
Rückerinnerungen aus der Zeit nach Beendigung meiner
Universitätsjahre bis nach meiner Verheiratung (1. Teil)
Durch Annahme der mir offerierten Hauslehrerstelle bei dem
Apotheker Röhl zu Harzburg war ich vorderhand, in Ansehung
meines bisherigen unsteten Lebens, zu einiger Ruhe gekommen und
konnte nunmehr für den Winter mich gesichert halten.
Harzburg, welches nun mein einstweiliger Aufenthalt wurde, war
eine Braunschweigische Enklave zwischen preußischem und
hannoverschem Gebiete, und zwar eine fürstliche Domäne,
zu welcher sieben Dörfer gehörten (Büntheim,
Neustädt, Schleverke, Ocker, Westerode, Bettingerode und
Haslingerode), welche zusammen das Amt Harzburg ausmachten. Von
diesen Dörfern war Büntheim der Wohnort meines
Prinzipals, wo derselbe sich die Apotheke eingerichtet hatte. Die
Familie, in welcher ich nunmehr aufgenommen wurde, bestand aus dem
Elternpaar und drei Kindern, einem Knaben von sechs Jahren und zwei
Mädchen, von welchen das ältere siebzehn, das
jüngere aber zehn Jahre alt war. Der Knabe Theodor und das
jüngste Mädchen Amalie waren meine Zöglinge, deren
Bildung und Unterricht mir anvertraut wurde. Die älteste
Tochter Auguste hatte bereits in Braunschweig in einer
Pensionsanstalt ihre Bildung vollendet. Als ich in Büntheim
mich vorstellte, wurde ich sehr freundlich und zutraulich
empfangen, und ich konnte bereits wahrnehmen, dass mein Aufenthalt
in dieser Familie nicht unangenehm sein würde. Herr Röhl,
der bereits fünfundfünzig Jahre alt war, kam mir sogleich
mit Vertrauen entgegen und stellte mir meine künftigen Eleven
vor, an denen ich muntere, frohe und wohlerzogene Kinder erkannte.
Madame Röhl, auch etwa im Alter ihres Mannes, war eine
schlichte Frau, hatte aber in ihrem Benehmen etwas Zutrauliches,
welches sogleich für sie einnahm. Die älteste Tochter
Auguste war ein sehr hübsches Mädchen, welches sogleich
angenehmen Eindruck auf mich machte. Dem Vernehmen nach war sie mit
meinem Freunde Schlüter verlobt, jedoch ergab sich
später, dass Schlüter und seine Eltern dabei nur Geld vor
Augen hatten.
Herr Röhl schien ein wohlhabender Mann zu sein, da er
außer seiner schuldenfreien Apotheke noch
Feldgrundstücke besaß. Er hatte mit ganz geringen
Mitteln durch Fleiß, Umsicht und genaue Wirtschaft, wobei ihm
seine umsichtige Hausfrau überall zur Seite stand, sich nach
und nach dieses Vermögen erworben und bestrebte es sich, es
auch noch zu vermehren. Er war ein höchst genauer, sogar
geiziger Mann, der wegen eines Pfennigs Wert außer sich vor
Entrüstung kommen konnte, und sich freute, wenn er bei seinem
Materialwarengeschäfte, welches er nebenbei betrieb, an
irgendeinem Handelsartikel einen, wenn auch nur kleinen Nutzen
hatte. Dabei war er aber höchst redlich und hinterging
niemanden. Das Apothekergeschäft betrieb er mit zwei Gehilfen,
mit denen ich bald bekannt wurde und welche gegen mich sehr
höflich und freundlich waren, mir auch Gefälligkeiten
erwiesen, wo sie nur konnten.
Zu den Hausfreunden im Röhlschen Hause gehörte auch
ein Diätenschreiber Hartung, der in einer Sägemühle,
welche einem Kaufmanne in Blankenburg gehörte, dessen
Rechnungsführer er war, wohnte. Es war dieses ein sehr braver
und nicht ungebildeter Mann, der besonders ein enthusiastischer
Freund der Musik war, Klavier und Orgel spielte, auch selbst kleine
Lieder komponierte. Da er wahrnahm, dass ich auch ein Verehrer der
Musik war und etwas singen konnte, so wusste er mich zu animieren,
die Musikübungen wieder hervorzuholen, um so mehr, da ein,
wenn auch schlechtes Klavier im Hause war. Ich ging darauf ein,
verschrieb mir aus einer Buchhandlung zu Wolfenbüttel mehrere
Gesangstücke, vorzügliche Lieder und Balladen von
Zumsteeg, übte sie mir ein, und da auch die älteste
Tochter Auguste Musikunterricht gehabt hatte und eine hübsche
Stimme besaß, so wurde viel musiziert.
Noch wurde ich mit einigen Forstbeamten, die mitunter Herrn
Röhl besuchten, insonderheit mit zwei Förstern, Kunitz
und Kobus, bekannt, welcher letzterer mich bat, an dem von mir
erteilten Unterricht auch seinen elfjährigen Sohn, den er bald
nach Blankenburg auf die Schule schicken wollte, teilnehmen zu
lassen. Ich war dazu bereit, und ich ließ mir dafür
vierteljährlich zehn Thaler versprechen. Der Knabe kam nun
täglich, obgleich das Kobussche Försterhaus gewiß
eine halbe Stunde von uns entfernt war, unverdrossen, und ich
gewann ihn als einen guten und fleißigen Knaben sehr lieb. Da
mir Herr Röhl eine eigene, sehr hübsche Stube
eingeräumt hatte, worin alle erforderlichen Bequemlichkeiten
waren, so richtete ich mein neues Leben auf das Beste ein.
Um mich in der englischen Sprache auszubilden, da ich mein
Vorhaben, nach Amerika zu gehen, noch immer nicht aufgegeben hatte,
lieh ich mir von meinem Freunde Siemens in Goslar eine englische
Grammatik, ein Wörterbuch und noch einige englische, aber auch
juristische Bücher, und studierte des morgens darin, bis der
Unterricht begonnen wurde. Diesen erteilte ich vormittags mehrere
Stunden, mitunter auch nachmittags. Kaffee und Frühstück
wurden mir auf mein Zimmer geschickt, mittags und abends aber
aß ich mit der Familie. Unter denen, welche ich während
meines Aufenthaltes in Harzburg kennenlernte und die ich auch noch
immer gern im Gedächtnis behalten habe, war auch der über
das fürstliche Gestüt gesetzte Stallmeister Schäfer,
ein schon sehr alter, aber würdiger Mann, der auch öfter
in die Apotheke kam. Er hatte eine Nichte bei sich, die auch schon
in Jahren passiert war und späterhin noch einen Bruder der
Madame Röhl, einen Pastor Küster zu Beyerstedt,
heiratete.
In dem Sommer 1807 kam auch mehrmals Besuch von Verwandten.
Dahin gehörte ein Prediger Henke zu Braunschweig mit seiner
Frau, einer Schwester der Madame Röhl. Meine beiden
ältesten Söhne haben auf einer Reise über
Braunschweig diese Familie Henke besucht und sind sehr freundlich
aufgenommen. Auch besuchte uns eine Verwandte Wilhelmine
Küster, eine
Bruderstochter der Madame Röhl, die mit Auguste in einem Alter
und ein sehr hübsches Mädchen war. Diese war von ihrem
Onkel, dem vorgedachten Pastor Küster aufgenommen und da sie
keine Eltern mehr hatte, bei ihm erzogen worden. Meinen Kindern
wird sie wohl bekannt sein, da sie späterhin den herrlichen,
leider so früh verstorbenen Schuldirektor Dölecke zu
Schleusingen heiratete und oft bei uns gewesen ist. Ihre drei
Töchter, die Frau Rechtsanwalt Simon zu Suhl, die
Kreisgerichtsrätin v. Dittfurt zu Lübbecke und die
Regierungsrätin Schmidt zu Arensberg, sind ja uns jetzt noch
sehr lieb. Die Mutter, Witwe Dölecke, lebt jetzt noch bei
ihrer Tochter der Frau v. Dittfurt. Auf dem herzoglichen
Domänenamte zu Harzburg suchten auch die Söhne des
Oberamtmanns Knoblauch meinen Umgang, allein ich vermied diesen, da
ich meinen Umgang beschränken wollte und auch gegen Oekonomen
Vorurteile hatte.
Das bei weitem wichtigste Ereignis in dieser Zeit war meine
Verlobung mit Auguste, der ältesten Tochter meines Prinzipals.
Schon bei meiner Ankunft in Harzburg machte sie auf mich, nicht
bloß wegen ihres reizenden Auesseren, sondern auch wegen
ihres heiteren Sinnes und ihrer Wirtschaftlichkeit großen
Eindruck. lch hielt mich jedoch im Umgang mit ihr zurück, da
sie, wie ich vermutete, schon mit Schlüter verlobt war, ich
auch von jeher in Gesellschaft von Frauenzimmern schüchtern
und blöde war. Auf der Universität nannte man mich sogar
einen Weiberfeind. Bald sah ich ein, dass das Verhältnis mit
Schlüter von dessen Seite einen höchst eigennützigen
Grund hatte. Dessen Mutter, eine höchst intrigante Frau, war
häufig in Geldnot und wollte das Verhältnis mit
Röhls dazu benutzen, hier eine leichte Geldquelle sich zu
verschaffen. Da Herr Röhl sich jedoch bei ferneren Darlehn
weigerte, so entstand eine Kälte zwischen den Familien, die
auch bald auf Carl Schlüter mit einwirkte, so dass er bald ein
anderes Liebesband knüpfte. Von Schlüters Seite hatte ich
also ein Hindernis nicht zu erwarten, und da Auguste gegen mich in
der Regel sehr freundlich war, so hätte ich mich wohl einer
Bewerbung um ihr Herz hingeben können. Davon hielt mich jedoch
mein Verstand ab, denn wie konnte ich mich um ein Mädchen
bewerben, da ich weder eine Stelle mit hinreichendem Gehalt, noch
eigentümliches Vermögen besaß und dergleichen nicht
einmal in Zukunft erwarten konnte, so musste ich mich
zurückhalten und dachte auch schon daran, meinen jetzigen
Aufenthaltsort aufzugeben. Allein ich war schon halb verblendet,
Tag und Nacht schwebte mir Auguste vor Augen, ich war
glücklich, wenn sie freundlich war und höchst
unglücklich, wenn ich glaubte, sie zürne mir. Mein
Gemütszustand war mitunter ganz verzweifelt, und ich wusste
nichts anzufangen, hatte dann mitunter eine förmliche Wut auf
Auguste, da ich glaubte, sie spiele mit mir.
