Einnahme auf 700 - 800 Thaler gebracht, und da auch mein Glück
im Spiel mich nicht verließ, so konnte ich mit meiner jungen
Frau ein zufriedenes, sorgenfreies Leben führen.
Aus einigen Notaten, welche ich noch besitze, geht z.B. hervor,
dass ich in der Zeit meiner Ankunft in Halberstadt am 2. Januar
1808 bis August desselben Jahres einen reinen Spielgewinn von 15
Thalern gehabt hatte, und zwar zum großen Teil in L'hombre,
Tarok und Whist. Sehr viel wurde in Sonderheit gespielt, als
Preußen nach der Schlacht bei Leipzig seine im Tilsiter
Frieden verlorenen Provinzen wieder in Besitz nahm und das
Gouvernement für die preußischen Provinzen zwischen Elbe
und Weser errichtet war, wodurch eine Menge Beamte nach Halberstadt
gezogen wurden. Hauptsächlich spielte ich auf dem Club, wo
L'hombre besonders zu hohen Points gespielt wurde, so dass in einer
Partie nicht selten 50 Thaler gewonnen oder verloren wurden. Der
Direktor des Domgymnasiums Maas verlor einmal in einer Session im
L'hombre 80 Thaler.
Zu denen, mit welchen ich auf dem Club fast täglich
spielte, gehörte ein Hauptmann v. Witzleben, der nach seinem
Abgange aus dem Militärdienst Domäneneinnehmer geworden
war. Er hatte als Leutnant in dem Regiment des Herzogs v.
Braunschweig den Feldzug gegen Frankreich in den Jahren 1792 und 93
mitgemacht , und man erzählte noch, dass er der schönste
Offizier des Regiments gewesen wäre. Er hatte sich mit einer
Frl. v. Breitenbauch, einem der schönsten Mädchen
verheiratet und hatte aus dieser Ehe drei Kinder. Im Jahre 1793 war
er mit gegen die Bergfestung Bitsch kommandiert. Der Überfall
dieser Festung verunglückte bekanntlich, Witzleben wurde
verwundet, gefangen und verlor dadurch sein Gehör. Um sich zu
heilen, besuchte er verschiedene Bäder. Als ich ihn im Jahre
1808 kennenlernte, litt er an der Rückenmarkzehrung, die ihn
unfähig machte zu gehen, so dass er beständig
geführt werden musste. W. besaß ein schönes Haus an
der Gröperstraße, welches ihm aber durch den in wenigen
Tagen erfolgten Tod seiner beiden liebenswürdigen Töchter
am Scharlachfieber so verleidet wurde, dass er sein Haus vermietete
an den Steuerdirektor v. Madai und sich eine Wohnung in Westendorf
mit einem schönen Garten mietete, wo ich öfter bei ihm
nachmittags zu einer
Spielpartie eingeladen wurde. Da mir meine Wohnung bei
Prätorius nicht behagte und Madai auszog, so vereinigte ich
mich mit meinem Freunde Klein, das Witzlebensche Haus zu mieten.
Bei der furchtbaren Einquartierungslast schlossen wir einen
Mietskontrakt mit Witzleben, worin wir ihm 90 Thaler Miete
zusicherten und die Einquartierung übernahmen, jedoch die auf
das Haus verlegten Soldaten ausquartierten und die dadurch
entstehenden Kosten bis zur Höhe unseres Mietsquantums
übernahmen, so dass uns Witzleben das Haus für 180 Thaler
Miete überließ. Als das Jahr verstrichen war und wir mit
Witzleben abschlossen, musste er uns noch 55 Thaler herausbezahlen.
So waren damals die Verhältnisse. Wiitzleben wurde sein
schönes Haus so lästig, dass er mir noch mehrere Male
anbot, es mir sogleich zuschreiben zu lassen, wenn ich eine darauf
ruhende Hypothekenschuld von 2200 Thaler übernehmen wollte,
allein ich hatte in der damaligen Zeit nicht die Courage dazu. Ein
Jahr später verkaufte er das Haus für 7500 Thaler so dass
ich dadurch über 5000 Thaler hätte gewinnen
können.
In diesem Hause wurde unsere Emilie geboren und gleichzeitig
erhielt Klein seinen ersten Sohn, so dass oben und unten
Wochenstube war. Kleins hatten eine Tante bei sich, die über
die Geburt des kleinen Sohnes sehr glücklich war. Klein, ein
sehr jovialer Mann, machte sich, um seine Frau und deren Tante zu
ängstigen, den Spaß, beide Kinder zu verwechseln.
Merkwürdig war die Menge Ratten im Hause, die der frühere
Bewohner Madai förmlich erhalten und alle Mittag auf dem Hofe
zusammengetrommelt und gefüttert hatte. Es kostete viel
Mühe, dieses Ungeziefer loszuwerden.
Das Königreich Westfalen hatte nun bereits einige Jahre
bestanden und obgleich dasselbe aus größtenteils
fruchtbaren Ländern und den intelligentesten Einwohnern
bestand, so wurde die Lage desselben durch innere und
äußere Veranlassungen immer trüber. Die
Abhängigkeit von Napoleon und dem großen
französischen Reiche war allein schon hinreichend, jedes
Aufschwingen zu hintertreiben. Tractenmäßig gingen
jährlich 7 Millionen Franken Revenuen an französische
Donatairs dem Lande verloren. Dazu kam die Unterhaltung einer auf
12 000 Mann bestimmten Garnison Franzosen für die Festung
Magdeburg, die aber häufig mehr als 30 000 Mann betrug, die
fortwährenden Durchmärsche französischer Truppen auf
Kosten des Landes, die Beschränkung alles Handelsverkehrs
besonders durch die gegen England verfügte Kontinentalsperre,
die besonders auf den Handel mit Kolonialwaren und englischen
Fabrikaten herbeigeführt wurde.
Daher kam es, dass in dieser Zeit ein Pfund Kaffee und Zucker
stets 1 - 1 1/3 Thaler kostete, und dass Fabrikate, die englischen
Ursprungs waren oder bloß schienen, den Eigentümern ohne
Entschädi- gung genommen und oft in großen
Quantitäten öffentlich auf den Marktplätzen der
Städte verbrannt wurden. Hierdurch würde selbst eine
sparsame und sorgfältige Verwaltung nicht ausgereicht haben,
um den Verfall des Landes zu hindern, wie viel weniger konnte
dieses hier geschehen, wo die Verschwendung des Hofes zu Cassel,
die daselbst herrschende Maitressenwirtschaft, die ungeheure
Prachtliebe, die sich besonders in kostbaren, von Gold- und
Silberstickereien strotzenden Uniformen äußerte,
große Geldmittel erforderten, die nur durch den Druck der
Untertanen herbeigeschafft werden konnten.
Es war schon längst eine sogenannte Amortisationskasse
errichtet, in welcher alle Forderungen an den Staat eingetragen
wurden. Dahin gehörten Bankobligationen, die von den den
früheren Ständen garantiert waren und stets einen hohen
Kurs hatten. Ferner Hypothekenkapitalien auf Grundstücke der
Stifte, Klöster, Hospitale, die bei einer
Veräußerung der Grundstücke nicht etwa bezahlt,
sondern abgelöst und in die Amortisationskasse gebracht
wurden. Auch gehörten dahin Forderungen der Privatpersonen
für gelieferte Gegenstände oder gefertigte Arbeiten, die
Frankreich hätte bezahlen müssen, aber auf die
westfälische Regierung verwiesen waren. Für alles
dergleichen wurden von der westfälischen Regierung zinsbare
Schuldscheine ausgestellt, welche aber schon bei der Emission 30
bis 40 % verloren, da das Kapital im öffentlichen Verkehr kein
Vertrauen hatte. Da späterhin alle diese Forderungen auf 1/3
reduziert wurden, so sanken alle diese Schuldscheine fast auf ein
Nichts herab.
Ein Hauptmittel, sich Geld zu verschaffen , waren freiwillige
Anleihen, die aber bald im Publikum freiwillige Zwangsanleihen
genannt wurden, weil sich niemand, der ostensibles Vermögen
besass, davon ausschließen durfte. Die dadurch
herbeigeschafften Millionen kamen nicht etwa dem Lande, sondern nur
der Verschwendungssucht des Hofes zu Cassel zu Gute. Dergleichen
Zwangsanleihen wurden in den sieben Jahren der Existenz des
Königreichs Westfalen dreimal ausgeschrieben.
Aber auch dieses war nicht ausreichend. Die preußische
Regierung hatte bei der Säkularisation der Klöster den
Mönchen dreihundert Thaler, den Nonnen aber
einhundertfünfzig Thaler jährlich Pension bewilligt. So
hatte der Abt des Klosters Huisburg bei Halberstadt jährlich
Pension von 1500 Thalern und so verhältnismäßig.
Alle diese Pensionen wurden auf die Halbscheid herabgesetzt,
wodurch die davon Betroffenen zum großen Teil in Not und
Sorge für ihre Existenz versetzt wurden. Da jedoch alle diese
Rescurien nicht ausreichten, so wurde die Studentenwirtschaft
dadurch vervollständigt, dass man an das Verkaufen aller
disponiblen Gegenstände kam. Um hier die Ausbeute groß
zu machen, fing man damit an, dass die Dom- und Kollegiat-Stifte
zum Besten des Fiskus aufgehoben wurden. Die Domherren, die doch
ein wohlerworbenes Recht auf ihre Pfründe hatten und denen man
im Fall der Aufhebung doch ihre jährlichen Revenuen auf
Lebenszeit hätte lassen müssen, erhielten kärgliche
Pensionen, auch die übrigen Beamten wurden mit Pensionen
abgespeist und kaum gelang es, die Fonds für Kirchen und
Schulen zu retten.
Auch das Halberstädter reiche Domkapitel wurde von dieser
Maßregel getroffen und das Publikum war der Meinung, dass
diese Aufhebung einer zweiten französischen Invasion
gleichkam. Auch die Klöster, soviel ihrer noch vorhanden und
durch den Luneviller Frieden zur Säkularisation gestellt
waren, und sämtliche Domänen kamen unter den Hammer.
Wegen der noch vorhandenen Belastungen der Grundstücke,
Zehnten usw. wurden Bestimmungen getroffen, wonach sie
abgelöst werden konnten. Nun entstand ein Kommersch, wie er
nicht leicht gedacht werden kann, und alles wurde
verschleudert.
Es war eine goldene Zeit für Juden, Schwindler, aber auch
für viele solide Männer. In den sonst preußischen
Besitzungen gingen die Geschäfte am Besten, da diese Provinzen
durch den Tilsiter Frieden abgetreten waren und also ein legaler
Besitztitel begründet werden konnte. Bedenklich aber war ein
solcher Kauf in den sonst braunschweigischen oder hessischen
Provinzen, wo die früheren Regenten, wenn sie wieder in den
Besitz kamen, diese Verkäufe als ungültig anfechten und
die Käufer nötigen konnten, dergleichen Besitzungen
unentgeltlich an den Fiskus zurückzugeben.
Viele Dorf- und Stadtgemeinden benutzten diese Gelegenheit, um
sich durch Ablösung der auf ihren Grundstücken etwa noch
haftenden Lasten oder Zehnten, Freiheiten zu verschaffen, die ihnen
große Vorteile verschafften. Diejenigen Gemeinden, welche
diese vorteilhafte Gelegenheit nicht wahrnahmen, haben es
später schmerzlich bereut.
In dem Dorfe Harsleben, welches damals 365 Häuser und 2
Kirchen hatte, befand sich eine Domäne, welche ebenfalls zum
Verkauf gestellt wurde. Ein Kriminalrat von Heyligenstädt,
Bruder meines früheren Gönners, hatte der Gemeinde das
Geld unter billigen Bedingungen verschafft, und sie entschloß
sich, die Domäne selbst zu kaufen, und sie wurde ihr auch
wirklich zugeschlagen. Das Dorf hatte sich dadurch frei von allen
Lasten, Zehnten etc. gemacht, und nachdem das Kaufgeld und alle
Kosten berichtigt waren, blieben noch drei große
Bauerngüter im Eigentum des Dorfes, welches dadurch zu einem
früher nicht gekannten Wohlstand gekommen ist. Der Kriminalrat
von Heyligenstädt soll bei diesem Geschäft 10 000 Thaler
gewonnen haben.
Ob nun gleich so viele Leute zugrunde gingen, die früher in
Wohlstand gelebt hatten, so gab es doch eine Menge
Gewerbetreibende, z. B. Bäcker, Fleischer, Brauer, Gastwirte
und solche, die einquartierte Soldaten für Vergütung
übernahmen, die dadurch sich bedeutenden Gewinn zu verschaffen
wußten. Als der Verkauf in Halberstadt losging, kaufte sich
mancher eine frühere Domherrencurie für einen Spottpreis,
indem solche Curie, wenn ihr wirklicher Wert vielleicht 30 000
Francs und wohl noch mehr betrug, in der Regel für 4 000,
höchstens aber 5 000 Francs verkauft wurde.
Ein sehr großes Glück hatte ein Berliner Schneider,
namens Vogel. Als nach der Schlacht bei Jena die französische
Armee zerlumpt und ganz abgerissen nach Berlin kam, wurden zur
Anfertigung neuer Montierungen große Lieferungen von Tuch,
Leinwand und anderen solchen Bedürfnissen ausgeschrieben, und
der Schneider Vogel wußte sich die Entreprise dieses
Geschäfts zu verschaffen. Da ihm ein kurzer Termin bestimmt
war, so errichtete er in allen Städten des nördlichen
Deutschlands Schneiderwerkstätten und engagierte soviel Leute,
dass er den ihm gesetzten Termin einhalten und die sämtlichen
Monturen abliefern konnte. Der ihm dadurch erwachsene enorme Gewinn
und die Verhältnisse mit höheren französischen
Verwaltungsbeamten, die natürlich von ihm einen Anteil des
Gewinns bekamen, veranlassten ihn, da vorderhand in Berlin nicht
mehr zu machen war, sich bei Errichtung des Königreichs
Westfalen in die neue Hauptstadt Cassel zu begeben, wo es ihm
gelang, die neuen, kostbaren Uniformen der Hof- und Staatsbeamten
zu fertigen. Auch hierbei hatte er einen großen Gewinn,
obgleich er auch hierbei in große Kreditverhältnisse
kam, wobei ihm ein großer Teil seiner Forderungen auf die
Staatskasse verwiesen wurde. Als nun der Zeitpunkt des Verkaufs der
Domänen kam, benutzte er denselben und kaufte das ehemalige
Nonnenkloster Adersleben bei Wegeleben für, ich glaube, 300
000 Francs, wobei er seine Forderungen mit anrechnete, einen Teil
des Kaufgeldes in westfälischen Papieren zahlte und
höchstens 1/3 der Kaufsumme bar erlegte. Als späterhin
das preußische Gouvernement nach Halberstadt kam, hatte er
bereits alles kostbar eingerichtet und gab hier Feten und
Jagdvergnügungen, zu welchen die vornehmsten in Halberstadt
eingeladen wurden und gern kamen. Vogel war ein feiner, sehr
gebildeter Mann, der auch seiner früheren
Standesverhältnisse eingedenk war und jeden Scherz
darüber nicht allein nicht übelnahm, sondern stets
teilte. Er erwarb außerdem noch eine wohl ebenso bedeutende
Besitzung nahe bei Adersleben und verkaufte das Letztere nach
einiger Zeit an einen Russen für 350 000 Thaler Gold.
In dieser bewegten Zeit wurde auch mein Schwiegervater aus
seiner bisherigen Ruhe aufgerüttelt und wagte sich an ein
Unternehmen, wodurch sein ganzes Vermögen in Gefahr kommen
konnte. Unter den drei Apotheken in Halberstadt war früher die
Hechtsche im Westendorfe die vorzüglichste. Durch den Tod des
Apothekers Hecht kam die Apotheke an einen Berliner namens Matthes,
der durch Leichtsinn und Verschwendung in große Schulden
geriet, in deren Folge die Subhastation eingeleitet wurde. Als mein
Schwiegervater hiervon Nachricht erhielt, kam er auf den Einfall,
diese Apotheke womöglich zu acquirieren und deshalb in dem
Subhastationstermin als Mitbieter aufzutreten.
Es lebte damals in Halberstadt ein Kaufmann Küster, ein
Verwandter meiner Schwiegermutter, der durch Garnhandel sich ein
bedeutendes, vielleicht 100 000 Thaler übersteigendes
Vermögen erworben hatte. Zu diesem begab sich mein
Schwiegervater, um sich durch ihn Geldmittel zu verschaffen, und
hatte wirklich das Glück, bei ihm einen Kredit von 3 000
Thalern Gold zu verschaffen. Nun begab er sich getrost in den
Termin und wurde Meistbietender für die geringe Summe von 10
300 Thalern Gold. Die Apotheke hatte früherhin einen sehr
großen Wert, was auch daraus hervorgeht, dass mein
Schwiegervater nach einem Jahr die Apotheke an einen Apotheker
Böhme für 23 500 Thaler Gold verkaufte, der sie nicht
lange nachher an einen Apotheker Wulff für 32 000 Thaler Gold
verkaufte. Es gelang nunmehr meinem Schwiegervater durch Abwicklung
aller auf dem Grundstück ruhenden Schuldverhältnisse sich
in den Besitz der Apotheke zu setzen, und er siedelte nun nach
Halberstadt über, nachdem er seine Grundstücke in
Harzburg an einen Apotheker in Goslar verpachtete. Es fehlte ihm
jedoch noch vieles, um ihn in den Stand zu setzen, dieses
Grundstück so zu benutzen, wie er es wohl erwarten mochte. Er
war zwar ein Mann, der sein Fach verstand, und es fehlte ihm auch
nicht an Bildung aller Art, allein die Fortschritte der neueren
Zeit in der Pharmacie waren ihm doch zum Teil fremd geblieben. Dazu
kam, dass die Ärzte sowohl als auch ein großer Teil des
gebildeten Publikums ihm als einem Dorfapotheker kein Vertrauen
schenkten. Ihm ging auch die gesellige Tournüre ab, sich durch
ein feines, gewinnendes Benehmen im Umgange Freunde zu erwerben.
