Chiffrierte Nachrichten - eine Agentenstory aus dem Lande Bolinien

Kapitel IIKapitel IIIKapitel IVKapitel V


Es war wieder einer dieser grauen Tage in Bolinien City. Meine Gedanken dümpelten so träge in meinem Kopf wie das abgestandene Wasser in alten Trinkröhrchen.
Mein Partner Luby Önsket und ich schleppten uns müde durch die leeren Gassen der Stadt. Bald würde es hier vor Hamstern wimmeln, aber zu dieser nachmittäglichen Stunde war kaum jemand unterwegs.
Seit Tagen schon war es ruhig in der Stadt. Zu ruhig.
Ich spürte es bis in die Spitzen meiner Barthaare, daß bald etwas passieren würde.
Seit Wochen schon versuchten wir dahinter zu kommen, wer unsere Reihen dezimierte. Fast jede Woche fanden wir einen Kollegen bewußtlos auf. Wenn die armen Kerle aus ihrem Koma erwachten, konnten sie sich an nichts erinnern. Eine komplette Gehirnwäsche hinterließ Gehirnwindungen die leerer waren, als die öden Straßen durch die wir gerade trotteten.

Als mein Kollege Luby Önsket und ich um die nächste Ecke bogen, sah ich, dass die Spitzen meiner Barthaare sich nicht getäuscht hatten. Es war etwas passiert.


komatoeser KollegeSchon wieder lag ein Kollege bewußtlos in der Öffentlichkeit herum.
Und schon wieder lag der Kollege an einer Futteraufnahmestelle.
Diese Art der Schnellimbisse vermehrten sich gerade in der Stadt schneller als die Kornkäfer in den Futtersilos. Eine Espressowerbetafel und ein Futter-Buffet und fertig war die vermeintlich sichere Einnahmequelle für dutzende von Sonnenblumenkernen und Hirsekörnern täglich.
Nun gut, es müssen ja nicht immer Mehlwurm-a-la-carte Restaurants sein. Obschon ich Mehlwurm auf Kürbiskern an einem Hauch von Haferflocke mit einem formidablen Joghurt-Bananen Dessert jederzeit diesem Trockenfraß vorziehen würde.
Die Zunahme dieser Trockenfraßtankstellen war jedoch auffällig.
Besonders, wenn allzu häufig ein komatöser Kollege davor lag......









Sorgfältig suchten Luby und ich nach Spuren. Mein tapferer Kollege Luby schonte sich nicht und betrat sogar das Innere dieser spelunkig anmutenden Freßbude.



Was wir fanden, war wenig verwertbar. Genau genommen fanden wir nichts.
Die Spitzen meiner Barthaare vibrierten immer noch heftig. Das bedeutete nur eins: Wir waren auf der richtigen Spur. Diese Übergriffe auf meine Kollegen hatten ihren Ursprung hier in der Freßmeile. Dieser Meinung waren meine Barthaare. Und meine Barthaare irrten sich nie.




Nun gut, einen Zusammenhang mit den Futteraufnahmestellen gab es offensichtlich. Die konkrete Spur fehlte. Aber meine Barthaare machten deutlich, dass es hier eine Spur geben mußte.  Was blieb uns somit anderes übrig, als blind drauf los zu probieren. Irgendwann mußten wir doch  etwas herausfinden. Wir nahmen somit eine repräsentative Probe aus allen Futteraufnahmestellen mit und mein Kumpel Luby wertete sie kriminalistisch aus.



Das Schnüfflerglück hatte uns offensichtlich komplett verlassen. Wir fanden  keine verwertbare Information. Dafür bekamen wir Gesellschaft von WiFabia. WiFabia, oder wie ich sie auch nannte: die Plage der Stadt. Bei den Gaunern gefürchtet wegen ihrer langen Nase, die sie überall viel zu tief hineinsteckte und wegen ihres Verstandes, der so messerscharf wie ihre Zähne war.
Bei den Kollegen nicht minder gefürchtet wegen eben dieser Attribute. Verdammt, die Frau war gut in ihrem Job. Zu gut, um zu glauben, dass Ihr Auftauchen hier ein reiner Zufall sein könnte.





auf der LauerWir legten uns also auf die Lauer, um zu sehen, was WiFabia im Schilde führte. Wußte sie etwas, was wir noch nicht wußten? (Dieser Gedanke löste in mir Beklemmungen aus... unvorstellbar, wenn dieses agoutifarbene Fellbündel mich, den besten Schnüffler Boliniens, übertrumpfen sollte... aber das war ja absurd!)





