Eines Tages, es wir am 13. Mai 1807, ging ich mit Auguste im
Garten spazieren, wo wir ein trauliches Gespräch miteinander
führten. Dabei kam, ehe wir es uns versahen, Liebe mit ins
Gespräch, und die Geständnisse gegenseitiger Zuneigung
waren eine Folge davon. Die Eltern Augustes, denen ich mich
natürlich eröffnete, gaben zwar ihre Zustimmung, machten
es aber natürlich davon abhängig, dass ich mir eine
selbständige Stellung verschaffen würde, wobei ich eine
Frau ernähren könnte. Wir verlebten nunmehr angenehme und
süße Stunden, und ich gewann die vollkommene
Ueberzeugung, dass Auguste mir von Herzen ihre volle Liebe schenke.
Sie wusste, dass das Ziel unserer Verbindung auf Jahre
hinausgerückt werden müsse, allein das betrübte sie
nicht, und sie versicherte, dass sie gern warten wolle. Sie
bestätigte dieses auch dadurch, das sie den Heiratsantrag
eines Apothekers aus Goslar, eines wohlhabenden Mannes, mir zuliebe
sofort von der Hand wies.
Eine Störung unseres süßen Verhältnisses
fand aber bald statt. Bei Annahme der Stelle als Hauslehrer hatte
ich mit Herrn Röhl gar nicht über die Bedingungen
contrahiert, da mir dies peinlich war und da ich weit von Eigennutz
entfernt war. Der geizige Mann erfrechte sich aber, mir für
das Jahr, ich weiß nicht genau, ob dreißig oder vierzig
Thaler zu bewilligen. Diese unwürdige Behandlung verletzte
mich im Innersten, und ich beschloß aus meinem
gegenwärtigen Verhältnissen sofort zu scheiden. Wohin ich
mich im Falle des Scheidens wenden wollte, wusste ich noch nicht.
Sehr schmerzhaft war es mir, die Verhältnisse gegen Auguste
aufzugeben, da sie mit meinem Lebensglück so innig in
Zusammenhang sich befanden. Mit wundem Herzen schrieb ich an
Auguste einen Brief, worin ich in Beziehung auf mir von ihrem Vater
widerfahrene unwürdige Behandlung ihr eröffnete, dass ich
unter den obwaltenden Umständen nicht ferner bleiben
könne. Dabei sagte ich ihr ferner, dass ich bei der
Unsicherheit meiner Lage sie nicht in Unglück stürzen,
vielmehr das unter uns geschlossene Band auflösen und ihr die
völlige Freiheit schenken wolle. Auguste hatte nun, da sie
mich wirklich liebte, den Brief ihrer Mutter gezeigt, und diese
vortreffliche Frau, die wie eine Mutter gegen mich dachte und
handelte, kam zu mir und sagte, ich solle mich durch das Verfahren
ihres Mannes, welches sie in dieser Beziehung auch nicht billigen
könne, nicht zu einem übereilten Entschlusse verleiten
lassen. Auguste sei untröstlich über meinen Entschluss
und habe sie um Vermittlung gebeten. Sie habe mich sehr lieb und
wolle auch das Glück ihrer Tochter, weil sie glaube, dass
diese nur durch mich glücklich werden könne. Sie erbot
sich nunmehr, mich wegen des von ihrem Manne mir zugedachten
Gehaltes aus ihren Mitteln nicht allein zufrieden zu stellen,
welches sie auch sogleich durch Einhändigung einer Geldrolle
tat, sondern auch für die Zukunft für mich besorgt zu
sein. Nicht die so reellen Zusicherungen, sondern
hauptsächlich die liebevollen Bitten und Worte der guten, mir
so werten Frau, riefen einen Zauber in meinem Herzen hervor, und
ich erbot mich zu bleiben, bis ich Gelegenheit fände, für
mein zukünftiges Fortkommen bedacht zu sein. So war nun alles
wieder im Gleise und auch Herr Röhl war zufrieden und erfreut,
mich noch zu behalten.
Es war in diesem Jahre 1807 im Juni der unglückliche
Tilsiter Frieden geschlossen, wodurch unser König die
Hälfte seines Landes, auch das Fürstentum Halberstadt an
Napoleon abtreten musste. Es war bestimmt worden, dass aus den
links der Elbe gelegenen, ehemaligen preußischen Provinzen,
aus dem Kurfürstentum Hessen, dem Herzogtum Braunschweig und
einigen Hannoverschen Besitzungen ein neues Königreich mit dem
Namen "Westfalen" gebildet und dieses von Napoleon seinem
jüngsten Bruder Hyronimus Napoleon zuteil werden solle. Um mir
nunmehr Gelegenheit zu verschaffen, in diesem neuen
Königreiche dereinst ein Unterkommen zu verschaffen, beschloss
ich, mit Anfang des Jahres 1808 nach Halberstadt
zurückzukehren und die juristische Carriere zu machen. Deshalb
wollte ich mich zum Auskultatorexamen melden, weil ich dann
erwarten konnte, mit der Zeit mir eine Anstellung zu verschaffen.
Woher ich die Mittel nehmen sollte, dieses zu erreichen, wusste ich
nicht, also musste ich wieder auf Abenteuer losgehen, und das
Glück versuchen. Deshalb wandte ich mich nunmehr nach Halle,
wo ich um Erteilung meiner Universitätszeugnisse schriftlich
nachsuchte. Diese erhielt ich auch nach und nach, und nachdem ich
diese und die übrigen erforderlichen Schriftstücke
zusammengebracht hatte, wandte ich mich an das
Landesjustiz-Collegium zu Halberstadt, welches damals Regierung
genannt wurde. Um das Schicksal meines Antrages, zum
Auskultatorexamen gelassen zu werden, bald zu erfahren, beschloss
ich, selbst nach Halberstadt zu reisen und mein Gesuch dem
Regierungspräsidenten von Riedesel, einem würdigen, mir
seit lange bekannten Manne persönlich zu überreichen.
Ich kam also in meinem lieben Halberstadt an, welches ich seit 6
Jahren nicht gesehen hatte, und wurde bei dem Präsidenten
vorgelassen. Von demselben erhielt ich aber wenig Beruhigung. Er
sagte mir, dass jetzt eine ungünstige Zeit sei und niemand
wissen könne, was die Zukunft bringen werde. Die Behörde
dürfe nicht wagen, Prüfungen zu veranstalten, wodurch
Aussichten auf Anstellungen begründet werden könnten. Ich
solle daher darauf gefasst sein, einen abschlägigen Bescheid
zu erhalten, möge jedoch auf sein Wohlwollen rechnen.
Ich reiste daher unglücklich nach Harzburg zurück, wo
ich nun die Bescheidung auf mein Gesuch ruhig abwartete. Diese kam
denn auch bald und fiel aus, wie ich sie erwarten musste nach der
Unterredung mit Riedesel. Es wurde mir von der Regierung
eröffnet, dass sie vorderhand nicht ermächtigt wäre,
Rechtskandidaten zum Auskultatorexamen zuzulassen. Indessen solle
mir, um mich auszubilden, gestattet sein, als Protokollführer
beschäftigt zu sein, und wenn ich darauf eingehen wolle, mich
dem Magistrat zu Halberstadt, dem die Jurisdiktion über die
Stadt zustand, beschäftigen zu lassen, weshalb ich mich bei
dem Bürgermeister, Kriminalrat Jaeger, melden möge. Da
ich die aufgestellten Gründe würdigen musste, so fasste
ich den Beschluss, den mir offengelassenen Weg zu betreten, umso
mehr, da ich doch wenigstens Gelegenheit hatte, dabei die
Jurisprudenz praktisch kennenzulernen und doch Zeit hatte, mich
auch theoretisch fortzubilden. Die Röhl'sche Familie, so
ungern sie mich verlor, war doch einverstanden, und da das
Königreich Westfalen mit Anfang des Jahres 1808 constituiert
werden sollte, so setzte ich meine Abreise auf den Neujahrstag 1808
fest. Von Herrn Röhl erhielt ich zu diesem Zwecke eine Summe
von 40 oder 50 Thalern, und zwar in lauter preußischen
Groschen, deren Kurs schon damals reduziert werden sollte, und
wobei ich wahrscheinlich Einbuße zu erwarten hatte, als einen
Vorschuss oder vielmehr als ein Darlehen.
Ich machte mich also auf die Reise, hatte 65 Thaler, aber
außer 12 Thalern, welche ich noch ausstehen hatte und auch
erhob, hatte ich gar keine Hilfsmittel. Dazu gehörte
übrigens viel, denn wenn die juristische Laufbahn wie in
Preußen blieb, so musste ich wohl 4 - 6 Jahre umsonst dienen,
und woher die Mittel nehmen? Auguste, der ich dies eröffnete,
sprach mir aber guten Mut ein und versprach, dass sie mir treu
bleiben werde, auch wenn die Zeit meiner Versorgung noch so lange
dauern werde. Als ich am 2. Januar 1808 in Halberstadt ankam,
meldete ich mich mit meinem Regierungsreskripte sofort bei meinem
künftigen Chef, dem Justizbürgermeister, Kriminalrat
Jaeger, wurde von ihm freundlich und vertrauenerweckend empfangen
und auf den folgenden Tag zu meiner Verpflichtung und
Einführung auf das Rathaus beschieden. Sodann mietete ich mir
auf dem Markte eine Wohnung bei einem Beutlermeister Nagel, wo ich
eine freundliche Stube und eine Kammer mit einem Bett erhielt und
freundliche Wirtsleute hatte. Ich traf in Halberstadt noch eine
Menge Schul- und Universitätsfreunde, die mich mit Liebe
empfingen.
Den folgenden Tag begab ich mich auf das Rathaus, wo ich im
Sessionszimmer mit dem Diensteide belegt und dem Kollegium
vorgestellt wurde. In Halberstadt existierten damals noch
wenigstens acht verschiedene Gerichtsbarkeiten. Der Magistrat hatte
den größten Teil der Stadt, namentlich die eigentliche
Bürgerschaft, und bestand das Kollegium aus drei Mitgliedern,
erstens dem Kriminalrat Jaeger, zweitens dem Stadtrichter Fischer,
drittens dem Syndikus und Sekretär, Kriminalrat Mahlmann.