Auch war er zu genau und ökonomisch, sich die Aerzte durch
glänzende Feten oder andere denselben zu gewährenden
Vorteile geneigt zu machen. Deshalb gelang es ihm nicht, die
gesunkene Apotheke wieder zu heben, und es lasteten die Zinsen von
den contrahierten Schulden, die Höhe der Abgaben allerlei Art,
die fortwährende Einquartierung und andere Lasten schwer auf
ihm.
Doch auch hier kam ihm das Glück zu Hilfe. Halberstadt
hatte durch seine geographische Lage die Nachteile, dass es wegen
seiner Nähe zu Magdeburg und Braunschweig beständig
französische und andere Truppen zum Durchmarsch hatte. Auch
die Straßen vom Harz und nach Sachsen über Halle und
Leipzig waren beständig belebt, so dass hier vier
Militärstraßen zusammen kamen. Dies hatte zur Folge,
dass stets eine Menge Kranker auch späterhin Verwundeter hier
in Militärhospitälern untergebracht und der
ärztlichen Heilung übergeben wurden. Bei einer Licitation
an den Mindestfordernden erhielt mein Schwiegervater die Lieferung
der Medikamente für die Hospitäler und obgleich er sich
schweren Bedingungen u.a. einem Rabatt von glaube ich 20 oder 25 %
unterwerfen mußte, so war es doch ein höchst
einträgliches Geschäft, besonders späterhin im Jahre
1812 bei Beginn des Feldzuges nach Russland, noch mehr aber nach
dem Rückzuge zu Ende 1812 und im Jahre 1813, wo täglich
eine Menge Soldaten in die Hospitäler aufgenommen wurden. Der
Gewinn war für meinen Schwiegervater aber so bedeutend, dass
er, obgleich er durch den bewilligten Rabatt und durch bedeutende
Abzüge bei Revision der Rezepte und Rechnungen große
Einbuße erlitt, dennoch alle seine Schulden tilgte und seine
Apotheke nun als freies Eigentum benutzen konnte, wodurch er in den
Stand gesetzt wurde, sie in einiger Zeit für 23.500 Thaler
Gold zu verkaufen.
Durch die Hospitäler und die beständige Aufnahme von
Kranken in dieselben, sowie durch die schlechte Kost und Pflege
entstand ein bösartiger Typhus, das sogenannte Hospitalfieber,
welches außer den Hospitalkranken auch andere, welche damit
in Verbindung kamen, ergriff und in der Regel dahinraffte. Ein
Lehrling meines Schwiegervaters, der im Hospital beschäftigt
wurde, bekam auch diese böse Krankheit, wurde zwar
wiederhergestellt, aber meine gute Schwiegermutter, welche sich die
Pflege des Kranken nicht nehmen ließ, wurde selbst davon
ergriffen und fand ihren Tod im März 1812, einige Tage vor der
Geburt meines ältesten Kindes, meiner nun auch verblichenen
Emilie. Der Tod dieser vortrefflichen Frau, der treuen Gattin und
liebevollen Mutter ihrer Kinder, war für uns höchst
betrübt, nur mein Schwiegervater war weniger ergriffen und
dachte bald, obgleich bereits ein hoher Fünfziger, an
Wiederverheiratung. Er bewarb sich um die Hand einer Witwe Kramer,
deren Mann, ein Oekonom namens Albert Kramer, an der Auszehrung
gestorben war. Sie war eine sanfte Frau und erfüllte nach der
Verheiratung alle ihre Pflichten auf das Treueste. Sie gebar eine
Tochter, die nun auch schon dahingeschiedene Minna, die
späterhin eine Zeitlang in unserer Familie lebte, und als sie
herangewachsen war, den Gutsbesitzer Wilhelm Schlitte zu Paschleben
bei Cöthen heiratete, dem sie drei Kinder gebar und die erst
vor einigen Jahren gestorben ist. Ihre Mutter war bereits, als sie
noch ein zartes Kind war, an der Auszehrung gestorben.
Zum voraus will ich noch bemerken, dass mein Schwiegervater nach
ihrem Tode eine Haushälterin nahm, die er späterhin
heiratete, mit ihr in unglücklicher Ehe lebte und sie nach
einigen Jahren wieder durch den Tod verlor. Nach dem Verkauf der
Apotheke kaufte sich mein Schwiegervater ein sehr schönes im
Westendorfe schräg der Apotheke gegenüber belegenes Haus,
worin er den Rest seines Lebens verbrachte und in einem Alter von
77 Jahren verstarb.
Nun wieder zu meinen eigenen Angelegenheiten.
Da der Hauptmann v. Witzleben sein Haus wieder selbst beziehen
wollte, so musste ich mich noch um eine andere Wohnung bemühen
und fand diese im Hause der verwitweten Medizinalrätin Kramer,
mit der wir, wie ich früher bereits erzählt habe,
befreundet waren. In dem Kreis dieser liebenswürdigen Familie
verlebten wir einige Jahre, die wir, sowohl die Mutter als ich, zu
den glücklichsten unseres Lebens stets gerechnet haben. Die
Töchter, von denen die älteste Lilli etwa im gleichen
Alter mit der Mutter, die beiden jüngeren aber einige Jahre
jünger waren, gehörten zu den liebenswürdigsten
Geschöpfen und hatten dabei eine feine Weltbildung.
Ein Schwager der Rätin Kramer, Ehrhard Kramer, der früher
das bedeutende Kloster und Domänengut Marienrode bei
Hildesheim selbst administriert und sich dabei Vermögen
erworben hatte, befand sich noch in der Familie und da er
unverheiratet war, lebte er als Kostgänger bei seiner
Schwägerin, die er auch wohl bei der Erziehung der Kinder
unterstützte. Durch gleiche patriotische Gesinnungen als treue
Preußen und Franzosenhasser, wurden wir bald mit der Familie
auf das innigste vertraut. Wir waren am Tage sowohl als besonders
abends nach Tische zusammen und unterhielten uns durch trauliche
Gespräche, durch Vorlesen interessanter Bücher, mitunter
auch durch Kartenspiel.
Es trat nunmehr die unvergessliche Zeit ein, wo Napoleon auf dem
höchsten Gipfel seiner Macht, durch den im Jahre 1812 gegen
Russland unternommenen Krieg erschüttert und durch vereinte
Kraft von Europa in den Abgrund gestürzt wurde. Er hatte
diesen Krieg mit Aufbietung aller ihm zu Gebote stehenden
Kräfte begonnen, ein mit allen erforderlichen materiellen
Mitteln ausgerüstetes Heer von mehr als 400 000 Mann, wozu
noch Hilfskorps von Preußen mit 20 000 und von Oesterreich
mit 30 000 Mann gestellt wurden, aufgeboten und im Sommer 1812
damit Russlands Grenzen überzogen.
Merkwürdig und dem Aberglauben günstig war es, als im
Herbst 1811 der große Komet sichtbar wurde und sein
großes leuchtendes Flammenschwert mehrere Wochen lang
ausstrahlte. Schon damals waren viele Menschen der Meinung, dass
ein großes Ereignis der Welt bevorstehe. Der Anfang des
begonnenen Feldzuges war für Napoleon günstig, indem er
die Russen überall zum Rückzug nötigte, sie in zwei
blutigen Schlachten besiegte und Moskau besetzte. Hier war aber der
Zielpunkt seines Glücks; durch die anstrengenden Märsche,
die fortwährenden blutigen Schlachten und Gefechte, die
methodischen Rückzüge der Russen und das dabei erfolgte
Verwüsten und Verbrennen ihrer eigenen Provinzen und
Städte, die Einäscherung ihrer eigenen Hauptstadt Moskau,
der geschickte Rückzug der Russen seitwärts nach Kaluga,
wo sie ihre besten, fruchtbarsten und bevölkerungsreichsten
Provinzen betraten, wo sie alle Hilfsmittel zur Erholung,
Wiederergänzung und Verstärkung ihres Heeres vorfanden,
dagegen bei den Franzosen gänzliche Erschöpfung und
Mangel an Subsistenz für Mannschaft und Pferde, besonders
durch eine zweihundert Meilen große Entfernung von ihren
Hilfsmitteln, dazu der eintretende sehr starke Winter, die
Märsche durch unwegsame Gegenden, ingleichen das
Missvergnügen der französischen hohen Militärs, die
ihre früher erworbenen Vorteile aufzuopfern fürchteten,
sowie das geringe Vertrauen, welches Napoleon seinen Alliierten
schenken konnte, alles dieses gab Veranlassung, an Napoleons
Erfolgen für diesen Feldzug zu zweifeln.
Da ich jedoch keine Beschreibung dieses Krieges fertigen,
sondern nur erzählen will, was mir in dieser Zeit
Merkwürdiges vorkam, und was sich in Halberstadt ereignete, so
will ich meinen Kindern, welche das Nähere über diesen
Krieg nicht kennen, überlassen, die dahin einschlagenden
Geschichtswerke zu lesen und dagegen in meiner eigenen Geschichte
fortfahren.
Alle patriotischen Männer, welche die Vernichtung der
französischen Unterdrückung und die Wiederherstellung
Preußens erhofften, waren durch ein gewissermaßen
heiliges Band einander kennbar.
Dieses Band vereinigte uns mit der ganzen Kramerschen Familie
und mehreren mit derselben und mir vertrauten Personen.Dahin
gehörte in Sonderheit ein Postsekretär Herzberg, ein
intimer Freund von Karl Kramer und Sohn des Postdirektors Herzberg.
Dieser hatte öfter Gelegenheit, Nachrichten, auch wohl
Zeitungsblätter aus Preußen zu erhalten, die er uns
gelegentlich mitteilte. Dieser Mann erregte durch seine
Unvorsichtigkeit bald das Misstrauen der französischen
Anhänger. Der schräg gegenüber in der Apotheke
meines Schwiegervaters wohnende Generalkommissar der
französischen hohen Polizei besuchte ihn auch mitunter, um von
ihm Nachrichten zu erhalten, warnte ihn aber und ermahnte ihn zur
Vorsicht, indem er äußerte, dass er von ihm zwar nichts
zu befürchten habe, jedoch auf seine Stellung hinwies, da er,
wenn ihm ein Auftrag zukäme, seine Pflicht erfüllen
müsse. Zu diesen patriotischen Männern gehörten auch
mein Friedensrichter Jäger, mein ehemaliger Hausgenosse
Steuerkontrolleur Klein und in Sonderheit ein Assistenzrat,
damaliger Hypotheken-Conservateur Rauschard. Noch muss ich eines
jüdischen Arztes Dr. Wolff erwähnen, der zwar höchst
borniert, jedoch ein wütender Franzosenhasser war.
Auf dem Klub waren in der Regel schon früh 8 Uhr, wenn die
Zeitungen kamen, viele Mitglieder desselben versammelt. Auch ein
jüdischer Bankier David Süssmann, der durch seine
Handelsgeschäfte oft Gelegenheit hatte, etwas Neues zu
erfahren, wurde veranlasst, Neuigkeiten mitzuteilen.
Bis zu Ende des Jahres 1812 lauteten die französischen
Bulletins im Moniteur noch immer vorteilhaft für die Franzosen
und nachteilig für die Russen, obgleich man schon anfing,
bedenklich zu werden.
Da kam auf einmal das weltbekannte neunundzwanzigste Bulletin,
welches den Untergang der französischen Armee eingestand. Als
ich eines Tages zu Ende des Monats Dezember 1812 auf den Klub ging
und wir dieses Bulletin zu Gesicht bekamen, wollte ich meinen Augen
nicht trauen und geriet in eine unbeschreibliche Aufregung. Das
Bulletin wurde auf dem Klub wiederholt gelesen und auch
öffentlich vorgelesen, und alle waren außer sich. Wie
ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht in Halberstadt. Es war
ein Tag, wie man ihn nur selten erleben konnte. Es war
natürlich, dass man nunmehr stets neuere detailliertere
Nachrichten erwartete, und diese folgten auch täglich und
alles Grauenhafte blieb sogar in der Regel noch hinter der Wahrheit
zurück und bestätigte nur, dass die Trümmer der
großen französischen Armee in dem traurigsten Zustande
sich aus Russland zurückziehen mussten.
Dass der Kaiser Napoleon sich selbst von der Armee entfernt
hatte, um sich nach Paris zu begeben, und dass er bereits still und
vorsichtig durch Dresden in in letzten Tagen des Dezember gekommen
war, spannte die Erwartung auf das Aeußerste. Bald sollten
wir nun auch in Halberstadt die Folgen des furchtbaren Ereignisses
wahrnehmen. Es kamen eine Zeitlang täglich Wagen voller
Kranker, die den Keim des Todes in sich trugen, und wenn die Wagen
abgeladen wurden, waren neben den Kranken überall Todte, die
auf dem Wege zu den Lazaretten in Halberstadt ein Opfer des
furchtbaren Typhus geworden waren. Diese Seuche verbreitete sich
nun, und eine Menge Einwohner wurde eine Beute derselben. Durch die
vielen, besonders in der ärmeren Volksklasse, vorkommenden
Todesfälle wurden fast täglich Versiegelungen notwendig,
denen aber weder der Friedensrichter noch ich uns unterzogen,
vielmehr solche durch den Huissier verrichten ließen.
Die Folgen der Auflösung der französischen Armee
zeigten sich auch bald in den politischen Beziehungen. Die von dem
General York, der das preußische Kontingent befehligte, mit
dem russischen General Diebitsch abgeschlossene Konvention erregte
in Preußen, sowohl als auch in den abgetretenen Provinzen
eine große Freude, obgleich der König, da noch ein
französisches Corps in Berlin war, die abgeschlossene
Konvention verwarf und anscheinend dem Bündnisse mit
Frankreich treu bleiben wollte.
Auf unserem Klub waren nunmehr eine Menge Besucher und sogar
solche, die während der französischen Okkupation sich
ganz zurückgezogen und nur zu Hause mit ihrer Familie gelebt
hatten. Jeder wollte Neuigkeiten erfahren. Es war aber jeder
vorsichtig und fürchtete sich, von Polizeispionen denunziert
zu werden. In dieser Beziehung ereignete sich auf dem Klub ein
höchst unangenehmer Vorfall. Der Bankier Süssmann wurde
eines Tages im Januar 1813 befragt, ob er nichts Neues wisse. Er
erwiderte, dass viele Lügen verbreitet würden,und
fügte hinzu, dass ein Mann gesagt hätte, dass die Russen
in Königsberg eingezogen wären, er aber dieses nicht
glaube. Da trat auf einmal der schon öfter von mir
erwähnte Maire Cuno auf und fragte Süssmann, warum er
diesen Mann nicht habe festnehmen lassen. Auf Süssmanns
Aeußerung, dass er dazu um so weniger Veranlassung gehabt
habe, da er die Nachricht für unwahr halte, sagte Cuno in
heftigem Ton: "Jedenfalls mussten Sie es tun, weil es Pflicht jeden
getreuen Untertans ist, dergleichen Menschen sofort anzuzeigen und
ich werde stets von dergleichen Notiz nehmen und zu seiner Zeit
davon Gebrauch machen !." Es entstand eine Totenstille und man war
zwar allgemein entrüstet, wagte aber nicht, etwas zu
sagen.
Die bekannten Aufrufe des Königs von Preußen ' An
mein Volk', 'An mein Heer', sowie die Errichtung der Freiwilligen,
der Landwehr und des Landsturms, sowie die Abreise des Königs
nach Breslau, die Erhebung des preußischen Volks durch
allgemeines Ergreifen der Waffen und die Menge freiwilliger Gaben
auf dem Altar des Vaterlandes machten überall einen
ungeheueren Eindruck, und auch in den abgetretenen Provinzen
erwartete man ungeduldig die Zeit, an dem Aufschwunge
teilzunehmen.
Die Zeitereignisse wurden immer wichtiger und interessanter, da
die großen feindlichen Mächte, Frankreich mit seinen
Verbündeten auf der einen und Russland und Preußen auf
der anderen Seite, ungeheure Rüstungen machten, um den Krieg
womöglich noch energischer wieder aufzunehmen. Während
dieser Rüstungen gelang es den Russen, namentlich den so
beweglichen Kosaken, Streifzüge weit in Deutschland zu machen.
Sie kamen sogar noch während Angereau mit seinen Franzosen
Berlin besetzt hielt, in diese Hauptstadt und, ob sie gleich noch
an demselben Tage die Stadt wieder verließen , so fanden es
doch die Franzosen nicht für gut, in Berlin zu bleiben,
sondern zogen sich bald nachher nach Magdeburg zurück.
So war ein anderer Schwarm von Kosaken unter dem Obrist v.
