Ein bißchen frisiert - unfrisiert - was macht das schon


Einige Antisemiten möchten ihre Gesinnung gerne mit prominenten Namen untermauern. Manchmal kommt es dabei zu komischen Verrenkungen.

So wird z.B. Karl Marx oft vorgehalten, daß er Jude gewesen sei; kurios wird es aber dann, wenn er auch noch als antisemitischer Autor bezeichnet wird. So etwa ein gewisser 'Norbert Marzahn', der als Beleg für Marx' Antisemitismus ein Zitat des Trierers brachte:

 
Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion, sondern suchen
wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden. Welches ist der weltliche
Grund des Judentums? Das praktische Beduerfnis, der Eigennutz. Welches ist der
weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das
Geld...Eine Organisation, welche die Voraussetzung des Schachers, also die
Moeglichkeit des Schachers aufhoebe, haette den Juden unmoeglich gemacht.....
Der Jude hat sich auf juedische Weise emanzipiert, nicht nur, indem er sich die
Geldmacht angeeignet, sondern indem durch ihn das Geld zur Weltmacht und der
praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Voelker geworden
ist. Die Juden haben sich insoweit emanzipiert, als die Christen zu Juden
geworden sind...Der Gott der Juden hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott
geworden. Der Wechsel ist der wirkliche Gott der Juden...Das Judentum konnte
sich als Religion...nicht weiter entwickeln, weil die Weltanschauung des
praktischen Beduerfnisses ihrer Natur nach borniert und in wenigen Luegen
erschoepft ist.

Nach seinen eigenen Angaben entnahm er das Marx-Zitat "aus einem fuer wissenschaftliche Zwecke hoechst interessantem Buch 'Die Unschuld der Jenseitigen' aus dem Jahre 1921, in dem auch Marx zitiert wurde".

Dieses Buch läßt sich in den deutschen Bibliothekskatalogen, die online abfragbar sind, leider nicht finden. Daß Marzahn sich dabei einer vermutlich antisemitischen "Quelle" bediente, störte ihn nicht: "Warum sollten denn die radikal-antisemitischen Marx-Aussagen auch in einem prosemitischen Buch sein?"

Schau mer mal...

Nun sind aber Texte von Marx in Deutschland sehr leicht zugänglich: sie stehen in jeder gut sortierten Bibliothek. Die umfassendste Ausgabe ist die "Marx/Engels Gesamtausgabe (MEGA)". Dort findet sich in "Erste Abteilung, Band 2. Berlin 1982" ein Text, in dem eine ähnliche Passage vorkommt.

Der Text wurde unter dem Titel "Zur Judenfrage" veröffentlicht in "Deutsch-französische Jahrbücher. Lfg. 1/2. 1844". Es handelte sich dabei um die ausführliche Rezension und Diskussion zweier Schriften von Bruno Bauer:
1) Bruno Bauer: Die Judenfrage. Braunschweig 1843
2) Bruno Bauer: Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen frei zu werden. Ein und zwanzig Bogen aus der Schweiz. Herausgegeben von Georg Herwegh. Zürich und Winterthur. 1843. S.56-71.

(MEGA, S. 141ff.) Ich habe dann das angebliche Zitat mit dem Original verglichen. Zunächst einmal fällt auf, daß die Auslassungszeichen teilweise große Abschnitte überspringen; daher habe ich die Seitenzahlen des Originals mit aufgeführt. Abweichungen aufgrund der älteren Schreibweise im Original blieben unberücksichtigt. Die im Zitat ausgelassenen oder verfälschten Stellen habe ich beim Original durch Einfärbung gekennzeichnet; kursive Stellen sind im Original kursiv.