Meine vorläufigen Funktionen bestanden damals in Führung
der Protokolle in Zivil- und Kriminalsachen, Expedieren von
Hypothekenscheinen u.a., teils auf dem Rathause und teils in den
Gefängnissen und im Hause des Stadtrichters Fischer, der
besonders die Untersuchungssachen als Inquirent zu leiten hatte.
Der Registrator hieß Thielebein. Alle drei Mitglieder des
Kollegiums waren humane Männer, deren Betragen gegen mich
äußerst wohlwollend war und die sich bemühten, mir
mein langweiliges Geschäft so erträglich als möglich
zu machen.
Jaeger galt in ganz Halberstadt für einen ausgezeichneten
Juristen, der besonders als Inquirent in Untersuchungssachen einen
bedeutenden Ruf hatte. Er war einige fünfzig Jahr alt, hatte
ein imponierendes Wesen, eine donnernde Stimme, starke Augenbrauen
und flößte jedem, der mit ihm in Rechtsangelegenheiten
zu tun hatte, Respekt ein. Im Umgang war er äußerst
freundlich, liebte Scherz und nahm es nicht übel, wenn man
darauf mitunter vielleicht wohl dreist und vorlaut einging. Er
hatte besonders große Liebe bei den Bürgern, indem
jeder, wer bei ihm Rat oder Trost suchte, sich darauf verlassen
konnte, dergleichen zu finden. Dabei wusste er aber auch
überall seinen Vorteil wahrzunehmen und hatte Personen, deren
Vertrauen er besaß, auch wohl disponiert, ihm in ihren
Testamenten Legate auszusetzen. Eine Hauptleidenschaft war seine
Liebe zu Frauenzimmern. Seine Frau war sowie auch eine erwachsene
Tochter kurz vorher, ehe ich nach Halberstadt kam, gestorben.
Er hatte außerdem noch drei Kinder, eine Tochter und zwei
Söhne. Die Tochter Emilie, ein höchst
liebenswürdiges Mädchen und eine Freundin der Mutter
verheiratete sich später mit dem Justizkommissar Quidde, einem
geschickten und höchst angenehmen jungen Mann, der aber leider
der Spielsucht ergeben war. Solange sein Schwiegervater Jäger
noch lebte, war er vorsichtig, aber nach dessen Tode verspielte er
große Summen besonders in der Spielbank zu Cöthen, griff
dabei fremde Gelder an und verspielte auch das von seiner Frau
erhaltene Vermögen. Er ist etwa vor 10 Jahren gestorben. Die
arme Frau geriet dadurch in große Not und hatte
außerdem noch den Kummer, dass ihr ältester, höchst
talentvoller, bereits als Lehrer angestellter Sohn sich in dem
tollen Jahre 1849 in den Revolutionstrubel ziehen ließ und
seine Stelle aufgeben musste. Die unglückliche Frau lebt jetzt
noch in Halberstadt. Der älteste Jägersche Sohn studierte
noch im Jahre 1806 mit mir zu Halle und ging zur Vollendung seiner
Studien nach Aufhebung der Universität Halle nach Helmstedt.
Er starb einige Jahre nach seiner Anstellung im
Präfekturbüro zu Halberstadt. Der zweite Sohn war damals
noch auf dem Domgymnasium und hatte ganz den Jägerschen Geist.
Der Vater musste ihn eines Vorfalls wegen von der Schule wegnehmen,
und da er schon früh Lust zum Militärdienst gehabt hatte,
so brachte ihn der Vater in ein Jägerbataillon in Schlesien,
wo er alsbald Offizier wurde und vielleicht noch dort lebt. Ich
habe seinen Namen noch später in der Rangliste gesehen.
Das zweite Mitglied des Magistratskollegiums war der
Stadtrichter Fischer, ein noch jüngerer Mann, mit dem ich noch
die Domschule besucht hatte, der mich besonders in Untersuchungs-
und Hyppothekensachen beschäftigte, der späterhin
Friedensrichter in Schwanebeck und dann, als das Land wieder an
Preußen kam, Justizrat bei dem Land- und Stadtgericht zu
Halberstadt wurde, wo er kurze Zeit hernach starb.
Der dritte war der Kriminalrat Mahlmann, der bei dem Magistrat
Syndikus und Stadtsekretär wurde, ein alter, drolliger Mann,
der wegen seiner Länge den Spitznamen "Ascherslebner Turm"
erhalten hatte. Seine beiden Söhne waren mit mir auf der
Schule und Universität gewesen. Der älteste ist hier in
Naumburg als Vizepräsident des Oberlandesgerichts gestorben,
sein jüngerer Bruder war Oberlandgerichtssekretär in
Halberstadt und ist dortselbst gestorben. Auch Mahlmann war sehr
wohlwollend gegen mich, und so stand ich in höchst angenehmen
Verhältnissen. Mein vorzüglichster Gönner aber war
und blieb der Kriminalrat Jäger, der mich stets wie einen
Freund behandelte. Dabei war er stets bedacht, mir das
Dienstverhältnis so angenehm als möglich zu machen. Wenn
er Gelegenheit hatte, mir ein kleines Emolument für
Dienstgeschäfte zu verschaffen, so machte ihm dieses
große Freude.
In den ersten Wochen meines Aufenthaltes starb ein Oekonom
Bodenstein, der mehr als 100.000 Thaler nachgelassen hatte.
Jäger, welcher mit dem Verstorbenen sowohl als mit dessen
Kindern und Schwiegersöhnen in freundschaftlichen
Verhältnissen gestanden hatte, wurde requiriert, den Nachlass
zu regulieren. Er zog mich als Protokollführer zu, und ich
hatte Gelegenheit, nicht nur meine Kenntnisse und Erfahrung zu
vermehren, sondern war auch mehrere Wochen, solange die
Nachlassregulierung währte, in angenehmer Gesellschaft. Nach
Beendigung dieses Geschäftes verschaffte Jäger auch
für meine Dienstleistungen von den Erben eine Renumeration von
10 Thalern, die er mir mit Freude behändigte und die ich mit
Dank annahm, die ich nicht erwartet hatte und die mir umso
willkommener war.
Die Zeit, welche mir von den Dienstgeschäften übrig
war, und diese war nicht gering, verbrachte ich im Vergnügen,
da es mir nicht an Bekannten fehlte. Die Familie v.
Heyligenstädt hatte ich in den ersten Tagen noch nicht
besuchen können, begegnete aber zufällig auf der
Straße dem Kriegsrat, der durch die traurigen Ereignisse seit
dem Jahre 1806 ganz heruntergekommen und körperlich ganz
zusammengeschrumpft war. Er war in seinen Finanzen so
heruntergekommen, dass er mich in einem Billet um ein Darlehen von
2 1/2 Thalern bat. Da ich aber meine mitgebrachten 62 Thaler durch
Pränumeration der Hausmiete und Anschaffung von
Kleidungsstücken, auch anderen Ausgaben so geschmälert
hatte, dass ich selbst besorgt war wegen meines Auskommens, so
konnte ich, ob es mir gleich im Herzen wehtat, die Bitte nicht
gewähren, wodurch ich aber außerstande war, meine
Besuche wieder anzufangen. Dazu kam, dass meine Freunde Ernst und
Wilhelm, welche ebenfalls in der misslichsten Lage waren, noch
nicht wieder in Halberstadt waren, auch der ältere Bruder
Louis, mit dem ich studiert hatte, noch keine Anstellung hatte, der
älteste Sohn, der Kriegssekretär, aber nur ein
kümmerliches Einkommen von vielleicht höchstens 300
Thalern hatte. Deshalb zog ich mich zurück, hatte aber
späterhin noch die Unannehmlichkeit, dass die
Kriegsrätin, welche ich stets verehrt hatte, nach dem Tode
ihres Mannes mich bitten ließ, einen Teil des Mobiliars zu
verkaufen. Ich bewirkte dieses, und der älteste Sohn kam zu
mir und ließ sich im Namen seiner Mutter das Geld auszahlen.
Bald nachdem ließ mich die Kriegsrätin um Ablieferung
der Auktionslösung erinnern, und als ich ihr bekannt machte,
dass ich das Geld bereits auf eine Anweisung von ihrem Sohn
ausgezahlt habe, entschuldigte sie sich, beklagte jedoch das
Verfahren ihres Sohnes. Auf diese Art kam ich aus dem
Verhältnis mit der Familie.
Unter den vielen Bekannten, welche ich in Halberstadt
wiedergetroffen hatte, waren besonders zwei merkwürdig, ein
Kandidat der Theologie Gladebeck, ein Halberstädter, und ein
Kandidat der Rechte namens Nappius, ein Märker. Beide sagten
mir auf Befragen, dass sie das Examen zu machen beabsichtigten,
aber beide haben es nicht gemacht. Gladebeck, eines Predigers Sohn
aus Hederleben, war von jeher ein leidenschaftlicher und guter
L'hombrespieler. Er wanderte von einem Ort seiner Nachbarschaft zum
anderen, wo er Bekannte hatte und eine Partie L'hombre machen
konnte. Er hat dies bis an seinen erst in diesem Jahre erfolgten
Tod fortgesetzt, war übrigens ein harmloser, guter Mensch, mit
dem ich selbst auf der Universität sowie auch bei unserem
Wiedertreffen in Halberstadt manches Spiel gemacht habe. Geistig
war er nicht besonders ausgestattet. Dagegen Nappius, der mit mir
1799 zugleich die Universität besucht hatte und ebenfalls 1806
sich noch daselbst befand, war ein höchst liederlicher und
dabei unwissender Mensch, der sich ganz, jedoch nur dem
Hazardspiele ergab. Er war groß und von schöner Gestalt
und Gesichtsbildung und wurde Liebhaber einer schon in Jahren
vorgerückten und grundhässlichen Frau, einer verwitweten
Hauptmann v. Dentikon, Tante des nachmaligen Chefpräsidenten
und späteren Ministers v. Ladenberg, welche einiges
Vermögen hatte. Nappius verstand, dieses Verhältnis auf
das beste auszubeuten. Die Frau v. Dentikon soll durch ihn um ihr
ganzes Vermögen gekommen sein.