Tettenborn nach Hamburg gekommen, hatte von da die Franzosen
über die Elbe getrieben und Hamburg aufgefordert, sich wieder
für eine freie Hansestadt zu erklären, welches geschah.
Sie errichteten eine hanseatische Legion und hofften, da auch
Schweden sich gegen Napoleon erklärt hatte, nunmehr durch
eigene Kraft mit Hilfe der Russen und Schweden ihre Freiheit zu
behaupten.
Die große französische Armee hatte inzwischen sich
über die Memel, die Weichsel, die Oder und Elbe nach und nach
bis an die Saale zurückgezogen und sonach nicht allein
Russland sondern auch Polen, Preußen und Sachsen bis auf die
Festungen geräumt, und nachdem sie in einem Gefechte jenseits
Magdeburg geschlagen waren, sich bei Bernburg an der Saale
aufgestellt, wo sie durch diesen Fluss und den Harz, sowie durch
die Festung Magdeburg gedeckt waren.
Die Verbündeten hatten nunmehr Polen und Sachsen besetzt und
suchten ,ihre Heere zu vermehren. Die Russen waren durch die
Erschöpfung ihrer Truppen sowohl als ihres Landes, besonders
aber durch die großen Entfernungen nicht sogleich imstande,
ihr Heer in den erwünschten Stand zu setzen. Preußen
hatte mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Bei dem
Tilsiter Frieden im Jahre 1807 hatte es sich verbindlich machen
müssen, nicht mehr als 40 000 Mann auf den Beinen zu halten,
weil Napoleon überzeugt war, dass Preußen, sobald es die
gelähmten Flügel wieder rühren könne, bei
erster günstiger Gelegenheit sich mit seinen Feinden
vereinigen und versuchen würde, seine verlorenen Provinzen
wieder zu gewinnen.
Nun hatte zwar Preußen unter Scharnhorsts Leitung die Zeit
von 1807 - 13 herrlich benutzt und sich durch das sog.
Krümpersystem, wonach stets eine Anzahl Rekruten ausgehoben,
einexerziert, dann wieder entlassen und neue ausgehoben wurden,
mehr als 100 000 Mann einexerzierte, waffenfähige Mannschaft
verschafft, allein es fehlte an Geld, an Waffen, an
Montierungsstücken, an Schuhen und allem Kriegsbedarfe. Die
Engländer schickten dieses zwar zum größten Teil,
allein es fehlte doch an Zeit, damit ein Heer so schleunig als
möglich flott zu machen, und noch mehr wurde dadurch die
Instandsetzung der Landwehr behindert. Dazu kam, dass Russland
Polen nicht unbesetzt im Rücken lassen konnte und dass
außer den polnischen Festungen auch Danzig, Thorn, Glogau,
Küstrin, Thorn Stettin, Spandau, Torgau, Wittenberg und
Magdeburg eingeschlossen werden mussten, wodurch die
Streitkräfte der Alliierten bedeutend geschwächt wurden.
Da nun Napoleon in dieser Zeit sich wieder ein Heer in Frankreich
gesammelt hatte, so rückte er schon im April 1813 mit einer,
den Verbündeten weit überlegenen Kriegsmacht gegen die
Saale vor. Das vereinigte russisch-preußische Heer, welches
bereits tief in Thüringen vorgerückt war, musste sich vor
der an Zahl überwiegenden französischen Armee umso mehr
zurückziehen, da der König von Sachsen sich nicht hatte
anschließen wollen und überhaupt sich nicht bloß
zaghaft, sondern auch so zeigte, dass ihm nicht zu trauen war,
obgleich nicht zu zweifeln war, dass durch den Beitritt Sachsens
und mit der wichtigen Festung Torgau Napoleon wahrscheinlich eine
Niederlage erlitten haben würde. Napoleon rückte nunmehr
über die Saale, nahm seine Richtung auf Leipzig, wodurch er
Berlin und Dresden bedrohte. Trotz der Minderzahl griffen die
Verbündeten Napoleon bei Lützen an, wurden aber doch,
ohngeachtet der größten Tapferkeit, wegen des
überlegenen Feldherrntalents Napoleons zum Rückzuge
genötigt, den sie in Ordnung und nachdem der König von
Sachsen sich mit Napoleon vereinigt und ihm die Festung Torgau
übergeben hatte, bis über die Elbe fortsetzten. Sie
stellten sich nochmals bei Bautzen auf, wurden aber auch hier zum
Rückkzuge genötigt und mussten auch Schlesien
preisgeben.
Während übrigens die Franzosen beständig im
Vorrücken begriffen waren und sogar bereits Breslau besetzt
hatten, hatte sich ein Krieg im Rücken der großen Armee
gebildet, der für die Franzosen immer bedenklicher wurde und
sogar unser Halberstadt dabei beteiligte. Der Major Helwig, der ein
preußisches Freicorps kommandierte, hatte bei Langensalze ein
Detachement Bayern angegriffen, ihnen ihre Kanonen genommen und sie
auseinandergesprengt. Der preußische General v.
Bülow, dem die Verteidigung und der Schutz Berlins aufgetragen
war, hatte sich durch Heranziehen der Reserve, der Landwehr und der
Freiwilligen so gestärkt, dass er angriffsweise operieren
konnte und am 4. Juni 1813 den Franzosen in der Niederlausitz eine
Niederlage beibrachte. Ein Corps Russen war nebst dem
Lützowschen Freicorps gegen Leipzig gezogen. So hatten auch
die Kosaken gegen 400 Mann französische Kavallerie, die
über Halberstadt, wo sie einen Ruhetag gehabt und sich zum
Teil sehr brüsk betragen hatten, bei Cönnern einen
Überfall gemacht und sie gänzlich zerstreut, zum Teil
niedergemacht und gefangen genommen. Dieses Operieren im
Rücken, welches den Franzosen es unmöglich machte oder
wenigstens erschwerte, Verstärkungen mit Sicherheit
nachzusenden oder Depeschen zu befördern, war für
Napoleon so empfindlich, dass er auf einen Waffenstillstand antrug.
Ehe dieser zustande kam, ereignete sich für die Alliierten ein
glücklicher Coup, der sich bei Halberstadt ereignete. Es war
hier ein Artilleriepark von 15 Kanonen nebst Munitions- und anderen
Wagen aufgefahren, der eine Bedeckung von 2000 Mann aus
verschiedenen Truppengattungen hatte. Es war dieses zu Ende des
Monats Mai, und man erfuhr in Halberstadt, dass der General
Tschernitscheff mit etwa 1200 - 1500 Kosaken sich bei Havelberg
befinde, und man besorgte, dass dieser einen Ueberfall wagen
würde, um sich der Kanonen zu bemächtigen. Der
westfälische General Ochs, welcher das Oberkommando
führte, kam dadurch in äußerste Verlegenheit. Der
General Ochs beriet sich mit den französischen ihm
untergeordneten Offizieren über den zur Sicherheit der Kanonen
zu fassenden Entschluss, ob man dieselben nach Magdeburg oder
Braunschweig dirigieren oder zur Verteidigung derselben in
Halberstadt bleiben solle. Man wählte das letztere, weil man
wusste, dass ein franz. Corps von mehreren 1000 regulären
Truppen über Braunschweig im Anmarsch sei, und hoffte, dass
solche noch zeitig genug eintreffen würden. Die Kanonen waren
auf dem Burchardi-Anger an den Gärten der Braunschweiger
Chaussee gegenüber aufgestellt.
Am 29. Mai erschien auf einmal Tschernitscheff mit seinen
Kosaken, stellte sich auf der Chaussee dem Park gegenüber auf
und schoss mit zwei bei sich habenden Kanonen in den Park ein,
hatte das Glück, in einige Munitionswagen zu schießen,
benutzte die dadurch entstandene Explosion und Verwirrung, drang
mit seinen Kosaken sofort ein, zersprengte die Besatzung, und was
nicht niedergehauen wurde, ergriff die Flucht, und Tschernitscheff
war Herr der Kanonen. Während man sich nun damit
beschäftigte, die Kanonen zu bespannen und fortzubringen, sah
man auf der Braunschweiger Chaussee bereits das erwartete
französische Corps, welches aus wenigstens 4000 Mann mit
Geschütz bestand, herankommen, und als die Kosaken mit ihrer
Beute aus dem Kühlinger Tor sich fortbegaben, rückten die
Franzosen in das Johannistor und schlugen auf dem Markte ein Biwak
auf, die Kosaken aber schlugen am Wegelebener Wege auf dem sog.
Galgenplane ein Lager auf, wo sie die Nacht zubrachten. In der
Stadt verbreitete sich die Nachricht, dass das Lützowsche
Freicorps heranrückte und mit den Kosaken in der Nacht die
Franzosen überfallen wollte. Es war dies eine der
angstvollsten Nächte für Halberstadt, denn man besorgte,
dass Explosionen von Pulver entstehen und die Stadt dabei in Feuer
aufgehen könne. Die Franzosen mochten aber auch keine genauen
Nachrichten über ihre Gegner haben, denn in der Nacht wurde
auf einmal Generalmarsch geblasen, und sie zogen, wo sie
hergekommen waren, aus dem Johannistor nach Braunschweig
zurück, während die Kosaken mit ihren eroberten Kanonen
auf der Straße nach Halle weiterzogen.
Es ist mir stets unvergesslich geblieben, als ich an diesem Tage
die ersten Kosaken sah. Als ich aufgestanden war und in unser
Wohnzimmer trat, kam mir die Mutter, welche mit Emilien auf dem
Arme am Fenster stand, mit freudefunkelnden Augen entgegen und
sagte: Wenn du die Kosaken sehen willst, so komm her. Ich trat ans
Fenster, sah die Kosaken in den Straßen umherreiten und wie
ein westfälischer Gendarm an der Erde lag, um Pardon bat,
dabei aber von einem Kosaken mit Keulenhieben und Lanzenstichen
gemisshandelt wurde.
Nachdem nun die Kosaken sowohl als die Franzosen unsere Stadt
verlassen hatten, war Halberstadt sich selbst überlassen und
blieb so, bis die Nachricht von dem geschlossenen Waffenstillstand
allgemeine Sensation erregte, indem man vermutete, dass ein Friede
bald erfolgen werde. Ängstliche Leute, zu denen ich auch
gehörte, waren außer sich und besorgten, dass wir
nunmehr das französische Joch wieder aufnehmen müssten,
so dass Patrioten genug zu beruhigen hatten. Während der Zeit
des Waffenstillstandes vom 7. Juni - 20. August 1813 wurden die
Rüstungen der einander gegenüberstehenden Mächte auf
das Großartigste betrieben und durch Hinzutreten
Österreichs zu Russland und Preußen kam auf diese Seite
allerdings ein großes Übergewicht. Es wurde nunmehr das
Königreich Westfalen und mit ihm auch Halberstadt auf dem
alten Fuß eingerichtet. Der König Jerome, der in dieser
Zeit sein Land bereiste, kam auch nach Halberstadt, wo ihm durch
den Finanzminister Malchus sämtliche Behörden vorgestellt
wurden. Bei dieser Gelegenheit bekam ich ihn, da ich mit erscheinen
musste, ebenfalls zu sehen. Auch der bekannte General Vendamme kam
durch Halberstadt, wo er wie fast überall nicht sehr
gnädig auftrat, jedoch unsern Maire Cuno, den er vorgefordert
hatte, große Lobeserhebungen brachte und sich
äußerte, solche Beamte wolle der Kaiser Napoleon haben,
und er werde ihn dem Kaiser zur Erteilung von Auszeichnungen
dringend empfehlen. Es machte dieses aber in der Stadt einen
unangenehmen Eindruck, und Cuno wurde immer noch verhasster.
Vendamme dachte übrigens wohl nicht daran, dass er seine Rolle
bald ausgespielt haben und verhindert sein würde, Cuno sein
Versprechen zu halten.
In dieser Zeit wurde mein ältester Sohn Wilhelm, und zwar
am 1. August 1813, geboren. Da der Geburtstag des lieben
Königs von Preußen am 3. August war, so ließ ich
meinen Sohn an diesem Tage taufen und nannte ihn Friedrich Wilhelm
und bedachte nicht, welchen Gefahren ich mich dadurch hätte
aussetzen können. Nach beendigtem Waffenstillstand und
Wiedereröffnung des Krieges trat meine Besorgnis vor der
Zukunft wieder ein, denn der Westfälische Moniteur brachte die
Nachricht über die große Macht, welche Napoleon
entwickelte, und die gegen die preußischen Provinzen
gerichteten drohenden Angriffe, auch wurde darin mit Sicherheit
angegeben, dass die französischen Truppen den 23. August in
die Hauptstadt Preußens einziehen würden. Meine Freunde,
insbesondere Herzberg, hatten genug zu tun, um mir Mut und Vertauen
einzuflößen, die beste Beruhigung in dieser Beziehung
war aber für mich ein Berliner Zeitungsblatt, welches Herzberg
unter der Hand bekommen hatte, über den Sieg der Alliierten
bei Großbeeren. Die Furcht vor den Polizeispionen war aber so
groß, dass Herzberg mit mir und Freund Rauschard nach den
Spiegelschen Bergen ging und uns in einer der dortigen Grotten das
Zeitungsblatt vorlas. Meine Freude war nun ebenso groß wie
früher meine Angst. Es häuften sich nunmehr die guten
Nachrichten und die Niederlagen der Franzosen, nicht allein bei
Großbeeren, sondern auch bei Dennewitz, an der Kotzbach und
bei Culm wurden mit stillem Jubel empfangen, besonders die
Niederlage des Vendamme bei Culm erregte in unserer Stadt, wo
Vendamme erst kurz vorher alles, was nicht französisch gesinnt
war, gegen sich erbittert hatte, allgemeine Freude. In dieser Zeit
zu Ende des Monats September erschien auch wieder der General
Tschernitscheff mit seinen Kosaken und machte seinen bekannten Zug
nach Cassel, wo er diese Stadt einnahm, den König Jerome nebst
Ministern und den Kommandeur der Truppen General Altz verjagte und
eigentlich schon jetzt dem Königreich ein Ende machte.
Tschernitscheff machte in Halberstadt Ruhetag, ließ aber
seine Kosaken nicht einquartieren, sondern versammelte sie vor dem
Harsleber Tor in einem Lager und ordnete an, dass man seinen Leuten
Speisen und Getränke in das Lager liefern möge. Dass
dieses in reichlichem Maße geschah, läßt sich
denken, Auf dem Rückmarsch nach Cassel nahm er unseren Maire
Cuno als Gefangenen mit. Von Bernburg aus kam noch ein anderer
russischer General mit einem Kosakenhaufen, um sich ebenfalls auf
Cassel zu dirigieren. Auch dieser blieb eine Nacht in Halberstadt
und biwakierte auf dem Burchardi-Anger. Hier strömte der
größte Teil der Bevölkerung gegen Abend hinaus, und
man sah hier die interessanteste Aufführung von Schillers
Wallensteins Lager. Endlich kam es zu der großen
Völkerschlacht bei Leipzig ( 16., 18. u. 19. Oktober ),
wodurch Napoleon zu einem Rückzuge aus Deutschland über
den Rhein gezwungen und dadurch ganz Deutschland bis auf die noch
mit Besetzungen versehenen Festungen in Freiheit gesetzt wurde.
Als sich die Nachricht von diesem Siege verbreitete, entstand
ein so großer Jubel, wie er sich nicht beschreiben
läßt. Wohin die verbündeten Heere kamen, wurden sie
mit offenen Armen aufgenommen, und alles, was selbst Anhänger
der Franzosen gewesen war, änderte die Farbe und ergoss sich
in patriotischen Freudensbezeugungen.
Ehe ich in der Erzählung der politischen Verhältnisse
fortfahre, will ich noch einiges mitteilen, was mein geselliges
Leben näher berührte.
Einige Zeit nach meiner Verheiratung ging man damit um, einen
Gesangverein zu bilden, der alles, was Liebe zum Gesange hatte, zu
gemeinschaftlichen Leistungen vereinigen sollte. An der Spitze
stand der Tribunal-Richter Ziegler, ein Mann, der nicht allein eine
Zierde seines Berufes als Richter war, sondern auch ein
vorzügliches musikalisches Talent besaß. Er lebte und
webte in Musik, und obgleich seine Bassstimme nicht zu Solo-Partien
geeignet war, so war er doch theoretisch gebildet und ein fertiger
Klavierspieler. Noch mehr aber leistete er als Orgelspieler. In
letzter Beziehung war er mit dem Organisten der Domkirche Christian
Samuel Müller, einem höchst vollkommen gebildeten
Musikfreunde sehr befreundet. Mit diesem Manne, der zugleich auch
seinem Charakter nach höchst achtungswert war, vereinigte sich
Ziegler zur Ausführung seines Plans, und es erging ein
Zirkular, welches zum Beitritt aufforderte. Die Sache fand
großen Beifall, und es vereinigte sich eine hinreichende Zahl
Dilettanten, dass alle vier Stimmen hinreichend besetzt werden
konnten. Ich trat mit der Mutter gleichfalls bei und obgleich wir
nicht mit hervorragendem Talent und Stimme begabt waren, so konnten
wir doch im Chore genügend mitwirken und hatten überdem
einen Eifer, dass wir schon dadurch dem Ganzen förderlich
wurden. Die Glanzpunkte des Vereins waren ein ausgezeichneter Tenor
und eine vorzügliche Sopranistin. Ein junger Jurist namens
Pechmann, der jetzt noch bei dem Appelationsgericht zu Halberstadt
als Geheimer Justizrat fungiert, hatte eine Tenorstimme, wie sie
selten vorkommt, und war so musikalisch gebildet, dass er die
schwierigsten Partien mit Leichtigkeit vortrug. Unsere Sopranistin
Jeanette Clement, die Tochter eines wohlhabenden
Handschuhfabrikanten, hatte eine wohlklingende, starke und
umfangreiche Stimme, und ob sie gleich in Koloraturen, Trillern pp.
nicht wie eine Kammersängerin ausgebildet war, so hörte
man sie doch sehr gern. Auch eine recht gute Altistin hatten wir an
einer Frau Dr. Körte, Tochter des berühmten Philologen
Geheimrat Wolff zu Halle. Außerdem waren noch Mitglieder:
eine Frau Rittmeister v. Stockmeyer, die schon früher
erwähnte Frau Hauptmann v. Witzleben, die Frau
Tribunalsprokurator Quick, Tochter des Friedensrichters Jäger,
und noch einige andere, und es vermehrte sich unser Verein nach und
nach bedeutend. Anfangs sangen wir kleine vierstimmige Lieder,
einige Notetten und andere leichte Sachen. Nach und nach übten
wir schwerere Sachen wie z.B. das Lied von der Glocke, die Macht
des Gesanges und verstiegen uns späterhin sogar auf das
Miserere von Leo Leonardo und zuletzt auf das Requiem von Mozart,
welches zur öffentlichen Aufführung gebracht werden
sollte.