Der Vergleich

Fälschung Original Seite
Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion, sondern suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden. Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Beduerfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld... Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion, sondern suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden. Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld. 164
Eine Organisation, welche die Voraussetzung des Schachers, also die Moeglichkeit des Schachers aufhoebe, haette den Juden unmoeglich gemacht..... Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Schachers, also die Möglichkeit des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht. 164
Der Jude hat sich auf juedische Weise emanzipiert, nicht nur, indem er sich die Geldmacht angeeignet, sondern indem durch ihn das Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Voelker geworden ist. Die Juden haben sich insoweit emanzipiert, als die Christen zu Juden geworden sind... Der Jude hat sich auf jüdische Weise emancipirt, nicht nur, indem er sich die Geldmacht angeeignet, sondern indem durch ihn und ohne ihn, das Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden ist. Die Juden haben sich in so weit emancipirt, als die Christen zu Juden geworden sind. 165
Der Gott der Juden hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott geworden. Der Wechsel ist der wirkliche Gott der Juden... Der Gott der Juden hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott geworden. Der Wechsel ist der wirkliche Gott der Juden. 167
Das Judentum konnte sich als Religion...nicht weiter entwickeln, weil die Weltanschauung des praktischen Beduerfnisses ihrer Natur nach borniert und in wenigen Luegen erschoepft ist. Das Judenthum konnte sich als Religion, es konnte sich theoretisch nicht weiterentwickeln, weil die Weltanschauung des praktischen Bedürfnisses ihrer Natur nach bornirt und in wenigen Zügen erschöpft ist. 167

Das war dumm gelaufen für Herrn Marzahn. Aber einem wahren Sendungsbewußten macht das nichts, denn:

... es kam gegenueber dem etwas frisierten Zitat der 20er heraus, dass es auch ganz unfrisiert dasselbe war
Marx sagte über den Juden, daß "durch ihn und ohne ihn" das Geld zu Weltmacht wurde. Die antisemitischen Fälscher ließen "ohne ihn" weg, weil sie den Vorwurf gerne den Juden alleine machen wollen.

Marx sagte über die Weltanschauung des praktischen Bedürfnisses, sie sei in "wenigen Zügen" erschöpft. Die antisemitischen Fälscher machten daraus "Lügen", weil sie den Juden gerne ein lügenhaftes Wesen unterstellen.

Was alles so fehlt

Natürlich krankt das Zitat nicht nur an Frisiertheit, pardon, Verfälschung, sondern vor allem auch daran, was es ausläßt.

Zunächst muß man sich klarwerden, was um 1843 "die Judenfrage" war: es war die Frage nach der staatsbürgerlichen und politischen Emanzipation der Juden.

Die Aussagen von Marx richteten sich gegen Bruno Bauer, der "das ideale abstrakte Wesen des Juden, seine Religion als sein ganzes Wesen" sah. Bruno Bauer benutzte Argumente, die man später auch von Antisemiten kannte, so etwa:

Die Juden haben durch den Druck gegen die Springfedern der Geschichte den Gegendruck hervorgerufen.
(S. 93)
Dagegen setzte Marx:
Wir versuchen die theologische Fassung der Frage zu brechen. Die Frage nach der Emancipationsfähigkeit des Juden verwandelt sich uns in die Frage, welches besondre gesellschaftliche Element zu überwinden sei, um das Judenthum aufzuheben? Denn die Emancipationsfähigkeit des heutigen Juden ist das Verhältniß des Judentums zur Emancipation der heutigen Welt. Dies Verhältniß ergiebt sich nothwendig aus der besondern Stellung des Judenthums in der heutigen geknechteten Welt.
(S.164)
Das "besondere gesellschaftliche Element", nach dem gefragt wurde, ist laut Marx dies:
Das praktische Bedürfniß, der Egoismus ist das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft und tritt rein als solches hervor, sobald die bürgerliche Gesellschaft den politischen Staat vollständig aus sich herausgeboren. Der Gott des praktischen Bedürfnisses und Eigennutzes ist das Geld.
(S.166)

