Chiffrierte Nachrichten, Teil II

Kapitel IKapitel IIIKapitel IVKapitel V

Hier standen wir also nun, gaben vor, uns nicht zu kennen, hatten einen drögen Maiskolben zwischen uns und ich kannte mittlerweile jeden Riß in der grauen Hauswand und fragte mich, was ich hier überhaupt tat.
In jedem B-Movie würde jetzt Nieselregen einsetzen und die Tristesse der Szene wäre nahezu greifbar.
Gut, daß wir uns nicht in einem B-Movie befanden. Hamster mögen keinen Regen.

Endlich ergriff WiFabia das Wort.
"Hey, Schwarzfell, Du fragst Dich sicher, was Du hier sollst".
"Hmm, das kommt der Sache nahe."
"Weiß der Önsket, daß Du hier bist?"

Heilige Karotte! Wollte das Weib jetzt hören, daß ich ihr gehorchte?!?!
Sie wertete mein Schweigen als Zeichen, daß ich ihr gehorcht hatte.

"Nun, Du Pseudo-Sherlock, hast Du schon eine Ahnung, was hier gespielt wird? Warum die ganzen Kollegen mit Gehirnwindungen so leer wie die Staatskasse aufgefunden werden?"
Ich versuchte es wieder mit Schweigen. Hatte gerade ja auch funktioniert. Diesmal aber nicht.
"Nun, das dachte ich mir doch." (Der leicht spöttische Unterton ärgerte mich mehr als die Tatsache, daß sie Recht hatte. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was hier vor sich ging).
"Dann hör mir jetzt mal gut zu, Du Schwarzfellchen. Für was hältst Du das da zu Deinen Pfoten?"
Die Frage war wohl nur rhetorisch. Noch während ich überlegte, ob sie die Antwort "alter dröger Maiskolben" wirklich hören wollte, sprach sie schon weiter.
"Das, was für Deine Augen wohl nur wie ein alter dröger Maiskolben aussieht, ist das brisanteste Thema dieser Tage in Bolinien.
Was sagt Dir NLX -1?"

Ich hatte den Eindruck, erneut käme ich nicht mit der Schweigsamkeitsnummer durch. Also tief Luft geholt und in den tiefen des Hamsterhirns gegraben:
"Ähm... NLX-1 steht für Neurolip... Neurolyp.... irgendein Neuro-Dingens... ein Nervengift."

"Ein Pharmazeut bist Du nicht gerade, aber immerhin hast Du einen Hauch von Ahnung, um was es hier geht. NLX-1 ist eine Art Nervengift. Unauffällig in der Verwendung, da völlig geruchs- und geschmacksneutral, nicht nachweisbar, knocked den Gegner aus ohne ihn zu töten, macht ihn aber nachhaltig kampfunfähig, da der Betroffene lange Zeit ein völlig leergefegtes Hirn hat. Den Gegner simpel und erfolgreich ausschalten, ohne Sorge vor Mordanklagen oder ohne Rücksicht auf Hamsterrechtskonventionen. Der Stoff ist in der organisierten Hamsterkriminalität genauso begehrt, wie von gewissen staatlichen Organisationen und die Formel ist auf dem Schwarzmarkt dementsprechend Millionen wert."

Es dämmerte mir, worauf sie hinauswollte. Der Zusammenhang mit den drögen Maiskolben in der Freßmeile war mir dennoch nicht klar.
Aber auch darauf hatte die wildfarbene Dame eine Antwort.

"Hast Du Super-Schnüffler wenigstens schon spitz gekriegt, daß es in unseren Reihen einen Maulwurf geben soll? Nun, derzeit wird die Formel für NLX-1 aus unseren gut geschützten und gesicherten Laboratorien geschafft. Stück für Stück, damit es nicht auffällt. Man könnte auch sagen: Korn für Korn.
Ganz genau: Maiskorn für Maiskorn. Klingelt's da im Hamsterhirn?"

Ich war derartig perplex, daß ich es nicht einmal schaffte, meine Überraschung zu verbergen.
"Du meinst also, dieser dröge Maiskolben....",  ".... ist in Wirklichkeit eine perfekte Tarnung und Aneinanderreihung von Informationsfragmenten und im Ergebnis die gefährlichste Information dieser Tage", vollendete die wildfarbene Klugschei**** .... ähm.... Kollegin den Satz. "Und damit sich niemand unbefugt über diese Informationen hermacht, ist die Info selbst gleich auch noch mit NLX - 1 präpariert. Die Kollegen, die die Informationskörnchen aus dem Maiskolben herausziehen wollten, können sie leider heute nicht einmal mehr daran erinnern, was Mais überhaupt ist."

Die Gedanken kreiselten in meinem überforderten Hamsterhirn. Und aus dem gut zentrifugierten Gedankenbrei bildete sich deutlich eine Frage: "Warum erzählst Du mir das alles?"
"Gute Frage, ich sehe, Du denkst ansatzweise mit, Schwarzfellchen". Schon wieder dieser spöttische Unterton. Aber ich hatte keine Zeit, mich darüber aufzuregen oder über die Tatsache, dass sie sich vehement weigerte, zur Kenntnis zu nehmen, daß ich auch einen Namen hatte.
Ohne Rücksicht auf meinen angeschlagenen Zustand zu nehmen, fuhr sie fort. "Nun, wir haben Grund zu der Annahme, daß Luby Önsket der Maulwurf ist.
Du bist sein engster Mitarbeiter. Deshalb wenden wir uns an Dich."