Bei einer Hauptprobe in der französisch-reformierten Kirche
an der Woorth zog sich unser geliebter Lehrer eine Erkältung
zu, die ihm ein Nervenfieber zuzog, an welchem er starb. Bei seinem
Fieber Paroxismus sang er stets Passagen aus dem Requiem. Ziegler
setzte nunmehr die Einübung fort, und wir brachten es als
Totenfeier unseres Lehrers zur öffentlichen Aufführung.
Durch den Tod unseres Lehrers waren wir nunmehr eine Herde ohne
Hirten geworden, alle waren jedoch der Ansicht, dass das so
herrlich angefangene Werk seinen Fortgang haben müsse. Der
Verstorbene hatte einen Bruder Carl Müller, der Organist an
der Martinikirche war, seinen verstorbenen Bruder zwar nicht an
musikalischer Ausbildung übertraf, jedoch vielleicht noch
genialer war. Dabei hatte er, wenn auch nicht hohe
wissenschaftliche Bildung, doch einen scharfen Verstand, der ihn
fähig machte, an jeder mitunter gelehrten Unterhaltung
teilzunehmen. So erinnere ich mich noch an das Neujahrssingen im
Franziskanerkloster, wo wir zwar kein Geld erhielten, jedoch immer
bei gutem Klosterbier und Brot mit Salz und Kümmel einen
vergnügten Nachmittag zubrachten. Die größtenteils
wissenschaftlich gebildeten Mönche unterhielten sich gern mit
den Schülern, und es wurden sogar theologische und
philosophische Disputationen mit Feuer gehalten.
Bei einer solchen theologischen Disputation, an welcher auch
Carl Müller teilnahm, äußerte dieser mit
Festigkeit: "Wir können die Sache dadurch zur Entscheidung
bringen: Der Glaube ist die Melodie, die Vernunft aber der
Generalbass!" So geistreich in der Unterhaltung war er auch in
seinen musikalischen Leistungen, da seine Kompositionen, deren er
manche drucken ließ, den Beifall der Kenner erhielten. Der
Gesangverein konnte jedoch ihn nicht zum Nachfolger seines Bruders
machen, da er leider sich dem Trunke ergeben hatte. Wir mussten
daher, um unseren Verein zu sichern, auf eine andere Wahl denken,
und da Ziegler, bisher schon die Seele des Vereins, nach unserer
Ansicht alle Erfordernisse besaß, ersuchten wir ihn, nunmehr
die Direktion zu übernehmen, wozu er sich nach einigen
bescheidenen Weigerungen verstand. Und es wurde bald allgemein
anerkannt, welch tüchtigen und eifrigen Dirigenten wir an ihm
bekommen hatten.
Die gewöhnlichen Übungen wurden wöchentlich
fortgesetzt, und wir wagten sogar größere Sachen zur
öffentlichen Aufführung zu bringen, so z.B . die
Schöpfung und Christus am Oelberge in der Franziskanerkirche
zum Beifall des Publikums. Bald darauf arrangierte Ziegler einen
kleineren Verein, worin Lieder für vierstimmigen
Männergesang eingeübt wurden. Dieser Verein bestand aus
Ziegler und einem gewissen Grimmer für ersten und zweiten Bass
und Pechmann und mir für ersten und zweiten Tenor. Wir kamen
in der Regel wöchentlich ein oder auch mehrere Male in dem
Gasthof zum Prinzen Eugen zusammen, wo wir die damals erschienenen
Callschen Lieder einübten. Dieses fand bald großen
Beifall, und wir wurden öfter zu Familienfêten
eingeladen, wo wir zu allgemeiner Freude die Gesellschaft mit
unseren Leistungen erfreuten.
Ein gewisser Kantor Bischoff aus Frankenhausen hatte im Jahre
1810 unter Vereinigung bedeutender Kräfte von auswärtigen
Sängern, Sängerinnen und tüchtigen Instrumentalisten
ein großes Musikfest ausgeschrieben, welches in Frankenhausen
ausgeführt werden sollte, und dazu durch Zeitungen eingeladen.
Dieses Musikfest war so glänzend ausgefallen, dass er von
vielen Seiten aufgefordert wurde, es im folgenden Jahr zu
wiederholen. Er fand sich dazu gern bereit und vereinigte sich mit
dem berühmten Musikdirektor Spohr, im Jahre 1811 zu Napoleons
Geburtstag am 15. August zu Erfurt die Schöpfung
aufzuführen. Ziegler war besonders von dieser Idee
entzückt und animierte mich, mit ihm und unserem
gemeinschaftlichen Freunde, dem Distriktsnotar Koch, die Reise nach
Erfurt zu unternehmen. Wir reisten von Quedlinburg nach Erfurt, wo
wir tags vorher eintrafen, wo bereits denselben Abend ein Vorspiel,
bestehend aus einzelnen Gesangs- und Instrumentalstücken,
gehalten wurde. Hier hatten wir schon einen großen Genuss,
und besonders entzückte uns die Arie aus Titus mit obligater
Klarinette, welche die berühmte Zagemann sang und wobei sie
der damals größte Klarinettist Hermstedt aus
Sondershausen meisterhaft begleitete.
Am folgenden Tage, dem 15. August, kam es in der
Barfüsserkirche zur Aufführung der Schöpfung. Die
dabei benutzten Mittel waren großartig, da einige hundert
Personen mitwirkten. Es waren z.B. 54 Geigen, 12 Violoncelli, 4
Bässe, und so großartig waren alle übrigen
Instrumente verhältnismäßig besetzt. Zu dem
Sängerpersonale gehörte der berühmte Strohmeyer,
dessen sonore und kräftige Bassstimme einen ungeheuren Umfang
hatte, da er in der Tiefe bis zum gr. C ging und in der Höhe
mit manchem Tenoristen wetteifern konnte. Er hatte die Partie des
Raphael übernommen. Die Partie des Adam hatte ein Wiener
Sänger, dessen Stimme zwar Strohmeyer nicht erreichte, der
aber doch meisterhaft sang. In die Sopranpartie hatten sich eine
Madame Schneider, Schwiegermutter von Spohr, und eine Wiener
Sängerin geteilt. Letztere war zwar nicht mehr jung, und es
ging ihrer Stimme die jugendliche Frische ab, allein meisterhafter
als durch sie kann z.B. die Arie 'Nun beut die Flur und auf hohem
Fittig schwinget sich ...' gewiss nicht ausgeführt werden. Sie
war Kammersängerin zu Wien und noch eine Zeitgenossin von
Haydn gewesen, und man sagte, dass dieser große Meister
namentlich die genannten Arien für sie komponiert habe. Auch
die Chöre waren voll und meisterhaft besetzt, die ganze
Aufführung machte auf mich einen großen, nie zu
verwischenden Eindruck. Die ganze Versammlung der Zuhörer war
tief erschüttert. Bei dem Chore 'Dich beten Erd' und Himmel
an!' war der Eindruck so groß, dass rings um mich ältere
Männer sich des Weinens nicht enthalten konnten. Ziegler
machte uns überall auf die schönsten Partien aufmerksam
und besonders auf einen der Hauptmomente: 'Es werde Licht!', wo
sämtliche Instrumente bis dahin ihre Kräfte aufzusparen
schienen, bis das ganze Orchester nun im Fortissimo alles mit sich
hinriss. Ich habe späterhin in unseren Privatübungen, so
auch bei einigen öffentlichen Aufführungen in Halberstadt
und späterhin in Naumburg mitgesungen und mich stets bei
dieser wundervollen Musik erquickt.
Die Schlacht bei Leipzig war geschlagen, und Napoleon musste
einen schleunigen Rückzug antreten, wobei ihn die
Verbündeten bis an den Rhein verfolgten. Die Fürsten
Deutschlands kehrten in ihre jetzt wieder befreiten Länder
zurück. Der Kurfürst von Hessen kam wieder nach Kassel,
und der Herzog von Braunschweig nach seiner alten Residenz
zurück, und der König von England nahm sein
Kurfürstentum Hannover wieder in Besitz. Unser König
ließ ebenfalls seine verlorenen Provinzen wieder besetzen und
gründete vorläufig ein Gouvernement, welches seinen Sitz
in Halle nahm, bald aber nach Halberstadt übersiedelte und
für alle ehemaligen preußischen Länder zwischen
Elbe und Weser bestimmt war und den Namen 'Gouvernement für
die Provinzen zwischen Elbe und Weser' erhielt. Zum Zivilgouverneur
war der Staatsrat v. Klewitz und zum Militärgouverneur der
Generalleutnant von Ebra ernannt, die nun die erforderlichen
Beamten, Räte und Subalternen um sich versammelten, mit denen
die erforderlichen Regierungsgeschäfte verwaltet wurden.
Wir sahen nun in Halberstadt von Tag zu Tage der Besitznahme
unserer Stadt durch preußische Truppen entgegen und erfuhren
bald, dass dieses noch in dem Monat Oktober durch das Freicorps des
Major v. Helwig erfolgen werde. An dem Tage, wo dieser in unsere
Stadt einrückte, war alles in Jubel und Freude. Einige hundert
junge Leute zu Pferde rückten ihnen entgegen. Alle
Straßen waren mit grünem Gebüsch und Blumen
bestreut. In allen Fenstern, wo der Zug durchkam, waren jubelnde
Zuschauer und Frauen und Jungfrauen in ihren Staatskleidern warfen
den Truppen Kränze und Blumen zu, mit allen Glocken wurde
geläutet und Hurrah und Jubel erschallte überall. Auf dem
Markte vor dem Steuergebäude machten die Truppen halt, und der
Major v. Helwig nahm im Namen des Königs Besitz. Man hatte
noch einen preußischen Adler aufgefunden, der mit
großem Hurrah vor dem Steuergebäude aufgehängt
wurde. Der Markt war so gedrängt voll Leute, dass man sich nur
mit der größten Mühe rühren konnte. Da stimmte
auf einmal ein alter achtbarer Bürger, ein Oekonom Thielebein
das Lied an: "Nun danket alle Gott " und dieser Lobgesang aus
Tausenden von Kehlen brachte die tiefste Rührung hervor.
Die Einquartierung der Truppen war leicht, denn jeder bestrebte
sich, die Feier dieses Tages mit einem oder mehreren Soldaten zu
teilen. Den Abend war große Illumination, und Schießen
und Knallen von Gewehren hörte man überall, denn die
Polizei konnte dem Jubel des Volkes nicht wehren. Es waren an
verschiedenen Orten Bälle und Tanzvergnügungen. Der Major
v. Helwig war der Sohn des Professors v. Helwig zu Braunschweig,
und da dem Offizierscorps ein solenner Ball gehalten wurde, so
hatte man von Seiten der Stadtbehörden die sinnige Idee
gehabt, diesen Vater des Majors, ohne dass dieser davon
wußte, von Braunschweig abholen zu lassen. Dass der Sohn eine
große Freude hatte, seinen alten Vater hier zu finden und
sich dafür dankbar aussprach, kann ich versichern.
Das neue Gouvernement nahm nun die Zügel in die Hand,
behielt zwar die bisherige Verfassung der einzelnen
Geschäftszweige bei, stellte jedoch für die
Zentralverwaltung überall tüchtige Beamte
größtenteils aus den alten preußischen Provinzen
an. Die Justizpartie erhielt der Oberlandesgerichts-Direktor
Freiherr v. Gärtner aus Insterburg, der späterhin
Chefpräsident des Oberlandesgerichts von Naumburg wurde. Die
Militärangelegenheiten erhielt Ziegler, die höhere
Polizei wurde dem Oberlandesgerichtsrat Dalkowsky, gleichfalls aus
Insterburg, übertragen, der späterhin auch nach Naumburg
versetzt wurde. Die Verwaltung der inneren Angelegenheiten erhielt
der ehemalige Landrat v.Motz. Die Verwaltung des von den Franzosen
nicht mehr besetzten Herzogtums Magdeburg (die Festung hatte damals
noch eine sehr starke französische Besatzung), erhielt der
Generalsekretär Franke, mein alter Universitätsfreund,
der nun auch nach Halberstadt übersiedelte.
Eine der ersten Handlungen des neuen Gouvernements war die
Zusammenberufung der sämtlichen Beamten und Behörden
Halberstadts, um, da die feierliche Huldigung noch nicht
stattfinden konnte, Reverse auszustellen, wodurch sie sich der
neuen Regierung unterwarfen und Untertanen-Treue und Gehorsam
versprachen. Der Gouverneur v. Klewitz eröffnete die Handlung
mit einer Anrede, die aber keinen guten Eindruck machte. Anstatt
versöhnend aufzutreten und vergangene Dinge wenigstens
vorderhand zu vergessen, hielt er Strafpredigten gegen diejenigen
Männer, die während der französischen Herrschaft
dieser zu sehr gehuldigt hatten. Da der König diese Provinzen
im Tilsiter Frieden feierlich abgetreten hatte, so war es ja
Pflicht jedes gewissenhaften Mannes, ein ihm von der neuen
westfälischen Regierung übertragenes Amt nach den
vorhandenen Gesetzen zu verwalten. Das Gouvernement schien aber
anders zu denken, denn manche aus früheren Zeiten als
tüchtige und treue Beamte bekannte Männer wurden, wenn
man ihnen französische Gesinnung zutraute, förmlich
ignoriert. Dahin gehörte u.a. der frühere Kammerdirektor,
bisherige General-Prokurator bei dem Kriminalgerichtshofe Heyer,
der, vermöge seines Amtes, welches jetzt etwa der
Oberstaatsanwalt bekleidet, oft den Gesetzen gemäß gegen
Verbrecher mit Strenge auftreten mußte, in Misskredit
gekommen war. Bald sollte es sich aber zeigen, dass man in Berlin
die Gesinnungen des hiesigen Gouvernements nicht teilte.
In den Grenzregulierungssachen war bei dem Gouvernement der
Hauptkassenrendant Daniel Dezernent. Es waren nun an den Grenzen
des Fürstentums Halberstadt einige Dörfer, bei denen die
Landeshoheit zwischen Preußen und Braunschweig geteilt war.
Von diesen nahm der Herzog von Braunschweig einige in Besitz und
stellte darin sein Landeswappen das "Ross" auf. Daniel hatte
dagegen in seinen Akten über die wirklich stattfindenden
Verhältnisse nichts gefunden, hielt dieses für einen
Eingriff, ließ ohne nähere Sachkenntnis das "Ross"
umreißen und pflanzte den preußischen Adler auf. Der
Herzog, darüber auf das Aeußerste entrüstet,
ließ den preußischen Adler mit Gewalt entfernen und
sein Ross wieder aufrichten, erhob in Berlin Beschwerde, und es
entstand ein förmlicher Federkrieg. Gleich darauf ging von
Berlin ein höchst unangenehmes Rescript an das Gouvernement
ein, worin u.a. geäußert wurde, dass dergleichen
Missgriffe darin ihren Grund hätten, dass man Männer,
welche dem preußischen Staate früher gedient hätten
und als ausgezeichnete Staatsmänner bekannt gewesen
wären, ignoriert und sich nicht ihrer Geschäftserfahrung
bedient hätte. Dahin gehöre der ehemalige ausgezeichnete
Kammerdirektor Heyer. Nach Eingang dieses Rescripts wurde sofort
Heyer zu dem Zivilgouverneur v. Klewitz berufen und ihm von
demselben das Direktorium einer Abteilung des Gouvernements
übertragen. Er erhielt sogleich die strittige Sache zum
Bericht und bei dem Vortrage in der Session äußerte er,
dass der frühere Dezernent aus unvollständigen Akten
referiert habe, ließ aus der Registratur die richtigen Akten
herbeiholen, wies die bei der Entscheidung zum Grunde liegenden
Reverse mit der Braunschweigischen Regierung nach, wodurch die
Sache beseitigt und der Herzog von Braunschweig befriedigt
wurde.