Die Vergnügungsorte, die ich regelmäßig zu
besuchen pflegte, waren die reizenden Spiegelsberge, die
Bullerberge und ein Garten vor dem Burchhardi-Tor, wo sich
nachmittags im Sommer eine Kegelgesellschaft einzufinden pflegte,
an welcher ich auch mitunter teilnahm. Eine Gesellschaft von
vornehmen Staatsbeamten, Offizieren, Ärzten, Kaufleuten pp.
bestehend konnte ich nicht besuchen, da ich nicht Mitglied
derselben war und ein Versuch, mich aufnehmen zu lassen, misslang,
indem ich ausballotiert wurde, weil ich dem größten Teil
der Gesellschaft unbekannt war. Nach einiger Zeit hatte man hinter
meinem Rücken mich wieder vorgeschlagen, und ich wurde
aufgenommen.
In dieser Gesellschaft brachte ich darauf meine Nachmittage zu,
wo ich alle Commerschspiele Whist, L'hombre und Tarok spielen
konnte, Hazardspiele waren verboten. Dabei waren hier alle besten
Zeitungen, die man nicht verboten hatte, und wissenschaftliche
Journale, auch neue Flugschriften ausgelegt. Der Versammlungsort
des Clubs war der Domkeller am Domplatz, wo die Mitglieder sich
etwa um drei Uhr versammelten und bis acht Uhr abends
zusammenblieben. Bisweilen wurde auch mittwochabends ein Souper
veranstaltet, wo dann auch nach Tisch noch gespielt wurde. Da die
Gesellschaft aus älteren und jüngeren Männern
bestand, so ging es höchst anständig, jedoch nicht steif
zu. Als die politischen Ereignisse interessant wurden, gingen
manche, auch ich, oft schon morgens um acht Uhr hin, um die
neusten, eben angekommenen Zeitungen zu lesen. Auf den Spiegelschen
Bergen war bei gutem Wetter selbst im Winter Gesellschaft, und
Sonn- und Festtags besonders waren eine Menge Menschen hier
versammelt. Da die Wirtin Madame Mehl ganz vorzüglich
schöne Eierkuchen zu backen verstand und in der Spargelzeit
hier der schönste Spargel wuchs, so wurde mitunter ein
Abendessen veranstaltet, an dem auch Familien teilnahmen und wobei
Frohsinn und Gemütlichkeit herrschend waren.
In der Bakenstraße, schräg dem Judentempel
gegenüber, wohnte damals ein bankrott gewordener Kaufmann
namens Damm, der früher eine reiche Frau geheiratet und deren
Vermögen größtenteils durchgebracht hatte, und die
noch im Besitz einer lebenswierigen Rente war, in welcher Beziehung
sie unter Kuratel stand, und welche also ihr Mann nicht angreifen
durfte. Von dieser Rente und der Miete, welche die obere Etage des
Hauses einbrachte, lebten die Dammschen Eheleute und hatten in
ihrem Hause eine Restauration eingerichtet, wo
abends gegessen und gespielt wurde. Es kamen hier alle Abend Leute
aus allen Ständen zusammen, und es war stets ein heiterer Ton.
Es wurden hier Whist, L'hombre, Piquet, aber auch Hazardspiele,
Faro, Würfeln, Schnitt pp. gespielt, wo ich bald mich alle
Abend einfand, an den Spielen teilnahm und mein altes Glück
mitbrachte. Hier fand sich denn auch regelmäßig Nappius
ein und legte Bank oder pointierte. Da ich ihn von Halle aus kannte
und wusste, dass er nicht ehrlich spielte, Nappius auch wusste,
dass mir dies bekannt war, so suchte er mich, von seinen Spielen
abzuhalten, und rechnete auf meine Diskretion. Er leitete nun sein
betrügerisches Spiel ein, indem er nachmittags schon zu Damm
ging, sich von ihm Karten geben ließ, die des Abends zum
Spiel gebraucht wurden, und versah die Karten an den Ecken mit kaum
sichtbaren Marken. Manche meiner Bekannten warnte ich, gegen
Nappius zu spielen. Dann fragten sie mich wohl, ob ich glaube, dass
er falsch spiele, worauf ich dann erwiderte, dass ich ihn nicht
beschuldigen wollte, und es ihnen überließe
fortzuspielen. So trieb Nappius das Spiel sechs Wochen lang, und
nachdem er dem Vernehmen nach 1500 Thaler gewonnen hatte, zog er
ab. Späterhin untersuchte man die Karten, fand die Marken,
enttäuschte sich dadurch, aber das Geld war fort.
Es wurde erzählt, dass Nappius im sächsischen
Militärdienst als Offizier gestanden habe, jedoch wegen eines
Duelles habe wieder ausscheiden müssen. Nachdem ich ihn
mehrere Jahre nicht gesehen hatte und schon mehrere Jahre in
Naumburg wohnte, ging ich nachmittags auf den Bürgergarten und
begegnete Nappius, der von daher kam. Er freute sich, mich zu
treffen, und erzählte mir auf Befragen, dass er hier Gelder zu
erheben habe, und bat mich, da er dieselben noch nicht habe, um ein
Darlehen von zwei Thalern. Obgleich ich wußte, das er mir nur
etwas vorschwindelte, und ich das Geld nie wieder bekommen
würde, so gab ich ihm doch die gewünschte Summe. Als ich
auf den Bürgergarten kam, war daselbst noch eine große
Aufregung und man erzählte mir, dass ein Fremder eine kleine
Bank aufgelegt und ihnen allen das Geld abgenommen habe. Es war
dieses sogar dem späterhin fromm gewordenen Justizrat Quinque
begegnet. Da die erlittenen Verluste für jeden höchst
unbedeutend waren, so lachte ich sie aus, erzählte ihnen von
Nappius, und sie lachten alle auch über ihre Dummheit.
In folgenden Jahren erschien Nappius wieder zur Peter-Paulsmesse
und setzte mich wieder in Contribution. Das folgende Jahr erschien
er wieder und als ich mich verleugnen ließ, ließ er mir
sagen, ich möge ihn nicht zurückweisen, da er sehr
dürftig sei. Ich schickte ihm daher durch eines meiner Kinder
zwei oder vier ggr., die er dankbar annahm. Seit dieser Zeit habe
ich nie wieder etwas von ihm gehört, wahrscheinlich ist er
bald darauf zugrunde gegangen, denn er schien sich dem Schnaps
ergeben zu haben.
Ich setzte inzwischen mein vergnügliches Leben fort,
korrespondierte fleißig mit meiner Auguste, besorgte meine
Berufsgeschäfte, studierte für mich, besuchte nachmittags
öffentliche Orte und abends Damm. Mein Glück im Spiel
dauerte übrigens fort, obgleich ich nur Commerschspiele,
selten einmal Hazardspiele spielte, denen ich nie habe Geschmack
abgewinnen können.
Die politischen Verhältnisse hatten sich mit dem Jahre 1808
ordnungsgemäß gestaltet, indem das Königreich
Westfalen entstanden war und Napoleon solches seinem jüngsten
Bruder Jerome Napoleon verliehen hatte. Halberstadt war dadurch der
Hauptsitz eines der acht Departements des Saaledepartements
geworden, welches aus den Distrikten Halberstadt, Blankenburg und
Halle bestand. Halberstadt erhielt eine Präfektur, ein
Tribunal erster Instanz, einen Kriminalgerichtshof und die
höhere Verwaltungsbehörde. Präfekt wurde der
ehemalige Kriegsrat v. Gossler, ein ernster und stolzer Mann, der
zwei Söhne hatte, welche damals noch Knaben waren. Der eine
derselben, welcher später katholisch wurde, ist der nachmals
berüchtigt gewordene Pater Franziskus. Der neue Präsident
erhielt eine sogenannte Departementalcompagnie, die Hauptwache in
dem Palais des Präfekten am Domplatz hatte.
Sein eigenmächtiges Verfahren äußerte sich bald auf
schroffe Weise. Es war ihm z. B. unangenehm, dass Personen vor
seinem Hause vorbeifuhren oder -ritten und befahl deshalb der Wache
in seinem Hause, dieses nicht zu dulden. Dadurch entstand eine
große Erbitterung. Der damalige Tribunalrichter v. Krosigk,
der jetzt noch hier in Naumburg lebende Domdechant, dessen Weg nach
dem Tribunal hier vorbeiführte, sah sich dadurch bewogen,
seinen Abschied nachzusuchen und Halberstadt zu verlassen. Nach
einiger Zeit fuhr der Domdechant Graf v. Alvensleben, Vater des
jetzt noch lebenden Staatsministers a.D., vor der
Präfekturwohnung vorbei. Der Kutscher desselben wurde
angehalten und ihm eine Strafe abverlangt. Auf Befragen des
Domdechanten wurde geäußert, dass es bei 8 ggr. Strafe
untersagt sei vorbeizufahren, und so gab derselbe der Wache einen
Louisd'or. Da nun der Graf v. Alvensleben ein allgemein geehrter
Mann war, so entstand dadurch eine große Aufregung, und auf
dem Tribunal drang man in den Staatsanwalt Prokurator, des
Königs "Schöpfer", dagegen von Amts wegen einzuschreiten.
Dieser erließ nun ein Schreiben an den Präfekten, worin
er bemerkte, es sei ihm bekannt geworden, dass die im
Präfekturhotel befindliche Departementwache von
vorüberreitenden oder -fahrenden Personen Geldstrafe erhebe,
die durch kein Gesetz erlaubt wäre. Er ersuche daher den
Präfekten davon Kenntnis zu nehmen, und es abzustellen, indem
er sonst jeden Zuwiderhandelnden vor Gericht stellen und zur Strafe
ziehen werde. Sofort unterblieb der Unfug.
