Hamster haben keine Namen

 

Ich bin das, was die Zweibeiner-ohne-Fell einen Hamster nennen.

Genau genommen bin ich ein syrischer Goldhamster. Ich wohne am Rande eines Feldes irgendwo in einer Steppenlandschaft. Und ich bin jung, ledig, gutaussehend… aber das tut eigentlich nichts zur Sache.

Einen Namen habe ich nicht. Wozu auch? Hamster benötigen keine Namen.

Wir leben nicht im Familienverbund und wenn wir zufällig mal einem Artgenossen begegnen, dann gibt es zwei Möglichkeiten: es ist ein Geschlechtsgenosse, dann gibt es eine heftige Keilerei. Um dem die Backentaschen zu polieren, muß ich seinen Namen nicht wissen.

Oder ich begegne einem Weibchen. Das ist dann zwar viel angenehmer, aber auch dazu ist es nicht unbedingt notwendig, vorher die Personalien zu erfragen. Man mag es zwar als höflicher erachten, aber notwendig ist es nicht.

 

Ich lebe also mein Leben mehr oder weniger friedlich in der Hochsteppe eines relativ warmen Landes. Ich schlafe tagsüber und gehe nachts auf Futtersuche. Dabei muß ich auf einige Fressfeinde achten, aber zum Glück haben mich bislang die Zweibeiner-ohne-Fell in Ruhe gelassen.

Eines der wenigen Dinge, die uns unsere Mutter mit auf den Weg gegeben hatte, war die Information, dass wir unseren Einzelbau besser nicht auf den Flächen anlegen, die die Zweibeiner nutzen, um da ihre Nahrung wachsen zu lassen.

Es geht unter uns Hamstern das Gerücht, dass die Zweibeiner manchmal Gift in die Bauten einbringen, weil sie es nicht mögen, wenn auf ihren riesigen Feldern auch nur 30 cm Land von einem der Unsrigen bewohnt werden.

 

Jedenfalls habe ich mich an den Rat meiner Mutter gehalten und hatte auch immer meinen Frieden. Bis heute.

 

Geweckt wurde ich am helllichten Tag durch unbeschreiblichen Lärm.

Es hörte sich an wie die fahrenden Sessel, mit denen sich die Zweibeiner von Ort zu Ort bewegten. Aber die steinernen Wege, auf denen sich diese Sessel normalerweise bewegten, waren  doch sehr weit von meinem Bau entfernt.

 

Das Geräusch näherte sich und ich fand es ratsam, es nicht zu ignorieren. An Schlaf war ohnehin nicht mehr zu denken.

 

Schnell hamsterte ich meine wertvollsten Vorräte ein und bewegte mich zur Erdoberfläche.

Dort bot sich ein merkwürdiges Schauspiel.

Viele Zweibeiner waren dort. Fremd aussehend. Ganz anders als die Zweibeiner, die hier für gewöhnlich auf den Feldern anzutreffen waren. Sie wirkten geschäftig und suchten den Boden ab.

Als sie meinen Bau entdeckten, war die Aufregung groß. Und ich zum Glück schon weit entfernt in einem sicheren Versteck, von dem aus ich das Treiben beobachtete.

Die Zweibeiner buddelten in meinem mühsam angelegten Bau herum. Traurig dachte ich an meine Vorräte, die ich hatte zurücklassen müssen. Die waren nun verloren. Wie glücklich war ich, dass wir Hamster über Backentaschen verfügten und ich so wenigstens ein paar meiner Schätze retten konnte.

 

So saß ich nun  da und beobachtete das Treiben auf der Ebene unter mir.

Die Zweibeiner hatten meinen Bau genau untersucht, den Platz markiert und schienen nun weitere Bauten meiner Artgenossen zu suchen.

Ich begann mich zu fragen, wo ich die kommenden Tage verbringen sollte.