Die bisherige westfälische Verfassung war dem Gouvernement
mitunter höchst unbequem, und doch mußte dieselbe
vorderhand beibehalten werden. Es äußerste sich dieses
z. B. bei der Polizeiverwaltung, und zwar umso mehr, als man einen
besonderen Polizeidirektor, einen Universitätsfreund von mir
namens Holthoff, angestellt hatte, welchem die bisherige
westfälische Verfassung unbekannt war und der die Polizei nach
Berliner Art und Weise in die Hand nahm, aber überall
anstieß und Verwirrung veranlasste.
So kam z. B. eines Tages Holthoff zu mir und erzählte, dass
er einen großen Coup gemacht habe. Bei einer Haussuchung im
Hause eines Handelsjuden namens Joseph Meyen, der mit alten
Kleidungsstücken handele, habe er einen Koffer mit einer Summe
von 5000 oder 6000 Thalern vorgefunden, welche wahrscheinlich
gestohlen wären und die er deshalb an sich genommen habe und
auf Untersuchung antragen wolle. Ich bedeutete ihm, dass er
wahrscheinlich auf falscher Fährte sei, indem dieser Joseph
Meyer als ein redlicher Mann bekannt sei und sich diese Summe nach
meinem Erachten wohl erworben haben könne. Hiermit nicht
zufrieden, wandte sich Holthoff an den Friedensrichter Jäger,
der ihm sagte, dass er ihm raten wolle, das Geld dem Joseph Meyer
sofort zurückzugeben, da er nicht zweifele, dass er dieses
Geld auf redliche Art erworben habe. Dass er dieses Geld im Kasten
aufbewahrt habe, liege im Charakter solcher Handelsjuden, welche es
verschmähen, ihr Geld auf Schuldscheine oder Hypotheken
auszuleihen. Holthoff gab dem Juden sein Geld zurück, und von
Untersuchung war nicht die Rede. Diese und ähnliche Missgriffe
bestimmten das Gouvernement, einen Juristen mit in die
Polizeiverwaltung zu bringen und der Direktor Heyer, der mich vom
Klub aus kannte, fragte mich eines Tages, ob ich wohl geneigt sei,
eine Stelle bei der Polizei als Polizeiinspektor mit siebenhundert
Thalern Gehalt und einigen Nebeneinkünften anzunehmen. Nach
einiger Ueberlegung gab ich ihm aber tags darauf eine ablehnende
Antwort, die er auch ruhig von mir annahm.
Nach einiger Zeit fragte mich Franke, ob ich entschlossen sei,
bei der oberen Verwaltung der Lazarette eine Beschäftigung
gegen 60 bis 90 Thaler monatliche Diäten anzunehmen, aber auch
dieses lehnte ich ab.
Dagegen übernahm ich es auf Zureden meines Freundes, des
Steuerkontrolleurs Klein, bei dem Gouvernement freiwillige Arbeiten
zu übernehmen, allein ich ging bald davon ab, da ich in
Verwaltungssachen unerfahren war und weder Zeit noch Lust hatte,
mich in diese Branche einzuarbeiten.
In dieser so bewegten Zeit war mein häusliches Leben
ziemlich im gewohnten Gange geblieben. Die Mutter und ich erfreuten
uns unserer lieben Kinder und dachten nicht daran, dass die Zeiten
wieder andere werden könnten. Des morgens um neun Uhr ging ich
auf das Friedensgericht und machte meine Geschäfte ab, des
nachmittags, wenn keine Untersuchungen zu führen waren oder
ich keine Auktionen hatte, ging ich bei gutem Wetter mit der Mutter
oder mit Freunden nach den Spiegelschen Bergen, späterhin nach
Hause. Ich ging auch wohl in Spielgesellschaft, wo in dieser Zeit
außer den Stammgästen sich Beamte des Gouvernement,
Freiwillige, auch Offiziere der stehenden Garnison einfanden und
Spiele aller Art getrieben wurden. Ich spielte die Hazardspiele,
jedoch behutsam, hatte viel Glück und gewann nach und nach
viel Geld. Hierher kam auch mein alter Universitätsfreund
Wolff, der mit mir bei der Vertreibung der Studenten aus Halle die
Wanderung bis Frankfurt an der Oder mitgemacht hatte und mir ein
Darlehn von fünfzehn Thalern zu meinem weiteren Fortkommen
gemacht hatte, welches ich ihm, da ich ihn unerwartet unter dem
Helwigschen Corps wiederfand, mit Dank erstattete.
Das gewonnene Geld verwendete ich teilweise zum Einkauf meiner
Frau in die Berliner Witwenverpflegungsanstalt. Es war damals noch
Ausländern, zu denen ich vorderhand noch gehörte,
gestattet, ihre Frauen in dieser Anstalt einzukaufen. Ich kaufte
dieselbe mit einer Pension von zweihundert Thalern Gold ein und
verwendete hierzu 320 Thaler Gold.
Höchst erfreulich waren noch immer die Abende, die ich im
Hause zubrachte, wo außer den Töchtern der
Medizinalrätin Kramer, deren Schwager, der Administrator
Ehrhard Kramer, und mehrere Hausfreunde, zu welchen außer
meinem alten Schul- und Universitätsfreunde Panse noch ein Dr.
med. Nicolai sowie ein Sohn des Justizrats Stubenrauch und mein
Nachbar, ein Kaufmann Sasso, gehörten, und wo außer oft
sehr geistreichen Gesprächen auch durch Vorlesen interessanter
Schriften, Kartenspiel zu ganz geringen Points, die Abende
zugebracht wurden. Dabei waren auch meine Schwägerin Amalie
Röhl und eine Pensionärin im Kramerschen Hause,
Friederike Wenzlow, Teilnehmerinnen. Das dabei auch die politischen
und kriegerischen Ereignisse Stoff zu den Unterhaltungen gaben, war
natürlich.
Das Gouvernement operierte indessen fort und suchte insonderheit
die Bewohner der wiedereroberten Provinzen ebenso zur Teilnahme an
dem Kriege als zu patriotischen Geldbeiträgen zu ermuntern. Es
war dies eine leichte Arbeit, da der Aufschwung sehr groß war
und man den älteren Provinzen nicht nachstehen wollte. Alle
jungen Leute, selbst Fünfzehnjährige kamen, um sich als
Freiwillige zum Eintritt in das Militär zu stellen und waren
glücklich, wenn man sie annahm. Geldbeträge, mitunter
sehr hohe Summen wurden auf dem Altar des Vaterlandes geopfert.
Auch ich beteiligte mich dabei mit 50 Thlr. Gold. Die reichen
freiwilligen Beiträge und das Heranziehen der Männer
für das Heer machten es dem Gouvernement möglich, die
preußische Armee bedeutend zu verstärken. Die alten
Armeen waren durch den Krieg bedeutend verringert, so dass z. B.
das Yorksche Armeecorps, welches in den ersten Monaten des Jahres
1813 mit 40 000 Mann ausmarschiert, nach der Schlacht bei Leipzig
nicht einmal die Hälfte davon zählte. Es wurden drei
Regimenter Landwehr errichtet.
Ein Major v. d. Schulenburg erhielt den Auftrag, für die
Stadt Halberstadt den Landsturm zu organisieren. Auch ich erhielt
dabei eine Kompanie, und der nächste Sonntag war bestimmt,.
auf dem Burchardi-Anger Revue passieren zu lassen. Da erschienen
denn die dazu aufgeforderten Bürger mit langen Piken bewaffnet
mit ihren Offizieren an der Spitze. Ich lieh mir von meinem
Hauptmann v. Witzleben einen Offiziersdegen mit silbernem
Portepée und stellte mich damit an die Spitze meiner
Kompanie, ohne von dem Militärwesen das Mindeste zu verstehen.
Ebenso ging es meinen Leuten, von welchen bald einer mich fragte,
was es denn für sie zu tun geben solle. Ich beruhigte sie nach
Kräften, gestand ihnen aber, dass ich auch nichts wisse und
erst Befehle erwarten müsse. Wir gingen übrigens bald
auseinander, ohne dass ich den Zweck unseres Zusammenberufens
erfuhr. Ein paar Tage darauf kam aber ein Rescript von Berlin, die
Bürger in den Städten nicht ihren Beschäftigungen zu
entziehen. Damit hatte der Spaß und mein militärischer
Rang ein Ende.
Auf dem Lande aber wurde überall der Landsturm errichtet
und war auch von großem Nutzen. Unsere Truppen waren, sowie
auch das Helwigsche Corps aufgebrochen, um der Armee an den Rhein
zu folgen. Wir waren nunmehr ohne Schutz, und die nur sechs Meilen
von uns entfernte Festung Magdeburg konnte uns alle Tage
überfallen, da das schwerste Blockadecorps nicht stark genug
war, uns zu schützen. Eines Tages rückten auch einige
tausend Mann aus und zogen auf die Straße nach Halberstadt,
um zu fouragieren oder zu recognoszieren. Es wurde der Landsturm
aufgeboten, und tausende von Pikemännern stellten sich an den
Seiten der Franzosen auf, die dadurch so eingeklemmt waren, dass
alles in geschlossener Kolonne marschieren musste. Da auch die
Franzosen fürchten mussten, von Blockadetruppen im Rücken
angegriffen zu werden , so kehrten sie bald in die Festung
zurück. Einst kam auch die Nachricht, dass eine Kompanie
russischer Landwehr in dem zwei Stunden von Halberstadt belegenen
Dorfe Aspenstedt plündere und Exzesse begehe, und man forderte
Hilfe vom Gouvernement. Dieses, dem kein Militär zu Gebote
stand, forderte die auf Anstellung als Offiziere in Halberstadt
befindlichen Individuen auf, an der Spitze des Landsturmes diese
Plünderer gefangen zu nehmen. Es fand sich dazu ein Leutnant
Brandt bereit. Dieser drang in das Quartier des russischen
Offiziers zu Aspenstedt und wusste ihm zu imponieren, dass er ihm
seinen Degen überreichte und sich ihm mit seiner Kompanie als
Gefangener ergab. Die Russen wurden nach Halberstadt gebracht, und
das Gouvernement veranlasste das Friedensgericht, die Untersuchung
über die Schuldigen zu führen. Es war dieses ein Gesindel
von ganz zerlumpten und mit spitzbubenmäßigen Gesichtern
versehenen Menschen, deren Anblick Abscheu und Ekel erregte. Die
Untersuchung wurde mit Zuziehung eines Dolmetschers geführt,
und das Gouvernement ließ unter Beifügung der Akten die
ganze Sippschaft unter Landsturmeskorte nach Hamburg an den
russischen General Benningsen abführen, wo sie wohl keinen
guten Empfang zu erwarten gehabt haben.
Die alliierten Heere, die bis Ende des Jahres am Rhein gestanden
hatten, waren inzwischen durch die deutschen Bundestruppen zu einem
ungeheuren Heere gewachsen, das man beinahe auf eine Million
schätzte. Zu Ende des Jahres 1813 und in den ersten Tagen des
Januar 1814 gingen sie sämtlich über den Rhein und
eröffneten einen neuen Feldzug gegen Napoleon.
Die Alliierten drangen von allen Seiten gegen Paris vor, und man
zweifelte nicht, dass es ihnen bei der Größe ihrer Heere
gelingen werde, sich dieser Stadt zu bemächtigen. Allein jetzt
zeigte sich das große Feldherrntalent Napoleons, und er
kämpfte glorreicher wie in irgendeiner früheren Zeit. Er
teilte sein Heer, drang gegen Blücher, der unaufhaltsam bis an
die Marne vorgedrungen war, schlug Blüchers einzelnes Corps
und trieb es via Chalon an der Marne zurück. Dann drang er
gegen die große Armee, größtenteils aus
Oesterreichern bestehend, die gegen die Seine gegen Paris
vorgedrungen waren, brachte sie nach vorteilhaften Gefechten zum
Rückzug, so dass man bereits an einen Rückzug über
den Rhein dachte, wenn nicht Blücher nach Wiederherstellung
und Vermehrung seiner Armeen es verhindert hätte. Man stand
wieder und schlug Napoleon zurück.
Während Napoleon mit dem größten Teile seiner
Armee den Alliierten in den Rücken zu kommen suchte, um sich
mit den Besatzungen an der Mosel, am Rhein und in Lothringen zu
vereinigen, ließen die Alliierten ein Corps
größtenteils Reiterei unter dem russischen General
v.Wintzingerode zurück, um Napoleons Bewegungen zu beobachten,
und dann ging die ganze Armee in Eilmärschen auf Paris, das
fast gar keine Besatzung hatte, schlug die zum Entsatz
herangekommenen feindlichen Heeresabteilungen in einer blutigen
Schlacht vor Paris und zwang dieses zur Ergebung.
Napoleon, der so bitter getäuscht war, konnte den Fall
seiner Hauptstadt nicht hindern und stellte sich bei Fontainebleau
auf. In Paris traten nun seine Gegner mit großer Keckheit
auf, erklärten ihn des Thrones verlustig und mit Hilfe der
Monarchen, von denen der Kaiser Alexander und unser König in
Paris eingerückt waren, wurden die Bourbons wieder eingesetzt,
und Ludwig XVIII. bestieg den Thron seiner Väter wieder.
Napoleon, der von seinen eigenen Marschällen verlassen wurde,
musste abdanken und erhielt zu seinem Besitztum die Insel Elba im
mittelländischen Meere.
Es wurde nunmehr mit der neuen Regierung ein Friede geschlossen,
worin es alle seine Eroberungen aufgeben und die bedeutenden
Festungen räumen musste und nur das zurückerhielt, was es
im Jahre 1792 bei Ausbruch des Revolutionskrieges besessen
hatte.
Die vertriebenen Fürsten von Braunschweig und Hessen-Kassel
traten wieder in den Besitz ihrer Länder, Hannover wurde als
Königreich wieder in Besitz genommen, Preußen nahm
ebenfalls seine im Tilsiter Frieden abgetretenen Provinzen in
Besitz, und es wurde nun in Wien ein Kongress ausgeschrieben, um
über die Begrenzungen der wieder frei gewordenen Länder
und die Disposition über die von Frankreich abgetretenen
Länder zu treffen. Dieser Wiener Friedenskongress, der in der
Geschichte eine so traurige Berühmtheit erhalten hat,
beschäftigte sich auch mit der Wiederherstellung der
preußischen Monarchie, da bedungen war, Preußen nach
seiner Bevölkerung von 1806 wieder herzustellen. Da
Preußen den früher besessenen Teil von Polen nicht
wieder erhalten konnte, auch Hildesheim, Ostfriesland, Anspach und
Bayreuth hatte abtreten müssen, so dachte man daran, das
Königreich Sachsen, dessen König bis zum letzten Moment
Frankreichs Alliierter gewesen war, mit Preußen zu
vereinigen, allein darüber erhob sich ein großer
Zwiespalt, da Oesterreich und England sich dagegen auflehnten, umso
mehr als Russland, von dem man die Herstellung des
Königsreichs Polen, soweit es nicht schon zu Russland
gehörte, verlangte, sich nicht fügen wollte. Es standen
bald Russland und Preußen auf einer, Oesterreich, England und
Frankreich, welchen man den Zutritt zum Kongress verstattet hatte,
einander gegenüber, und es stand ein neuer Krieg unter denen,
die soeben erst ihr Blut gemeinschaftlich geopfert hatten, in
Aussicht, und es wäre vielleicht dazu gekommen, wenn nicht
ganz unerwartete Ereignisse eingetreten wären, welche die
Verhandlungen unterbrachen und neue Vereinigung der Kräfte
verlangten. Napoleon war plötzlich mit 800 Mann seiner Garde,
die man ihm nach Elba mitzunehmen erlaubt hatte, aufgebrochen, war
mit seinen Schiffen den englischen, zu seiner Bewachung
aufgestellten Schiffen entgegen, landete in Frankreich, drang nach
Paris vor, die ihm entgegengesetzten Truppen gingen meist zu ihm
über, die Städte und Festungen auf seinem Marsche ergaben
sich, Ludwig XVIII. und die Prinzen seines Hauses mussten
Frankreich verlassen, und Napoleon war wieder Kaiser von
Frankreich, versprach zwar Frieden, allein er rüstete ein
mächtiges Heer aus.
Als die Nachricht der Einnahme von Paris nach Halberstadt kam,
geriet alles in halb wahnsinnige Freude, in den Straßen war
ein Zusammenlaufen der Menschen und ein Jubel, wie man nicht
gehofft hatte, ihn zu erleben. Es erhob sich der patriotische
Stolz, dass Preußen sein Gut und Blut nicht vergebens
geopfert hatte, dass nunmehr das preußische so sehr
gedemütigte Vaterland zu neuem Glanze erweckt wurde.
Alle Feierlichkeiten, welche diese frohe Botschaft zur Folge
hatte, zu beschreiben, will ich unterlassen und nur noch
erzählen, dass auf unserem Klub ein solennes Diner
veranstaltet wurde, an welchem alle Mitglieder, selbst die
früher erklärtesten Franzosenanhänger z. B. der
Maire Cuno teilnahmen. In der freudigsten Stimmung erschien jeder
bei Tische, und aufgeregt durch feurige Weine, stieg der Jubel
immer mehr, und da man mich als einen der treuesten Patrioten
kannte, kam man von allen Seiten, stieß mit mir an, und
selbst ältere Männer tranken mit mir Brüderschaft.