In der dem Königreich Westfalen verliehenen
Verfassungsurkunde war bestimmt, dass der Code Napoleon sofort
Gültigkeit haben solle. Da jedoch die Gerichtsbehörden in
Halberstadt erst eine besondere Promulgation erwarteten, so wurde
noch immer nach dem preußischen Landrecht erkannt. Es war
auch unverkennbar, dass, solange nicht auch die französische
Prozess- und Gerichtsordnung eingeführt worden war, es
Schwierigkeiten hatte, nach dem Code Napoleon zu entscheiden. Erst
ein Reskript des Justizministers Simon machte darauf aufmerksam,
dass nach dem Code Napoleon erkannt werden müsse. Es wurde
übrigens nunmehr zur Organisation der Justiz vorgeschritten
und dabei die französische Verfassung zugrunde gelegt, wonach
Mündlichkeit und Oeffentlichkeit, Staatsanwaltschaft und
Geschworenengerichte eingeführt wurden. Die sämtlichen
preußischen Gerichte, sowohl Patrimonial und königliche
Gerichte, wurden aufgehoben und dadurch einem großen
Uebelstande abgeholfen. Es waren allein in der Stadt
Halberstadt
- der Magistrat,
- das Amt der Majorei,
- die Domgerichte,
- die Gerichte des Collegialstifts der
Lieben-Frauen-Kirche,
- dergl. der Moritzkirche,
- dergl. der Paulskirche,
- die Gerichte der Abtei Huisburg,
- die französischen Kolonialgerichte,
- außerdem hatte noch die Regierung in einigen Teilen der
Stadt in erster Instanz zu erkennen.
Es wurden nun im Königreich Westfalen für jeden Kanton
Friedensrichter und ein Sekretär, für jeden Distrikt ein
Tribunal erster Instanz, bestehend aus einem Präsidenten,
einem Prokurator des Königs, fünf Richtern und einem
Greffier, für jeden Hauptdepartementsort ein
Kriminalgerichtshof, bestehend aus einem Präsidenten, einem
Generalprokurator, zwei Richtern und einem Greffier sowie für
die Residenzstadt Cassel ein für das ganze Land bestimmtes
Appelationsgericht, zu dessen Präsident der
Regierungspräsident v. Riedesel ernannt wurde, bestimmt.
Die Friedensrichter bekamen an Gehalt 1200 resp. 1000 und 800
Francs und außerdem noch Sporteln. Zum Friedensrichter von
Halberstadt wurde mein Gönner, der Kriminalrat Jaeger,
ernannt. In dem Organisationsgesetze vom 8. Mai 1808 war Folgendes
bestimmt:
Die Friedensrichter wählen sich ihre Sekretäre selbst,
deren Gehalt in einem Drittel der Besoldung des Friedensrichters
besteht. Act II: Bis auf weiteres erhalten die Sekretäre
außer dem oben bemerkten Gehalt die ihnen durchs Gesetz und
Herkommen angewiesenen Gebühren.
Der Friedensrichter Jaeger wurde von mehreren Bewerbern um
Erteilung der Greffier-Stelle angegangen, allein er wies alle
zurück und trug mir die Stelle an, die ich dankbaren Herzens
annahm und dadurch das Glück erreichte, eine Stelle in
Königs Dienste zu erhalten, in der ich im Jahre 1811 die
Königliche Bestätigung erhielt.
Voller Freude meldete ich Auguste mein Glück und verfehlte
auch nicht, die Reise nach Harzburg anzutreten, um mich
persönlich mit der Röhlschen Familie freuen zu
können. Dies war auch der Fall, und Auguste sowohl als ihre
Eltern waren ebenso glücklich als ich.
Die Geschäfte des Friedensrichters bestanden
hauptsächlich in Entscheidung der Prozesse bis zweihundert
Francs, auch der possessorischen Geschäfte, in der Leitung und
dem Vorsitz bei den Familienräten, da die Vormundschaften
gänzlich zu dem Ressort des Friedensrichters gehörten, in
Führung der Voruntersuchungen und zugleich in Entscheidung der
Polizeisachen, insofern sie nicht vor die Tribunäle in
Ansehung ihrer Kompetenz als Korrektionstribunäle kamen. Dabei
hatte ich die sämtlichen Expeditionen, namentlich der
Vorladung, Ausfertigung der Erkenntnisse und
Familienratsbeschlüsse, sowie Führung der Protokolle.
All diese Geschäfte erforderten trotz des großen
Umfanges unseres sich über die ganze Stadt erstreckenden
Bereichs nicht viel Zeit, indem wir, wenn von morgens neun Uhr bis
mittags zwölf Uhr gearbeitet wurde, und nicht etwa
Untersuchungen uns nachmittags beschäftigten, den ganzen
übrigen Teil des Tages für uns verwenden konnten. Ich
nahm mir zu den erforderlichen Schreibereien in der Person eines
ehemaligen Unteroffiziers Borchert einen Schreiber an, den ich alle
Monate nach der Bogenzahl der gelieferten Arbeiten bezahlte. Da
eine Sporteltaxe erst später erschien, so hatte ich vorderhand
außer meinem Gehalt nur die Schreibgebühren, und was
durch auswärtige Termine mir an Diäten zufiel.
Da Jaeger bei den Bürgern in Halberstadt so großes
Vertrauen in seine juristischen Kenntnisse sich erworben hatte, so
fielen ihm auch manche juristischen Geschäfte zu, die
eigentlich nicht zu seiner Kompetenz gehörten. Manche,
namentlich wohlhabende Bürger, die ein Testament oder einen
bedeutenden Kontrakt zu errichten hatten, wandten sich auch noch
aus alter Gewohnheit an ihn, und er nahm solche Geschäfte vor,
ließ aber einen alten Notar, der nicht Praxis hatte,
zuziehen, um das Dokument zu legalisieren. Dann erhielt nach
Entschädigung des zugezogenen Notars, gewöhnlich ein
alter, unfähiger Kriminalrat Marks, Jaeger seine
Gebühren, und auch ich bekam dadurch manchen Thaler. So hatte
Jaeger auch vor der Ernte häufig Auktionen, von freiwilligem
Verkauf von Feldfrüchten, wobei ich auch immer meine
Diäten erhielt. Ob ich nun gleich meine Einnahmen nicht
berechnen konnte, so hatte ich doch manche Aussichten auf
Verbesserung derselben.
Der ehemalige Stadtsekretär Mahlmann hatte, solange der
Magistrat bestand, die sämtlichen gerichtlichen Auktionen, von
welchen derselbe, der inzwischen Kriminalrichter bei dem neu
errichteten Kriminalgerichtshofe geworden war, glaubte, dass diese
Auktionen mir zuteil werden würden.
Eines Tages äußerte er sich darüber gegen mich
in seiner drolligen Weise: " Freundchen, wenn Sie die Auktionen
erhalten, so bekommen Sie ein sehr ergiebiges Geschäft,
welches Sie nur gut benutzen müssen!" Nach einiger Zeit
erschien die neue Sporteltaxe, wodurch für die Friedensrichter
und deren Greffiers die Gebühren festgesetzt wurden. Mir
wurden darin außer den Schreibgebühren Diäten
zuteil für Versiegelungen, Entsiegelungen, Lokaltermine und
für Familienräte.
Durch meine amtliche Stellung wurde ich ebenfalls dem Publikum
bekannt, und man requirierte mich häufig Auktionen zu halten,
welche nicht aus gerichtlichen Geschäften entsprangen und mir
ein schönes Geld einbrachten. Bei den Auktionen waren die
Hauptkäufer jüdische Handelsfrauen, die
größtenteils ganz schmutzig aussahen. Da diese nur
kauften, um die Sachen so schleunig als möglich wieder
loszuschlagen und deshalb mit der Bezahlung oft vier bis sechs
Wochen Frist verlangten, so war dieses ein gewagtes Geschäft.
Bald aber überzeugte ich mich, dass ich dabei nichts zu
riskieren hatte, indem sie darauf hielten, mein volles Vertrauen zu
gewinnen. Sie bezahlten ehrlich, und ich bin nie von einem
jüdischen Käufer um das
Geringste betrogen worden.
Nachdem ich eine Zeitlang das Auktionsgeschäft gehabt
hatte, besuchte mich eines Tages ein jüdischer
Geschäftsmann und sagte mir, er wisse, dass ich stets
Auktionsgeld, auch wohl oft einige hundert Thaler liegen habe,
diese möchte ich ihm gegen gute Zinsen von Zeit zu Zeit
zustellen, wobei er versprach, sie sobald ich sie kündige, mir
sofort mit den Zinsen zurückzugeben. Obgleich der Jude ganz
sicher zu sein schien und äußerte, dass mein
Vorgänger Mahlmann ihm stets eingegangene Auktionsgelder gegen
Verzinsung gegeben habe, so ging ich doch nicht darauf ein, weil es
sich mit meinem Rechtlichkeitsgefühle nicht vereinigen wollte,
Gelder die ich nur aufbewahrte, in fremde Hände zu geben.
Dieser Jude Levi Heine machte bald nach meinem Fortgang von
Halberstadt einen schmutzigen Bankrott.
Noch muss ich eine Art von Geschäft erwähnen, welches
um diese Zeit öfter vorkam. Es waren dieses sogenannte
Stellvertretungskontrakte. Das Militärwesen war im
Königreich Westfalen nach der französischen Verfassung
organisiert, wo zwar allgemeine Militärpflicht vorgeschrieben
war, diese aber doch sich durch die sogenannte Konskription anders
gestaltete, als es jetzt bei uns in Preußen der Fall ist. Es
wurden nämlich bei jedem Ausschreiben diejenigen, welche ihrem
Alter nach einberufen waren, einer Verlosung unterworfen, derjenige
aber, welcher sich nicht freigelost hatte, konnte sich einen
Stellvertreter kaufen, der für ihn auf die bestimmte Zeit in
das Militär eintrat und wodurch, wenn die
Rekrutierungsbehörde keine Ausstellungen gegen die Person des
Stellvertreters zu machen hatte, seine Befreiung herbeigeführt
wurde. Dass nur reiche Leute dieses vermochten, ist einleuchtend.
Über diese beiderseitigen Leistungen wurden die sogenannten
Stellvertretungskontrakte errichtet. Alle Jahr, wenn die
Rekrutenaushebung war, kamen dergleichen Kontrakte zu errichten
vor, und mir fiel jedes Mal ein Gulden dabei zu. Da sich nun auch
meine Sporteln bedeutend gemehrt hatten, so war meine Lage in
dieser Beziehung höchst brillant. Dadurch, dass den
Friedensrichtern die Vormundschaften zugefallen waren, wo fast jede
Hauptverhandlung durch den Beschluss eines Familienrats
festgestellt werden musste, wofür wir für uns liquidieren
konnten und auch durch die bei der großen Feldflur in
Halberstadt im Sommer oft vorkommenden Lokaltermine, hatte ich eine
sehr bedeutende Sporteleinnahme.
