"Es war ja nicht alles schlecht"

Es gibt Leute, die - so sagen sie - Terror und Massenmord verabscheuen, aber dennoch irgendwie an den Tausend Jahren hängen, die dann doch nur zwölf Jahre dauerten. Daß nicht alles an dieser Zeit verwerflich und schlecht sei, wird z.B. so begründet:

"Aber schließlich hat Hitler ja auch die Autobahnen gebaut."

Es ist auffällig, daß die großen Zerstörer in den Augen ihrer Anhänger auch immer große Erbauer gewesen sein sollen. Aber glauben Sie nur nicht, daß ausschließlich rechte Zeitgenossen dieses "Aber" im Repertoire haben. Kostprobe?

 
Und was immer man - berechtigt oder unberechtigt - gegen die Stalin-Zeit
vorbringen mag, ihre Ergebnisse waren jedenfalls nicht Niedergang und
Verwesung, sondern die Entwicklung eines um Jahrhunderte zurückgebliebenen
Landes in eine moderne Großmacht während eines weltgeschichtlich einzigartigen
Zeitraums; damit die Überwindung von Elend, Hunger, Analphabetismus,
halbfeudalen Abhängigkeiten und schärfster kapitalistischer Ausbeutung;
schließlich der über Hitlers Heere, die Zerschlagung des deutschen und 
europäischen Faschismus sowie die Ausweitung sozialistischer
Gesellschaftsverhältnisse über den halben europäischen Kontinent.

Dagegen entstellt keines von jenen Krisensymptomen, an denen der Sozialismus in seiner
Endphase krankte, bereits in den zwanziger bis fünfziger Jahren das Bild der
sowjetischen Gesellschaft. Wir finden keine wirtschaftliche Stagnation, keine
zunehmende Differenz gegenüber dem vom Kapitalismus erreichten technischen
Stand, keine produktionshemmenden Leitungsstrukturen, keine Außerkraftsetzung
des Leistungsprinzips, keine Vernachlässigung der Wissenschaften und der
Kultur; erst recht keine Konzeptions- und Ziellosigkeit des Handelns, kein
hilfloses Schwanken und auf allernächste Zwecke beschränktes Lavieren.

Auch ein Verschwinden sozialistischer Ziele und Ideen aus dem öffentlichen
Bewußtsein oder eine zunehmende Entfremdung der Bevölkerung gegenüber ihrem
Staat sind nicht wahrnehmbar. Eher das Gegenteil. Die beeindruckenden
Leistungen bei der Industrialisierung des Landes wären ohne Stützung und
Bejahung dieser Politik seitens größerer Teile des Volkes nie erreichbar
gewesen. (Es ist lächerlich und dumm, diese im Nachhinein als bloße
Auswirkungen der Diktatur, der Angst und der Arbeitslager dar stellen zu
wollen.)

Man sieht, nicht nur Nationalsozialisten beherrschen die Autobahn-Apologie. Das Zitat war in "Weißenseer Blätter, 4/1992" zu lesen und ist auf dieser Webseite zu finden.

Es stammt von einer zarten jungen Dame, deren feminines Erscheinungsbild ganz erstaunlich mit der Kälte der obigen Wörter kontrastiert: Sarah Wagenknecht.

Eine weitere Ansicht zu Frau Wagenknecht hat der Autor Henryk M. Broder geäußert (in dem Buch "Volk und Wahn", München 1998, auf S. 85/86):

Denn alles, was wir über Sahra Wagenknecht erfahren, ist, daß sie
eine Stalinistin sein soll. [...] Wenn es nicht ein PR-Gag ist, was ist
es dann? Sahra Wagenknecht hält die DDR immer noch für den besseren
Staat und Walter Ulbricht für einen großen Denker und die Revolution
für noch nicht endgültig gescheitert. Doch solche Ansichten kann man
auch gelegentlich im Westen hören, ohne daß deren Verbreiter als
Stalinisten enttarnt würden. [...]

Warum dann Sahra? Nur weil sie den eiskalten Charme einer gutgefüllten
Tiefkühltruhe hat und den Schmusekurs der Parteiführer ablehnt, die
sich um jeden Preis als koalitionsfaehig präsentieren wollen? Zwischen dem
Genossen Stalin und der Stalinistin Sahra Wagenknecht liegen vierzig Jahre mit
vielen dramatischen Ereignissen. [...] Wenn Sahra Wagenknecht alles ist, was
von Stalinismus übriggeblieben ist, dann hat die Geschichte ein
Happy-End gehabt. Und dann verzeihen wir Sahra das alberne H in der
Mitte und danken ihr dafür, daß sie in der PDS für einen Hauch von
Erotik im Klassenkampf sorgt, ein Gefühl, das wir in der alten DDR
immer vermißt haben.

Sahra oder Sarah?

Frau Wagenknecht kandidiert in Dortmund für die Bundestagswahl am 27. September 1998. Auf den Wahlplakaten der PDS firmiert sie als Sahra Wagenknecht. Auf den Stimmzetteln heißt die Dame jedoch Sarah Wagenknecht.

Wie kam das? Hatte etwa das städtische "Amt für Statistik und Wahlen" ein "H" auf die Wanderung geschickt? Mußten nun etwa alle Stimmzettel eingestampft und neu gedruckt werden?

Der Amtsleiter wies die Schuld von sich: "Eine Analyse der Unterschrift von Frau Wagenknecht hat ergeben, daß man das h sowohl in die Mitte als auch ans Ende von Sarah hätte deuten können."

Die Sache mußte amtlich aufgeklärt werden. Man ließ aus Berlin eine Abschrift der Geburtsurkunde kommen. Und siehe da: Dort steht Sarah. Das Amt hatte recht, und Urheberin der H-Wanderung war die Namensträgerin selbst.

Auf Nachfrage bei der PDS-Geschäftsstelle nach dem Grund der H-Wanderung vermutete eine Mitarbeiterin "ästhetische Gründe". Zu der Sache werde die Kandidatin selbst jedoch wohl nicht Stellung nehmen: "Sie ist schließlich nicht als Plaudertasche bekannt."

Quelle: "Ruhr Nachrichten", 1.9.1998

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