Ich hatte ziemlich viel getrunken, war in der größten
Weinlaune, da sah ich Cuno an einem entfernten Tische sitzen und
ärgerte mich, dass dieser Mann sich ebenfalls eingefunden
hatte. Einer meiner Tischnachbarn war der ehemalige
Unterpräfekt von Braunschweig, dem ich meinen Verdruss
mitteilte und ihn bat, dafür zu sorgen, dass Cuno die
Gesellschaft verlasse. Er bat mich dringend, mich zu beruhigen,
damit kein unangenehmer Vorfall die Freude der Gesellschaft
störe; ich aber wiederholte meinen Wunsch und
äußerte, dass ich jetzt noch wisse, was ich tue und
spreche, vielleicht aber in kürzester Zeit meiner Sinne nicht
mehr mächtig sei und dann Skandal entstehen könne. Da ich
nicht zu beruhigen war und auch andere mir beistimmten, so wurde
Cuno auf gute Manier entfernt. Zahllose Toaste wurden gebracht, die
Freude dauerte bis gegen Abend, und ich war in einem Zustande, dass
ein paar Freunde mich am Arm fassten und nach Hause begleiteten.
Die Mutter war nicht unvorbereitet, da ich, als ich von Hause
wegging, äußerte, dass meine Freude zu groß sei
und ich nicht wisse, wie ich zurückkehren würde. Es gab
an diesem Tage eine Menge Menschen, die mein Schicksal teilten,
jedoch fielen keine großen Exzesse vor.
Aus dieser Zeit muss ich noch ein Kuriosum mitteilen, was in
Halberstadt damals viel Aufsehen erregte und sich bis Berlin
verbreitete und viel besprochen und belacht wurde. Es befand sich
damals zugleich mit dem Gouvernement in Halberstadt das
Hauptreserve-Feldlazarett der Armeen für die Provinzen
zwischen der Elbe und der Weser. Der Chef desselben war der
besonders als Wundarzt und Operateur weit berühmte Hofrat Dr.
Gräfe, der jedoch höchst eitel und neugierig war und sich
den Anschein gab, als wenn er bei dem Könige in besonderer
Gunst stehe. Er hatte stets einige Kosaken zur Ordonnanz der den
Lazaretten attachierten Chirurgen; zum Teil ganz unwissende, aber
aufgeblasene Burschen, die mit Schleppsäbeln versehen in
lächerlicher Attitüde durch die Straßen rannten,
hatte der Hofrat Gräfe, als die Nachricht von der Einnahme von
Paris kam, zusammen kommen lassen, um ihnen die freudige Nachricht
mitzuteilen. Hierauf bezog sich das von einem gewissen Keihe, der
späterhin Landrat zu Quedlinburg wurde, Mitglied des
Gouvernements, verfasste Spottgedicht:
Die Einnahme von Paris
gefeiert von dem Königl.Preuß.
Hauptreserve-Feldlazarett der Armeen.
1.
Was hör ich auf dem Katzenplan
was auf dem Domplatz schallen ?
Lauf, lauf Kosak und sag mir an,
was da ist vorgefallen!
Der Hofrat sprach's, der Schnurrbart lief,
der Schnurrbart kam, der Hofrat rief:
Gleich hol mir die Chirurgen !
2.
Da liefen stracks die Boten aus
und suchten die Gesellen,
sie fanden viel im Branntweinhaus,
doch mehr noch in Bordellen,
nur einer fehlte an der Schar
und denkt mal, Freunde, wo der war ?
Er war im Lazarette.
3.
Der Hofrat lief indes umher
und forschte bei den Schreibern
nach dem Detail der neuen Mähr
und bei den alten Weibern.
Was man ihm sagte, schrieb er auf
und rannte nun im vollen Lauf
zurück nach seinem Hause.
4.
O Muse, du, durch die Homer
der Griechen Scharen kannte.
Du, die dem Tasso einst das Heer
der Kreuzes Brüder nannte.
O, nenn auch mir die würd'ge Schar,
die vor dem Haus versammelt war
des großen Beinabschneiders!
5.
Vor allem euch gebührt der Preis,
ihr edlen Pflasterschmierer.
Zwar liebe, gute Herrn, ich weiß,
ihr waret einst Barbierer
und lieft, den Schmersack unter'm Arm,
zehnmal am Tag euch kalt und warm
und putztet fleißig Bärte!
6.
Seit aber euch der Degen schmückt,
die Uniform euch zieret,
seid ihr zu jedem Ding geschickt,
seziert und amputieret.
Was sagt auch solche Operation!
Habt ihr doch als Barbierer schon
gar oft ins Fleisch geschnitten!
7.
Das ökonomsche Personal
soll auch mein Lied erheben.
Zwar peinigt ihr durch Hungersqual
die Kranken, wenn sie leben,
doch dafür gebt ihr, wenn sie tot,
noch lange ihnen Fleisch und Brot,
wie eure Rechnung zeiget.
8.
Ihr seid, damit kein Lob euch fehlt,
gar sehr verschmitzte Diebe,
und krieget ihr, sooft ihr fehlt,
die vorschriftsmäß'gen Hiebe.
So dankte ab der Büttel Schar,
das Peitschenleder würde rar
und arm der Wald an Ruten!
9.
In diesen ehrenwerten Kreis
trat jetzt der große Gräfe.
'Bringt,' rief die Schar, 'bringt Lorbeerreis,
umbindet ihm die Schläfe!
Klebt ihm 10 000 Orden an,
er ist der größte Pflastermann,
der je auf Erden lebte!''
10.
Er sprach: 'Da seine Majestät
ob meiner großen Gaben
das Hauptreservelazarett
mir anvertrauet haben,
so mache ich den Herrn bekannt,
was per Courier von höchster Hand
mir ist gemeldet worden!
11.
Es kommt dies wichtige Papier
grad aus dem Hauptquartiere,
denn alles Neue meldet mir
der König durch Couriere.
Paris, schreibt er, Paris ist mein,
ich zog mit allen Garden ein
und sämtlichen Chriurgen.'
12.
Dass nun ein fürchterlich Geschrei
die Atmosphäre füllte
und dass Herr Gräf trotz ihrer Drei
aus Leibeskräften brüllte,
das könnt ihr denken, da ihr wisst,
dass unser Hofrat, was er ist,
durchs Schreien nur geworden!'
13.
Drauf stieg der große Mann zu
Ross
mit sämtlichen Barbieren
und ritt mit dem gewalt'gen Tross
vor's Tor zum Manövrieren.
Ich ging auch mit hinaus und sah
den großen Philadelphia
leibhaftig auferstanden!'
Dieses Spottgedicht zirkulierte in Halberstadt zur großen
Ergötzlichkeit bald in allen Häusern und auch sogar in
Berlin, wo Gräfes eigentlicher Wohnort war, wurde es bekannt
und diente zur allgemeinen Tagesunterhaltung.
Nach der Einnahme von Paris und nach abgeschlossenem Frieden und
nachdem auch die von den Franzosen noch bis jetzt besetzten
Festungen, also auch Magdeburg, wieder in Besitz genommen worden
waren, dachte die Regierung daran, den jetzt freigewordenen
Provinzen ihre alten Verfassungen wiederzugeben, sie dadurch mit
den alten Provinzen definitiv wieder zu vereinigen und deshalb eine
neue Organisation zu bilden. Es hatte die bisherige Verfassung so
manche Vorzüge, welche das Volk gerne beibehalten hätte.
Dahin gehörten z.B. gleiche Besteuerung, Gleichheit vor dem
Gesetz, Gewerbefreiheit usw. Manche früheren Ungleichheiten,
z.B. die Steuerfreiheit der Rittergüter, allerdings durch
Gewaltstreich, da man den Berechtigten genommen, was doch einen
Teil ihres Vermögens ausmacht, konnten ohne neues Unrecht
nicht wieder gut gemacht werden.
Als die Rede von der neuen Organisation war, kamen die
Rittergutsbesitzer ein, um ihnen die durch fremde Herrschaft
entrissenen Vorrechte wieder zu gewähren. Die Regierung kam
dadurch in Verlegenheit, sie wollte und konnte ohne Ungerechtigkeit
ihnen nicht alles, was sie verlangten, wieder erteilen, deshalb
verweigerte sie ihnen zwar die Steuerfreiheit, stellte jedoch zu
ihren Gunsten die Patrimonialgerichte, die Polizeigewalt über
ihre Untertanen auf den Rittergütern zur großen
Unzufriedenheit der Einwohner wieder her und gewährte
dafür die im Jahre 1807 und folgende erfolgte neue
Gesetzgebung, an deren Spitze der berühmte Minister Stein
gewirkt hatte. Bei der Justiz wurde das allgemeine Landrecht und
die allgemeine Gerichtsordnung wieder eingeführt und dagegen
die bisherige französische Verfassung mit all ihren
Vorzügen wieder aufgehoben.
In Halberstadt war man durch die Einrichtung des Gouvernements
gewärtig, dass es fernerhin Sitz oberer Behörden bleiben
würde. Da erscholl auf einmal die Nachricht, dass die
Landeskollegien Oberlandesgericht und Regierung nach Magdeburg
verlegt werden sollen. Da entstand ein allgemeines Lamento, und von
seiten der Stadt wandte man sich nach Berlin. Nach vielen
Verhandlungen erreichte man endlich, dass Halberstadt der Sitz
eines Oberlandesgerichts bleiben solle, welches sich über das
Fürstentum Halberstadt nebst Quedlinburg und der
Grafschaft Hohenstein, sowie über einen Teil des
Regierungsbezirks Erfurt (namentlich Eichsfeld und die Städte
Mühlhausen und Nordhausen) erstrecken solle, wogegen die Stadt
in Anstehung der Verwaltungssachen unter die Regierung zu Magdeburg
kam. Neben dem zu errichtenden Oberlandesgericht wurde für die
Stadt eine Anzahl der umliegenden Dörfer ein kollegialisch
gebildetes Land- und Stadtgericht errichtet. Alle, die
Ansprüche zu haben glaubten, meldeten sich bei den zur
Organisation beorderten Kommissarien, den beiden zu
Präsidenten bestellten Personen. Dieses waren der ehemalige
Präsident v. Riedesel und der bisherige
Oberlandesgerichtsdirektor v. Gärtner, der jetzt zum
Vizepräsidenten des neuen Oberlandesgerichts ernannt wurde und
dem man die Einrichtung des Land- und Stadtgerichts aufgetragen
hatte. Da nun der Herr v. Gärtner derjenige war, der über
meine anderweitige Anstellung zu entscheiden hatte, so wandte ich
mich schriftlich an ihn, setzte ihm meine bisherigen amtlichen
Verhältnisse auseinander und bewarb mich um die
Sekretärsstelle bei dem Land- und Stadtgericht. Da mein Wunsch
nicht unbescheiden war und ich auch keinen Rivalen
befürchtete, so sah ich dem Erfolge meiner Bewerbung mit Ruhe
entgegen.
Da trat aber ein nicht geahntes Ereignis ein, welches ich
vollständig auseindersetzen muss, da es auf mein ganzes
künftiges Leben von dem größten Einflusse gewesen
ist. Der Postdirektor Herzberg, Vater des von mir schon öfter
erwähnten Postsekretärs Herzberg, sagte mir eines Tages,
dass eine seiner Töchter an einen Justizbeamten
Brüggemann in Westfalen verheiratet sei. Der Ort, wo er
angestellt sei, wäre in einem Bezirke, der jetzt an Frankreich
abgetreten sei, und da er nicht gern dort bleiben wolle, vielmehr
wieder in eine deutsche Provinz zurückkehren wolle, so
wünsche er also von mir zu erfahren, ob nicht eine, auch noch
so unbedeutende Stelle in hiesiger Provinz vorhanden sei, um welche
sich sein Schwiegersohn bewerben könne. Da ich mit Herzberg
sehr befreundet war und ich ihm deshalb gern gefällig war, so
machte ich ihn darauf aufmerksam, dass in dem Kanton Dodeleben,
einem Dorfe ohnweit Halberstadt, noch die Stelle als Kantonnotar
offen sei, weil niemand wegen ihrer Unergiebigkeit sie haben wolle.
Herzberg dankte mir und sagte mir, ihm und seinem Schwiegersohn
liege nur daran, dort weg und womöglich in die hiesige Gegend
zu kommen. Er bewarb sich für seinen Schwiegersohn um diese
Stelle und erhielt sie sehr leicht. Er siedelte nun mit seiner
Familie hierher über und suchte nun seine Zeit zu
erwarten.
Dieser Brüggemann, von dem ich hernach erfuhr, dass er
bedeutende Konnexionen in Berlin habe, trat nun auch bei der
bevorstehenden Organisation auf und bewarb sich um eine Stelle als
Mitglied des zu Halberstadt zu errichtenden Land- und
Stadtgerichts. Diese konnte ihm nicht verliehen werden, da besser
Berechtigte zu berücksichtigen waren, und man gab ihm nun die
Stelle, zu der ich bereits notiert war, als Sekretär, und ich
wurde dagegen als Registrator mit 500 Thlr. Gehalt angestellt. Wie
ein betäubender Donnerschlag wirkte diese Nachricht auf mich,
und es konnte mich nichts beruhigen. Dazu kam noch, dass meine
Freunde bei inniger Teilnahme an meinem Schicksal mich umso mehr
bedauerten, weil der zum Direktor des Land- und Stadtgerichts
ernannte Präsident des Kriminalgerichtshofes zu Heiligenstadt
nach allen Nachrichten ein Mann, mit dem noch niemand habe
auskommen können, war.
Doch Gehorsam war meine Pflicht, und ich musste mit dem Anfang
des Jahres 1815 meine neue Stelle antreten. Das neue Land- und
Stadtgericht war nun zwar organisiert, aber in aller Beziehung,
besonders in Ansehung der Räumlichkeit und der Zahl der
angestellten Mitglieder und Beamten so höchst unvollkommen,
dass es eine Unmöglichkeit war, auf diese Art die
gerichtlichen Geschäfte für eine wenigstens 15 000
Einwohner zählende Stadt und einen ländlichen Bezirk, der
wenigstens das Doppelte dieser Zahl enthielt,
ordnungsmäßig zu bestreiten. Was das angestellte
Personal betrifft, so bestand dasselbe aus dem Direktor
Rosentreter, vier Mitgliedern mit dem Prädikat Justizrat,
einem Sekretär, einem Rendanten für die Salarienkasse und
das Depositorium, einem Registrator, einem Kanzleiinspektor, vier
Kanzlisten und zwei Boten, von welchen der eine bereits über
70 Jahre alt war.
Das angewiesene Lokal, der sogenannte Bauhof an der Domkirche
gewährte für die gerichtlichen Geschäfte:
ein Zimmer für den Dirigenten,
ein dergl. als Sessions- und Arbeitszimmer für die
Räte,
ein sehr großes Registraturzimmer ,
ein Zimmer für die Kanzlei,
ein kleines Botenzimmer.
Ein Lokal für die Kasse sollte noch geschaffen werden.
Merkwürdig war das Registraturzimmer. Es war nicht allein
für die Registratur, sondern zugleich Geschäftszimmer
für den Sekretär und den Rendanten, Parteien und Termins,
auch wohl allgemeines Konversationszimmer. Wenn Termine oder
Handlungen der freien Gerichtsbarkeit waren, so befanden sich in
der Regel fünfzig auch mehr Menschen darin. Da sollte ich
arbeiten, Ordnung in den Akten erhalten! Zu den Akten hatte ich
mehrere große Re torien, aber keine verschließbaren
Räume. Die Akten sollten zum Teil erst angelegt, zum Teil aber
vervollständigt werden. Dabei hatte ich keinen Gehilfen, nicht
einmal einen Aktenhefter und doch kamen täglich Dekrete, dass
die Akten geheftet werden sollten. Dass ich diese nicht erledigen
konnte, auch nicht wollte, war natürlich. Dass nun meine Akten
beständig preisgegeben waren, und namentlich sich besonders
Justizkommissarien erlaubten, die Akten aus den Fächern zu
nehmen, war natürlich, und ich hatte stets zu kämpfen,
dass man die Akten in den Fächern lassen möchte. In
meinem Unmut wurde ich häufig über Gebühr grob, und
es gab sogar mitunter unangenehme Händel. Meine schwierigen
Geschäfte wurden noch dadurch vermehrt, dass sich bei dem
Gericht keine Referendarien und Auskultatoren befanden und die
übrigen subalternen Beamten gleich mir so sehr belastet waren.
Es konnte daher keine Anmeldestube eingerichtet werden, um den
häufig erscheinenden Supplikanten ihre Anträge und
Gesuche zum Protokoll zu nehmen.
Da nun die meisten Supplikanten aus der Stadt waren und mich aus
früheren Verhältnissen kannten, so konnte ich nicht
umhin, mich ihrer anzunehmen. Dadurch verlor ich fast täglich
viel Zeit, und ich hätte in Verzweiflung geraten können,
wenn nicht unser Direktor, der Präsident Rosentreter, den man
mir als einen so unvergleichlichen und bösen Mann geschildert
hatte, gegen mich ganz das Gegenteil gewesen wäre. Er war
höchst milde, human und gütig gegen mich und suchte mir
meine schwierige Stellung nach Kräften zu erleichtern. Er hat
mir nie ein böses Wort gesagt. Da ich fast stets unzufrieden
war und mich gegen einzelne Mitglieder des Gerichts bei
vorkommenden Gelegenheiten grob betrug, so gingen deshalb mitunter
Beschwerden über mich beim Direktor ein, denen er aber mit
Lachen begegnete und sagte, ein Registrator, der grob sei, stehe
ganz an seinem Platze, denn das entspringe aus großem
Diensteifer.