Zu der einen Seite erstreckten sich die Flächen der Zweibeiner, wo diese wohnten und ihre Vorräte anbauten. Das war sicher kein guter Ort für einen Ruhe suchenden Hamster wie mich.

Zur anderen Seite wurde die Gegend schroffer. Von früheren Erkundungen wusste ich, dass das Leben dort sicher nicht so angenehm sein würde, wie hier.

Ich sah der Tatsache ins Auge: ich war jung, ledig, gutaussehend… und obdachlos.

 

Als sich der Tag dem Ende zu neigte, hatte ich immer noch keinen Entschluss gefasst.

Um die Situation besser einschätzen zu können, benötigte ich ganz klar mehr Informationen. Zwar sah es nicht so aus, aber es wäre ja immerhin möglich, dass die zerstörerische Buddelei dieser Zweibeiner nicht von langer Dauer sein würde. Dann könnte ich vielleicht ein, zwei Tage notdürftig in einem provisorischen Bau ausharren und mir dann wieder einen gemütlichen Bau an meinem angestammten Platz einrichten.

 

Ich entschloss mich kurzerhand, den Zweibeinern in ihr Lager zu folgen um dort herauszufinden, was dieser störende Auftrieb zu bedeuten hatte.

In einem der Zelte befanden sich nahezu alle der wichtigen Zweibeiner, die tagsüber die Zerstörung angeleitet hatten. Sie sprachen mit den Zweibeinern aus unserer Gegend.

Plötzlich zückte einer ein farbiges Papier und hielt es dem Zweibeiner aus unserer Gegend hin.

Als ich sah, was auf dem farbigen Papier abgebildet war, sniffte ich erstaunt.

Das war ja ich! Auf dem farbigen Papier war eindeutig ich abgebildet!

Ich bereute, dass ich die Sprache der Zweibeiner nicht besser verstand.

Das hat man nun davon, wenn man als unkommunikativer Einzelgänger auf der Erde existiert.

Der Zweibeiner aus unserer Gegend erklärte den fremden Zweibeinern, dass er das Wesen auf dem Papier natürlich kenne. Das seien Schädlinge, die regelmäßig bekämpft werden müssten.

Die fremden Zweibeiner wurden daraufhin sehr aufgeregt und erklärten, mich zu suchen.

„Warum?“ begehrte der Zweibeiner aus unserer Gegend zu wissen.

„Wegen eines Forschungsprojektes“ wurde ihm erklärt und er schaute ebenso verständnislos drein, wie ich. Mit „Forschungsprojekt“ konnten wir beide nichts anfangen.

„Nun“, erklärte einer der Fremden, „Hamster sind in unserem Breiten beliebte Haustiere.“

Ich fragte mich, was „unsere Breiten“ bedeutet und vor allem, was „Haustiere“ sind.

Zumindest letzteres fragte sich der Zweibeiner aus unserer Gegend wohl auch, weil der Fremde weiter erklärte „nun, die Hamster werden bei uns im Wohnzimmer gehalten und….“

Der Rest der Erklärung ging im schallenden Gelächter der Zweibeiner aus unserer Gegend unter.

Schädlinge freiwillig in Wohnzimmern wohnen zu lassen? Das konnte nur ein Witz sein.

Die Fremden gaben es dann auf, weitere Erklärungen abzugeben und man beschränkte sich darauf zu vereinbaren, dass die Fremden etwas, dass sie „Geld“ nannten, gegen einen lebenden Hamster eintauschen wollten.

 

Ich war sehr unzufrieden.

Meine Informationen, die ursprünglicher den Grund meines Besuchs darstellten, hatte ich nicht erhalten. Statt dessen aber eine Menge neuer unbeantworteter Fragen.

Ich wollte wissen, ob Hamster wirklich mit Zweibeinern in Wohnzimmern leben können.

Und wie lebt es sich dort? Wühlen sich Hamster in Wohnzimmern unter den Teppich?