Da ich nun bereits in den Jahren 1808 und 1809 mit Inbegriff meines
Gehalts auf eine jährliche reine Einnahme von mehr als
fünfhundert Thalern rechnen konnte, so dachte ich daran, mich
nunmehr zu verheiraten, da ich wusste, dass ich an Auguste eine
sparsame (aber nicht gnitzige) tüchtige Frau erhalten
würde. Ich reiste in dieser Zeit so oft ich nur konnte,
besonders sonnabends, nach Harzburg, größtenteils zu
Fuß und nicht selten bei schlechtem Wetter und Wegen, da mein
Herz sich dazu drängte.
Der im Jahre 1809 zwischen Oesterreich und Frankreich
entstandene Krieg, der sich über den größten Teil
von Deutschland verbreitete, ließ auch Halberstadt nicht
unberührt. Bekanntlich hatte sich der preußische
Husaren-Major v. Schill aus verkehrtem patriotischen Eifer mit zwei
Eskadrons seiner Husaren aus Berlin entfernt, hatte sich über
die Grenze des Landes begeben und hoffte, dass es ihm gelingen
werde, die abgetretenen preußischen Provinzen und auch andere
deutsche Länder zu revolutionieren und sich ihm
anzuschließen. Napoleon hatte im Mai 1809 die Schlacht bei
Aspern verloren und man glaubte, dass dieses die Freunde desselben,
zu welchen man alle Deutschen rechnete, bestimmen würde, an
Abschüttlung des französischen Joches zu denken.
Wie sehr sich Schill darin täuschte, lehrte der Erfolg und
sein trauriges Ende. Die von Schill ergriffenen Maßregeln
waren sehr energisch. Er rückte über die Elbe bis vor
Magdeburg, von wo ihm der französische Gouverneur ein kleines
Corps bis Dodendorf entgegenschickte, welches jedoch Schill mit
Verlust zurücktrieb. Durch diesen glücklichen Coup
entstand in der ganzen Gegend, wo keine französischen Truppen
standen, eine große Aufregung, und der große
ungebildete Haufe des Volkes betrachtete Schill als Befreier und
bekam desto mehr Vertrauen in seine Sache, als Schill sich als die
Avantgarde des preußischen Heeres, das den Oesterreichern zu
Hilfe kommen würde, angekündigt hatte. Er schickte
überall kleine Abteilungen seines Corps hin und es kamen auch
nach Halberstadt ein Leutnant v. Francois mit etwa achtzehn bis
zwanzig Husaren.
Da hier den Behörden außer einigen Gendarmen keine
bewaffnete Macht zur Seite stand, so traf man Anstalt, die Kasse,
Waffen und was sonst noch zum Staatsgut gehörte, in Sicherheit
zu bringen. Allein nun brach der Sturm los, da man wusste, dass
Schill nachmittags in Halberstadt einrücken würde. Eine
Menge Menschen, zum Teil solche, die gegründete oder auch
unbegründete Forderungen hatte, widersetzten sich der
Abführung der Kassen und verlangte zuvor Befriedigung. Der
Volkshaufe wurde immer größer, und Drohungen aller Art
wurden erhoben, so dass der Präfekt und ein großer Teil
der Verwaltungsbeamten H. verließen und den Weg nach Cassel
einschlugen. Nun war H. in Gewalt des Pöbels, und Exzesse
aller Art fielen vor. Durch das Einrücken der Schillschen
Husaren wurde vorderhand die Aufmerksamkeit auf diese und deren
Vorhaben geleitet. Der Leutnant v. Francois begab sich sofort auf
das Rathaus, kündigte sich als der Vertreter der
preußischen Armee an und hielt von der Rathaustreppe eine
Rede an das versammelte Volk, versprach ihnen alle möglichen
Vorteile und forderte zum Anschluss an ihn auf. Der
Pöbelhaufen stieß ein Freudengeschrei aus, und es fand
sich eine Partei Bummler, welche sich dem Freicorps begab, aber
alle ruhigen, besonnenen Leute glaubten nicht recht, dass jetzt die
Zeit der Erhebung gegen das französische Joch gekommen sei. Da
der Maire der Stadt Cuno wegen seiner Anhänglichkeit an das
französischen Wesen fast allgemein verhasst war, so wollte
Francois ihn verhaften und als Gefangenen mitnehmen. Dem
widersetzte sich aber ein sehr geachteter Mann, Dr. Heinicke. Er
wies die Drohungen des Francois ruhig zurück und
äußerte, dass er nur über seinen Leichnam sich des
Maire bemächtigen könne. Durch
diese Entschlossenheit imponierte der Dr. Heinicke dem Francois so,
dass derselbe von seinem Vorhaben abstand. Des andern Tags brach
Francois wieder auf. Schill begab sich bald darauf nördlich
nach dem damaligen Schwedenschen Pommern, wo er in Stralsund durch
Hilfe der Dänen und Franzosen eine Niederlage erlitten hatte,
wobei er selbst sein Leben verlor und sein Corps zerstreut ward.
Als die Husaren anderen Tags von Halberstadt wieder
zurückgingen, kehrte die Ruhe in der Stadt wieder ein, die
entflohenen Behörden fanden sich wieder ein und zahlreiche
Verhaftungen wurden vorgenommen, obgleich die am meisten
Kompromittierten sich mit den Husaren entfernt hatten.
Nachdem diese Gefahr für Halberstadt vorüber war,
ereignete sich bald darauf und zwar in den letzten Tagen des Monats
Juli 1809 ein weit böserer Vorfall. Der seiner Länder
durch Napoleon beraubte Herzog von Braunschweig hatte den Krieg
Oesterreichs gegen Napoleon benutzt, um als tätiger Teilnehmer
sich eine Gelegenheit zu verschaffen, seine Länder wieder zu
erobern. Er hatte deshalb Truppen geworben, welche Angeworbene
aller Länder enthielten, die zum großen Teil aus
Reiterei bestanden, jedoch war auch etwas Fußvolk dabei,
ingleichen ein paar Kanonen. Mit diesem kleinen, aus 1500 Mann
bestehenden Corps war der Herzog von Braunschweig in Sachsen, als
nach der Schlacht von Wagram Oesterreich mit Napoleon Frieden
schloss. Der Herzog von Braunschweig, obgleich Oesterreich ihn in
den Frieden mit einschließen wollte, verschmähte dieses
und unternahm seinen berühmten Zug mitten durch Deutschland
von Sachsen bis an die Nordsee, wo er nach mehreren kleinen
Kämpfen durch geschickte Märsche es erreichte, dass er an
der Nordsee ankam und von englischen, ihn erwartenden Schiffen
aufgenommen wurde. Der Herzog kam auf seinem Zuge auch durch
Halberstadt, wo das 5. Westfälische Linienregiment in Garnison
lag. Man erfuhr hier, seit der Herzog auf dem Marsche war, alle
Tage seine Direktion. Da das gedachte Linienregiment weder durch
Kavallerie noch durch Geschütz unterstützt war, so
erwartete man, dass dasselbe nicht in Halberstadt bleiben, sondern
sich nach Magdeburg oder Braunschweig begeben und sich keinem
Angriff in einem offenen Ort aussetzen würde. Allein es
erwartete den Feind in Halberstadt., wo die Aufregung alle Tage
stieg. Am Sonnabend, den 29. Juli 1809 befand ich mich nachmittags
auf den Spiegelschen Bergen und bemerkte zwischen 7 und 8 Uhr
abends die Schwarzen (wie sie ihrer Uniform wegen genannt wurden)
in einer langen Kolonne auf dem Quedlinburger Wege auf das eine
Stunde von Halberstadt belegene Dorf Harsleben sich bewegen. Bei
diesem Anblick war ich ungewiss, ob ich bleiben oder mich in die
Stadt begeben wollte. lch war auf den Spiegelschen Bergen zwar ganz
sicher, allein die Neugier trieb mich, nach Halberstadt zu gehen
und zu sehen, wie die Sache ablaufen werde. Als ich ankam, begab
ich mich auf den Domplatz, wo Militär zwar aufgestellt, aber
ganz sorglos war. Durch mich und andere erfuhr man, dass die
Schwarzen schon auf dem Wege von Harsleben wären, und nun
wurden erst Anstalten zur Verteidigung und zum Empfang der Feinde
gemacht. Man schlug Generalmarsch, schloss die Tore und besetzte
die damals noch in ziemlichen Stande befindliche Stadtmauer. Ich
wohnte damals auf der Schmiedstraße bei einem Kunstdrechsler
Heine, der unverheiratet war und ein schönes Geschäft in
Hornwaren hatte. Da ich selbst nur für mich zu sorgen hatte,
so bat mich mein Wirt, bei ihm zu bleiben und ihm guten Rat zu
erteilen. Ich riet ihm, die schlechtesten seiner Pfeifen parat zu
halten, da vorauszusehen wäre, dass man ihn darum angehen
würde. Ich selbst steckte mein Geld und meine Uhr in die
Tasche und erwartete den Verlauf der Dinge. Als die Schwarzen vor
der Stadt ankamen, suchten sie vor allen Dingen, sich eines der
Stadttore zu bemächtigen. Dazu kam ihnen ein zerlumpter und
versoffener Schlossermeister namens Schede zu Hilfe, der sich an
die Spitze einer Abteilung der Schwarzen stellte und zwei Kanonen
auf den Sperlingsberg vor dem Johannistore postierte, von wo aus
sie dieses Tor beschossen. Es war den Schwarzen inzwischen
gelungen, in das Kühlinger Tor zu kommen, worauf der Angriff
gegen die Westfälischen Truppen erfolgte. Da Halberstadt
damals noch Stadtmauern hatte, welche um die ganze Stadt gingen, so
war diese ringsum besetzt, und es wurden von hier aus die Schwarzen
bei ihrem Angriff auf die Stadt beschossen. Dabei muss ich noch die
Verwegenheit eines Offiziers der Schwarzen erwähnen. Dieser
schlich sich an der Mauer des Franziskaner Kirchhofs, wo ihn die
Soldaten von der Stadtmauer überall mit ihren Kugeln erreichen
konnten, bis an das Tor heran, wo er nun sicher war, ging in das
Torschreiberhaus, verschaffte sich Feuerungsgerätschaften und
Stroh und zündete auf diese Art das Tor an, welches wirklich
in Flammen geriet. Jedoch war das Tor zu stark und mit großen
eisernen Nägeln beschlagen, so dass das Unternehmen nicht
gelang.