Der Direktor hörte nicht auf, bei dem Oberlandesgericht zu
berichten, wie schlecht das Gericht eingerichtet sei, und verlangte
fortwährend vermehrte Arbeitskräfte. Wenn er damit
zurückgewiesen wurde, so kam er sofort wieder ein und mitunter
mit Bitterkeit und Drohungen, indem er Geschäftsbankrott in
Aussicht stellte.
Der Präsident v. Riedesel hat ihn öfters gegen andere
seinen Teufel genannt und auch der Vizepräsident v.
Gärtner ist oft durch sein beständiges Querulieren in
Verzweiflung geraten, aber Rosentreter beruhigte sich nicht.
Endlich wurde von dem Oberlandesgericht eine Justizvisitation
verfügt, die dann auch eine Vermehrung des Personals zur Folge
hatte. Es wurden noch zwei Mitglieder des Gerichts ernannt, ein 2.
Sekretär, der zugleich Depositalrendant war, ein besonderer
Kalkulator, und mir zur Hilfe ein Registraturassistent, welcher auf
meinen Vorschlag mein ehemaliger Schreiber Borchard wurde.
Das Gericht bekam auch späterhin ein besseres und
geräumiges Lokal. Dass mir Hilfe gewährt wurde, wurde
bald noch nötiger, da der Sekretär Brüggemann sich
mit dem Direktor überhaupt auch mit dem Kollegium nicht
vertragen konnte. Sein brüskes und anmaßendes Wesen und
sein Mangel an Subordination machten ihn überall missliebig.
Eines Tages blieb er ganz von dem Gerichte weg, schützte zwar
Krankheit vor, erklärte aber bald, dass er seine Stelle
aufgeben wolle. Man glaubte nun, dass er den Justizdienst ganz
quittieren wolle, alleine seine bedeutenden Konnexionen in Berlin
verschafften ihm eine neue Stelle bei dem Land- und Stadtgericht zu
Halle. Nach einiger Zeit wurde er Assessor bei dem Land- und
Stadtgericht zu Nordhausen, dann kam er als Landgerichtsrat nach
Coblenz, von da als Stempelfiskal nach Danzig, und von hier wurde
er als Regierungsrat in Merseburg angestellt.
Brüggemanns Abgang hatte zur Folge, dass ich dessen
Sekretariatsgeschäfte noch nebenbei zur Zufriedenheit des
Kollegiums übernahm. Ich meldete mich nun an dessen Stelle,
und das Kollegium empfahl mich bei dem Oberlandesgericht dringend,
bat jedoch in dem Bericht, dass man die Registratorstelle durch
einen tüchtigen Beamten besetzen möge, damit die Stelle
ebenso gut versehen würde, als es durch mich geschehen sei.
Dies hatte aber zur Folge, dass ich die Stelle nicht erhielt. Der
Präsident v. Gärtner äußerte, wie ich erfuhr,
dass es bei einem neu organisierten Gerichte von Wichtigkeit sei,
einen guten Registrator zu haben, der bei einem prompten und
umsichtigen Arbeiten seinerseits das Gericht zusammenhalte. Weit
leichter sei es daher, eine Sekretärstelle zu besetzen. Man
könne also auf mein Gesuch nicht eingehen, zur Anerkennung
meiner Verdienste aber solle mir eine jährliche Gehaltszulage
von 50 Thlr. gewährt werden. An die Stelle von Brüggemann
kam nunmehr ein ehemaliger Friedensrichter aus dem Eichsfeld namens
Kellner, durch dessen Anstellung ich mich nicht verletzt
fühlen konnte.
Mein gütiger Chef, der Präsident Rosentreter, welcher
mich auch gerne aus meinen verhassten Fesseln befreien wollte, gab
mir eines Tages den Rat, das Referendariatsexamen zu machen. Dann
wolle er seine (allerdings bedeutenden) Vermittlungen für mich
anwenden, und ich solle dann durch ihn eine Stelle als Assessor bei
dem Land- und Stadtgericht Worbis im Eichsfelde erhalten, von wo
ich dann in nicht sehr langer Zeit als Justizrat bei dem hiesigen
Land- und Stadtgericht einrücken solle. Auf diesen Plan konnte
ich aber nicht eingehen, da ich als früherer
westfälischer Beamter mich um die preußische Justiz
nicht bekümmerte und mir daher Landrecht und Gerichtsordnung
ganz fremd waren. Mich jetzt noch einzuarbeiten dazu hatte ich
keine Zeit.
Inzwischen verwaltete ich, ehe der neue Sekretär kam, vor wie
nach die vakant gewordene Stelle nebenbei und verdiente mir dabei
eine hübsche Summe Kommissionsgebühren als zugezogener
Protokollführer bei Testamenten sowie für Ver- und
Entsiegelungen, Aufnahme von Inventarien, Auktionen. Da diese
Geschäfte zum Teil auf dem Lande, besonders aber in Harsleben
vorkamen, so war ich die meisten Nachmittage abwesend. Als ich
eines Tages (1. Juli 1815) von einer Fahrt nach Harsleben zu Hause
zurückgekommen war, fand ich meine Familie durch die Geburt
meiner Tochter Ida vermehrt, wodurch ich eine angenehme
Überraschung hatte. Bei meinen vielen Geschäften musste
ich zwar das Besuchen des Klubs für den Nachmittag
größtenteils aufgeben, allein ich ging sehr häufig
abends zu Damm oder auch wohl zu Hellrung im Prinz Eugen, wo ich am
ersten Ort Spielpartien fand, an dem letzten aber zum vierstimmigen
Männergesang ging.
Eine Unannehmlichkeit hatte ich, da mir meine Wirtin, die
Rätin Kramer, die Wohnung kündigte, da die Wohnungen
dadurch, dass das Gouvernement mit seinem Heere von Beamten nach
Halberstadt gekommen war, begehrt waren, wodurch sie im Preise
bedeutend stiegen. Bisher hatte ich jährlich 60 Thaler Miete
bezahlt, sollte nunmehr 80 Thaler zahlen. Da ich darauf nicht
eingehen wollte, ließ ich es bei der Kündigung und
mietete mir eine neue Wohnung am Johannistor im Hause, welches der
minorennen Pensionärin im Kramerschen Hause, Friederike
Wenzlow, gehörte, wo ich für die Parterrewohnung auch 60
Thaler Miete bezahlte und mit dem Vormund einen Mietskontrakt auf
ein Jahr von Ostern 1816 abschloss. Als die Organisation eintrat,
das Gouvernement aufgelöst wurde und eine große Mengen
Familien Halberstadt verließen, hätte die Rätin
Kramer gern die früheren Verhältnisse hergestellt, allein
dieses ging nicht, da ich schon einen Kontrakt geschlossen hatte.
Wir haben übrigens unsere freundschaftlichen Beziehungen stets
beibehalten.
In dieser Zeit war es Napoleon zu Ende des Monats Februar 1815
gelungen, von der Insel Elba zu entwischen. Durch dieses ganz
unerwartete Ereignis hörten auf einmal die am Wiener Kongress
entstandenen Zwistigkeiten auf, man beschloss die Teilungen der
eroberten Provinzen, worüber man noch nicht disponiert hatte,
wodurch Preußen in den Besitz des halben Sachsens kam und
für den von ihm beanspruchten übrigen Teil desselben am
Rhein entschädigt wurde, und man musste überall wieder zu
den Waffen greifen, da wenigstens darin alle einig waren, Napoleon
wieder aus dem Besitz seines Kaisertums zu werfen. Die
verbündeten Truppen, namentlich Russen und Oesterreicher,
hatten bereits ihre Heere aus Frankreich entfernt und marschierten
in ihre Heimat zurück, wurden aber eiligst
zurückkommandiert. Um den ersten Angriff Napoleons mit Erfolg
zu bekämpfen, befanden sich noch in Belgien vier
preußische Armeecorps, deren Kavallerie aber
größtenteils aus Landwehr bestand. Diese wurden
schleunigst zwischen Charleroi und Namur zusammengezogen, um unter
Blüchers Anführung zu kämpfen. In dem anderen Teil
Belgiens hatte Wellington zu Brüssel eine Armee von
Engländern, Holländern, Belgiern, Hannoveranern,
Nassauern und Braunschweigern. Er verabredete mit Blücher den
Operationsplan, und beide Feldherrn waren entschlossen, bis zur
Ankunft der zurückberufenen Russen, Oesterreicher und
süddeutschen Truppen gegen Napoleon zu kämpfen.
Ein Armeecorps deutscher Kontingente unter dem preußischen
General v. Kleist wurde an der Grenze von Lothringen aufgestellt,
und so erwartete man die Operationen Napoleons mit
Entschlossenheit. Der alte Blücher, wie ihn das Volk nannte,
kam auf seiner Reise zu der in Belgien befindlichen
preußischen Armee durch Halberstadt und wurde am Tore mit
ungeheurem Jubel empfangen. Man wollte die Pferde vor seinem Wagen
ausspannen und ihn durch Menschen in die Stadt fahren lassen,
allein er wies es mit Ungestüm zurück. Begleitet von der
unermesslichen Volksmasse wurde er mit unaufhörlichen Hurras
bis in sein Absteigequartier begleitet, wo er, da der Lärm
kein Ende nehmen wollte, aus dem Fenster das Volk anredete und bat,
man möge ihn in Ruhe lassen, er sei ein kranker Mann, der
jetzt Erholung bedürfe. Er sei nur das Werkzeug gewesen,
dessen sich Gott bedient habe, um das Vaterland zu befreien. Seine
Rede war kräftig und fließend und hatte dann auch zur
Folge, dass sich nach und nach die ganze Volksmenge verlief, und
Blücher reiste am folgenden Morgen weiter.
Der König erließ ein neues Aufgebot der Freiwilligen,
welches mit dem größten Enthusiasmus befolgt wurde. Der
Teil der Armee, welcher bereits zurückgekehrt war, begab sich
wieder zurück nach den französischen Grenzen, und
allgemein sah man neuen Waffentaten entgegen. In der Mitte des Juni
mussten der Berechnung nach die Feindseligkeiten eröffnet
werden, und so
geschah es. Als nun die Nachricht von der ersten Schlacht bei Ligny
kam, wo Blücher nach Wundern von Tapferkeit eine große
Niederlage erlitt, wodurch sein Heer in großer Auflösung
sich zurückziehen musste und wo gleichzeitig Wellingtons Armee
bei Quatrebas auch keine Vorteile errang, dabei aber den tapferen
Herzog von Braunschweig verlor, da war ich wie vernichtet und sah
alles in den schwärzesten Farben. Bald nach diesen
betrübenden Nachrichten kam aber die frohe Botschaft von dem
glänzenden Siege, den Wellington und Blücher am 18. Juni
bei Bellealliance (oder Waterloo, wie die Schlacht von den
Engländern genannt wurde) über Napoleon erfochten hatten.
Es war eine Niederlage, wie eine solche die Franzosen noch nicht
erlitten hatten. Napoleon floh mit den Trümmern seines Heeres
über die französische Grenze, unaufhörlich von den
Verbündeten verfolgt, und bald war das stolze Paris wieder in
den Händen seiner Feinde, und Ludwig XVIII. bestieg wieder
unter deren Schutze seinen Thron. Napoleon entfloh nach den
Küsten und gab sich in die Hände der Engländer,
welche im Einverständnis mit den übrigen Verbündeten
ihn nunmehr als Gefangenen behandelten und ihn nach der einsamen
Insel St. Helena führten, wo er nach einigen Jahren seines
Lebens Ziel erreichte. Es kamen nun bei ihm Goethes prophetische
Verse in "Epimenides Erwachen" in Erfüllung:
Doch was dem Abgrund kühn entstiegen,
kann durch ein wunderbar Geschick
den ganzen Erdkreis überfliegen
zum Abgrund muss es doch zurück!
Schon fasst ein ungestümes Bangen,
vergebens wird er widersteh'n.
Und alle, welche an ihm hangen,
die müssen mit zugrunde geh'n! . . .
Als nun die übrigen Heere der Russen, Oesterreicher,
Preußen und Deutschen herankamen und über Frankreich
losbrachen, da sank dieses stolze Reich zusammen und musste sich in
Frieden die Bedingungen seiner Feinde gefallen lassen. Dennoch kam
Frankreich durch die Großmut der Alliierten, besonders des
Kaisers Alexander von Russland, noch insofern gut weg, als
Preußen und Oesterreich die Abtrennung von Elsass und
Lothringen, dieser alten deutschen Provinzen, nicht erlangen
konnten. Zu den Friedensbedingungen gehörte u.a. auch die
Zurückgabe der Kunstschätze, Gemälde, Statuen,
Bücher, Manuskripte und anderer kostbaren Gegenstände,
welche die Franzosen in ihren Kriegen seit der Revolution als
Siegesbeute aus allen Ländern Europas mitgenommen hatten.
Bereits im vorjährigen Pariser Frieden wollte besonders
Blücher die Herausgabe dieser geraubten Kunstschätze
bewirken, man konnte aber dieses Verlangen gegen den Kaiser
Alexander nicht durchsetzen. Hierbei war für uns Preußen
ein Triumph, der im ganzen Lande alles fiebrisch durchzuckte. Unter
anderem hatten die Franzosen die Viktoria auf dem Brandenburger
Tore in Berlin mitgenommen. Dieses Siegesdenkmal wurde jetzt auch
zurückgenommen und durch französische Wagen und Fuhrleute
nach Berlin gebracht, um an seinem alten Platze wieder aufgestellt
zu werden. In allen Städten und Dörfern, welche die
wiedererbeutete Viktoria berührte, wurden die Wagen mit
zahllosen Kränzen, Blumen, Bändern und Fahnen und
geschriebenen und gedruckten Versen in großer Menge
geschmückt, dass eine eigene Sammlung in Druck erschien,
welche ich unter meinen Büchern noch besitze. Überhaupt
war aber in Halberstadt seit der Nachricht von dem Siege bei
Bellealliance etc. der Jubel unbeschreiblich groß.
Es sollte aber für Halberstadt bald etwas Niederschlagendes
erfolgen. Die mit dem Anfang des Jahres 1816 stattfindende
Auflösung des Gouvernements und die Verlegung der
Zentralverwaltungsbehörden nach Magdeburg bewirkten
Niedergeschlagenheit und Entmutigung. Dass man Halberstadt
wenigstens das Oberlandesgericht ließ, hielt man nicht
für hinreichende Entschädigung, besonders für die
während der Fremdherrschaft erlittenen Verluste, besonders
durch Aufhebung des Domkapitels und der übrigen geistlichen
Güter; ja der Verkauf der zu diesen und den
säkularisierten Klöstern gehörenden bedeutenden
Äckern, Häusern und anderen Grundstücken wurde von
vielen für einen Verlust gerechnet, obgleich dieses mit der
Zeit für Halberstadt höchst vorteilhaft war. Halberstadt
hat eine Feldflur von 700 - 800 Hufen Landes, von welchen bisher
der größte Teil totes Land gewesen war.
Alles dieses kam zum Teil in kleinen Parzellen in die Hände
von fleißigen und geschickten Leuten, die es weit besser zu
benutzen verstanden, als es früher benutzt worden war.
Es änderten sich nunmehr alle Verhältnisse, und man
musste sich erst nach und nach an die neue Umgestaltung der Dinge
gewöhnen. Eine große Menge der Beamten, welche bisher
sich wohl befunden hatte, wurde zum Teil in ganz entfernte Gegenden
versetzt. Unser herrlicher Gesangverein, der uns so viel Freude
bereitet hatte, musste sich auch auflösen, da unser Dirigent
Ziegler zum Direktor des Land- und Stadtgerichts zu Quedlinburg und
Pechmann zum Justizrat bei demselben Gerichte ernannt wurde und
mehrere sonstige Teilnehmer desselben ebenfalls versetzt wurden.
Der Präsident von Gärtner wurde beauftragt, die
Gerichtsorganisation in den eroberten sächsischen Provinzen
vorzunehmen, und er begab sich ebenfalls fort. Da es ihm freistand,
zum Sitze des zu bildenden Oberlandesgerichts eine der drei
Städte Merseburg, Naumburg oder Zeitz zu wählen, so
entschied er sich für Naumburg. Er wurde Chefpräsident
desselben und nahm von Halberstadt drei Räte, Dalkowsky,
Steltzer und v. Seebach mit, um einen Kern von preußischen
Juristen zu haben, da auch sofort Landrecht und Gerichtsordnung
eingeführt wurden und die übrigen Räte aus
übernommenen Sachsen bestanden.
Das neue Oberlandesgericht trat mit dem 2. April 1816 in
Wirksamkeit. Der Präsident von Gärtner hatte auch meinen
Freund Panse als Sekretär mitgenommen und zum
Salarienkassenrendanten auch von Halberstadt den Rendant Nietes
mitgenommen. Der ehemalige Kammerdirektor Heyer wurde als
Vizepräsident an die neu errichtete Regierung zu Merseburg
versetzt, war jedoch bei seinem hohen Alter nicht imstande,
derselben mit gehöriger Energie vorzustehen. Ebenfalls wurde
mein alter Hauptmann v. Witzleben, mit dem ich sehr befreundet war,
als Domänenerheber nach Merseburg versetzt, obgleich er schon
mehrere Jahre an der Rückenmarkszehrung so erkrankt war, dass
er ohne Hilfe nicht von einem Stuhle sich zum anderen bewegen
konnte. Auch mein Freund Klein wurde als Domänenerheber nach
Erfurt versetzt.