Auch mit dem Christentum hatte Marx es nicht so sehr

Marx' Kritik richtete sich - in Erwiderung auf Bauer, der die Religion in den Vordergrund stellte - gegen die bürgerliche Gesellschaft und die Macht des Geldes. Judentum wie Christentum sah er als Bestandteile der bürgerlichen Gesellschaft, die gleichermaßen Kritik verdienten. Denn das Christentum bekam genau so sein Fett weg:

Nur unter der Herrschaft des Christenthums, welches alle nationalen, natürlichen, sittlichen, theoretischen Verhältnisse dem Menschen äußerlich macht, konnte die bürgerliche Gesellschaft sich vollständig vom Staatsleben trennen, alle Gattungsbande des Menschen zerreißen, den Egoismus, das eigennützige Bedürfniß an die Stelle dieser Gattungsbande setzen, die Menschenwelt in eine Welt atomistischer feindlich sich gegenüberstehender Individuen auflösen.
(S. 168)
Antisemiten machen angebliche Charaktereigenschaften oder typische Verhaltensweisen an der Religionszugehörigkeit oder an einer angeblichen "Rassezugehörigkeit" fest. Von "Rassen" ist bei Marx nun keinesfalls die Rede, wohl aber von Religionen.

In einem weiteren Text von Marx, der ebenfalls in "Deutsch-Französische Jahrbücher" erschien, wird deutlich, wie er Religion sah ("Zur Kritik der Hegel'schen Rechts-Philosophie. Einleitung", S. 170 ff.):

Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. (...)
Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.
(S.170f.)
Marx' Kritik am Judentum ist genauso Kritik am Christentum, ist Kritik der Religion allgemein. Seine Kritik am Schacher ist Kritik des Geldes, das zum Gott wird, ist Kritik der bürgerlichen Gesellschaft.

Noch deutlicher wird seine grundsätzliche Kritik an der Bauer'schen Richtung in der Schrift "Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten":

Sie beantwortet nämlich nicht die wirklichen Fragen, sondern schiebt ganz andere Fragen unter.
[...]
So verdrehte sie auch die "Judenfrage" dergestalt, daß sie die politische Emanzipation, um welche es sich in jener Frage handelt, nicht zu untersuchen brauchte, sondern vielmehr mit einer Kritik der jüdischen Religion und einer Schilderung des christlich-germanischen Staates sich begnügen konnte.
(MEW Bd.2, S.95)

Nix interessiert...

Mit diesen Dingen muß man sich natürlich beschäftigen, wenn man Marx' Position dem Judentum gegenüber beurteilen will. Das würde aber einige Lese- und Gedankenarbeit bedeuten, und die hat ein wahrer Wissender wie Marzahn nicht nötig:
Diese "Debatte" interessiert ueberhaupt micht.
	Norbert Marzahn in <6zbIeaD5bXB@nm01.vision.IN-BRB.DE>
Oder auch:
Es ist voellig gleichgueltig, an oder gegen wen sich Marx-Levi wendete.
	Norbert Marzahn in <73i0I7NqbXB@nm01.vision.IN-BRB.DE>
Antisemiten sagen: Juden haben sich Geld und Macht angeeignet, also müssen wir ihnen dieses wegnehmen und vielleicht auch noch mehr (z.B. das Leben). Marx sagte: die bürgerliche Gesellschaft macht das Geld zum Gott, in ihr haben sich Christen genau so wie Juden Geld und Macht angeeignet, also muß die bürgerliche Gesellschaft überwunden werden. Ob man diese Zielvorstellung für erstrebenswert oder überhaupt möglich hält, ist eine andere Frage; aber ein Hitler-Vorläufer läßt sich damit aus Marx nicht basteln.


Weitere Informationen über Norbert Marzahn finden sich hier:

Die andere Seite von Jürgen Langowski
Leviten von Antje Schulte
Levi Office von Margret Chatwin
WALzahn von Stefanie Teufel

Und zuletzt der Meister des surrealen Antisemitismus selbst:
WAL von Norbert Marzahn


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