Und diesmal hatten wir Glück.
WiFabia kam nicht nur, sondern sie schien auch erfreulich einig mit meinen Barthaaren zu sein. Jedenfalls lungerte auch WiFabia bei den Futteraufnahmestellen herum. Wobei das Maiskörnerbuffet ihre besondere Aufmerksamkeit zu erregen schien. Aber was bitte hatte ein alter dröger Maiskolben mit unserem Fall zu tun?












Luby Önsket und ich konnten uns keinen Reim darauf machen, also entschloss ich mich, in die Höhle des Löwen zu gehen, genauer gesagt: mich mit den Agoutis einzulassen um mich dort einmal umzuhören.
Möglich, daß WiFabia höchst persönlich tiefer in der Sache steckte, als ich bislang glaubte. Das Gerücht, ein Maulwurf sei unter uns, hielt sich bereits seit Wochen hartnäckig.


Doch es schien so, als hätten die Agoutis keinen Dreck an der Hamsterbacke. Vielmehr noch, sie schienen in der Aufklärung der Sache viel weiter zu sein und einen konkreten Verdacht zu haben.
Was mich ganz gehörig mehlwurmte.


Was blieb mir also anderes übrig, als widerwillig weiterhin die Gesellschaft WiFabias zu suchen.
Mit anderen Worten: mich an ihre Hinterpfoten zu heften.





Ich hatte mich wohl zu sehr geheftet... Schnüfflerpech.
Als wir in unfreiwilliger Zweisamkeit die Fressmeile erreichten, stürzte die agoutifarbene Auslöserin meiner Alpträume plötzlich auf mich zu.
Völlig überrumpelt blieb ich wie angewurzelt stehen (nebenbei bemerkt ist dies eine ebenso instinktive wie dämliche Angewohnheit eines Angehörigen der Spezies mesocricetus auratus. Wenn unsereins überrumpelt wird, schaltet der Körper in den Toten-Hamster-Modus.
Was für unsere Steppen bewohnenden Vorfahren möglicherweise noch Sinn machte, erweist sich in der heutigen zivilisierten Hamsterwelt als durchaus störend und bisweilen höchst unpassend. Wie jetzt in diesem Augenblick).

WiFabia jedoch stolzierte an mir vorbei, ohne mich eines weiteren Barthaarzuckens zu würdigen und verschwand in der Nacht.
Ihre dabei gezischten Worte konnte nur jemand verstanden haben, der in nächster Nähe war. Mithin: ich.
"Wir beide. Alleine. Kein Önsket. In einer Stunde. Buddelboxien".
Und dann war sie weg.







Alleine, ohne Önsket. Das war erstaunlich einfach zu bewerkstelligen.
Denn mein Kumpel, der sich seit wir die Freßmeile erreicht hatten, auch an unsere Hinterpfoten geheftet hatte, war verschwunden. Ich hatte jedoch keine Zeit, mir darüber große Gedanken zu machen. Ich mußte mich beeilen, um rechtzeitig nach Buddelboxien zu kommen, dem kleinen Nachbarort von Bolinien City.

Dort angekommen erwartete mich WiFabia schon.
"Du kennst mich nicht, sieh mich nicht an".
Aha. Nun gut, ich kannte sie nicht und ich kann sehr überzeugend Hauswände anstarren.
Gerade interessierte mich ohnehin mehr, wieso hier schon wieder ein alter dröger Maiskolben herum lag.
Sollte es etwa nicht um Futteraufnahmeplätze im allgemeinen, sondern nur um die Maisbuffets (die freilich den meisten Futteraufnahmestellen angeschlossen waren) gehen?






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