Unser liebster Umgang war noch immer die Kramersche Familie,
obgleich wir nicht mehr Hausgenossen waren. Auch der älteste
Kramersche Sohn Carl wurde als Postsekretär nach Posen
versetzt. Auch der Postsekretär Herzberg kam von Halberstadt
weg. Unser Klub, auf dem ich so viele frohe Stunden verlebt hatte,
blieb zwar äußerlich in seiner früheren Existenz,
allein so manche Teilnehmer waren ebenfalls versetzt. Da hier die
gesellschaftlichen Zusammenkünfte abends acht Uhr ihr Ende
erreichten und meine Dienstverhältnisse mich in der Regel bis
sechs Uhr abends in Anspruch nahmen, so konnte ich nicht mehr wie
früher ungestört teilnehmen. Was mich anbetrifft, so
hätte ich undankbar sein müssen, wenn ich nicht anerkannt
hätte, dass ich mich in einer glücklichen Lage befand.
Meine Familie gesund, unsere drei Kinder gediehen und meine liebe
Frau hatte auch einen Zirkel von Freundinnen, mit welchen sie
manche frohe Stunde verlebte. Das einzige, was mich drückte,
war, dass ich aus der Registraturstelle nicht herauskommen konnte.
Ueber meine pekuniäre Lage konnte ich nicht klagen; ich hatte
in dieser Zeit ein hübsches Sümmchen erübrigt,
welches mir, wie ich erzählen werde, in dem
verhängnisvollen Jahre 1816 sehr zustatten kam.
Schon im Frühjahr hatten wir unaufhörlich Regen,
welches sich im ganzen Sommer fast unaufhörlich fortsetzte und
unseren Garten und Feldfrüchte überschwemmte und eine
totale Missernte herbeiführte. Da die vorangegangenen
Kriegsjahre schon Unglück, Not und Verarmung
herbeigeführt hatten, so stiegen alle Lebensbedürfnisse
zu unerschwinglichen Preisen ,und Jammern und Wehklagen hörte
man überall. Von Seiten der Regierung geschah zwar alles um
der Not nach Kräften zu steuern, allein sie war doch nicht
imstande, das Unglück ganz abzuwenden.
Zu dieser für alle trostlosen Lage kam nun für mich
meine stets wachsende Unzufriedenheit mit meiner Stellung als
Registrator. Ich querulierte bei dem Präsidenten v.
Gärtner und dem Oberlandesgericht fortgesetzt, wurde aber
stets abschlägig beschieden. Endlich wagte ich noch einen
Schritt, indem ich mich an den Justizminister wandte, ihm meine
Lage, meine Verhältnisse aus der wetfälischen Zeit
schilderte, daraus meine Ansprüche auf die
Sekretärsstelle zu begründen suchte, vertrauensvoll mich
seinem Wohlwollen empfahl und um Gewährung meiner Bitte
supplizierte. Meine gute Frau war ergeben, selbst wenn ich mich zu
einer Versetzung von Halberstadt entschließen müsse. Von
meinem Gesuch an den Minister erwartete ich wenig Erfolg, da
dasselbe im Grunde eine Beschwerde über das Oberlandesgericht
enthielt, und ich deshalb sogar einen Verweis erhalten konnte.
Allein ganz das Gegenteil erfolgte. Ich erhielt in der
kürzesten Zeit von dem Minister Kircheisen Abschrift eines an
das Oberlandesgericht erlassenen Reskripts, worin dasselbe
angewiesen wurde, mich zu der nächsten Sekretärsstelle in
Vorschlag zu bringen. Wer war wohl froher als ich, da ich bei
Gelegenheit Erlösung von den mir verhassten
Registraturgeschäften hoffen konnte. Da ich mit meinem nach
Naumburg als Sekretär an das Oberlandesgericht versetzten
Freund Panse in Briefwechsel stand, so verfehlte ich nicht, ihm von
dem mir so angenehm widerfahrenen Ereignis Nachricht zu geben und
äußerte dabei, dass ich mir gern eine Versetzung
gefallen lassen wolle, wenn ich dadurch früher zum Ziel meiner
Wünsche gelangen sollte.
Panse antwortete mit umgehender Post, äußerste seine
Freude und bemerkte, dass bei dem Oberlandesgericht in Naumburg
noch Sekretärsstellen zu besetzen wären und ich mich
daher sofort bei dem Chefpräsidenten v. Gärtner um eine
solche Stelle bewerben solle. Ich befolgte den Rat meines Freundes
und erhielt in kürzester Zeit von dem Herrn v. Gärtner
ein Reskript Naumburg d. 2. September 1816, worin er mir
bekanntmachte, dass auf seinen Vorschlag der Herr Minister mich zum
Sekretär des Oberlandesgerichtes zu Naumburg mit einem vom 1.
September zu beziehenden Gehalt von jährlich 600 Thalern
ernannt habe und mich aufforderte, meine Dienstverhältnisse in
Halberstadt schleunigst abzuwickeln, da Hilfe in Naumburg notwendig
sei.
Es machte dieses großes Aufsehen, da niemand erwartet hatte,
dass ich meinen Wohnsitz so leicht aufgeben könne und ich
allgemein beliebt war, so dass man mich ungern scheiden sah. Als
ich kaum meine Ernennung erhalten hatte, bot sich mir eine
Gelegenheit, in Halberstadt in demselben Verhältnis zu
bleiben. Ein neuer, bei dem Oberlandesgericht in Halberstadt
angestellter Sekretär mit Namen Heiland aus dem Eichsfelde
hatte sich in einer Beschwerde an den Justizminister nachteilig
über das Oberlandesgericht geäußert und es dadurch
unmöglich gemacht, daselbst zu bleiben. Deshalb wurde mir der
Vorschlag gemacht, mit demselben einen Tausch einzugehen, allein
ich lehnte es ab und beschloss, die Sache, die ich einmal
angefangen hatte, zu beendigen. Ich bat meinen Direktor,
Präsident Rosentreter, meine Entlassung aus meinen amtlichen
Verhältnissen und meine Abreise nach Naumburg zu genehmigen,
und fand bei ihm die höchste Willfährigkeit.
Ich schrieb nun an Panse, dass ich meine Abreise beschleunigen
und noch im September nach Naumburg kommen würde, und bat ihn,
mir eine Wohnung zu mieten. Da ich von ihm erfuhr, dass es schwer
sei, in Naumburg Möbels zu bekommen, indem daselbst kein
Möbelwagen sei und die Tischler durch neu anziehende Beamte so
beschäftigt wären, dass sie nichts fördern
könnten, so beschloss ich, von meinen Sachen außer
Betten, Wäsche Kleidung und Bücher auch meine besten
Mobilien mitzunehmen, und akkordierte deshalb mit einem Fuhrmann,
der es unternahm, einen großen Frachtwagen mit so viel
Mobilien, Schränken, Tischen, Stühlen und Bettstellen zu
beladen, als die Pferde nur würden ziehen können. Ich
akkordierte mit ihm auf 60 Thaler und versprach noch 5 Thaler
Douceur, wenn er die Sachen glücklich nach Naumburg
brächte. Es wurde darauf von ihm ein Wagen eingerichtet, der
so groß und künstlich beladen war, dass es schwer wurde,
ihn aus dem Tore zu bringen. Ich nahm so viel mit, dass ich
imstande war, drei Stuben und ein paar Kammern vollständig zu
möblieren. Bei meiner Versetzung hatte ich meinen Gehalt
für September schon ausbezahlt erhalten, und da meine neue
Stelle vom September begann, so zog ich für diesen Monat
doppelten Gehalt. Als mir der Präsident Rosentreter sagte, ich
solle den Monatsgehalt behalten, da ich es als kleine
Entschädigung für die Reisekosten rechnen könne, so
zahlte ich nicht zurück, und es ist mir auch späterhin
nicht abgefordert worden.
Es kam mir dieses auch dadurch gut zustatten, dass ich eine
höchst unangenehme Ausgabe von 30 Thalern zu bestreiten hatte.
Als ich nämlich die Wohnung bei der Rätin Kramer
verließ, hatte ich mir auf ein Jahr eine Wohnung vom
Johannistor im Wenzlowschen Hause für 60 Thaler gemietet. Da
ich nun schon nach 1/2 Jahr von Halberstadt nach Naumburg versetzt
wurde, so hatte ich noch 1/2 Jahr zu wohnen, konnte aber niemand
finden, der die Miete für mich übernahm, und musste nun,
da das Haus einer Minorennen gehörte, auf Verlangen des
Vormundes die halbjährige Miete von 30 Thalern entrichten.
Jetzt war vor meiner Abreise ein schwerer Entschluss zu fassen, ob
ich nämlich die Abreise vorläufig allein machen und Frau
und Kinder zurücklassen oder ob wir sogleich sämtlich
nach Naumburg übersiedeln sollten. Der Entschluss war schwer,
da meine Frau bis zu ihrer Niederkunft noch 6 Wochen Zeit hatte.
Sie selbst war entschlossen, mich mit unseren drei Kindern zu
begleiten, und als unser zu Rat gezogener Arzt, der Medizinalrat
Büttner, seine Einwilligung gab, so wurde unsere Abreise in
den nächsten Tagen beschlossen. Vor allen Dingen beauftragte
ich meinen Freund Panse, mir eine anständige, nicht zu teure
Wohnung zu mieten. Er schrieb mir darauf, es sei ihm zwar endlich
gelungen, mir eine Wohnung in dem Teile der Stadt, welcher die
Domfreiheit genannt würde, in einem Brauhause, genannt: "die
grüne Tanne", nahe am Othmartore zu mieten, die für eine
jährliche Miete von 80 Thalern mir drei Stuben, eine Kammer,
Küche und kleines Holzgelass gewähre. Da ich sie aber
erst zu Michaelis beziehen könne,bat er mich daher, in dem
Gasthof zum grünen Kreuz, wo er seinen Mittagstisch habe, zu
bleiben, da der Wirt ein höchst billiger Mann sei. Es blieb
mir nicht übrig, als in den Vorschlag einzugehen, ich
beauftragte also Panse, für mich abzuschließen und uns
vor der Hand in dem grünen Kreuze ein vorläufiges
Unterkommen zu sichern.
Da mir nun nichts mehr im Wege stand, so hielt ich Auktion mit
den Sachen, die ich nicht mitnehmen konnte, um mir das
erforderliche Reisegeld zu verschaffen. Außer dem Wagen mit
den Sachen, die ich nach Naumburg mitzunehmen beschlossen hatte,
mietete ich noch für unsere Familie und das
Dienstmädchen, welches uns zu begleiten sich erboten hatte,
einen Kutschwagen, wofür ich noch 25 Thaler zu bezahlen hatte.
Die zweite Tochter der Medizinalrätin Kramer namens Nanni bat
uns, sie bis Eisleben mitzunehmen, und da wir uns im Wagen
einrichten konnten, so waren wir erbötig, sie mitzunehmen. In
Eisleben erwartete Nanni Kramer einen Wagen, der sie nach dem etwa
eine Stunde davon entfernten Dorfe Hedersleben bringen sollte. Es
ist daselbst eine dem Prinzen August von Preußen
gehörende Domäne, welche von einem Oberamtmann
Morgenstern erpachtet war, dessen Mutter noch lebte, welche Nanni
Kramer besuchen wollte. Der Oberamtmann Morgenstern war
verheiratet, jedoch von seiner Frau, welche einen schlechten Ruf
hatte, geschieden. Er hatte mit derselben eine Partie Kinder und
war in seiner Wirtschaft durch seine Frau und seine eigne Lebensart
zurückgekommen. Auch seine Mutter stand in ganz schlechtem
Renommée. Hedersleben war beständig voll Besuch, wo es
üppig und verschwenderisch zuging. Man wunderte sich, dass
Nanni Kramer diese Frau besuchte, allein nach kurzer Zeit
klärte es sich auf, da sie sich mit Morgenstern verlobte und
ihn bald darauf heiratete. Da sie von der Landwirtschaft als eine
Stadtdame nichts verstand, so erwartete man von dieser Verheiratung
nicht viel Glück, allein es kam anders.
Die junge Frau, die viel Verstand hatte, sah bald ein, dass sie,
wenn nicht alles zugrunde gehen sollte, kräftig eingreifen und
sich der Wirtschaft selbst annehmen müsse. Sie wirkte mit
Liebe und Vertrauen auf ihren Mann, suchte ihn selbst auf den
richtigen Weg zu leiten, stellte sich selbst an die Spitze der
inneren Wirtschaft, lernte bald alles, was dazu gehörte, hielt
das Gesinde in Ordnung und brachte es in einiger Zeit dahin, dass
man sie allgemein als eine der ersten Wirtinnen in der ganzen
Grafschaft Mansfeld anerkannte. Sie wurde selbst Mutter einer Reihe
Kinder, die sie mit den Kindern erster Ehe sorgfältig erzog.
Als ihr Mann seine Pachtung aufgab, hatten sie so viel erworben,
dass sie selbst sich eine Besitzung in der Nähe von Eisleben
erwarben, wo sie bis zum Tode des Oberamtmann Morgenstern lebten.
Die Kinder sind jetzt alle versorgt, und die Witwe lebt jetzt in
Halle.
Nach dieser Episode will ich in meiner Geschichte fortfahren.
Nachdem ich alles zu meiner Abreise vorbereitet hatte, machte ich
mit der Mutter bei unseren näheren Bekannten die
Abschiedsbesuche, wobei wir oft wehmütige Betrachtungen
über unser in vieler Beziehung glückliches Leben zu
machen hatten, welches besonders bei der Kramerschen Familie, mit
der wir so glückliche Tage verlebt hatten, der Fall war. Auch
der Abschied von meinem alten Gönner Jäger wurde mir sehr
schwer, sowie auch von meinem jetzigen Vorgesetzten, dem
Präsident Rosentreter, der mir sein Wohlwollen stets erhalten
hatte. Ihr könnt euch überhaupt nicht vorstellen, meine
lieben Kinder, wie uns zu Mute war, aus Zirkeln von Freunden und
Bekannten zu scheiden, wo wir so viel Teilnahme gefunden
hatten.
Jetzt galt es vor allen Dingen erst eine glückliche
Übersiedlung in die neue Heimat. Die weite Entfernung, das
fast noch immer fortdauernde schlechte Wetter boten allerdings noch
Bekümmernisse vielfacher Art. Dazu kam, dass die Wege, wo
überall noch nicht einmal Chausseen sich befanden, an vielen
Stellen grundlos waren, so dass man in Gefahr geriet, mit dem
Fuhrwerk umzuwerfen oder stecken zu bleiben. Es war in der Mitte
des Monats September 1816, den Tag weiß ich nicht genau mehr,
jedoch bemerke ich, dass ich in dem Halberstädter
Wochenblatte von Gönnern, Freunden und Bekannten Abschied nahm
und das Datum desselben der 18. September war. Als wir Halberstadt,
nachdem unser Möbelwagen schon fort war, da er bei den weiten
und schlechten Wegen mehrere Tage als unsere Kutsche zubringen
musste, verließen und den zweiten Tag nach der Abreise in
Naumburg ankamen, nachdem wir Nanni Kramer in Eisleben, von wo sie
nach Hedersleben nur zwei kurze Stunden hatte, abgesetzt und von
ihr Abschied genommen hatten. Der treue Panse hatte schon für
uns nach Kräften gesorgt, in unserem einstweiligen Quartier
die nötigen Verabredungen getroffen und führte uns ein in
den Gasthof zum grünen Kreuze auf der Freiheit am Steinweg
gelegen, woselbst wir zwei schöne Zimmer parterre erhielten,
wo wir uns bis zum Einzuge in unsere neue Wohnung einzurichten
hatten. Wegen Wohnungsmiete, Betten und Beköstigung für
Morgen, Mittag und Abend konnte ich zwar nicht contrahieren, aber
Panse versicherte uns, dass der Wirt namens Gröschel ein
billiger Mann sei, der uns gewiss nicht überteuern werde, und
so fanden wir es auch, als wir diese Wohnung verließen.
Unsere Mobilien waren auch bereits glücklich und
unbeschädigt einpassiert und in unserer künftigen Wohnung
aufbewahrt. Wir konnten jedoch vorderhand an Ruhe nicht denken, da
unsere Wohnung erst zu Anfang des Monats Oktober bezogen werden
konnte. Dazu kam noch, dass wir in Naumburg keine befreundete
Familie hatten, von welcher wir treuen Rat und nötigenfalls
Unterstützung bei vorkommenden Bedürfnissen in Anspruch
nehmen konnten. Panse konnte bei dem besten Willen uns nicht
überall hilfreich zur Seite stehen, und bald gewahrten wir
auch, dass die Bewohner Naumburgs zwar freundlich und wohl auch
zuvorkommend waren, aber doch Vorurteile und mitunter auch Hass
gegen alles, was preußisch war, unverhohlen an den Tag
legten, Deshalb war es schwer, einen Zirkel zu finden, dem man sich
mit Vertrauen anschließen konnte. Es war dies besonders
für meine arme Frau betrübend, da sie in ihren jetzigen
Umständen Bekanntschaften zu machen außerstande war.
Folgt. Aus meiner frühsten Jugendzeit.
Der entdeckte Raubmord
Die gerichtliche Aufhebung eines Leichnams.
Die gute alte Zeit.

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