Woher bekommen sie das Essen? Wie können sie das Haus verlassen um ihre nächtlichen Streifzüge zu unternehmen?

Alles Fragen auf die ich wohl nie eine Antwort bekommen würde.

Außer… wenn nicht…. Also falls….

Lange überlegte ich nicht. Ich hatte nie geahnt, dass ein Abenteurer in mir steckte.

Meine Neugier war so groß, dass ich mit einem Satz nach vorne schoß und mich den Fremden präsentierte.

Der Fremde konnte den Zweibeiner aus unserer Gegend gerade noch davon abhalten, reflexartig auf mich zu schlagen. Glück gehabt.

„Da ist ja einer“ tuschelten die Zweibeiner und „bloß nicht erschrecken, ganz vorsichtig“ sagten die anderen. Und dann warf jemand ein Netz über mich.

Wütend fauchte ich und biß um mich! Behandelt man so einen Gast?

Immerhin hatte ich mich freiwillig für den Posten des Haustiers beworben.

 

Wenigstens war meine verfängliche Lage nur von kurzer Dauer und ich konnte wenig später in einem kleinen durchsichtigen Kasten Platz nehmen.

Dort saß ich einige Tage recht untätig herum. Zumindest wurde die Frage mit der Ernährung schnell geklärt: die Zweibeiner lieferten meine Nahrung an. Das war ein toller Service und wenn mir nicht so langweilig gewesen wäre, hätte ich die Situation merklich genossen.

 

Nach einigen Tagen wurde meine durchsichtige Box dann in eine undurchsichtige Box gepackt und ich kann über die darauffolgende Zeit nichts berichten. Weder konnte ich etwas sehen, noch hatte ich ein Zeitgefühl. Ich merkte nur, dass die undurchsichtige Box immer wieder bewegt wurde und dann wurde es plötzlich wieder hell und ich befand mich in einer anderen Welt. Es roch anders. Es war kalt. Die Zweibeiner sahen alle so aus, wie die Fremden und sie sprachen anders, als die Zweibeiner aus unserer Gegend.

Zum ersten Mal in meinem Einzelgängerdasein wünschte ich mir meine Familie zurück. Oder andere Familien. Andere Einzelhamster. Egal was. Ich würde momentan nicht einmal ein anderes Männchen verprügeln. Ich wollte einfach nur etwas Vertrautes.

 

Und als sei mein Wunsch erhört worden, öffnete sich eine Tür und ich wurde samt meiner durchsichtigen Box in einen Raum getragen, in dem größere durchsichtige Boxen waren.

Und in jeder dieser Boxen saß ein Artgenosse.

Was mir normalerweise zu eng und zu voll erscheinen wäre, war mir nun allzu willkommen.

Ich zog also auch in eine eigene größere durchsichtige Box ein und in den nächsten Tagen versuchte ich in Erfahrung zu bringen, wo ich hier gelandet war.

 

Die folgenden Monate verbrachte ich damit, Laufräder kennen zu lernen, diese zu benutzen und mich dabei von weißbekittelten Fremden filmen und beobachen zu lassen. Oder mich in Einstreu zu wühlen und dabei zu verdeutlichen, welche Einstreu ich besonders gerne mochte.

All diese Dinge lernte ich kennen.

 

Aber ich fand nicht heraus, ob ein Hamster mit einem Zweibeiner in einem Wohnzimmer leben kann.

 

Wieder vergingen Monate, als es plötzlich hieß, ich sei zu alt und für die Forschung nicht mehr zu gebrauchen. Wenn ich Glück hätte, würde mich vielleicht jemand mitnehmen und mir ein „Gnadenbrot“ gewähren.

 

Und so kam es, dass ich noch einmal umgezogen bin.

Und zwar wahrhaftig in ein Wohnzimmer. In das Wohnzimmer eines Zweibeiners.

Und noch etwas habe ich erfahren: Haustier zu sein, bedeutet, einen Namen zu haben.

Hamster haben also doch Namen.

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