Als die Schwarzen in die Stadt eingedrungen waren, entstand ein
blutiger Straßenkampf besonders auf dem Breitenwege, wo die
Westfälinger sich verbarrikadiert hatten, und nach einem sehr
blutigen Kampf gelang es erst morgens drei Uhr den Schwarzen als
Sieger, ihre Gegner zur Ergebung zu bringen. Es wurde nunmehr das
Regiment aufgelöst, deren Waffen abgenommen, und der Obrist
Graf v. Wellingerode wurde als Gefangener mitgenommen, um als
Geisel wegen der zurückgebliebenen Verwundeten zu dienen. Die
übrigen Offiziere und Gemeine dagegen wurden freigelassen. Es
waren von beiden Seiten viele Leute geblieben und verwundet. Nach
Unterwerfung der Feinde übten die Schwarzen noch einen Akt der
Grausamkeit an einem der geachtetsten Einwohner von Halberstadt,
dem Landbaumeister Pfeiffer aus. Dieser bewohnte am Breitenwege ein
schönes Haus. In dieses drangen die Westfälinger
während des Kampfes und beschossen aus den Fenstern die
Schwarzen, die in ihrer Wut glaubten, das solches von den
Hausgenossen geschehen sei, weshalb sie nach Besiegung der Feinde
in das Pfeiffersche Haus drangen und den würdigen
Landbaumeister Pfeiffer hervorholten und mit fortgesetzten
Keulenhieben durch die Stadt bis vor das Johannistor, wo der Herzog
sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, zu dem Herzog trieben.
Dieser, der Pfeiffer persönlich kannte und schätzte,
befreite ihn zwar sogleich, konnte aber das Geschehene nicht
ungeschehen machen.
Was mich betrifft, so hielt ich mich während des Gefechts
zur Unterstützung meines Wirtes in dessen Stube auf. Es kamen
von Zeit zu Zeit einzelne Soldaten, die sich neue Pfeifen erbaten,
welche sie auch erhielten, allein es erschien auch einmal einer
derselben und wollte Tabak haben, und zwar nicht eine Pfeife voll,
welche ihm mein Hauswirt offerierte, sondern ein Paket Tabak, und
als mein Wirt sagte, dass er mit dergleichen nicht handele,
verlangte er zu wissen, wo er solchen bekommen könne, und als
ihm eröffnet wurde, dass an der anderen Seite der Straße
ein Kaufmann wohne, welcher damit handele, verlangte er von mir,
dass ich ihn herbringen sollte. Ich erwiderte ihm, dass ich bei dem
fortwährenden Gefechte mich nicht der Gefahr aussetzen wolle,
erschossen zu werden, er äußerte aber, dass wenn ich mit
ihm ginge, mich keine Kugel treffen werde, und als er Gewalt gegen
mich anwenden wollte, schickte mein Hauswirt seinen Lehrling als
Begleiter des Soldaten und befreite mich aus der Gefahr. Als ich
morgens mich wieder zu meinem Hauswirt begab, erfuhr ich von
diesem, dass in der Nacht sein ganzer Laden mit Horndrechslerwaren
ausgeräumt und auch noch viele andere Gegenstände ihm
geraubt wären.
Am folgenden Sonntagmorgen erhielt ich ein Billet von dem
Friedensrichter Jäger, der mich benachrichtigte, dass der
Kammerdirektor Müller mit Tode abgegangen sei und dessen
Nachlass versiegelt werden müsse. Er bat mich, da er bei der
jetzigen Lage sein Haus nicht verlassen könne, ich aber doch
nur für mich zu sorgen habe, das Geschäft allein
vorzunehmen. Ich unterzog mich demselben, und da das
Müllersche Haus unten in der Stadt am Grudenberge lag, das
kriegerische Geräusch sich aber zum großen Teil in dem
oberen Teile der Stadt bewegte, so befand ich mich in vollkommener
Ruhe.
Tags darauf, Montag den 31. Juli 1809, zog der Herzog weiter
nach Braunschweig, wo er mit großem Jubel empfangen wurde, wo
er aber nicht lange verweilen konnte. Ein ihm entgegengeschicktes
Corps westfälischer Truppen schlug er zurück, setzte
seinen Marsch fort und kam glücklich bis an die Nordsee, wo er
nach England übersetzte. Mit ihm waren eine Anzahl
Halberstädter gegangen, die sich kompromittiert hatten und
sich nun gegen Untersuchung sichern wollten. Ruhe und Ordnung waren
nun zwar vorläufig in Halberstadt zurückgekehrt, aber die
Nachwehen folgten nunmehr auf grässliche Weise.
Zuerst kamen holländische Truppen, die sich als eine
Exekutionsarmee betrachteten und sich alle möglichen Exzesse
erlaubten. Die Stadt wurde durch Einquartierung
überfüllt, so dass manches kleine Haus zwölf Mann
bekam, die die unverschämtesten Prätensionen machten. Nun
ging es an Verhaftungen die große Menge, welche wie die von
der Schillschen Invasion her sämtlich nach Magdeburg geschickt
wurden, um dort vor eine Militärkommission zur Untersuchung
gezogen und gerichtet zu werden. Da auch in anderen Teilen des
Königreichs, besonders in dem ehemaligen Hessen,
revolutionäre Unruhen stattgefunden hatten, so wurden drei
Militärgerichte zu Cassel, Braunschweig und Magdeburg
errichtet, wo die Angeschuldigten ganz summarisch vernommen und
dann in großer Anzahl erschossen wurden. Dass die
angeschuldigten Halberstädter hierbei ganz gut wegkamen,
verdankten sie dem Vorsitzenden des Militärgerichts zu
Magdeburg, dem General Ochs, Gouverneur von Halberstadt, der die
Halberstädter bis zuletzt aufsparte, wo sich die Wut gegen die
Gefangenen zum Teil schon gelegt hatte. Erschossen wurde, soviel
ich weiß, niemand von ihnen.
Dass ich in so aufgeregten und bedenklichen Zeiten nicht daran
denken konnte, mich zu verheiraten, lag zur Hand, denn selbst nach
abgeschlossenem Frieden war Halberstadt noch immer in großer
Bedrängnis, da die ewigen Durchmärsche von Truppen
große Not veranlassten, welche so weit ging, dass Besitzer
von Häusern, die mit Schulden belastet waren, sich veranlasst
fühlten, den Besitz ihrer Häuser aufzugeben. Eine
völlige Creditlosigkeit trat ein, und Besitzer bedeutender
Güter gingen zugrunde oder gerieten in große Not, wenn
sie Hypothekenschulden hatten, die mitunter kaum 1/4 des Kaufwertes
betrugen, weil jeder Bedenken trug, Gelder auf Hypotheken
auszuleihen, da sie befürchteten, keine Zinsen zu erhalten
oder bei einer notwendigen Subhastation mit ihrer ganzen Forderung
oder einem Teil derselben auszufallen.
Auch die neue Gesetzgebung, die ohne Rücksicht auf
wohlerworbene Rechte alle Vorrechte aufhob, brachte große
Verluste und Verlegenheiten, wodurch z.B. der Graf von Wernigerode
schwer betroffen wurde. Es waren nach der Verfassung alle
Steuerbefreiungen ohne Entschädigung aufgehoben. Der Graf v.
Wernigerode hatte mit den Königen von Preußen schon seit
undenklichen Zeiten Rezesse abgeschlossen, wonach ihre Domänen
und andere Grundbesitzungen frei von der Grundsteuer waren. Da sie
nun im Besitz großer Reichtümer waren, so hatten sie ein
Creditsystem errichtet, in dessen Folge eine Menge Leute bedeutende
Summen ihnen gegen Zinsen zustellten. Diese Zinsen wurden stets
prompt bezahlt, und es hielt sich daher jeder für
gänzlich sicher und der Zudrang zu dieser Bank wurde immer
größer. Nun hörte auf einmal die Steuerfreiheit
auf, und die Gläubiger wurden wegen ihrer Anleihe besorgt. Sie
sahen jedoch bald ein, dass wenn sie auf Rückzahlung ihrer
Forderungen bestünden, der Graf nicht würde bezahlen
können, und sie schlossen deshalb einen Verein und verlangten,
dass der Graf die Schulden auf seine Güter sollte eintragen
lassen. Die hieraus entstehenden Kosten für Stempel,
Eintragung in das Hypothekenbuch waren aber so bedeutend, dass sie
mehr als 20 % betrugen. Der Graf wandte sich daher an die Regierung
in Cassel und bat, diese Kosten zu seinen Gunsten herabzusetzen. Er
erreichte seinen Zweck zwar, und die Eintragung erfolgte, aber sein
Schuldenstand wurde danach sehr gefährlich, und das
Civiltribunal zu Blankenburg, zu dem Wernigerode gehörte,
unterhielt sich vorzüglich durch die gegen den Grafen
angestellten Prozesse. Es zog sich dieses hin bis zur
Auflösung des Königreichs Westfalen, und der Graf
wäre ganz zugrunde gegangen, wenn dasselbe noch einige Zeit
bestanden hätte. Nun aber wurden die alten, mit Preußen
geschlossenen Rezesse erneuert, wodurch der Graf seine Rettung
fand. Nach der Verfassungsurkunde waren dem Königreich
Westfalen Stände bewilligt, denen u. a. alle neuen Abgaben zur
Genehmigung vorgelegt werden mussten.
Die erwählten Stände bestanden zum großen Teil
aus den intelligentesten Männern, und man erwartete dadurch
viel Gutes. Bei ihrer Zusammenberufung wurde ihnen u.a. ein neues
Grundsteuergesetz vorgelegt, nach welchem die neue Abgabe auf 1/5
des reinen Ertrags festgesetzt wurde. Diese enorme Höhe
schreckte die Stände und sie verwarfen dasselbe, trotzdem der
Finanzminister Malchus sich große Mühe gab, dieselben
zur Annahme zu disponieren. Es kam hierbei hauptsächlich in
Betracht, dass bei Errichtung des Königreichs Napoleon seinen
Generalen und hohen Beamten Dotationen zum Betrage von sieben
Millionen Franken jährlicher Einnahme bewilligt hatte, die von
allen Abgaben befreit nur der Grundsteuer unterworfen waren. Dieses
hätte die Stände bestimmen sollen, ihre Einwilligung zu
erteilen, da sonst dem Königreiche die Grundsteuer von diesen
bedeutenden Grundstücken, die bisher steuerfrei gewesen waren,
entzogen wurde, allein keine Rücksicht brachte die Stände
zur Raison, weshalb sich der Finanzminister bewogen fand, da das
Grundsteuergesetz verworfen wurde, dasselbe zwar nicht als Gesetz,
wohl aber vorläufig als Königs Ordonnanz
einzuführen.