Okay, es war soweit. Mein strapaziertes Gehirn mußte seinen Dienst quittiert haben. Denn das, was meine Synapsen an Informationsverarbeitung ausspuckten, konnte unmöglich das gewesen sein, was ich wirklich hätte hören sollen.
"W...w...was hast Du gesagt?"
"Luby. Luby Önsket ist der Maulwurf. Wir brauchen Deine Hilfe, um das zu beweisen."

Eine Ohnmacht wäre jetzt willkommen gewesen, stellte aber leider keine Verhaltensoption für einen coolen Schnüffler wie mich dar. Alternativen wären Wut. Aggression. Zumindest Ungläubigkeit und Negierung. Hmm, letzteres klang gut.

"Das glaube ich nicht. Luby steht seit Ewigkeiten in den Diensten des Staates Bolinien. Niemals würde er so etwas tun!"

"Nun, es haben schon ganz andere für ein paar Sonnenblumenkerne ihre Prinzipien über Bord geworfen."

Sie hatte Recht. Luby wäre nicht der erste und bestimmt auch nicht der letzte Top-Agent, der beim Anblick eines Haufens Sonnenblumenkerne schwach würde. Aber so ganz ohne Beweise würde ich mich nicht überzeugen lassen.

Als ob sie meine Gedanken gelesen hätte, zückte WiFabia ein Foto. "Hier, sieh selbst."




"Die armen Kollegen sind heute noch in Behandlung und versuchen verzweifelt zu ergründen, wer sie einmal waren. Ich nehme an, der wache Kollege auf dem Foto ist Dir bekannt? Das Foto ist ein Ausschnitt aus einem Video. Aufgenommen von einer Überwachungskamera. Ein Glücksfall, daß erstmals der Täter bei der Tatbegehung zu sehen war. Einen deutlicheren Beweis kann man kaum haben."

"Wozu benötigt ihr dann noch meine Hilfe?"

"Wir haben Beweise dafür, daß er die Kollegen ausgeschaltet hat, aber nicht dafür, daß er Informationen weiterträgt. Dafür brauchen wir Dich. Du kennst ihn. Du weißt, wie er sich verhält, wo er sich bewegt. Wir müssen zusammen arbeiten und die Beweise beschaffen."

Normalerweise hätte mich der Gedanke an eine Zusammenarbeit mit WiFabia mindestens an den Rande der Verzweiflung getrieben, aber heute war mir alles egal. Stumm nickte ich. "Wie gehen wir vor?"

"Wir werden uns auf Dein Wissen verlassen und ihn observieren. Los, laß uns gehen!"

Sollte ich ihr glauben? War Luby wirklich der Maulwurf? Dem Foto war nicht mehr viel hinzuzufügen, stellte ich resigniert fest.
Und dann fiel mir noch Lubys merkwürdiges Verhalten vorhin ein:


Als WiFabia uns in der Freßmeile überrascht hatte, war Luby plötzlich verschwunden. Vorhin hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mir darüber den Kopf zu zerbrechen, aber vor dem Hintergrund der soeben erhaltenen Informationen machte seine überstürzte Flucht beim Anblick WiFabias natürlich Sinn. Er mußte ahnen, dass sie etwas wußte.
Ich stellte erschüttert fest, daß mein bester Kollege offensichtlich nicht der war, für den ich ihn immer gehalten hatte. Cremefarbenes Fell wirkte halt immer so unschuldig und freundlich und paßte so gar nicht zu dem durchtriebenen Charakter, den dieser Fellträger hatte.

Ich hatte wohl keine Wahl, ich mußte WiFabia helfen, die Beweise zu beschaffen. Immerhin war ich dem Staate Bolinien verpflichtet und ein Hamster muß tun, was ein Hamster tun muß.










Und ehe ich es noch ganz begreifen konnte, trotteten WiFabia und ich in Richtung der Freßmeile und bezogen unseren Beobachtungsposten.

Stundenlang hockten wir auf unserem Beobachtungsposten, ohne dass etwas passierte.
Entweder war Luby gewarnt, oder er lebte das langweiligste Hamsterleben schlechthin.











Der kommende Abend versprach ähnlich spannend zu werden.
Stundenlang lungerten wir an den Freßbuden herum und observierten Luby Önsket, ohne dass es dabei Nennenswertes zu berichten gab.
Ich wunderte mich nur, dass ein Agent ein so biederes Leben führen konnte.

Wir sahen ein, dass wir so nicht weiterkamen und beschlossen, uns zu trennen.
Ich würde mich an Luby heften und WiFabia würde den fraglichen Maiskolben genau beobachten.












Während WiFabia davon trottete, bezog ich meinen Beobachtungsposten und hoffte, daß nun etwas passierte, bevor ich vor Langeweile noch anfing, an Gittern zu nagen (eine Unart, mit denen die Häftlinge die hiesigen Justizvollzugsbeamten nervten).







Meine Bitte wurde erhört.
Just in diesem Augenblick kam Luby vorbei und schien es verdammt eilig zu haben.
Sofort heftete ich mich an seine Hinterpfoten.
Diesmal würde etwas geschehen, das merkte ich an meinen Barthaaren.




 Er nahm - wie hätte es auch anders sein können - Kurs auf die Freßmeile.
 Und verschwand in einem dieser Gourmettempel für Geschmackslegastheniker.
Ich eilte hinterher.
Zu spät fiel mir auf, daß das ein Fehler war.











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