Ich könnte noch weit mehr interessante Mitteilungen
über die Zustände im Königreich Westfalen machen,
allein ich will, wenn Gott mir noch einige Zeit Leben und
Gesundheit schenkt, dieses späteren Aufzeichnungen
vorbehalten. Meine Reisen nach Harzburg setzte ich fort, und jetzt
war unsere vorzüglichste und freudigste Unterhaltung unsere
nunmehr bald zu schließende Verbindung. Es kam aber noch eine
gewaltige Störung, nämlich die Erkrankung Augustes an
einem bösartigen Nervenfieber. Ich ahndete nichts davon, und
man hatte es mir verschwiegen in der Hoffnung, dass es bald
glücklich vorbeigehen würde. Auguste schrieb, als sie
ziemlich genesen, aber noch sehr schwach war, einen beruhigenden
Brief an mich und erzählte mir darin den Verlauf der
Krankheit. Der Brief war aber mit so zitternder Hand und zum Teil
unzusammenhängend geschrieben, dass er anstatt mich zu
beruhigen, mich in die größte Angst versetzte. Ich
machte mich sogleich auf die Beine und begab mich nach Harzburg, um
mich durch eigene Augen zu überzeugen, ob die Gefahr
vorüber sei. Dies ergab sich denn bei meiner Ankunft zu meiner
großen Freude, denn Auguste lag zwar noch im Bett, war aber
ziemlich munter. Meine Gegenwart wurde nunmehr dazu benutzt, unsere
Heirat zu beschließen und alles zu verabreden, was als
Vorbereitung nötig war.
Es war nun das Jahr 1810 herangekommen, und es wurde
beschlossen, unsere Vermählung nach Ostern dieses Jahres zu
feiern. Die Eltern hatten Auguste eine Mitgift von 1500 Thlr.
Conventionsgeld bestimmt und dieses von dem Notar in Harzburg in
einer Urkunde festsetzen lassen. Unter dieser Summe waren die
erhaltenen Betten, Kleider, Tischzeug und Mobilien mit
eingerechnet, sodann sollten wir davon etwa 200 Thaler zu unserer
ersten Einrichtung erhalten, und das Übrige wollte uns dann
der Vater jährlich verzinsen. Die mitzugebenden Mobilien
wurden von einem Dorftischler in Büntheim gemacht und waren so
schlecht und massiv gefertigt, so dass ich sie
größtenteils nicht aufstellen konnte, ohne mich zu
schämen. So hatte der künstlerische Tischler die
Stühle, da es ihm an Rohr fehlte, mit Bindfaden geflochten und
schwarz angefärbt, so dass die Stühle wie mit
Schusterpechdraht geflochten aussahen. Es war ein großes
Glück für mich, dass ich in meinem Junggesellenstande
schon an meine künftige Einrichtung gedacht und mir manches
angeschafft hatte. Ich besaß bereits ein Bett, ein Sopha mit
1/2 Dutzend Stühlen, einige Tische und den großen
Schreibsekretär, den ich noch habe und jetzt in unserer guten
Stube aufgestellt ist und für den ich 50 Thaler bezahlt hatte.
Außerdem bestellten wir uns sogleich nach unserer Heirat die
erforderlichen Mobilien und komplettierten unsere Wirtschaft nach
und nach durch Ankauf in Auktionen. Ich mietete mir auf Ostern eine
Wohnung am Hohen Wege bei dem Brauereibesitzer Prätorius, die
zwar geräumig, aber doch in mehrfacher Beziehung unbequem war,
indem sie am Eingange der Göddenstraße lag und uns
gegenüber ein großes Haus lag, welches unsere Wohnstube
namentlich verdunkelte. Ich ging jedoch von der Ansicht aus, dass,
wenn die Wohnung der Frau nicht gefiele, sie sich selbst
bemühen werde, eine andere bessere Wohnung zu suchen und zu
mieten. Der Tag unserer Verbindung war auf den 4. Mai 1810
angesetzt und zugleich beschlossen, sofort nach der Trauung in
Harzburg noch denselben Tag nach Halberstadt zu reisen. Nachdem nun
alle erforderlichen Atteste angeschafft und abgegeben waren, auch
das dreimalige Aufgebot erfolgt war, begab ich mich nach
Harzburg.
Nach der westfälischen Verfassung wurde die Ehe durch einen
Civilakt abgeschlossen, der vor den Beamten des Civilstandes
errichtet und in doppelte Register eingetragen wurde. In Frankreich
hatte man die Munizipalbeamten, in Westfalen aber die Prediger
damit beauftragt. Demgemäß erschienen wir, und zwar im
väterlichen Wohnhaus der Apotheke zu Büntheim, wo der
dortige Prediger, nachdem wir beide die erforderlichen
Erklärungen abgegeben und dem Prediger die nötigen Fragen
beantwortet hatten, die Civilakte aufnahm und uns nach Vorschrift
des Gesetzes für Eheleute erklärte. Es bedurfte nun zwar
weiterer Förmlichkeiten nicht, um unseren geschlossenen
Ehebund für unauflöslich zu erklären, allein wir
waren keineswegs damit einverstanden, es bei dem Abschluss des
Civilaktes bewenden zu lassen, vielmehr beantragten wir bei dem
Geistlichen auch die religiöse Feier, die Einsegnung, folgen
zu lassen, welches auch nunmehr erfolgte, und nun erst betrachteten
wir uns als wirklich durch unauflösliches Band vereinigte
Eheleute. Nach vollendeter Feierlichkeit und eingenommenem
Frühstück dachten wir an unsere Reise und ließen
den Wagen vorfahren, der bereits bepackt und eingerichtet war. Der
Koffer, in welchem Geld, Kleidungsstücke und andere Sachen
befindlich waren, sollte hinten auf den Wagen gebracht und darauf
angeschnallt werden. Da sich jedoch fand, dass derselbe zu
groß war und nicht befestigt werden konnte, so musste er
ausgepackt werden. Der nunmehr angewendete kleinere Koffer war
aber, wie sich später ergab, in schadhaftem Zustande, und
musste der Inhalt des Koffers der Beschleunigung wegen nur obenhin
und ohne genaue Prüfung in den kleineren Koffer gepackt
werden, wobei der Beutel mit dem Gelde unten auf den Boden gerade,
wo der Koffer schadhaft war, gebracht wurde, vielleicht in der
guten Absicht, dass das Zeug und die Kleidungsstücke nicht
schadhaft gerieben werden sollten. Nun stiegen wir jungen Eheleute
nach genommenem Abschied von dem Vater und den Geschwistern in
Begleitung der guten Mutter, die selbst sehen wollte, wie unser
Einzug sein würde, in den Wagen und fuhren glücklich ab,
da wir nunmehr nach mehreren Jahren und nach so manchen
ängstlichen Besorgnissen wegen unserer Zukunft das Ziel
unserer Wünsche erreicht hatten. Als wir nach Ströbeck
eine Weile vor Halberstadt angekommen waren, beschlossen wir, da
wir kein Mittagbrot gegessen hatten, auszusteigen und uns durch
Speisen zu erquicken. Aber wie erschraken wir, als wir entdeckten,
dass der auf dem Boden des Koffers gelegene Geldbeutel
durchgescheuert und dass das darin befindliche Geld bis auf eine
kleine Summe durch die schadhafte Stelle des Koffers gefallen und
auf dem Fahrwege zerstreut worden war.
In dem Dorfe Heudeber war der Weg durch Aufschütten von
Steinen ausgebessert worden, hatte dadurch ein fortwährendes
Stauchen des Koffers verursacht, wodurch die schadhafte Stelle
desselben zersplittert und eine Öffnung am Boden gemacht
hatte. Der dadurch entstandene Verlust war allerdings sehr
empfindlich, sogar schmerzhaft, allein da wir beide keineswegs
geizig waren, so mussten wir das ertragen, was nicht mehr zu
ändern war. Desto mehr aber wurde die gute Mutter ergriffen
und betrachtete es als ein großes uns widerfahrenes
Unglück. Bei ihrer Rückkehr erkundigte sie sich in
Heudeber danach, ob man von dem Vorfall etwas wisse, und da sie
darüber mit Auskunft versehen war, fuhr sie nach dem
benachbarten Dorfe Zilli, wo der Oberamtman Meyer wohnte und zu
dessen Verwaltungsbezirk Heudeber gehörte. Da dieser Mann mich
persönlich kannte und mir gewogen war, so beschloss er
sogleich, alles aufzubieten, um mir wenigstens zum Teile meines
Verlustes zu verhelfen. Er begab sich selbst nach Heudeber,
ließ die Gemeine zusammenkommen und bewirkte durch seine
Vorstellungen, dass ein großer Teil des gefundenen Geldes
ausgeliefert wurde, welches er meiner Schwiegermutter
aushändigte, wodurch es wieder in unseren Besitz kam. Nach
einiger Zeit schickte mir ein Oberamtsrat Pischel aus Magdeburg,
der an dem Tage durch Heudeber gefahren war und dessen Kutscher
auch von dem Gelde am Wege aufgehoben hatte, eine kleine Summe,
welche der Kutscher zurückerstattet hatte, durch die Post.
Soviel ich mich erinnere, betrug unser Verlust immer noch einige 80
Thaler.
Wir mussten uns beruhigen, hatten auch nicht einmal die
Besorgnis, dass dieser bereits an unserem Hochzeitstage erlittene
Verlust eine üble Vorbedeutung für unser künftiges
Leben sein werde. Jetzt musste uns daran gelegen sein, unsere
häusliche Einrichtung so gut als möglich zu treffen. Es
war dieses nicht schwierig, da in Halberstadt mehrere
Möbelmagazine waren, woraus wir das Fehlende ohne Mühe
erhalten konnten. Nach und nach kauften wir in Auktionen noch
alles, was wir nötig hatten, und so wurde unsere kleine
Wohnung bald behaglich eingerichtet.

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